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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 30
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Meersburg den 14ten December 1843.

Lachen Sie nicht über die wahrscheinlich ungehörige Aufschrift dieses Briefes, mein guter Levin; Sie haben vergessen, mir Ihre Augsburger Adresse zu geben, und da ich nicht denken kann, daß nach so kurzem Aufenthalte der »Levin Schücking« allein ausreichen sollte, muß ich versuchen, ob der »Redacteur« mir durchhilft. Warum ich Ihnen so lange nicht geschrieben? Liebes Kind, zwischen Ihren zwei ersten und dem letzten Briefe liegen zwei Reisen, zwei Krankheiten und Geschäfte so ernster und anhaltender Art, wie ich nie daran gewöhnt und deshalb doppelt ungeschickt und von ihnen beschwert war. Nehmen Sie dazu, daß ich schweren Herzens Sie an der Katastrophe Ihres Schicksals sah, mit dem Gefühl, bei meiner durchaus oberflächlichen Kenntniß aller äußern und innern Verhältnisse, kein Wort – weder pro noch contra – sagen zu können, was mich nicht vielleicht nachher bitter gereut hätte, d. h. falls es berücksichtigt worden wäre, was freilich unter diesen Umständen kaum zu erwarten war. So schwieg ich lieber und überließ Alles der Fügung des Himmels und dem Urtheile derer, die die Sache in der Nähe sahen – Ihnen, Ihrer lieben Braut und den vielen Freunden und Verwandten, deren Rath Ihnen so nahe zur Hand wie ihre Theilnahme unbezweifelt war. . . .

. . . . Ich habe mich durch die Billigkeit des Preises verleiten lassen, das am Wege »zum Frieden« liegende Fürstenhäuschen mit allen dazu gehörigen Reben zu kaufen, – allerdings wohlfeil, aber doch um weit mehr als einen jährlichen Betrag meiner Leibrente, weshalb ich eine Anleihe bei meinem Bruder machen mußte. Dafür habe ich nun freilich bei allen denkbaren Wechselfällen ein niedliches Asyl von fünf Zimmern, einer Küche, Keller, Bodenraum, und zwar in der Luft, die mir allein zusagt und endlich wohl meine heimische werden muß, – dabei in guten Jahren einen Weinertrag von etwa vierzig Ohm. Die Vortheile des Kaufs kommen erst später, die Reben sind schlecht gehalten – zuerst alles gute Sorten gewesen, aber die ausgegangenen durch ganz gemeine ersetzt, so muß ich sowohl an Verbesserung des Bodens als junge edlere Stöcke noch Vieles verwenden, auch im Hause Einiges repariren lassen, und darf mich freuen, wenn in den ersten Jahren der Ertrag die Ausgaben deckt und ich nicht zuschießen muß. Am härtesten ist es mir, so viele reichlich tragende Stöcke ausroden und durch solche ersetzen zu lassen, die mir noch Jahre lang nichts einbringen, aber es muß sein! Die schlechten Trauben zwischen den guten verderben den ganzen Wein, der sonst der Lage nach zu den besten hiesigen gehören könnte. Das sind Schattenseiten! – Dennoch bin ich über glücklich, und die Aussicht auf mein künftiges kleines Tusculum macht mir alles leicht!

Was soll ich Ihnen sonst von hier und Münster schreiben? Dort ist Alles beim Alten, nur Louise Delius sehr betrübt über den plötzlichen Tod ihres Onkels, der eine zahlreiche unversorgte Familie hinterläßt; sie ist den ganzen Tag im Trauerhause, ihre Freunde bekommen sie fast nicht zu sehn. Junkmann hat aus, wie ich glaube, übertriebener Empfindlichkeit, wegen vermeinter Zurücksetzung, seine Stelle in Coesfeld aufgegeben, obendrein einen derben Brief an die Regierung geschrieben und sitzt nun mit sehr knappen Aussichten wieder bei seinen Eltern. Die Lombard verbreitet geflissentlich, Thereschen Schlüter mache sich nichts aus ihm, und an eine Heurath sei nun und nimmermehr zu denken. Ersteres ist freilich nicht wahr, Letzteres aber, fürchte ich, ominös, da die Lombard muthmaßlich im Einverständnisse mit Schlüters handelt. Junkmann thut mir herzlich leid, obwohl ich selbst immer mehr des Glaubens werde, daß er nie festen Grund unter den Füßen bekommen wird. Ich las kürzlich eine Biographie Heinrichs von Kleist, wo fast jede Zeile mich an ihn erinnerte: überwallend von Liebe, und doch mit Jedermann in Zank und Mißverständniß, bis zur Peinlichkeit solide und um die Zukunft sorgend, und doch aus kränklichem Mißmuth jedes kümmerlich Erworbene wieder von sich stoßend. Auch seine Liebe zu Thereschen würde mir wenigstens eine Geißel sein; sie ist die überschwenglichste Geduld und Milde gegen ihn, und doch weiß er aus jedem ihrer Worte Gift zu saugen und geht nie anders als grimmig von ihr. Dergleichen Menschen können sehr liebenswürdig sein und sind gewöhnlich edler und wärmer als Andre; aber Gott gnade dem, der sein Leben mit ihnen hinbringen muß. Glück würde ihm schwerlich helfen, – dann giebts ja noch Fliegen an der Wand und Grübeleien über des Kaisers Bart – aber Gesundheit, und die kann ihm nur Gott geben, wozu ich leider noch keine Anstalten sehe.

Von der Bornstedt weiß man nur, daß sie ohne Zweifel lebt, da sie Gedichte ins Abendblatt geben kann. Sonst sind die neuesten Nachrichten steinalt und des Inhalts, daß vor mehreren Monaten der Generalvikar von Luzern ihrem Freunde, Pastoren von Herbern, geschrieben hat, »er möge, wenn er einiges christliches Interesse für dieses Frauenzimmer fühle, sie bereden, Luzern zu verlassen, wo alle Umstände – ihre einsame aventurière-mäßige Stellung, der greuliche Ruf ihres ganz herabgekommenen Bräutigams und die Abneigung und das Gerede seiner Verwandten über sie – ihren Aufenthalt zu einem völligen Skandal machten«; worauf dieser ihr etwas derb zugeredet, respective geschrieben und, als letzten schlagenden Grund seiner Gewalt, eine gewisse Pension – von der sie, wie es scheint, in Münster zumeist gelebt – einzuziehen erwähnt, was sie dann auch richtig nach Magdeburg zur Tante Bismarck getrieben hat, doch nicht ohne zuvor ihr Herz in einem langen Briefe an Madame Glaß zu entladen, der von nichts als »Neid und dem schwarzen Complott gegen zwei Beneidete, dem sich sogar hohe Geistliche angeschlossen«, spricht. Hoffentlich erwähne ich hiermit ihrer zum letzten Male, sie möchte sich denn noch durch einige Erfolge in der Litteratur uns bemerklich machen, was ich dem armen Dinge doch von Herzen gönnen möchte, da die Feder am Ende ihr einziger Wagen und Pflug bleibt, und bisher ihre kurzen Triumphe immer von so langen und reellen Leidensperioden gefolgt wurden, daß das Schicksal ihr wirklich einige nachhaltige Freude schuldig ist. Lieber Levin, ich weiß, Sie werden nie von selbst darauf kommen, etwas von ihr zu recensiren, weder gut noch schlimm, aber sie könnte Ihnen als Theil eines Ganzen, in Taschenbüchern &c., unter die Feder gerathen; dann bitte, seien Sie nachsichtig, bedenken Sie, daß Sie ihr mit ein paar Worten das Brod aus dem Munde nehmen können. Schämt sich Wolfgang Menzel nicht, L. Wieses greulichen Märchenwald und Beda Weber uns als Muster vorzustellen, werden sogar Laurian Moreis und Fraling (!!!) hier und dort als Autoritäten angeführt, so darf man doch auch der Bornstedt zuerkennen, was ihr wirklich gehört: immer viel Phantasie, zuweilen Lebendigkeit, und mitunter sogar einige Feinheit in Salon-Charakteren. Ich sehe hier Ihr Gesicht, Levin, – etwas spöttisch, etwas verdrießlich. Sie haben das Alles auch mal gefunden und schämen sich dessen beinahe. Lieb Kind, die ausgezeichnete Schreibart Ihrer Frau hat Sie verwöhnt; es geht Ihnen wie einem table d'hôte-Gaste, der wieder Hausmannskost versuchen soll und nun nicht begreift, wie er dergleichen jemals hat herunter bringen können; aber hinter vortrefflich folgt noch gut und dann noch löblich in Einzelheiten.

Von Ihrer lieben Frau habe ich die Reisebilder, die Maske und die Primadonna gelesen und mich an Allen sehr gefreut. Ich sollte es vielleicht nicht sagen, daß ich der Maske den Vorzug gebe, da die letzte Arbeit, als noch im Gemüthe nachklingend, uns vorläufig die liebste zu sein pflegt; aber die Fabel dieser Geschichte ist einfacher, anspruchloser als die der andern, so auch der ganze Gang, deshalb spricht sie mich vorzugsweise an. Sie sehn, mein Privatgeschmack macht sich wieder laut, man kann nicht aus seiner Haut hinaus; doch habe ich mich durch diese dreifache Lectüre überzeugt, daß aus der Feder Ihrer Frau nur Ausgezeichnetes kommen kann. Gott erhalte Sie so glücklich, wie Sie es jetzt sind, und ich habe Gottlob allen Grund, dies zu hoffen. Sie können vermuthen, daß ich mir alle Mühe gegeben, über Ihre Lage klar zu werden, und der Erfolg hat meinen wärmsten Wünschen entsprochen; ich bin über Louisens Fähigkeiten, mein liebstes Kind glücklich zu machen, durch unparteiische Zeugnisse völlig beruhigt, und dazu gehört nicht wenig für das Herz einer Mutter. Sagen Sie der lieben Frau, daß ich ihr für jede frohe Stunde, die sie Ihnen macht, tief dankbar bin und unsrer persönlichen Bekanntschaft mit freudiger Spannung entgegensehe. Sie können mir nichts Lieberes erzählen als von ihr und überhaupt Ihrem häuslichen Leben, was, wie Sie wissen, mir unendlich höher steht als alle äußern Verhältnisse, so ruhmvoll und glänzend sie sich je gestalten möchten. Für Ehleute giebts nur einen Himmel und eine Hölle im eignen Hause, alles Andre ist fortan nur Zugabe – selbst die bestgemeinte Liebe Anderer –; das ist die Ehe in ihrer vollen Heiligkeit, und wer nur um ein Haar davon ändern möchte, kennt sie nicht oder hat nicht nachgedacht.

Ihr »Schloß am Meere« habe ich gelesen und recht schön gefunden; es ist ein höchst brillanter Roman, voll Geist und Leben, der, wie ich höre, auch schon überall gelesen wird. Nur von Einem, was Ihren Schriften allzuleicht anhängt, ist auch diese nicht ganz frei: Sie halten sich nicht immer in gleicher Höhe; große Wahrheit wird mitunter durch Affectirtes – oft nur einzelne Ausdrücke – gestört; Scenen voll der tiefsten Feinheit durch solche, nach denen man wenig Menschenkenntniß voraussetzen sollte. Zu den letzten gehört die Unvorsichtigkeit der Gräfin, ihr schweres politisches Geheimniß schiffbrüchig, auf feindlichem Boden, und nachdem sie noch eben von der Gefahr der Entdeckung gesprochen, dem ersten Besten preis zu geben, und zwar einem Manne, der ihr fatal und unheimlich erscheint, und ganz ohne Noth, da er ihr auch als einer Fremden die Aufnahme nicht verweigert und sie sonst nichts von ihm will. Ich denke mir, Levin, Sie haben diese Scene und die damit verbundene, von der etwas weniger aber doch hinlänglich unstatthaften Offenherzigkeit Louisens, in einer verdrießlichen Stunde geschrieben, wo Ihnen die Arbeit zum Halse heraus hing und Sie nur eilig etwas von der Hand schlagen wollten. Ich kenne meine Pappenheimer! Sie greifen dann gleichsam mit der vollen Hand in die Dinte und setzen dem reizendsten Gesichte einen Flecken auf, der schwerlich für ein Schönpflästerchen durchgeht. Danken Sie Gott, daß so viel Vortreffliches diesem entgegenwirkt; aber warum soll ich nicht mal etwas ganz Vollkommenes von Ihnen sehn? Warum spielen Sie sich selbst solche Streiche? »Nur keine Liebe« in der Urania ist höchst anmuthig und, wie mich dünkt, fehlerlos; dennoch rechne ich es unter Ihre leichteren Producte. Das »Frauenherz« hat mehr Tiefe, größere Schönheiten; aber das Ende, der Heilungsplan der Heldin, ist allzu excentrisch, kopfloser unternommen, als man es der glühendsten Phantasie einer sonst so gescheuten Person zumuthen darf; doch hat grade diese Scene wieder ihre große Schönheit in dem Unterscheiden von Wahn und Wirklichkeit. Jetzt eben lese ich in den neu angekommenen Dombausteinen Ihr »Stiftsfräulein«. Sie haben Recht, es macht sich gedruckt sehr gut und bezeichnet, neben das Spätere gehalten, genau Ihren Uebergang aus einer Schreibart in die andre, aus dem wilden westphälischen Wuchs in die anmuthige Form der heutigen Litteratur. Sie haben einerseits bedeutend gewonnen an Geist, Stil, klarer Form und Harmonie des Ganzen; das Stiftsfräulein hat noch viel Zerstückeltes, viel, wenn nicht den Schüler, doch den angehenden Doctor legens Verrathendes, aber auch große Originalität: es steht noch der Hauch der Haide mit ihren abgeschlossenen Charakteren, ihren bald barocken, bald träumerischen Wolkenbildern darüber; hüten Sie sich, ihn ganz zu verlieren – das Eine behalten, und das Andre nicht lassen! –, er ist Ihr eigenstes Eigenthum, mit dem ersten Hauche eingesogen, und kein Fremder machts Ihnen nach. Ich will damit nicht sagen, Ihre Gestalten sollten und müßten auf westphälischem Boden wandeln, sondern bringen Sie die westfälische Naturwüchsigkeit in die Fremde mit, sehn und hören Sie – d. h. lassen Sie Ihre Gestalten hören und sehn – mit der unblasirten Gemütlichkeit westphälischer Sinne, reden Sie mit den einfachen Lauten, handeln Sie in der einfachen Weise Ihres Vaterlands, und die Überzeugung wird sich immer mehr in Ihnen befestigen, daß nur das Einfache großartig, nur das ganz Ungesuchte wahrhaft rührend und eindringlich ist. – Ich habe mich ganz warm gesprochen, Levin, und eigentlich umsonst; Sie denken wahrscheinlich ganz wie ich und sind auch nur wenig von diesem Wege abgewichen; aber ein Wort zur rechten Zeit mag es doch sein, denn Sie werden fortan in Umgebungen leben, die Ihnen keins der alten Bilder zurückrufen, und es hält schwer, mitten durch einen reißenden Strom graden Strich zu halten.

Wegen der weggeschnittenen Dedication machen Sie sich keine Sorge, selbst wenn Sie es gradezu vergessen hätten, würde Ihnen dies bei einer so gutartigen Person wie Jenny keinen Eintrag thun; sie sowohl wie Laßberg denken fortwährend mit dem herzlichsten Wohlwollen an Sie, haben mir tausend Grüße aufgetragen und freun sich mit mir auf Ihre Herüberkunft im Frühling. Ich bin recht gern hier, obwohl außer Laßberg und Jenny, der alten Burg und dem See eben Alles anders ist wie vor'm Jahre, als läge ein Decennium dazwischen: lauter neue Domestiken, außer Augusten und dem alten Fasser, der noch immer seinen Kopf aus dem Guckloche unter der blutigen Hand hervorstreckt; – die Kinder sehr langbeinig und verändert, Hildel auch moralisch sehr zu ihrem Vortheile, äußerlich Beide durch Zähne und eine hübsche Haartracht; – das Kesselsche Institut fort, nach Carlsruhe verlegt, am neuen Schlosse alle Läden zu, nichts als Gefangene und Ratten darin; – der unermüdliche maître de plaisir, Stiele, in Constanz verheurathet, nur einmal, mit dem Dampfboote, als sehr dicker, ernster Hausvater sichtbar geworden; – Doktor Luschka und der Physikus beide fort; – das Liebhabertheater aufgelöst; – Mama hier, und im untern Stock drei Zimmer für sie eingerichtet, die mir wie ein ganz neues Stück Welt vorkommen; – Figel fast bankrutt, will sein Häuschen verkaufen; Niemand besucht ihn mehr, wir sind nur einmal aus alten Erinnerungen hingegangen, fanden Niemand dort und konnten kaum etwas erhalten; sein Zöpfchen steht vor Melancholie ganz schief, während seine gezwungenen Späße in der traurigen Lage einen unheimlichen Eindruck machen und ich nicht wieder habe hingehn mögen; – meine alte Trödlerin Bankrutt gemacht; – ich in das neue Thurmzimmer logirt, das damals für Sie ausgebaut wurde, und das jetzt, möblirt, gar nicht mehr an die leeren Wände erinnert, die wir anguckten; – mein früheres Zimmer sowie das Ihrige jetzt als Fremdenzimmer immer verschlossen, also für mich so gut wie gar nicht mehr da; – ebenso die Gewölbe, in denen wir herumkletterten, und Ihr Thurmzimmer, in dem Sie den Lafleur und das Stiftsfräulein schrieben; in beide letztere habe ich bei einer allgemeinen Hausschau mal einen Blick gethan, und es war mir wie »eine Geschichte vergangener Zeiten.« Das sind doch viele Veränderungen für ein kurzes Jahr! denn grade ein Jahr nach meiner Abreise bin ich wieder hier eingezogen. Freilich ist auch Manches geblieben; vor Allem heimelte mich das Speisezimmer an, Alles als wärs gestern: das kleine Kanapee am Ofen, unter dem die Lachtauben gurren, – das Klavier, ganz mit denselben Notenblättern, die ein Jahr Rast gehalten, – Laßbergs Noli me tangere-Winkel, – die alte Uhr auf dem Schreibtische, die immer Zwölf schlägt. Dort ist die Zeit eben so unbegreiflich still gestanden, wie sie anderwärts unbegreiflich gerannt ist. Herr Hufschmid, um keinen Tag älter geworden, kömmt noch jeden Abend im selben braunen Rocke, spielt langen Puff und bittet uns, nicht zu früh aufzustehn. Und jeden Nachmittag geh ich meine alten Wege am Seeufer, zwar mutterseelenallein, aber doch vergnügt, weil mich nichts stört, nicht mal ein neuer Rebpfahl. Ungestörtheit habe ich überhaupt hier, so viel mein Herz verlangt; ich bin in meinem Thurm wie begraben und komme nur hervor, wenn ich nach dem Läuten des Dampfboots alte Freunde habe die Steig herauf traben gesehn, was aber selten vorkömmt. Herr v. Baumbach ist ganz fort, nach Carlsruhe gezogen; Gaugrebens waren einmal hier, Stanz ein paarmal und erkundigte sich sehr eifrig nach Ihnen – er hat Jenny'n eine sehr schöne Scheibe geschenkt, gothische Bogenhallen, darunter eine Frau mit zwei Kindern in blauen und rothen Kleidchen –; sonst waren Besuche genug hier, meistens fremde Gesichter und Namen und mir nur sichtbar, wenn sie über Tisch blieben.

Was ich in meiner Einsamkeit treibe? Ich lese, beendige die Abschrift meiner Gedichte und sehe mir in der Dämmerung über den See das Abendroth an, was eigends mir zu Liebe in diesem Jahre unvergleichlich schön glüht; ich wollte, Sie könnten's mit ansehn; auch der See und die Alpen waren im September und October fast täglich mit Tinten überhaucht, von denen ich früher keine Vorstellung gehabt: alle Zacken der Alpenreihe roth wie glühendes Eisen und scheinbar durchsichtig, andre Male der See vollkommen smaragdgrün, auf jeder Welle einen goldnen Saum. Es ist mir unbegreiflich, daß ich habe ein rundes Jahr hier sein können, ohne daß nur ein solcher Moment eintrat, und jetzt war es mindestens ein um den andern Tag, und ich habe mir fast die Augen schwach daran gesehn. Ach, es ist doch eine schöne, schöne Gegend! Sie kennen sie nur noch gar nicht in ihrem beau jour. Sie sehn, die Natur thut Alles, mir an Poesie von Außen zu ersetzen, was mir in den Mauern fehlt; denn in dieser Beziehung stehe ich hier allein, wie Sie am Besten wissen. Zwar soll's hier jetzt ein Genie in der Stadt geben, Dichter, Musiker, der meine Bekanntschaft eifrig sucht und unter Herrn Jungs Auspicien schon zweimal an verschlossene Thüren – ich war spazieren – gepocht hat; aber ich habe kein Zutrauen zu dem Handel hier zu Lande, habe mich auch nach gar nichts erkundigt und das zufällig Gehörte vergessen, so daß ich ihn nicht weiter bezeichnen kann, weder nach Namen, Stand, Alter, noch ob er poetischer Dilettant oder bereits unter der Presse gelegen. Doch werde ich ihn wahrscheinlich im Laufe der Zeit sehn, da er Mitglied eines wöchentlichen – neuetablirten – Liebhaber-Concerts ist, zu dem ich höflichst eingeladen bin und doch wohl einigemal hin gehn werde; ich werde dann ja sehn, ob ich mir einige geistige Ressource von ihm versprechen kann; einen Junkmann darf ich hier nicht erwarten, höchstens einen Lutterbeck oder Schnittger, was aber in dieser Dürre schon Gold werth wäre.

Nun noch ein Wort von meinen Gedichten. Die Abschrift ist fast fertig, aber Sie, mein armes gutes Kind, sollen sich damit nicht plagen; Sie haben jetzt eine immer wachsende Haushaltung in Aussicht, müssen zu diesem Zweck Ihre eignen und Ihrer lieben Frau Schriften zu poussiren suchen, ohne sich Ihrem Verleger durch Protection Fremder, deren Erfolg noch sehr zweifelhaft ist, unangenehm zu machen. Ich habe dies längst gedacht und muß mich schämen, daß Laßberg es mir zuerst hat deutlich aussprechen müssen, der sich dann auch erboten hat, sobald Alles fix und fertig, meinetwegen mit Cotta zu unterhandeln. So ists am Besten, und ich bitte Sie nur, mir zu sagen, was ich nach Hauffs Äußerungen etwa von Cotta zu erwarten hätte. Sie haben damals in Stuttgart mit ihm von mir geredet, wenigstens von meiner Judenbuche, und müssen so mindestens Ahndungen darüber geschöpft haben; einer abschlägigen Antwort mag ich mich nicht aussetzen, eben so wenig mein Buch umsonst geben; soll ich mich nicht einem der Andern zuwenden, die mir nachgehn, statt ich ihnen? Vergessen Sie die Antwort hierauf nicht und senden Sie Ihrem Mütterchen recht bald einen lieben, freundlichen Levinsbrief. Gott segne mein gutes Kind und die, welche ihm am Nächsten und Theuersten ist. Adieu.

Ihr Gedicht im Morgenblatt habe ich noch nicht lesen können, so wenig wie Ihren Aufsatz in der Allgemeinen, will mich aber gleich morgen darum bemühn. – Sind Sie mit Cotta noch immer nicht im Reinen? Und wenn, so theilen Sie mir doch die Bedingungen Ihrer Stellung mit.

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