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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 29
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Augsburg den 2ten November 1843.

Ich habe bis jetzt aufgeschoben, Ihnen zu schreiben, liebes Mütterchen, aus allerlei Gründen, die ich hier unangedeutet lasse. Nun aber – nachdem ich so lange nichts von Ihnen gehört, drängt mich's, Sie recht von Herzen um einige Zeilen zu bitten, wie es Ihnen geht?

Was mich betrifft, mir geht's gut, wie es nicht anders kann! Ich bin ganz glücklich und so gesund und wohl wie seit Jahren nicht mehr; wenn mich etwas drückt, so ist's nichts anders, als nicht zu wissen, was Sie machen, und ob Sie noch mein gut Mütterchen sind? Gelt, ja? Sie verlassen Ihren Jungen nicht, der Sie so lieb hat! Wie oft sprach ich nicht von Ihnen, es vergeht kein Tag – und wenn ich's nicht noch mehr thue, so ist es nur die Furcht, daß man mir doch nicht glaubt, wenn ich so voll von Ihnen bin, bis Sie mal siegreich Ihre Gedichte losgelassen haben.

Seit ich Ihnen zuletzt schrieb, hab' ich folgendes gethan und erlebt:

Zuerst eine Tour nach Frankfurt mit meiner Braut und ihrer Cousine. Den wunderbar schönen »Huß in Constanz« von Lessing gesehen. Gutzkow bat ich zu uns zu Tisch . . . . . . . . . . . . . .

Mit dem Warten auf eine Resolution von Cassel wards mir endlich zu lange. Von Augsburg wurde ich gedrängt, und so entschlossen wir uns, diesem provisorischen Verweilen in Darmstadt, wo ich zu nichts kam, ein Ende zu machen, zu heirathen und abzureisen. Meine nöthigen Papiere dazu kamen an, und so ließen wir uns denn am 7ten Oktober Mittags um ein Uhr trauen, in der katholischen Kirche durch den Oberschulrath Lüft, der eine treffliche Rede dabei hielt. Meine Zeugen waren zwei Vettern Louisens, ein Kammerherr v. Gall und ein Hofgerichtsanwalt Sues; eine Menge Leute waren in der Kirche, der preußische Gesandte und seine Frau »und andre Excellenzen«, von der Litteratur Duller und Frau, Justizrath Buchner und Professor Felsing. Vor Allem war Buchner über die Maßen gerührt.

Meine Braut sah, kann man sagen, ideal schön aus, in einfachem Kleide von ostindischem Musselin und weißem Atlas darunter, den reichen Myrthenkranz à la Ceres. Nach der Trauung – das Ganze erfüllte mich mit einer douce émotion, einer sehr angenehmen Aufgeregtheit, und ich sage seitdem, es thut mir leid, daß ich mich nicht noch mal trauen lassen kann – gab uns der Oberstjägermeister, der Guteste, bei dem ich auch die Zeit in Darmstadt zwar nicht logirte, aber doch den ganzen Tag zubrachte, ein kleines Diner, und danach reisten wir fort. Die drei nächsten Tage brachten wir bei Justinus Kerner zu, wo auch Geibel war.

Dieser Brief ist angefangen am Todestage meiner Mutter, wo ich zuerst wieder mit meinem Mütterchen sprechen wollte; ich wußte, an dem Tage wär's ihr am liebsten, daß ich ihr nach langer Pause wieder schrieb – an mein Mütterchen, das mir selber so lieb und heilig ist wie das Andenken an meine Mutter! Seitdem bin ich abgehalten weiter zu schreiben; hier herrscht ein Typhus, an dem zwei Redacteure erkrankt sind, und da habe ich nun eintreten müssen, gehe Morgens bei Zeiten fort und komme oft erst gegen drei Uhr wieder. Abends giebts Schreibereien zu Haus, oder Kolb ist zum Thee bei uns. Ich habe Großbrittanien und fange allmorgendlich mit den Riesenspalten der Times an.

Um diesen Brief zu Ende zu bringen, erzähle ich kurz weiter. Von Weinsberg über Ellwangen und Nördlingen hierher. Äußerst freundlich aufgenommen. Kolb, der Redacteur en chef, der eine Art litterarischer König hier ist, ist fast täglich bei uns. Ebenso Binzers. Sie, die Binzer, ist eine Art Bornstedt, gemildert, liebenswürdiger, weil ruhiger. Ein sehr interessanter Hausfreund ist der Oberstleutnant v. Hailbronner, Verfasser von Morgen- und Abendland; er lügt zwar viel, ist aber im höchsten Grade unterhaltend.

Dieser Tage habe ich endlich die Dombausteine mit meinem Roman: Das Stiftsfräulein erhalten. Leider hat Lewald die davor stehende Dedication an Ihre gute, verehrte Schwester fortgelassen. Das muß mich gegen diese in ein falsches Licht setzen; bitte, sagen Sie es ihr; als ich sie darum fragte, wollte ich das Buch noch für sich allein drucken lassen. Die Geschichte macht sich gut. Was machen aber Ihre Gedichte? Zaudern Sie doch nicht länger, liebes Mütterchen!!! –

Junkmann hat ja auch seine zweite Auflage gegeben. Wenn er sie mir doch schickte!

Ich habe neulich von Herrn v. Laßberg einen Brief bekommen, der mich außerordentlich gefreut hat; danken Sie ihm doch auf's Herzlichste dafür – vergeßt mich auf der Meersburg nicht! Ich denke so viel an den Kreis dort!

Meine Chiffre in der Allgemeinen Zeitung ist S. vor dem ersten Wort jedes Aufsatzes. Dieser Tage – übermorgen – erscheint einer über einen Aufsatz der Revue des deux mondes, den Sie lesen müssen. Ich war sehr geneigt, den französischen Kritiker glimpflich zu behandeln, weil er mich mit Simrock zu den hoffnungsvollen Poeten Deutschlands rechnet.

Will mein Mütterchen die Dombausteine lesen, so schicke ich sie ihr. Ich habe sie nicht beigelegt, weil Manches darin, was sie unangenehm berühren könnte. Tausend Grüße von

Ihrem treuen Jungen.

Mit Cotta hab' ich noch keinen Contract abgeschlossen; er kommt dazu nächstens hierher. – Das Morgenblatt bringt dieser Tage ein Gedicht von mir: Ludwig vor Augsburg.

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