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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 24
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Münster, den 24sten April 1843.

Es ist mir sehr drückend gewesen, Ihnen, liebes Kind, so lange nicht schreiben zu können; aber ich bin seit zwei Monaten sehr krank, – im März höchst elend, so daß ich jeden Tag zu sterben glaubte; man hat mich hierher gebracht, um immer unter den Augen des Arztes zu sein, und jetzt ist es seit zehn Tagen bedeutend besser. Was mir fehlt? Ich habe es für Schwindsucht gehalten; es sollen aber nur innere Nervenkrämpfe sein, und jetzt scheint es auch so, da ich mich so plötzlich und rasch bessere und bei Weitem weder so kraftlos noch mager geworden bin, wie zwei Monate unausgesetzten Leidens ohne Nachtruhe und fast ohne Nahrung dies voraussetzen ließen. Noch am Tage vor der glücklichen Wendung konnte ich vor Schwäche das Glas mit Haferschleim kaum halten, und am folgenden Morgen, nach ein paar Stunden gesunden Schlafes und mit einigem Appetite genommener Bouillon und Semmel, bin ich auf Wunsch des Arztes gleich in die – sehr warme – Luft gegangen, und zwar fast eine halbe Stunde weit, ohne sonderliche Anstrengung, was außer dem Arzte Allen ein halbes Wunder schien, und mir am Meisten. Ganz so gut hat sichs nun zwar nicht gehalten; ich bekomme fortwährend Rückfälle, die aber nur Stunden währen, und die ich im Vergleich mit dem Früheren kaum beachte. Gesund bin ich noch lange, lange nicht, – huste noch sehr, habe immer Halsweh, jeden Abend noch Fiebermahnungen, und mit Schlaf und Appetit gehts auch nicht über das Notdürftigste hinaus; dennoch fühle ich mich gegen früher wie im Himmel und sehe an der unverhohlenen Freude des Arztes, daß ich wirklich auf entschiedener Besserung bin. In Rüschhaus hätte ich mich nie erholt; denn unser armes Mariechen wird sterben, an Skropheln in der Lunge, die jetzt ausbrechen, und da das gute Ding, die, wie alle wirklich Schwindsüchtigen, nicht im geringsten apprehensiv ist, sich nicht abhalten ließ, sich täglich einigemal zu mir herauf zu quälen, um mich mit der Ähnlichkeit unsrer Zustände zu trösten, so können Sie denken, wie dies auf mich wirkte. Menschen mochte ich gar nicht sehn außer Wenigen, und diese grade konnte ich nicht haben: Junkmann war nicht da, Schlüters kamen nicht, und auch mein bester Trost, meine liebste Elise, konnte nicht kommen, da sie selbst in großer Noth steckte mit dem Tantchen, die schwer bei ihr erkrankt war und sie kaum eine Stunde von sich lassen mochte. Das ging mir denn auch sehr nah; hatte ich keine Nachrichten, so war ich voll Unruhe, und die ich bekam, konnten mich leider selten trösten. Hier hat mich nun freilich in dieser Beziehung ein harter Schlag erwartet; während ich dieses schreibe, wird der Körper, den eine so reine, milde Seele bewohnt hat, der Erde wiedergegeben; am Freitag Abend um Neun hat sie vollendet, an der Wassersucht und zuletzt hinzugetretenem Lungenschlage; Elise ist überaus betrübt, aber gefaßt. Zum Glück sind vorgestern ihre beiden Eltern angekommen; ich hoffe, die jetzt eintretende Ruhe nach so langer Körperanstrengung wird ihr bei allem Schmerze doch wohl thun und schlimme Folgen für ihre Gesundheit verhindern; auch giebt ihr der Arzt nervenstärkende und calmirende Mittel, um dem vorzubeugen. Ich bin sehr froh, grade jetzt hier zu sein. Nanny Scheibler und Louise Delius haben sich Elisen in dieser Prüfungszeit sehr treu bewährt, sind ihr fortwährend zu Trost und Hülfe zur Hand gewesen, und ihr Freundschaftsverhältniß ist natürlich dadurch noch um Vieles inniger geworden, was mir überaus lieb ist. Daß ich zu ihrer Aufrichtung thun werde, was meine armseligen Kräfte gestatten, und vielleicht noch etwas drüber, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Elise ist mein zweites Ich. Lieber Levin, Sie werden sich natürlich jetzt sehr geneigt fühlen, Elisen zu schreiben; thun Sie es nicht, ich bitte dringend darum; sie erwartet es nicht, wie sie mir selbst gesagt hat, da sie ja eben einen Brief von Ihnen erhalten, und Ruhe, Ruhe, – Entfernung jeder Nervenaufregung ist ihr jetzt das einzig aber streng Nöthige. Ich habe ihr immer, wie Sie es ja selbst wünschten, Ihre Briefe an mich mitgetheilt; kein inniges oder ehrendes Wort, deren allzeit ja so viele für sie darin verstreut waren, ist je verloren gegangen, und wo die Ausdrücke schwankend waren, ist Ihr Mütterchen ehrlich genug gewesen, nach all der Wärme, aus der sie sie hervor gegangen wußte, auszulegen und aus unsern Meersburger Gesprächen zu ergänzen. So ist Elise immer Ihrer allertiefsten Anhänglichkeit gewiß gewesen; aber es ist besser, sie trägt diese Überzeugung ruhig und wohlthuend in ihrem Innern, als daß sie durch Briefe aufgeregt wird, jetzt, wo wir Alle uns nur absorgen, sie im möglichst ruhigen Gleise zu erhalten, damit ihre nach so langem Wachen und Sorgen unvermeidliche Nervenreizbarkeit sich nicht als Nervenschwäche festsetzt. Zum Überfluß habe ich Elisen noch gesagt, daß ich Sie dringend bitten würde, ihr vorläufig nicht zu schreiben, und sie ist ganz mit mir einverstanden gewesen, so wie sie sich überhaupt jetzt vor jedem etwas ungewöhnlichen Briefe fürchtet, weil sie weiß, wie schlecht er ihr bekömmt. Legen Sie ihr dieses ja nicht als Mangel an Theilnahme aus; Elise ist Ihnen mit so warmer und inniger Freundschaft zugethan, daß Ihr Mütterchen sich hierin nicht mal den Platz über sie anzumaßen wagt. Sie hat meine Sorge getheilt, daß in jenem Sodoma und Gomorrha irgend eine ränkevolle Person unter erborgter Tugendglorie Eingang in Ihre arglose Theilnahme finden und Sie betrügen möchte, – ein Gedanke, der Ihnen, der Sie Jede einzeln kennen und verachten, vielleicht empörend scheint; Sie müssen aber bedenken, daß wir, so lange die Fürstin lebte, uns doch auch einen anständigen Kreis, wenigstens von Besuchenden, um diese ehrenhafte Frau denken mußten, und doch schien uns – eigentlich recht weiblich inconsequent –, in einem solchen Hause könne Alles nur Lug und Trug und zu Ihrem Verderben sein. Elise hat auch zuerst Ihnen die Gall bestimmt und die Andeutungen eines steigenden Interesses in Ihren Briefen mit der wärmsten Theilnahme verfolgt; Ihr endliches bestimmtes Aussprechen dieses Verhältnisses ist uns Beiden zu gleicher Beruhigung und Freude gewesen. Ich war schon krank, meinte aber doch zur gewöhnlichen Zeit antworten zu können, und Elise schickte mir in der warmen Theilnahme ihres Herzens ein Briefchen zum Einschluß; ich wurde aber von Tag zu Tag elender, – konnte nicht mal die empfangenen Briefe ohne Verschlimmerung lesen, um so weniger selbst welche schreiben. Ach, Levin, ich habe schrecklich ausgestanden und oft gemeint, es ging über meine Kräfte; auch jetzt schreibe ich schon den dritten Tag über diesen paar Zeilen, aber es geht doch, und mir wird nicht schlimmer darnach.

Liebes Kind, wie ich diesen Brief anfing, glaubte ich Elisens freilich etwas alt gewordene Zuschrift vor mir in der Lade zu haben und entdecke nun mit Schrecken, daß ich ein anderes gleich geformtes Briefchen an mich selbst dafür mitgenommen. Was ist zu machen! Den Schlüssel zu meinem Schreibtische kann ich unmöglich hergeben; Sie müssen sich gedulden, bis ich wieder in Rüschhaus bin, wo ich Ihnen das Blatt jedenfalls schicken werde, wenn es auch steinalt geworden ist. Elise, der ich meine Noth geklagt, sagt, ich möge Ihnen schreiben, der Hauptinhalt sei gewesen, daß sie Ihnen ihre Freude über jene nach ihrer Ansicht sehr passende Wahl ausgedrückt und Sie angetrieben, die Gall jetzt möglichst bald persönlich kennen zu lernen; das Übrige seien Tagesneuigkeiten gewesen, z. B. daß Hutterus sein drittes Examen glänzend bestanden, auch schon etwas von der Tante Krankheit und einige Bornstedtiana. Genug, Sie sollen den Zeddel haben! Es ist Elisen sehr leid, daß Sie ihn nicht erhalten, um so mehr, da sie in ihrer jetzigen Lage an Beantwortung Ihres letzten Briefes vorläufig gar nicht denken kann und mir deshalb die gewünschten Journale, die schon lange für Sie bereit lagen, nebst den freundlichsten Grüßen zur Besorgung an Sie überschickt hat; sie sind unter Kreuzband und werden hoffentlich mit diesen Zeilen zugleich ankommen.

Der Fraling ist aber doch unter aller Kritik; namentlich was den Stil betrifft, steht er doch Gottlob einzig in der neueren Litteratur. – Marggraf hat eine Sammlung politischer Lieder herausgegeben und meine »Warnung an die Weltverbesserer« darin aufgenommen; so muß ich armes loyales Aristocratenblut da zwischen Herwegh, Hoffmann von Fallersleben &c. paradiren. Freiligrath und Geibel sind aber auch darin, so giebts doch noch gute Gesellschaft. – Der Redacteur des Feuilletons der Cölner Zeitung, Püttmann, trägt Elisen bei Gelegenheit der Uebersendung einiges Honorars die Bitte vor, daß, da sie mich vielleicht persönlich kenne, sie doch suchen möge, mich zu seinen Gunsten dem Morgenblatt abwendig zu machen, und zählt, um mich zu reizen, seine neuen berühmten Mitarbeiter her: Freiligrath, Geibel, Gutzkow, König, Marggraf &c. Ich kann jetzt wohl daran denken, ins Cölner Feuilleton zu schreiben; hätte ich nur die Abschrift für Cotta fertig! Doch das macht sich jetzt vielleicht sehr gut; neben meiner Thür (Zimmerthür) wohnt ein armer Theolog, Markus, der gewiß den Verdienst gern vorlieb nimmt, und wo ich die Bequemlichkeit habe, unter seinen freien Stunden täglich die mir passendste zu wählen, da ich nur an seine Thür pochen darf. Wer hätte gedacht, daß von dem Dichten und Abschreiben das Letztere die größten Schwierigkeiten machen würde! – Denken Sie, Junkmann und Schlüter spannen alle Stricke an, mich zu bereden, Hüffern auch diese zweite Auslage zu geben; »ich solle nur dreist 500 Thaler fordern, – Hüffer werde sie geben, – aber nicht diesen Verdienst einem Fremden zukommen lassen.« Die guten Leute radotiren, zuerst wenn sie meinen, Hüffer werde es verstehn, den möglichen Vortheil heraus zu schlagen, und dann, ich werde dümmer sein wie der Esel, der sich doch nicht zweimal an demselben Steine stößt.

Von der Bornstedt wissen wir nur, daß es ihr wahrscheinlich kläglich geht. Ihre Briefe von Paris waren brillant; sie paradirte in der haute volée in von der Gräfin geborgter Garderobe, rothem Sammt und Brillanten, badete sich in Eau de Cologne und gab sich selbst als von den ersten litterarischen Notabilitäten auf Händen getragen an. Balzac habe behauptet, nachdem er ihren Ludgerus gelesen, die Westphalen müßten doch ein greulich dummes Volk sein, daß sie einen solchen Schatz nicht anzuerkennen gewußt &c. Mit einem Male wurde sie mäuschenstill, und von Arnsberg, wo eine Schwester der Gräfin Bocarmé wohnt, kam die Nachricht, daß diese sich gänzlich mit ihr überworfen und sie ohne Weiteres vor die Thür gesetzt habe; was sie nun anfängt, weiß Gott.

Von hier läßt sich sonst durchaus nichts Neues schreiben: Junkmann, Schlüters, Carvacchi, die Lombard, Alles im alten Train, ohne die kleinste Variante. – Der Präsident Scheffer ist gestorben und hat, außer 80 000 Thalern Legaten, seiner Wittwe 200 000 Thaler zu freier Disposition hinterlassen. – Junkmanns Ferien sind gestern zu Ende gegangen; ich habe ihn wohlaussehend und heiter gefunden, obwohl seine Stellung sich noch ganz anders verbessern muß, ehe er an sein Thereschen denken darf. – Lutterbeck ist noch hier und recht zufrieden mit seiner neuen Stellung.

Lieb Herz, ich bin sehr, sehr müde und angegriffen, meine Kräfte sind total zu Ende, und ich habe das Wichtigste kaum noch berührt; es geht mir wie Einem, der sein Testament zu lange verschoben hat und sich nun quält, daß er es nicht mehr machen kann, – nur zwei Worte: suchen Sie die Gall persönlich kennen zu lernen, ehe Sie sich zu weit mit ihr einlassen; und dann heurathen Sie nicht ohne ein festes, wenn auch bescheidenes Einkommen Ihrerseits; unter diesen beiden Bedingungen haben Sie den vollständigsten Segen derjenigen, die mit aller Liebe und Treue einer Mutter für Sie fühlen wird, so lange noch eine Athemzug in ihr ist. Adieu, schreiben Sie bald und adressiren Ihre Briefe nach wie vor nach Rüschhaus; die Bückersche bringt sie mir gleich von Damms hieher. Adieu, Adieu, Gott segne mein Kind.

Bitte, inhibiren Sie doch den Druck des Westphalens; ich fühle mich gänzlich außer Stand, den Verdruß zu tragen, den es mir unfehlbar bereiten würde. – Trauen Sie meinem Gesundheitsbericht nicht recht und wünschten auch von Anderen darüber zu hören, so schreiben Sie an Schlüter; er und Thereschen kommen fast täglich zu mir und würden gewiß eine dringende Aufforderung sogleich beantworten. Sie können denken, wie ich gespannt auf Ihren nächsten Brief bin. – Ich kann kaum erwarten zu hören, wie es mit Ihnen und Ihrem Fürsten abgelaufen. – Die Gedichte der Michels sind abgeschickt.

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