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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 3
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Donnerstag.Münster den 19ten November 1840.

Es ist acht – nun sind Sie doch allein, mein liebes, liebes Mütterchen, daß ich etwas mit Ihnen plaudern kann, – ich wollte, es könnte Sie so aufrichten, wie ich es möchte, so recht Ihnen allen Kummer für eine halbe oder ganze Stunde fortschwatzen – es ist heute Ihr Namenstag ja, ich denke deshalb auch, Sie sind heute in einer Stimmung, die so ernst beschaulich und großartig ist, daß alles Unangenehme um Sie her nicht mehr auf Sie wirken kann, daß es zu Ihrer Höhe nicht hinaufkann; halb freue ich mich, daß Sie diesen Abend nicht schon diese Zeilen zu lesen bekommen, denn ich bin bange, mein Geschwätz käme auch nicht bis zu Ihrer Stimmung hinauf. Soll ich Ihnen Glück zu Ihrem Namenstage wünschen? Das würde sich schön machen, lächerlich in Ihrem Trubel, Ihrem Schmerz um die Ihrigen, egoistisch von mir, der sich selber damit Glück wünschte – soll ich Ihnen was schenken? Ich habe kaum den Muth – doch, einige vertrocknete Blumen, womit es also zusammenhängt: sie sind gestern, Mittwoch, schon aus dem Schloßgarten geholt, ich wollte heute Morgen sie Ihnen schicken, wenn keine Gelegenheit wäre, expreß, da höre ich gestern Abend von der Bornstedt,Luise von Bornstedt, geb. 1807, trat 1830 in Berlin zur katholischen Kirche über und kam Ende der dreißiger Jahre nach Münster. L. Schücking sagt von ihr in seinen »Lebenserinnerungen« (Breslau, 1886): . . . . »und die âme damnée unseres Kreises war eine Convertitin, ein Frl. v. Bornstedt aus Berlin, die unter dem Titel »Pilgerklänge einer Heimatlosen« Gedichte herausgegeben hatte – einer der wunderlichsten Frauencharaktere, der mir je vorgekommen ist . . . Ein wirkliches lyrisches Naturell, Gemüt und aufrichtiger Enthusiasmus vereinigten sich in ihr mit Schlauheit, Komödiantentum und einem Geist der Intrigue, der alles gegeneinander zu hetzen liebte . . . Später im Leben ist sie Karl Gutzkow begegnet, und er hat ihr Züge zum Charakter seiner Lucinde in dem Zauberer von Rom entlehnt.« Nach einem von allerlei Schicksalen bewegten Dasein starb sie 1870 im Bade Rehme. daß Ihr armer kleiner Ferdinand todt ist, und nun hatte ich keinen Muth mehr, so gern ich auch mit Ihnen geplaudert hätte – ich bin so bange, daß Sie sich zu sehr abäschern und plagen und als einzige Person, die den Kopf frei behält in jeder Lage, für Alle und Alles nun sorgen müssen. Um Gottes willen, Mütterchen, Sie sollen sich etwas mehr schonen, meinetwillen schon, darf ich das nicht fordern? Und weil ich mich immer mehr anlasse, als hätte ich die Litteratur im Münsterlande allein gepachtet, so verbiete ich Ihnen hiermit irgend etwas jetzt zu schreiben, außer Briefen an mich. –


Freitag Abend.

Die Blumen halten sich passablement frisch, drum sollen Sie sie auch haben, zudem ein Exemplar vom Malerischen. Was haben Sie mit meinem Heiligen vor? Wollen Sie mir den ungehärmt lassen? Das ist gar so'n »Schryer« nicht, wie Sie glauben: in Wittii hist. Westph. finden Sie eine schöne Legende von ihm, wie er vor den rohen Heiden von einem großen Baume schützend umschlossen wird. Wahrscheinlich hat er sich drin verkrochen, daran erkenn' ich meine Pappenheimer! Ferner ist er Patron von Gent und Deventer V. vitq ejus a Bonifacio apud Mabillon saecul: II p. 251. Le Cointe Annal. Franc. ad annum 651. Fleury's hist. eccl. I 38 und 58. Le Mire festi Belg. Das ächte Leben des h. Livin, Lebuin, Levin von Huchauld, Mönch von Elnon oder St. Amand unter der Regierung Carls des Kahlen. Ekloge auf ihn von Radbod, Bischof von Utrecht. Wollen Sie noch mehr Quellen, woraus hervor geht, daß der erste Bischof von Utrecht, oder der von Augsburg, ebenfalls ein heiliger Levin, ein rechter ächter Heiliger ist? Bönhase! Sie sollen schön ankommen. Er ist mir noch weit lieber, als Ihre berühmten gefeierten Heiligen: Sancta Elisabeth z. B. oder Antoinetta, die ja wohl gar nicht existirt. Grade weil ihn kein Mensch kennt, darum ist er desto poetischer: es ist eine verkannte Seele, würde die Bornstedt sagen. A propos des bottes: worum ich Sie neulich bat, sollen Sie mir jetzt nicht schreiben; Sie sollen sich nicht noch mehr plagen.

Die Bornstedt hat's wieder gut mit mir vor; sie will mir eine Novelle schreiben, ganz nach meinem Geschmack – die ich dafür dann an's Morgenblatt senden kann – einen Roman ferner, worin ich der Held sein soll, – dann soll ich bei einer großen Tragödie ihr zu Gevatter stehn – mit der kommt man doch sein Lebtage nicht aus, ich bin wahrhaftig kalt, zurückschreckend, grob, genug gewesen, und was ich damit erlangt habe, ist nichts als ihre vollkommene Zufriedenheit mit sich selbst, daß sie doch Alles überwinde. Zuweilen denk ich freilich, sie ist nicht imputationsfähig, man muß sie nicht richten, da sie doch gutmüthig ist – aber lästig ist sie doch bis zum todtgehen.

Ich schicke Ihnen einen Brief von Gutzkow mit, der von dem sonst so menschenfeindlich verschlossenen Menschen merkwürdig ist. Seinen Telegraph hab' ich aber gar keine Lust zu nehmen . . . . . Zudem ist der Telegraph ein Organ von allerhand ultraliberalen Ansichten, die ich nicht als Redacteur gutheißen und in die Welt senden mag; verbanne ich die daraus, so bekomme ich ein Wespennest litterarischer Feinde auf den Hals, alle frühern Mitarbeiter. Ich hatte Gutzkow geschrieben, ich ginge im Frühjahr vielleicht nach Weimar, wenn Freiligrath dort bliebe als solider Mensch: er macht eine hübsche Schilderung davon! Und dann das schlimme kaufmännische Hamburg! Können wir nicht zusammen nach dem Rhein, oder nach Berlin etwa, wo die Grimms hinziehen und Hassenpflug?

Bin müde, Mütterchen, erzählen Sie mir etwas; ich will die Augen zumachen und hören, wie Sie sprechen, oder von Ihnen träumen. Gestern Nacht träumt' ich von Ihnen, Sie saßen und schrieben, ich fragte Sie mehrmals ob Sie denn wüßten, wie es zusammen hing, daß die Drosten früher von Tekenbroch sich genannt? Ob Sie wohl was von Hermann Manenschien wüßten? . . Sie sagten nichts und schrieben weiter, hinter zwei Wachskerzen wie die weiße Frau. Mütterchen, lieb Mütterchen, ich habe gewiß im Schlafe Sie gesehen und bin magnetisch bei Ihnen gewesen, wie Sie an mich geschrieben haben. Bekomme ich morgen das? Gottes Segen über Sie, mein armes geplagtes Mütterchen.


Sonnabend Morgen.

Guten Morgen, lieb Mütterchen, wie haben Sie geschlafen? Wunderbar, daß man immer in seinen Fragen banal wird, wenn man Jemand recht lieb hat. Wie geht's Ihnen? dieser gemeinste aller Gemeinplätze ist meine reichste Gefühlsäußerung, die Sie, glaub ich, je von mir gehört haben, ohne es vielleicht zu wissen.

Mir geht's gut; ich hoffe, ich bekomme heute einen Brief von Ihnen, ein paar Zeilen, mehr haben Sie gewiß nicht schreiben können. Vorigen Samstag war ich erschreckt förmlich, daß Sie nicht etwas wenigstens geschrieben: der Brief kam Sonntags.

Ich habe mich frisch und wohl an's Tageslicht gemacht: denken Sie, ich schlafe jetzt wie ein Einsiedler auf einem Strohsack, als Remplaçant für nicht zu habende Matrazen. Das muß ich meinem Mütterchen deshalb erzählen, weil ich denke, wie das meine Mutter freute, wenn ich es ihr erzählen könnte. Die hätte so gern mich auf dem kühlen Roßhaar früher gebettet, weil ich immer ein etwas schwächlich und zart Gebäude war, konnte mich aber nicht dazu bringen, weil es sich in den weichen Federn so hübsch bis in den hellen Morgen tief hinein schlief – bis sie mir endlich eine Vogelflinte, prächtig und kostbar gearbeitet mit allen möglichen modernsten Zierrathen und Percussionsschloß von unsrem Dorfvulkan, dem tausendkünstelnden Meister, dafür versprach.

Ich weiß noch lebhaft, wie ich ihr meine Verse – die sonst Niemand zu sehen bekommen hätte, für die ganze Welt nicht – zeigte, und wie sie eines Abends, indem ihre kleine zarte Figur sich auf meine Schulter stützte und mit mir die lange Allee nach dem Dorfe hinabwandelte, sagte, wenn ich nun nächstens wieder solch eine mittelmäßige Charade machte und mich anstrengte, sie noch besser zu machen, dann sollte sie in den Merkur geschickt werden. Ich hatte eine merkwürdige Freude darüber, denn daß meine Verse in dies so höchst gediegene und geistreiche Blatt kommen sollten, wo die ihrigen standen, mein Gott, welche Ehre, an die ich nicht im Traume gedacht. Merkwürdig war ihre Art, mich zu ermuntern, ohne je zu loben. Das that sie nie, dafür mußte ich bei jeder passenden Gelegenheit hören, wie häßlich ich armer Teufel sei, daß ich oft seelenbetrübt wurde. Zum Troste hieß es dann, das schadete einem Mann nicht, wenn der nur edler Haltung und gelehrt sei. Ich rangirte nun danach alle Gesichter in zwei Categorien; die mir im Habitus ähnlichen waren häßlich, die ganz verschiedenen, ovalen, mit einer Habichtnase versehenen, schön – und kam nur mit meiner Ansicht in's Gedränge, als einmal behauptet wurde, der Gilou sei ein so hübscher Bursche (ein belgischer Lakai); den hatte ich schon längst von der Natur so stiefmütterlich behandelt erklärt, wie gewisse andre Leute. Die Großen fragten mich kleinen Kerl aber doch immer, ob Einer hübsch oder häßlich sei, wenn die seltne Rede darauf kam; ich mußte auch immer Stahlen aussuchen helfen. Hatte dann Einer ein regelmäßiges Gesicht, das Geist aussprach, und ungewöhnliche Züge, so war er schön; Sie hätte ich für die dame souveraine de la beauté erklärt. Meine gute arme Mutter! Ich wollte, sie lebte noch, wir wohnten zusammen, und ich hätte sie durch meine Feder zu ernähren! Dann wollt' ich einmal mit Lust arbeiten – Sie, mein lieb Mütterchen, bekämen gewiß so lange Briefe voll unsinnigen Geplauders nicht – sie sollte erst Alles durchsehen, und ich hätte dann auch nie etwas geschrieben, was Ihnen nicht recht gewesen wäre. Dann kämen Sie mal oft hierher und besuchten uns, nicht wahr? Und wie freute meine Mutter sich, daß Sie mich auch lieb hätten –

S.

An der Stelle wo Gutzkow's Brief liegt, steht etwas über Adele Schopenhauer,Freundin Annettens, geb. 1797, Tochter der Schriftstellerin Johanna Schopenhauer, Schwester des berühmten Philosophen. In Weimar aufgewachsen, hatte sie im Hause Goethes, der sie früh zu sich heranzog, viel verkehrt. Sie war sehr begabt und versuchte sich in spätern Jahren auch als Schriftstellerin. Sie starb zu Bonn am 25. August 1849. was Sie interessiren dürfte.

Schreiben Sie mir Ihr Urtheil über mein Westphalenheft.

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