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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 36
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Meersburg den 6ten Februar 1844.

Sie wundern sich wohl, mein guter Levin, fast zugleich zwei Briefe von mir zu erhalten; aber der von diesem Morgen war mir selbst so unangenehm zu schreiben und muß Ihnen nothwendig so unangenehm zu lesen gewesen sein, daß ich es weder mir selbst noch meinem kleinen Jungen zu Leide thun mag, ihn ohne einen verbessernden Appendix zu lassen. Ach, Sie glauben nicht, wie geplagt man ist, sobald man Laßberg einige Einmischung gestattet hat, gleichviel in welcher Sache, – was hier schon durch Annahme seines früheren Anerbietens geschehn war; er meints gut, nur zu gut, sieht die Sache dann ganz wie seine eigne an und wird zu einem unerschöpflichen Bronnen unbrauchbaren Raths, den er gleich in praxi sehn will und es nicht leicht vergiebt, wenn man ihn auch nur einmal ad acta legt. Doch Sie kennen ihn ja hinlänglich. Heute Morgen war er eigends zwei Stunden früher aufgestanden, – sobald er die Cotta'schen Briefe gelesen, – um mir dies köstliche Förderungsmittel in meinen Thurm zu bringen. Es ist ihm gewiß sauer geworden, da er noch obendrein seit drei Wochen erbärmlich hustet, und hintennach rührt mich dieser Eifer im Grunde; aber er hat mich doch so confus und verdrießlich geschwatzt, daß ich die ganze Geschichte lieber aufgegeben hätte und, um nur wenigstens vorerst zur Ruhe zu kommen, mich gleich hinsetzte und noch in seiner Gegenwart die erste Seite des vorigen Briefes schrieb; da war er denn zufrieden und ging. Übrigens sagte Mama heute Nachmittag mir zu meinem größten Erstaunen, denn ich glaubte sie durchaus auf Laßbergs Seite, sie würde sich in meiner Stelle gar nicht an Laßberg kehren, sondern Ihnen die Sache unbedingt überlassen; Sie verständen derartige Dinge weit besser als Laßberg, der sich bei seinen litterarischen Unternehmungen noch immer selbst in Schaden gebracht hätte &c. Somit ist mir der schwerste Stein vom Herzen, und ich kann Ihnen nun ganz leichten Muthes sagen: »Machen Sie es ganz nach Ihrem Gutdünken, so weiß ich, daß ich nicht nur treulich, sondern auch verständig versorgt bin«; und da Mama diese Ueberzeugung theilt und, wie ich jetzt merke, Jenny auch, – der die dicken Ballen von Laßbergs Liedersaal im Magen liegen, – so sehe ich eben keinen sonderlichen Kämpfen mehr entgegen und fühle mich so leicht wie diesen Morgen beengt. Mir kommen 700 Gulden als recht viel vor, und ich habe sie nicht erwartet; Mama und Jenny finden es auch ganz honett; und die Verbindung mit einer so bedeutenden Firma hat so große anderweitige Vortheile, daß ich auch mit Cottas Gebot würde zufrieden gewesen sein, dann aber freilich lieber eine sofortige Annahme als Zurücktreten von einmal gemachter Forderung – der 700 Gulden – gewünscht hätte. Sollte indessen Cotta Ihre freundlichen Hoffnungen zu Schanden machen und sich weigern, so schreiben Sie mir ungescheut, ohne Beklemmung, – denn es wird mich nicht so arg afficiren, – und Ihre Ansicht dabei, die ich dann vermutlich zur Richtschnur nehmen werde; denn so eigensinnig ich in Dingen sein mag, die ich zu verstehn glaube, so wenig fällts mir ein mitsprechen zu wollen, wo ich mich als Ignorantin fühle.

Mir ist derweil auch noch eine Variante für eine anstößige Stelle der »Stadt und Doms« eingefallen, die mir allgemeiner verständlich scheint: »O werthe Einheit, bist Du Eins, – Wer stände dann des Heil'genscheins, Des Kranzes würdiger als Du, Gesegnete, auf deutschem Grund! &c.«; ist das nicht besser? Wahrscheinlich fallen mir noch andre Aushülfen gegen Ihre Seelenschmerzen über meine Mängel ein; ich war diesen Morgen zu bedrängt und eilig und mußte recht eigentlich aus dem Ärmel schütteln. Manches, was mir – und auch den bisher Befragten – verständlich schien, hat doch in Ihnen zu sehr den Repräsentanten einer zu großen und achtbaren Gegenpartei zu respectiren, als daß ich nicht eine Klarmachung wenigstens ernstlich versuchen sollte. Nur müssen Sie berücksichtigen, wie schwer dies ist, – zehnmal schwerer als ganz neu. Nun, der Druck geht ja langsam, und die ersten Bogen sind ja nun nach Ihrem Wunsche gesäubert. NB. Wegen des »Schnarchens der Schwäne« im »Fundator« habe ich noch nicht geantwortet. Ich ließ hier den Ausdruck »tauschen« ungern fort; denn er ist sehr bezeichnend. Schwäne haben keine andre Stimme als ein leises Schnarchen, mit dem sie sich einander anrufen, was man im Sommer – zu Hülshoff nämlich – die ganze Nacht durch hört, da sie fast gar nicht schlafen, sondern am Ufer umherziehn, wo sie sich im Dunkel einander verlieren und dann auf diese Weise durch Wechselrufe orientiren, – es lautet hübsch und graulich, – und wäre hier »tauschen« nicht die passende Bezeichnung für Wechselrufe? Das meine ich doch. Sollte aber »Schnarchen« zu dem Begriffe von Schlaf verleiten, so kann man ja »dumpfes Schnarren« setzen; da merkt hoffentlich doch Jeder, daß es ein Ruf ist, – oder meinen Sie nicht? Mich dünkt, Schwäne sind doch so bekannte Vögel, daß man sich nicht scheuen darf, ihre gewöhnlichen Manieren als der Überzahl bekannt anzunehmen. – Ich bin diesen Abend besonders klüftig von Kopf, da fällt mir ein, von wegen des Weidenstumpfen im »zu früh gebornen Dichter« Str. 4, würde Ihnen mehr zusagen: »Doch ließ man dies als Schwärmerei (krankes Blut) Und Hochmuth ihn entgelten; Da mußt' er wohl mit bittrer Reu (Muth) Sich einen Thoren schelten«? Dann käm der Weidenstumpf ganz fort. Ferner von wegen der »Fortun« in der »besten Politik«, ob man nicht doch zuerst »Glück« setzen und nachher »Geschick« substituiren könnte; z. B. »Daß dem das Glück zumeist gewogen, Der es am Mindesten gehetzt, Und daß wo Handeln (Wirken) ein Geschick Nach eigner Willkür magIn dem Manuskripte, das dem Drucke der Gedichte zu Grunde lag, hat Annette hier anstatt »mag« das Wort»kann« niedergeschrieben. bereiten, Nur Offenheit zu allen Zeiten Die allerbeste Politik«., So wären ja wohl die ärgsten Steine schon beseitigt, wenn Sie dazu nehmen, was der vorige Brief schon nachgiebt; notiren Sie sichs nur ja zusammen, damit die corpora delicti nicht durch Ihr eignes Versehn über der Erde bleiben.

Sie denken wohl, ich sei heute Abend nicht nur besonders erleuchtet, sondern auch ungewöhnlich guten Willens. Ja, lieb Kind, das bin ich auch: ich habe meinem armen guten Jungen weh gethan, und zwar grade wie er so froh war, mir eine Freude gemacht zu haben; das kann ich mir nicht vergeben. Hochmüthig war ich? Gewiß nicht, wo ich mich im Unrecht fühle; das ist eine so niedrige und grausame Art von Hochmuth, daß ich deren Gottlob nicht fähig bin. Benutzen Sie diese gute Stimmung, Levin, und schicken noch mehr rechtliche Bedenken ein, wenns nicht zu spät ist; wo mir Veränderung nicht gradezu Verschlimmerung scheint, werde ich Sie zu befriedigen suchen, Sie habens wohl um mich verdient. Auch kann ich Sie versichern, und zwar auf Ehre, daß ich mich diesen Morgen königlich über Ihre Sendung gefreut habe, über Alles, Ihren, Ihrer Frau Brief, die Autographen, die Cottaischen Nachrichten, und sogleich Jenny habe rufen und sie im Triumph mit den Letzteren nach Laßberg wandern lassen. Wie es dann weiter ging, wissen Sie und begreifen, daß, obwohl ich noch immer 700 Gulden für recht viel hielt, mir doch diese Scene als häuslicher Verdruß zu fatal war, als daß sie mich nicht hätte verstimmt werden und in Gottes Namen Alles hinschreiben lassen, was man verlangte. Aber es ist spät, lieb Kind, und für ein Mütterchen habe ich mich lange genug gegen meinen kleinen Jungen entschuldigt; so gehts, wenn man nichtsnutzig gewesen ist. Morgen beantworte ich nun recht eigentlich Ihren Brief, da der meinige doch erst am Nachmittage abgehn kann. Gott schütze Euch liebes Volk.

Den 7ten. Guten Morgen, Levin! Guten Morgen, Louise! Eure Briefe liegen vor mir, und von Euren lieben Gesichtern sehe ich wenigstens das eine recht deutlich; von dem andern meine ich es auch, es wird aber wohl eine optische Täuschung sein; ein liebes Gesicht ists jedenfalls und hoffentlich recht bald auch ein bekanntes und heimisches. Liebe Louise, ich weiß, daß, was ich dem Einen von Euch schreibe, der Andre auch liest; dennoch mag ich Sie lieber von Mund zu Mund grüßen als durch das kleine Pferd, was erst das Beste davon liest. Es drängt mich innerlich, hier wenigstens auf einige Stellen Ihres lieben, warmen Briefes einzugehn, aber ich darf nicht; der Anfang wär leicht zu finden, das Ende gewiß nicht; so nehmen Sie vorläufig nur meinen wärmsten Händedruck bis zum nächsten Correspondenz-Termin, wo ich Ihnen statt Levinen schreiben werde. Es ist im Grunde dasselbe, und doch so ganz anders, daß ich mir eine neue große Freude davon verspreche. Sie wissen nicht, wie lieb ich Sie habe, wie viel Gutes ich Ihnen wünsche und anthun möchte, dafür, daß Sie meinem armen Jungen, dems oft schlecht und nie vollkommen gut gegangen ist, ein so ächtes friedliches Glück bereiten. Ich wollte, Sie hätten meine nicht genug zu schätzende Freundin, seine Mutter, gekannt, das würde mich eine gute Stufenzahl in Ihrer Liebe voran bringen; denn Levin hat Ihnen ja wohl gesagt, daß wir uns äußerlich sehr gleichen. Ich muß abbrechen, sonst schreibe ich wider Willen Ihnen statt Levinen, dem ich doch so Manches zu sagen habe, ehe die Post anschirrt. Adieu. Lieber Levin, jetzt kann ich Ihnen erst recht herzlich für die Autographen danken, – die statiösesten Premierminister! Meine Sammlung wird sich am Ende vor Hochmuth selber nicht mehr kennen. Der Heine! Und Pückler, der Schlingel mit seiner Cirkassierin! Aber als Autograph doch ein Baas! Auch die drei Andern sind sehr gut und wenigstens wirkliche Geheimeräthe. Aber wie ist das mit dem Lichnowsky? Träume ich oder ist Lynar seine eigne Pseudonymität? Das wäre doch arg. Gotts Wunder, was bekömmt man für Dinge zu sehn, wenn Einem mal die rechte Linse für das litterarische Treiben vorgehalten wird! Ich möchte mich todt wundern, wills aber doch verschieben, bis ich weiß, daß kein crasser Irrthum vorwaltet. O Schlüter, o Junkmann, was würdet Ihr sagen! O Münster, dein Lambertithurm würde gleich vor Schrecken auf die Nase fallen und dein Drübbelchen noch einmal so dicht zusammen kriechen! Ad vocem Junkmann: er hat mir geschrieben, einen so originellen Brief, wie er einem Andern seine Lebtage nicht eingefallen wäre, – ist seelenvergnügt, da sein Anstellungsgesuch beim Ministerium liegt und er sich nun bewußt ist, nichts weiter thun zu können und reinweg in Gottes Hand zu stehn, – hofft jedoch einigermaßen auf eine Privatdocentschaft und widrigenfalls wenigstens auf eine Kapuzinerkutte; so ist ja jedenfalls für ihn gesorgt, wie er meint. Ich versichere Sie, das ist nicht Ironie, er ist wirklich brillanter Laune, wie immer, wenn er sich dem Schicksal überlassen darf; nur sorgen, eingreifen mag er nicht, das macht ihn krank. Ich glaube nicht, daß es unserm Herrgott gelingt, nochmal einen Dito zu erschaffen.

Alle unsre Bekannten sind wohl, doch wüßte ich von keinem Besonderes zu melden, Jeder lebt in der gewohnten Weise fort; ich will nächstens an Schlüter schreiben, dann erfahre ich noch wohl Einzelheiten, die Sie interessiren könnten. Aber hier ist ein Fall, der uns des guten Herrn Hufschmids wegen sehr nahe geht: seine Frau hat vorgestern einen Schlaganfall bekommen, ist anfangs sprachlos gewesen und noch immer auf der einen Seite gelähmt. Wir schicken täglich zweimal hin; denn vom langen Puff kann natürlich keine Rede sein. Der alte Mann sitzt ganz rathlos neben dem Bette seiner alten Frau, mit der er sehr glücklich gelebt hat, und es ist zweifelhaft, ob sie binnen einigen Tagen sterben oder noch Jahre lang so hinsiechen wird. Für sie wär gewiß das Erstere am Besten; von ihm glaube ich aber kaum, daß er es ertragen würde, sie nicht wenigstens noch zu sehn, und daß sie ihn bald nachholen würde. Es sind ein Paar ehrenwerther Leute, und ich mag mir Meersburg ohne den guten Hufschmid gar nicht denken. Die Stadt hat überhaupt gar sehr abgenommen, wie ich Ihnen schon früher geschrieben, und es ist mir lieb, daß ich immer in so geringer Verbindung mit ihr gestanden, sonst würde es mir wirklich weh thun. Auch Herr Vogel sieht so trübselig aus und sein Laden noch trübseliger; man sagt, er werde Bankrutt machen. Das kömmt vom Lotterieglück! Da werden gleich Plane gemacht, die doch nur durch zwei Drittel Borg realisirt werden können: neues Haus und Laden, was den Kunden ganz gleich ist; elegante Artikel, für die es hier keine Käufer giebt; in die ärgste Pfütze hat ihn Stiele geritten, mit der Badeanstalt, die, wie sich jetzt auszeigt, in den warmen Monaten trocken liegt und Winters durch den Sturm abgedeckt und unterspült wird. Es thut mir leid; ich habe den Vogel gern, er ist so freundlich und fleißig. Pour comble de malheur thut sich jetzt ein gewisser Zimmermann in denselben Artikeln viel reeller und großartiger hervor, und Alles läuft ihm zu – nur ich nicht; ich will lieber etwas schlechtere Chokolade trinken &c. als ein Gesicht noch betrübter machen, was ich so freundlich gekannt habe. Mir fällt aber eben ein, daß Vogel Vieles in Commission haben soll, was ihn vielleicht jetzt allein noch hält; Augsburg ist nicht so weit, vielleicht bezieht er auch von dorther: lassen Sie deshalb doch nicht zufällig etwas von seiner – vermutlichen – Lage über die Lippen gleiten. Ich weiß, es ist keine Sache zum Erzählen, aber die unbedeutendsten Dinge können zufällig ausgesprochen werden.

Ihr sehr schönes Gedicht in der Allgemeinen (1. Februar) habe ich gelesen, – erst gestern, da ich wieder seit vier Tagen Hustens halber im Thurme stecke, – und kann Ihnen sagen, daß ich es für eins Ihrer allerbesten halte; da ist mal Leben und Feuer darin! Laßberg ist auch ganz enthousiasmirt davon, wie er Sie denn überhaupt so lieb hat wie wenig Menschen. Noch gestern, als er, ein zweiter Zevs, über den Cotta seine Locken – hier etwas kurz und dünn gerathen – schüttelte, daß mein Thurm zitterte, und Jenny sagte: »Aber Schücking hat es doch sehr gut gemeint«, rief er grimmiglich: »Schücking? Wer könnte am Schücking zweifeln? Ich möchte wissen, wer es versuchen möchte, des Schückings Eifer in der Sache nahe zu treten! Aber man redet vom Cotta; vom Schücking denkt jeder das Allerbeste.« Dann sah er herausfordernd umher und setzte nachdrücklich hinzu: »hoffe und setze ich mit Grund voraus, oder man müßte ihn nicht kennen.« – Es war lächerlich und rührend zugleich, dieses Fechten in leerer Straße von dem alten Manne. Auf Ihren Günther bin ich sehr neugierig; aber warum verlassen Sie den Roman? Diese Form sagt Ihrem Talent doch so sehr zu, was von der dramatischen, nach den früheren Proben, mir noch keineswegs ausgemacht scheint. Ihr Lustspiel hatte allerdings einzelne sehr gelungene Scenen, gute Prognostica für die Zukunft, aber das Ritterschauspiel war nicht viel werth; seitdem haben Sie freilich erst den rechten litterarischen Cursus durchgemacht, – kurz, ich bin sehr gespannt. Den Novellen Ihrer Frau sehe ich dagegen mit ruhigem Vergnügen entgegen; ich weiß, sie werden schön sein. Aber können Sie mir nicht mal eins von ihren Gedichten zusteuern? Oder kann ich sie nächstens im Morgenblatt antreffen? Lieber Levin, Sie mußten durchaus grade diese Frau haben, Sie sind eine Art Amphibie, die zum Leben mehr Elemente bedarf als andre Creaturen, und ich habe immer für Sie das Ermüdende einer gewöhnlichen oder das Überreizende einer poetischen Ehe gleich sehr gefürchtet. Aber der Himmel hats gnädig mit Ihnen gemeint, und mit Ihrem Mütterchen auch, das nun mal seine Wünsche und Sorgen in dem kleinen dummen Jungen concentrirt hat. Wüßte ich nicht, daß Ihre Frau jede Zeile dieses Briefes liest, so würde ich vielleicht breiter darüber werden, wie lieb und ansprechend ich mir ihr Bild ausmale, und wie und was ich Alles darüber in meinem Thurme träume; aber nun schäme ich mich – Ihr seid liebes Volk, Ihr Theetrinker und Spazierläufer! Da kann der Levin den Mund wohl zu etwas Anderm aufthun als: »To, to, to, Möderken; ajas, nich still stohn, dat is niks; un den Mund tohollen, süs verfrüst dat Hert in nen Live«. Schöne Reminiscenzen! Wenn im Frühling die Louise dabei ist, dann sollen Sie wohl anders artig gegen mich thun, daß sie nicht merkt, was sie für einen ehemaligen Ajas zum Manne hat. Aber die Stiegen haben Sie mich doch immer schön herauf geleitet; das fällt mir jeden Sonntag ein, wenn ich auch grade gar keine Luft habe, an Sie zu denken, – altes Kind! liebes Kind! – Und jetzt hat er sich wieder so für mich geplagt! Er ist doch brav! Ärgern Sie sich nur nicht, wenn mir der Cotta die 700 Gulden nicht giebt; ich gestehe Ihnen, ich glaube nicht, daß ers thut, und nun ich wegen Mamas sicher bin, mag der Laßberg sein Haupt meinetwegen schütteln, daß der Dagobertsthurm einfällt. Es schlägt Zwölf, ich muß zu Tische, mein Fix zieht mich schon am Kleide. NB. Ich habe jetzt einen kleinen Fix; Race: Wachtelhund, – Farbe: schwarz, weiß und gelb, wie ein dreifarbiger Kater, – sehr schön, wie Andre, und sehr klug, wie ich selbst behaupte, – stiehlt Nachts meine Pantoffeln und trägt sie in seinen Heukorb, um den Kopf darauf zu legen.

Nachmittags. Ich habe Ihren letzten Brief; es ist Alles sehr gut und schön so, Laßberg auch hintennach zufrieden, – ein wunderlicher Patron, aber doch gut. Also Cotta hat nachgegeben! zwar wie ein schlauer Fuchs, und auch gleich die Auflage verstärkt. Aber es macht nichts, ich raisonnire so: Verkauft sich die Auflage sehr langsam, so hat Cotta doch wenig Profit, und es ist eigentlich eine verunglückte Spekulation für ihn, wo es mich dann freuen muß, daß ich ihn nicht wenigstens gradezu in Schaden gebracht; verkauft sie sich gut, so kömmts ja auch wohl zur zweiten, wo mir dann ja ganz freie Hand gelassen ist; und ich finde 700 Gulden viel, besonders da sie mir jetzt so überaus gut zu statten kommen, d. h. im Verlauf des Jahres, auf ein paar Monate kömmts hier gar nicht an. Wissen Sie noch, wie Sie im vorigen Winter meinten, ich solle dem Cotta, wenn er nichts biete, mein Manuscript umsonst geben, nur um in seinen Verlag zu kommen? Wie soll ich mich denn nun nicht freuen, wenn er mir 700 Gulden giebt, wo ich sie grade so nöthig brauche? Ich freue mich – und freue mich sehr, und Niemand solls mir wehren. Aber es wehrts mir auch Niemand; tout le monde ist hintennach zufrieden. Aber jetzt dürfen wohl ohne Cottas bestimmte Einwilligung keine Gedichte aus der Sammlung genommen werden? Will er z. B. den Spekulanten, als sein Portrait, nicht umkommen lassen, meinetwegen! Aber es ist sein eigner Schade, wenn das schlechte Zeug drinnen bleibt. NB. Wenn ich so etwas über Cotta sage, was mehr cavalièrement als höflich gesagt ist, so hüten Sie sich, es Jemanden, z. B. dem Kolb, mitzutheilen. Kolb mag ein ganz guter Mann sein, vielleicht eine Perle von einem Manne, aber er bleibt immer Cottas rechte Hand, und man kann Niemanden stechen, ohne daß die Hand, wenigstens heimlich, mitzuckt. Ein Mann, der sich zwischen so vielen Leuten und ihren corrupten Grillen durchwinden muß, kann seiner Stellung nach unmöglich das Herz auf der Zunge tragen, obwohl ein scheinbares Eingehn auf die Ansichten Anderer ebenso nothwendig ihm zur andern Natur werden muß. Ich zweifle nicht, daß Kolb den Cotta im Grunde gern hat, wenigstens sehr empfindlich für dessen Ehre ist, und möchte Sie dringend bitten, dieses, selbst in den freundschaftlichsten Verhältnissen, nie zu vergessen; jedenfalls gebrauchen Sie in Rücksicht auf meine etwaigen Äußerungen der Art die größte Vorsicht, wenn nicht aus Überzeugung der Nothwendigkeit, doch mir zu Liebe, weil ich es wünsche und Sie darum bitte. Es liegt für mich etwas Schimpfliches in jedem, selbst einem bloßen Geschäftsverhältnisse, wo nicht jeder Theil von der Achtung des andern überzeugt zu sein glaubt, und ich würde mich auf eine solche Veranlassung augenblicklich herausziehn, so weit mir Freiheit gelassen wäre. Zwar habe ich gar keinen Grund, Cotta'n nicht zu achten, aber ich möchte doch nicht genöthigt sein, jedes Wort gegen Sie auf die Goldwage zu legen. – Sagen Sie mir, um noch einmal auf das Geschäft zurückzukommen: muß ich denn nichts unterschreiben? Haben Sie für mich unterschrieben? Und ist die Handlung damit zufrieden?

Wissen Sie wohl, daß ich von Ihren Gedichten eigentlich nur sehr wenige kenne? Vielleicht nicht zwanzig Stück im Ganzen. So würde Ihre Sammlung also sehr viel Neues für mich enthalten, und Sie können denken, daß ich gespannt darauf bin.

Ich will jetzt auch nur wieder fleißig an mein »Bei uns zu Lande« gehn; ich denke, es wird gut; aber wie sich die Ansichten ändern – hoffentlich reifen –! Das Buch wird gewiß ein ganz anderes, als es vor zwei Jahren, wo ich den Entwurf machte, geworden wäre, und doch lag es auch damals wahrlich nicht an meinen Kinderschuhen. Aber die Manier Washington Irvings und einiger französischen Genremaler hatte doch mehr auf mich influirt, als ich mir bewußt war, und keine Manier hält vor; ist sie nach einigen Jahren verbraucht, so wird sie vorläufig um so viel widriger als die eigentliche veraltete Schreibart, wie altmodig widriger ist als altfränkisch, und jeder, dem damals ein Plan stecken geblieben ist, freut sich hintennach, daß er den Purzelbaum nicht hat mitmachen müssen.

Nun Adieu, mein lieb Kind, Gott segne Sie und Ihre Louise und Alles, was Ihnen lieb ist. – Louise meint, Sie hätten mich ihrWohl verschrieben anstatt »sie mir.« zu vorteilhaft beschrieben; ich mag mit keiner Retourchaise fahren, aber was wird Louise sagen, wenn sie mich altes, dickes Madämchen sieht – Ich wette, Sie haben eine Fürstin, eine Glorienträgerin aus mir gemacht, und ich bin doch wirklich nichts als ein altes, krankes, dickes Madämchen, – was das Äußere anbelangt. Adieu, Adieu. Schreiben Sie mir bald wieder, besonders wenn ich noch über Veränderungen nachsinnen soll; das geht oft rasch, oft fällt mir erst nach acht Tagen zufällig das Passende ein. NB. Sagen Sie mir, wie viele von den Freiexemplaren Sie nöthig zu haben glauben. Bekomme ich einige, so ists mir lieb, wo nicht, schwätze ich mich drum weg. Aber für Jenny muß ich eins haben, und für Pauline Droste in Bonn, den Beiden hab' ich es zugesagt.

Die Cölner Zeitung wird hier noch gehalten; weshalb fragen Sie darnach? Schreiben Sie oder Louise zuweilen hinein? Die Allgemeine auch.

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