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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 21
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Rüschhaus den 15ten November 1842.

Ich komme soeben von Münster, wo ich mich einige Tage bei meinen Freunden habe sehn lassen, damit sie nicht denken, ich sei gar todt und begraben, und sehe nun mit Schrecken, daß mir derweil der fünfzehnte heimtückisch über den Hals gekommen ist. Sie werden deshalb dieses Mal meinen Brief einige Tage später erhalten, was mir schon ganz recht ist; warum? Das will ich Ihnen nachher sagen. Also: guten Morgen, mein liebstes Kind! si vales, bene est, ego valeo; Gottlob daß wir uns Beide so glücklich durchgebissen haben, aber Unkraut vergeht nicht. Von unsern Lieben in Münster kann ich leider nicht ganz dasselbe sagen; Alles hustet, halsweht, katarrht, auch in Hülshoff sind nicht weniger als vier Kinder unwohl, eins sogar ernstlich an einem gastrischen Fieber; in den Kirchen überwältigt das Nießen, Schneuzen und Räuspern sogar die falschen Orgeltöne, – also doch ein Gutes beim Uebel – kurz: ich allein bin gesund, Mama klagt über Schwindel und Herzklopfen, drei unsrer Leute haben sich in dieser Woche die diversesten Zähne ausziehn lassen, und zwar von der Schmiedstochter, einer so hübschen Amazone, daß ein zweiter Ulrich von Lichtenstein wahrscheinlich sein ganzes Gebiß geopfert hätte »Um einen Blick, ein süß Berühren dieser selgen Frauen«. Was sagen Sie dazu, – kriegen Sie nicht selbst Lust auf Ihrem Schimmelchen herzutrotten, um Ihre Kinnlade zu präsentiren? Bei Schlüters fand ich auch Alles im herrschenden Stile; Thereschen, mit einer dicken Halsbinde, sah aus wie ein artiges Fahnenjünkerchen; mein lieber Professor, den ich übrigens sehr wohlaussehend und fast schön fand, klagte, daß seine Körperdürre sich auf den Geist geworfen habe und alle Welt ihn langweile, er selbst sich am Allermeisten. Zum Glück war in seiner Unterhaltung nichts davon zu spüren, vielmehr zeigte er Interesse für Dinge, die ich längst bei Seite geschoben glaubte, z. B. seine Mineralien &c.; auch begönnert die gute treue Seele, die sich an jedem unerwarteten Geistesfunken ihrer Freunde so kindlich freut, wieder ein paar miserable Heckenpoeten, – ein namenloses Fräulein, deren noch ungedruckte Gedichte wie Spülwasser schmecken, und einen gewissen Lappe – den Namen mit der That –, der sich Gottdank nur in einem kleinen Bändchen blamirt hat, wo unter andern die Ode des Horaz Integer vitae und eine des Anakreon in plattdeutscher Übersetzung vorkommen, – der Gipfel des monströs Lächerlichen!

Ich habe die ganze Zeit bei Elisen logirt, die auch katarrhös unwohl war und über Magenschmerzen klagte. Die grenzenlose Verwirrung der Düringschen Angelegenheit und die vielen fatalen Briefe, die sie fortwährend darüber erhält, wo der Concurs immer von Neuem an die Thür gepocht hat und wieder auf einige Wochen abgeschoben ist, lassen sie gar nicht aus der Sorge kommen, da die Kinder ihr jetzt fast am Herzen liegen wie eigne. Ich wollte, das Unvermeidliche wäre erst geschehn, Düring wieder wohlbestallter Lieutenant, die Kinder bei der Rüdiger, mit der Aussicht auf das großelterliche Erbe; denn diese Lage zwischen Hängen und Würgen ist schlimmer als Alles was kommen kann. Wir haben eine sehr liebe Zeit zusammen verlebt; Tante Ittchen war noch nicht da, und ich kroch derweil in ihr Bette, vor das sich Elise dann jeden Abend setzte, wo uns unter Ernst und Lachen oft die Mitternacht über den Hals kam, ehe wir es dachten; ich denke recht bald wieder hin zu gehen; es sollte mich wundern, wenn einem gewissen kleinen Pferdchen die Ohren nicht fleißig geklungen hätten, besonders, obwohl wider Verdienst, das rechte. Einen Brief erwartet Elise eigentlich nicht von Ihnen, da sie die an mich geschriebenen als für uns Beide bestimmt ansieht, doch würde er sie gewiß sehr freuen. Die Ausführlichkeit des letzten an mich hat ihr sehr wohl gefallen, und sie hat es mir in Rechnung gebracht, durch ihre Mercuriale so viel dazu beigetragen zu haben. Ja wohl ist sie seelengut; ich weiß sonst Niemanden, der so durch und durch gut und mild wäre, außer etwa Schlüter, und ich glaube auch nie eine Freundin so, ohne Schwärmerei, herzlich und wie mein eignes Blut geliebt zu haben; und von ihr glaube ich das Gleiche zu empfangen. Sie freut sich an jedem meiner kleinen Triumphe dreimal mehr, als wäre er ihr selbst zu Theil geworden, sammelt alle einzelnen Lobsprüche wie Kleinode, schrieb mir sogleich ein Stück Briefes ihrer Mutter ab, worin diese meine Judenbuche hochstellt &c. Gott gebe, daß sie nur immer in Münster bleibt, ich würde sie sehr schwer vermissen. Louise Delius brachte ein paar Abende mit uns zu; sie ist doch ein gutes und auch gescheutes Persönchen, das nur ganz in Andern lebt, und somit auch le bois dont on fait les anges. Nanny Scheibler mußte zweimal absagen, weil ihr Vater ernstlich krank geworden ist, an der Brustentzündung, die ihn jedes Jahr befällt und jedesmal auf gefährliche Weise; er war, als ich fortging, etwas besser, und es thut mir leid, Sie für heute so gleichsam in der Crisis von ihm scheiden zu lassen, da er Ihnen wahrscheinlich bekannt und lieb ist. Schnittger war einen Abend bei der Rüdiger, aber so steif und verlegen, daß er sich völlig ausnahm wie ein anderer Mensch und sich nicht ein einziges Mal in die Seite griff; es war Schade darum, – ich hätte so gern, der Erinnerung halber, das Original zu Ihrer Copie gesehn!

Jetzt muß ich Ihnen sagen, daß Sie von meinem Onkel August leider keine Aushülfe bei Ihrer Arbeit erwarten können; es ist ihm aber selbst so leid, und die Verzögerung der Antwort so ohne seine Schuld, daß Sie ihm deshalb nicht zürnen dürfen. Mein Brief an ihn ist nämlich in Münster ohne mein Wissen in eine Hutschachtel gelegt worden, die auf der Stelle abgehn sollte, durch eine Verkettung von Umständen aber erst nach Wochen geöffnet ist, wo August dann am selben Tage geantwortet hat, »daß er zwar über die fraglichen Gegenstände wohl ein dickes Buch schreiben könne, bis jetzt aber noch keine Zeile darüber niedergeschrieben habe, außer was sich in seinen gedruckten Werken zerstreut finde; und jetzt, auf dem Lande, ohne Hülfsbücher, etwas irgend Gründliches darüber aufzusetzen fühle er sich mit dem besten Willen doch nicht im Stande; es thue ihm sehr leid, denn er würde sich Herrn Schücking sehr gern gefällig gezeigt haben, – Ich hoffe, das Ausfallen dieser Nachrichten giebt keine gar zu große Lücke, da Sie doch nur von »flüchtigem Berühren« sprachen. Rüdiger hat, wie ich höre, Einiges geliefert, und Junkmann Vieles; aber haben Sie nicht an Hüffer geschrieben? Der hätte gewiß recht Tüchtiges beigesteuert.

Von Meersburg haben wir neuerlich Nachrichten, aber wenig Erhebliches. Der alte Direktor Napholz ist gestorben, an dem letzten seiner zahllosen Schlaganfälle, sonst Alles beim Alten, nur das Kesselsche Institut täglich kümmerlicher und hoffnungsloser. Die alte Burg und der See fallen mir doch hundertmal ein, wenn ich die Regentropfen so an den trüben Scheiben niederrinnen sehe und denke, wie farbig, winterklar und poetisch dort Alles war; – wohl, wohl war es eine schöne Zeit! – und so Alles zusammen: die himmlische Gegend, die fast fabelhafte Burg, – und drinnen die »fruchtbringende Gesellschaft«, der alte Ritter, Sie und ich; – es waren die schönen Tage von Aranjuez; habe ich Ihnen nicht immer gesagt, Sie seien sich des traumartigen Glücks Ihrer Lage nicht halb bewußt?

Den 16ten. Gestern, als ich von Kopfweh überwältigt eben die Feder weggelegt hatte, kam Ihr Kistchen an. Mein altes, gutes Herz, wie haben Sie sich geplagt, das Alles zusammen zu bringen! Sie sind doch ein gar liebes kleines Pferdchen, – bloß klein, weil klein lieb ist, – und wie schön ist Alles, besonders die Münzen! Sie wissen vielleicht selbst nicht, daß eine ganz vortreffliche altgriechische darunter ist: die kleine grasgrüne; die übrigen sind römisch, alle so prächtig erhalten, und mehrere darunter von der größten Seltenheit; auch die neugriechischen Münzen sind mir sehr lieb, und fast noch mehr die Mineralien und Versteinerungen, weil mein gutes Kind sie theilweise mit seinen eignen guten Händen für mich herausgeklopft hat. Lieber Levin, Deine treue Sorge und Liebe thut Deinem Mütterchen sehr wohl; sie hat ja auch nur den einen Jungen, auf den sie Alles, was von Mutterliebe in ihr ist, concentriren muß. Gott segne Dich, mein Kind, Du weißt nicht, wie es mich rührt, daß Du so oft an mich gedacht und Deine Freude in der meinigen gefunden hast. Ich bin etwas mißtrauisch und gar nicht eitel, darum glaube ich immer, schnell vergessen zu sein.

Die beiden Bücher werde ich sofort besorgen, und Schlüter wird sich fast eben so sehr freuen wie Elise. Als ich ihm Ihren langen und herzlichen Gruß aus dem letzten Briefe vorlas, ging es wie Verklärung über sein armes Gesicht, und er sagte: Das thut mir recht im Innersten wohl. Sie haben hier einfache, aber treue Menschen zurück gelassen, Levin, – gründlich in ihrer Liebe wie in ihrem wenn auch etwas einseitigen Wissen.

Das niedliche Kistchen mit der allerdings sehr schönen und wohlfeilen Tuchnadel werde ich, nebst dem Briefe, jetzt mit dem Foulardtuche zusammen packen und nicht dazu schreiben, da mein Brief das fünfte Rad am Wagen sein würde, wo jetzt Alles in einem Male unter Ihrem Namen gehn kann.

Sie fragen nach der Bornstedt? Die ist hoffentlich für immer von unserm Horizonte verschwunden; ihr Flügel, Briefe, Bilder sind wohlverpackt fortgerumpelt, alles Übrige verkauft, und keine Seele hat darauf geboten, außer der Rüdiger und Schlüters, so daß ihr wohlbekanntes Schmachtkanapee für fünf Thaler fortgegangen ist, was mir doch leid thut. Wissen Sie schon, daß der bewußte Saumaige ganz anders heißt und ein ziemlich genauer Bekannter der Rüdiger ist? Ein uninteressanter, höchst roher Mensch, der zwei Frauen geprügelt, aber nicht die geringste Lust zur dritten hat. Die Rüdiger hatte diesen Argwohn schon ein paarmal gegen die Bornstedt ausgesprochen, die dann aber immer schnell geantwortet: Nein, nein, der Meinige heißt Saumaige! Jetzt, bei der Auction, hat seine Karte auf dem Boden gelegen, und, um jeden Zweifel zu heben, auf der Rückseite mit Bleistift jene fatale Aufkündigung: Il m'est de toute impossibilité etc.; was sagen Sie zu dieser Charlatanerie? Die gute Rüdiger war ganz betrübt nach der Auction, ganz ergriffen von dem völligen Ausscheiden eines so bekannten und stereotyp gewordenen Bildes; es war ihr fast wie Heimweh, und sie hätte eigentlich gern nach Luzern geschrieben; ein Besuch meines Bruders hat aber diese Gefühle – ich glaube für immer – todtgeschlagen. Er erzählte so viele thörichte und boshafte Streiche (mir bis dahin auch noch unbekannt), mit denen die Bornstedt seine und seiner Frauen Freundlichkeit vergolten: wie sie sie bei allen Leuten schlecht gemacht; wie sie, auf feine und grobe Weise, mich mit ihnen in Unfrieden zu bringen gesucht; wie sie die Gouvernante bei ihnen verschwärzt und anderseits dieser in den Ohren gelegen, »diese stupiden Leute zu verlassen, denen sie ja doch nur fatal wäre«, wobei sie ihre eignen boshaften Worte meiner Schwägerin in den Mund gelegt hat; wie sie endlich, und zwar am Begräbnißtage der kleinen Anna, nachdem sie den beiden trostlosen Eltern durch ein Benehmen, das an Verrücktheit grenzt, durch tolles Lachen, Umherhopsen, Händeklatschen und den immer wiederholten Schrei: »O glücklicher Tag! o schönster Tag im Leben! ein neuer Engel im Himmel!« fast das Herz gebrochen hatte; endlich, aus Depit über die geringe Wirkung ihrer Künste, erzählt hat, Sie hätten von Meersburg geschrieben, Sie stürben vor Langeweile bei den beiden alten, stumpfen Leuten; worauf ihr Werner geantwortet: »Gnädiges Fräulein, ich erinnere mich meiner eignen jungen Jahre noch hinlänglich, um zu wissen, wie einsam man sich dann ohne einen Umgang gleichen Alters fühlt; zudem ist mein Schwager etwas taub, meine Schwester von sehr wenigen Worten; wenn Herr Schücking also wirklich dergleichen Jemandem im Vertrauen geschrieben hat, so nenne ich das noch keine Beleidigung; wissen Sie aber, wie ich Ihr Benehmen nenne? Ohrenbläserei!« Worauf die Bornstedt sich in die Brust geworfen, gesagt, das thäten viele Leute, und eine lange Reihe angeführt hat, wo ich und die Rüdiger oben an gestanden. Mein Bruder hat ihr, noch immer gelassen, geantwortet: »Ich wollte als ganz junger Mensch einmal auf der Jagd etwas Widerrechtliches thun und führte das Beispiel eines guten Bekannten an; da sagte mir mein eigner Jäger, ein sehr ehrlicher Mann: ›Gnädiger Herr, wenn der Herr von . . . ins Wasser springt und sich ersäuft, müssen Sie es deswegen auch thun?‹ und das habe ich dem Manne nicht übel genommen, sondern ihn deshalb sein Leben lang in Ehren gehalten.« So hat ein Wort das andre gegeben, und das Ende vom Liede war, daß die Bornstedt mit dem würdevollen Anstande einer verkannten Seele heimgefahren ist. Welche Perfidie wohnt doch in dieser schwarzen Katze! Gott Lob und Dank, daß sie unsre gute westfälische Luft nicht mehr verpestet! Elise sagt mir, daß etwas ganz Anderes, nur schwach hiermit Verwandtes und keineswegs Beleidigendes in einem Briefe an sie gestanden, – ich wußte dieses schon; Werner hatte mir vor der Thür die Rüdiger genannt, was er nur in ihrer eignen Gegenwart aus Discretion nicht anführen mögen, – den sie mehreren Leuten vorgelesen, da er durchaus unverfänglich gewesen, und das gute Ding hat jetzt rechte Noth und Sehnsucht, mir den Brief zu zeigen, der in Tante Ittchens Händen ist. Die verläumderischen Briefe, über welche die Bornstedt klagt, haben sich übrigens jetzt als verläumderische Nachrichten herausgestellt und mögen ihren Grund haben, da Carvacchi, mit dem sie seit einem Jahre in offner Feindschaft lebte, binnen dieser Zeit in Luzern war. Doch genug von dieser Person, und Übles wollen wir ihr auch nicht wünschen, vielmehr, daß die schwere Strafruthe, die über ihrem Haupte hängt, nicht allzuhart niederfalle; denn ein solches Elend kann kaum Jemand verdienen. Ich glaube schwerlich, daß ihr in Luzern Aufklärung werden wird; wer will die Kastanien aus den Kohlen holen für eine wildfremde Person? Und die Verwandten denken sich ein großes Glück an dieser reichen Braut; wer soll da sprechen? Es dauert mich doch!

Von Adelen habe ich Antwort, eine höchst unerwartete: mein buchhändlerischer Verehrer ist – ein Schlagschatten, ein Doppelgänger, kurz, Velhagen und Klasing, der sich vor drei Jahren hinter Adelen steckte, wie jetzt hinter Nanny Scheibler. Adele schreibt: »Der Buchhändler, der vor ein paar Jahren O. L. B. Wolff in Leipzig traf und sprach, der so entschieden den Wunsch aussprach, Ihr Verleger zu werden, durch mich und Wolff sich Ihnen anbot, ist – eben Ihr Bielefelder. Der Mann hat wenigstens eine seltne Ausdauer. O. L. B. Wolff trägt mir auf, Ihnen zu sagen, der Mann sei redlich, die Firma solid und nicht unbedeutend; indessen seien sowohl Ihre Gedichte wie Ihre Novelle ›Die Judenbuche‹ mit so großem Beifalle aufgenommen worden, daß er Ihnen ganz entschieden rathe, Cotta den Verlag zu geben. Er bemerkt Ihnen als Sachkundiger, daß eine etwa abschlägige Antwort in einer rein kaufmännischen Angelegenheit Sie weder verletzen noch ärgern könne, da der Vortheil ja auf Seiten beider Kontrahenten sei; also möchten Sie doch vor Allem bei Cotta anfragen lassen; Sie seien jetzt schon ganz bekannt, höchst vorteilhaft erwähnt und recensirt; Honorar für Gedichte bekomme man schwer, doch möchten die Ihrigen wohl eine Ausnahme machen. Also, liebe Nette, frisch voran! Einzelne Ihrer Gedichte im Morgenblatt habe ich mit großer Freude gelesen, nicht alle, da ich viermal in Carlsbad war. Ihre Judenbuche ist überaus schön, Sie haben eine himmlische Wahrheit in Ihrer Darstellung; bloß etwas massenhafter gearbeitet wünschte ich die Geschichte, die Hauptmomente treten, dünkt mich, nicht scharf genug vor; die Details sind wunderbar wahr und schön gegeben. Ich in Ihrer Stelle, liebe Nette, würde vielleicht beide Bücher – die Gedichte und das prosaische ›Bei Uns zu Lande‹ &c. – zugleich herausgeben.« So weit Adele; was sagen Sie zu dem letzten Vorschlage, lieber Levin? Ich glaube, Adele hat Recht; Cotta würde denken, daß entweder das eine oder das andre der Bücher bestimmt reüssiren werde, und deshalb vielleicht beide gut honoriren. Aber in diesem Falle kann ich kaum unter Jahresfrist auftreten und dann doch nur mit dem ersten Bande des Prosaischen; wenigstens fürchte ich nicht weiter zu kommen, da es im Frühling wieder nach Abbenburg geht, und ein Buch, in einem fremden Hause geschrieben, schon alles Mögliche ist. Adele schreibt auch von Ihnen, mit vieler Liebe, und meint, unser Zusammenleben und Dichten in der alten Burg müsse etwas fabelhaft Schönes gewesen sein. Sie ist übrigens leider noch immer nicht geheilt, obwohl besser, und eben jetzt einer ärztlichen Consultation wegen in Bonn.

Den 17ten. Guten Tag, Levin; endlich ist angekommen, was meinen Brief jedenfalls einige Tage verzögern mußte. Vivat Sünte Kloos! Er hält seinen Umzug etwas früher wie gewöhnlich, wahrscheinlich des guten Frosts wegen, der seit gestern eingetreten ist; freut es Dich auch? Nicht wahr, der Ring ist hübsch gefaßt? Der Stein freilich etwas unbedeutend, aber gut zum Siegeln. »Toujours sincère« – das ist mein liebstes Kind gegen mich und wird es immer bleiben; wo sollte es sich besser hinwenden, ein Mutterherz ist nicht so leicht aus dem Aermel zu schütteln. Wahrscheinlich lege ich noch eins meiner beiden Exemplare des Ludgerus bei, werde mich aber erst erkundigen, ob nicht schon eines für Sie abgegangen ist: ein Rüthchen darf auch nicht fehlen, obwohl es immer kleiner wird, je größer die Kinder. Auf dem Teller vor mir blühn im Moose so prächtige Vergißmeinnicht, daß ich mich kaum enthalten kann, ein Paar mitzuschicken; aber sie würden doch nur als Stroh ankommen. Das sind aber nicht meine Künste alle; ich habe noch ganz niedliche Niedlichkeiten, die ich für eine andre Gelegenheit aufspare, – ich will zweimal Plaisir davon haben. Tragen Sie den Ring nicht immer; ich habe ihn zwar stark bestellt, aber solche Ringe sind immer mehr oder minder hohl, verbiegen und schaben sich ab, wo dann alle Schönheit und Freude herunter ist.

Nun noch zur Beantwortung einzelner Punkte Ihres Briefes. Brentanos Todtenamt von Freiligrath habe ich gelesen und jetzt auch das Gedicht im Immermanns Album; das Erstere finde ich wohl hübsch, das Zweite kaum; hier ist wirklich mitunter nur »gereimte Prosa«, und wenn ich das finde, die selbst so sehr nach dieser Seite neigt, so muß es wohl auffallend sein. Ich fürchte, Freiligraths Ader fängt an sich zu erschöpfen; auch das erste Gedicht hat mich mehr durch seine Pietät gerührt, als durch eigentliche Kraft oder Lieblichkeit erfreut; doch ist es noch immer besser, als was man so gewöhnlich sieht. Ihr Aufsatz über den Merlin ist desto schöner, und Adele meint »Meersburg mit all seiner feenhaften Romantik« herauszufühlen; andre Urtheile habe ich noch nicht gehört. Auch das überschickte Lied ist recht schön und mein junger Adler Gottlob wieder im frischesten Fluge. Einzelne Worte möchte ich wegwünschen, z. B. knirscht eine Saite nicht, wobei wir unwillkürlich an Zähne denken müssen; »schwirrend«, »klirrend« wäre besser; auch das »höh'r« statt »höher« macht sich etwas ungeschickt; ich glaube: »er reckt sich hoch empor«, »stolz empor«, »wild empor &c.« würde nichts verderben und viel besser ins Ohr fallen. Sonst wüßte ich nichts zu tadeln und bin seelenfroh, Ihren Pegasus wieder so stolz und lustig traben zu sehn. »Frisch auf, mein edler Zweig!« wie's im Minneliede heißt; lassen Sie die Lethargie nicht wieder über sich kommen, sie verdirbt Seele und Leib. Auf Ihren Strandroman bin ich unmaßen neugierig; der Stoff ist freilich schon zweimal bearbeitet, aber vor uralten Zeiten, wie der Teufel noch ein kleiner Junge war, und beide Male schlecht: von Kotzebue als eins seiner Legion kleiner Theaterpiecen »Das Strandrecht« und von einem – nescio – als Roman »Der Baron von Ungst«, den ich mit etwa dreizehn Jahren als schon veraltetes Buch las.

Aber was brauchen Sie sich mit allen Schriftstellerinnen anzulegen? Mein kleines Pferd schlägt mir über die Stränge! Die Michels noch in vollem Flor, und nun gar die Gall dazu! Elise hat Ihnen gleich eine der Beiden als Frau zugedacht; meinetwegen, ich gebe meinen edelmütigen Consens. Die Michels soll wohlhabend sein und viel interessanter, wie man sie uns anfangs geschildert; von der Gall wissen wir nichts, können sie uns also so reizend denken, wie wir wollen; wer weiß, ob sie nicht ein gebratener Engel ist!

Ich schrieb gern noch Vieles: über den Tod der Fürstin, Ihr seltsames Nachtgesicht, vor Allem über Ihren guten Vater, der mir sehr am Herzen liegt; aber ich darf kein neues Blatt anlegen, sonst kömmt der Brief gar nicht fort. Adieu, mein lieb Kind, meine beste Freude auf der Welt. Gott segne Dich.

Im Morgenblatte sind noch zwei meiner Gedichte erschienen: »Die Taxuswand« und »Junge Liebe«. – Die Judenbuche hat endlich auch hier das Eis gebrochen und meine sämmtlichen Gegner zum Übertritt bewogen, so daß ich des Andrängens fast keinen Rath weiß, und meine Mama anfängt, ganz stolz auf mich zu werden. – O tempora, o mores! Bin ich denn wirklich jetzt besser oder klüger wie vorher?

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