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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 20
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Rüschhaus den 10(?)ten October 1842.

Die bösen kurzen Tage sind jetzt gekommen, lieber Levin, und die noch schlimmere Heizungszeit, wo mein warmer Ofen – NB. nicht mehr der mit dem Loche, durch das man die Flamme so artig spielen sah, sondern ein ganz prosaischer, rund um zu, wie andre gemeine Öfen – mir jeden Augenblick Gäste bringt; so fange ich heute schon an, Ihnen zu schreiben, um durch alle Interruptionen, durch zahllose Stürme und Quarantainen diesen Brief doch sicher bis zum fünfzehnten in den Hafen der Poststube zu bringen. Wie es mir geht? Jetzt schon gut; ich habe mich wieder in's Clima eingeübt, qualifizire mich täglich mehr zur Schnellläuferin, gehe ganz bequem in einem Tage nach Hülshoff oder Münster und zurück und setze Alle außer Athem, die Schritt mit mir halten müssen. Qu'en dites-vous? Ich denke, die acht und achtzig Jahre, die Sie mir angewünscht haben, werden mir wirklich nach und nach auf den Rücken steigen. Was soll ich Ihnen von meiner Lebensweise sagen? Sie ist so einförmig, wie Sie sie kennen und sie mir grade zusagt: Rüschhaus in seiner bekannten melancholischen Freundlichkeit, im Garten die letzten Rosen, die mich immer rühren, wenn ich denke, wie ich sie Ihnen vor nun schon zwei Jahren beim Abschiede gab, als Sie Ihr Schultenamt niederlegten und ich nach Hülshoff zog, um den einen kleinen Ferdinand sterben und den andern geboren werden zu sehn. – Lieber Levin, unser Zusammenleben in Rüschhaus war die poetischeste und das in Meersburg gewiß die heimischeste und herzlichste Zeit unseres beiderseitigen Lebens, und die Welt kömmt mir seitdem gewaltig nüchtern vor.

Ich war, um das bewußte Packet zu holen, in Münster bei Ihrer Tante, die ich noch immer hübsch und sehr angenehm finde. Ich hoffte, bei dieser Gelegenheit Manches von Ihren Sachen, woran mir liebe Erinnerungen hängen, mal wieder vor Augen zu bekommen, Ihr Schreibzeug, Ihre Bücher, alle die kleinen Andenken von Ihrem Nippestische: aber wahrscheinlich war Alles in einer Plunderkammer aufgestapelt, denn die Tante setzte mich in den Kanapee und holte das Bezeichnete herbei. Ich that natürlich, als sei mir der Inhalt unbekannt, und als wünschten Sie nur Ihre wichtigsten Papiere an einem Ort, wo sie binnen den acht Jahren nicht durch Umziehn dem möglichen Verlust ausgesetzt wären; doch schien die Tante etwas pikirt und meinte, auf die Discretion Ihres Onkels könnten Sie sich sonst verlassen. Ich fand das natürlich ganz unzweifelhaft und machte nebenbei auf die guten festen Siegel aufmerksam, die eine derartige Sorge gar nicht zuließen. Sonst war die Tante sehr freundlich, fand mich Ihrer Mutter sehr ähnlich, bat, ich möge Sie der Zögerung Ihres Onkels wegen beruhigen, Alles geschehe in der größten Ordnung, nur etwas langsam; auch das geschickte Geld sei nach Ihrer Anweisung verwendet, und wir schieden mit dem ausgesprochenen Wunsch und Willen, uns öfter zu sehn. Sollte Ihnen dennoch ein pikirtes Wort zukommen, so, bitte, geben Sie mir kein Dementi; denn meine Kenntniß des Inhalts würde dann gleich viel Stoff zu Grübeleien geben, weil ich sie verläugnet habe.

Schlüters sind jetzt wieder in Münster, der arme Professor fast blinder als vorher und doch fortwährend in einer Kur, die ihn sehr angreift, ich glaube mit weniger eigner Hoffnung und mehr aus Gewissenhaftigkeit, um nichts versäumt zu haben. Wenn ich die Kraft sehe, mit der er seine Schmerzen und trübe Stimmung bewältigt, immer gleich heiter, geistig angeregt, theilnehmend bleibt, so kann ich mich zuweilen ordentlich ehrfurchtsvoll gegen ihn fühlen. Junkmann war zweimal hier, zu Anfang und Ende der Ferien; das erste Mal furchtbar verändert, stockmager, das ganze Gesicht eine Falte, und so nervös aufgeregt, daß mir ängstlich dabei wurde. Annchen und die Rüdiger waren mit ihm; sie sahen, wie es in ihm kochte, und ließen uns allein; da brach sogleich der Lavastrom los: Ob? wann? wie? und ich mußte ihm zum tausendsten Male wiederholen: Ja, ja, sie hat Sie lieb; ja, Sie bekommen sie, sobald die Umstände es zulassen! Ich war froh, als die Andern wieder hereinkamen, wo er dann umgänglich wurde und mich bat, meine Haidebilder vorzulesen, von denen er fürchtete, sie möchten auf seinem Acker schmarotzen, und sehr froh war, sie durchaus auf eigenem Boden zu finden. Das zweite Mal war er ein andrer Mensch, hatte wieder sein feines Jungferngesichtchen, seine schüchternen Augen, war theilnehmend und geistreich, überall höchst liebenswürdig, und versicherte, in diesen sechs Wochen jeden Morgen bis zwölf geschlafen zu haben, was ihn frisch wie eine neugehäutete Raupe gemacht. Es heißt jetzt in Münster, Thereschen habe sich dahin erklärt, ihn heurathen zu wollen, falls ihr Bruder geheilt werde, andern Falls aber diesen nie zu verlassen; ich glaube dieses nicht, Junkmann würde dann nicht so wohlgemuth sein, da er durchaus keine Hoffnung für Schlüter hat. Das Verhältniß ist übrigens jetzt allgemein bekannt, obwohl Schlüters meinen, außer Gott und ihnen wisse es nur ihr Beichtvater, und fast komisch vorsichtig sind. Auf Annchens Hochzeit z. B., die in der vorigen Woche stattfand, durfte Thereschen nicht erscheinen, um dem möglichen Argwohn vorzubeugen, und der Professor ging allein hin, obwohl außer mir, die auch geladen war, alle Freunde Junkmanns dort versammelt waren; auch die Rüdiger, die mir sagte, man habe allen Leuten die Verwunderung über Thereschens Abwesenheit sehr anmerken können, und der Pastor von Martini habe laut gerufen: »Aber wo bleibt denn Junkmanns Thereschen?« Sie habe sich erschrocken nach dem Professor umgesehn, der aber grade zur Thür hinausgewesen. Es war doch gut, daß Thereschen nicht da war; der fidele Pastor hätte vielleicht die Gesundheit des zweiten Brautpaars ausgebracht und die ganze Sache rückgängig gemacht; denn der Papa und Stoffer sind nur schwankend geworden, aber durchaus noch nicht zur bestimmten Anerkennung geneigt, und ein öffentliches Widersprechen hätte nothwendig Alles traurig beendigt. Man muß ihnen Ruhe lassen, dann macht sich Alles von selbst; das sage ich Junkmann hundertmal, er scheint es auch jedesmal zu begreifen und sündigt doch in der nächsten Stunde dagegen.

Die Rüdiger ist wohl; sie war gestern hier, und wir sprachen viel von Ihnen; Mama hat sie sehr lieb. Sie erzählte viel von Annchens Hochzeit, von Nanny Scheibler, mit der sie sich immer näher tritt, auch von Nanny Brockhausen, mit der sie zwar weniger eng, aber doch auch befreundet ist. Meine Liebe zu ihr und die Enge unsers Verhältnisses steigt fortwährend; sie hat mir ihr Bild zum Aufheben gegeben und ich ihr das meinige, so sind beide nöthigen Falls immer zur Hand, wenn Nachfrage darnach geschehn sollte, und zwar an einem ganz passenden Orte. Das gute Herz hätte jetzt wohl eine Stelle für Paulinchen, in Belgien, mit schönem Gehalte; aber Katholizismus und musikalische Fertigkeit und Kenntnisse sind streng geforderte Requisite, und die Rüdiger wird sich deshalb bei ihrer Tante erkundigen, wie es mit Letzterem steht, da eine Antwort von Ihnen zu spät kommen würde, weil schnelle Auskunst gefordert wird. Man scheint viel zu verlangen, eine Art Meisterschaft, und ich fürchte sehr, daß hieran die sonst sehr lockende Aussicht scheitert; deshalb wird die Rüdiger auch schwerlich der Sache gegen Sie erwähnen, aber gewiß ihr Möglichstes thun. Sie können überhaupt auf ihre unwandelbare Freundschaft und Sorge für immer und in jeder Beziehung rechnen, obwohl sie völlig im Klaren ist, so fest wie auf die meinige, deren Sie doch wohl hinlänglich versichert sind, und Ihre Lage, ob gut oder schlimm, geht und wird uns immer zu Herzen gehn wie die eigne.

Doch Sie suchen mit Ungeduld nach Auskunft über Ihre Bücher (die gekauften) und das Material zum Deutschland. Wenn dieser Brief den Ersteren und dem bis jetzt mobil gemachten Theile des Letzteren nicht beigeschlossen ist, so werden sie fast unmittelbar folgen. Rüdiger und Junkmann schicken, was sie haben; mit meinem Onkel August ists mir verkehrt gegangen: er ist in Abbenburg, und ich adressirte, da er oft abwesend ist, und die Briefe dann lange liegen, den meinigen an die Tante Sophie, die der Haushaltung wegen sonst nie fort kömmt, damit er ihm sogleich nöthigen Falls nachgeschickt würde; statt dessen ist er nun zu Hause, die Tante gegen alle Regel in Hannover, und mein Brief macht einen Fleischergang, muß aber doch jetzt längst angekommen sein. Deshalb hoffe ich, der Onkel schicke etwas, weil ich ihn gebeten, widrigen Falls auf der Stelle zu antworten, damit Sie andern Rath schaffen könnten; auch sonst hatte ich ihn zur Eil angetrieben, aber das Ordnen und vielleicht Abschreiben verlangt seine Zeit. Doch ist mein Brief vor mehr als drei Wochen abgegangen, und ich hoffe immer noch auf eine Sendung vor Abgang der Bücher; wo nicht, schicke ich sogleich nach, was mir zukömmt. Das Manuscript über Westphalen ist leider nur eine späte Übersetzung des Kerssenbrock, den Laßberg schon mehrfach, deutsch und lateinisch, gedruckt und handschriftlich besitzt; ihn kann es also nicht freuen, Ihnen aber vielleicht jetzt nützen, und die Rüdiger ist der Meinung, daß man es den übrigen Büchern beipacken solle, was wohl geschehn wird. An einem andern der Bücher, was eine Menge sehr roh vorgetragener Geschichtchen enthält, nahm die gute reine Seele großen Skandal und möchte es lieber gar nicht abschicken; viel verloren wäre nicht daran. Was ich Ihnen über die Bornstedt und meine Plane für sie geschrieben, scheint von selbst zu zerfallen; sie ist unsichtbar geworden, nicht in Herbern, wie Jedermann glaubte, auch nicht dort gewesen, sondern seit zwei Monaten total verschollen, so daß sie von Velhagens fataler Antwort, die mündlich durch Nanny Scheibler ging, nichts weiß und vielleicht nie darum nachfragt; denn ich vermuthe sehr, sie habe Münster für immer verlassen, obwohl ihr einsames Quartier fortwährend auf sie wartet. Ob, wie Einige behaupten, der Schweizer ihr rein abgeschrieben, und sie, um ihre Scham und den Verdruß zu zerstreuen, zu einer entfernten Verwandten an den Rhein gegangen? Ob, wie Andre meinen, über das bloße Trainiren ungeduldig, in die Schweiz, um der Sache selbst auf den Grund zu fühlen? Nescio! und Keiner weiß es, sie hat Keinem etwas vertraut, von Keinem Abschied genommen; nur der Pastor von Herbern scheint im Geheimniß. Ist sie in Luzern, so freue ich mich tausendmal, weder Zunge noch Finger verbrannt zu haben, sonst möchte Gott dem armen Liebenau beistehn; jetzt mag sie selber zusehn, und kann sie Kiesel herunter bringen, so ists nicht meine Schuld, wenn sie ihr nachher im Magen liegen. Jedenfalls, Frau oder Exbraut, haben wir wenig Aussicht, sie wieder zu sehn, und mit ihren »Pilgerklängen« wird sie sich dann auch wohl anderwärts umsehn, wo ich, mit dem besten Willen, keine Hand darin haben kann.

Meine Gedichte werden denn doch gegen Ostern erscheinen können. Bis vor Kurzem habe ich wenig daran gethan, aber seit es draußen kalt und kothig geworden ist, habe ich mich in meine Winterpoesie gehüllt; es ist doch sonderbar, daß zum Dichten eigentlich schlechtes Wetter gehört, – ein neuer Beweis, daß nur die Sehnsucht poetisch ist und nicht der Besitz. Säß mein liebstes Kind mir noch gegenüber, ich würde wieder zwei Gedichte täglich machen; jetzt lasse ich es langsamer angehn, aber es giebt doch was, und ich bin neugierig auf Ihr Urtheil über das Spätere. NB. Velhagen scheint doch an dem Verlage meiner Gedichte etwas gelegen; die Rüdiger sagt, daß er Nanny Scheibler angegangen, ihm denselben zu verschaffen; dies zur Nachricht, wegen Cotta, der nicht halb so bereit scheint, und Sie mögen nun selbst bestimmen, was ich thun soll. An Adele habe ich, Gott sei's geklagt, noch nicht geschrieben, aber will es nun ganz ganz gewiß morgen thun und dann wegen des Leipzigers oder Jenaers nachfragen; bisher war sie auch wohl noch in Karlsbad, und ich hatte ihre Adresse nicht. Daß meine Beisteuer zum »Deutschland« viel verrufene Münze enthält, habe ich weniger bei der Absendung gefühlt, wo ich viel zu krank zum Nachdenken war, als jetzt bei Durchlesung des Brouillons; es ist wahr, Sie werden unendlich mildern und Manches ganz streichen müssen.

Auf das procul a Jove verlassen Sie sich ja nicht; Ihre Lage scheint mir nicht halb so fest, als sie sich anfangs anließ, und Sie könnten unversehends wieder fulmini proximus werden. Sie haben doch wohl, bei Beendigung des Halbjahrs, nicht versäumt, sich bündig fest zu stellen? Ich bitte, antworten Sie mir hierauf, denn ich bin in großer Unruhe deshalb; ohne dieses könnten Sie um Alles kommen, und selbst ein schriftlicher Contract kann unter Umständen trügen, wie ich Ihnen früher ein Beispiel vom alten Steinmann angeführt. Sind Sie aber noch nicht gebunden und fürchten Veränderungen, die Ihre ohnedies delicate Lage bis zum Bedenklichen, ich wage es zu sagen: bis zum fast Unehrenhaften steigern könnten, so bitte ich Sie, um alle der treuen Sorge und Liebe willen, die ich Ihnen immer bewiesen, sprechen Sie es ehrlich gegen mich aus, und ich will dann mein Möglichstes thun, Ihnen durch August, der ja jetzt alle sein Connexionen wieder im Gange hat, eine gleich gute Stellung aufzufinden; er hat Sie lieb und vermag viel, wenn nicht politisch und im Allgemeinen, doch im Einzelnen und mündlich durch den klaren bon sens seiner Darstellungsgabe. Die sehr gute Secretair- und späterhin Justizrathstelle bei der Gräfin Stolberg-Stolberg z. B. wäre Ihnen nicht entgangen, wenn die Agnaten nicht mit einem lange vorher gewählten Bewerber durchgedrungen wären. In diesem Falle dürften Sie jedoch den einen Faden nicht loslassen, bis Sie den andern in der Hand hielten, und könnten nur die Saumseligkeit des Fürsten benutzen. Sind Sie aber schon gebunden, nun, dann muß ich Alles in Gottes Hand stellen und hoffen, daß er mir nicht den für meine Kräfte zu schweren Kummer auflegen wird, Sie durch meinen Rath ins Unglück gebracht zu haben. Für Ihren Charakter fürchte ich nichts, einem edlen Gemüthe kann diese crasse Verderbtheit nur Ekel erregen, und die Freundin und Stellvertreterin Ihrer Mutter ist Ihnen hoffentlich auch zu lieb, als daß Sie nicht immer gern mit freiem Muthe an sie denken möchten. Aber Ihre Stellung wird und muß in Mondsee sehr einsam sein, denn es würde doch gar zu miserabel lauten: »der Mann, dem die Kinder der seligen Fürstin anvertraut sind, ist der Pylades des Bruders, der Schwester, des Vettern jener Person, die der Fürstin den Sarg gezimmert hat«, und deshalb betrübt mich Ihre Einsamkeit. Doch vielleicht giebt's noch honnette Leute dort, die unter wenig Politur wo nicht Kenntnisse, doch einen regen Geist und klaren Verstand verbergen; mir wäre dieses nun hinlänglich und grade als Schriftstellerin das Naturwüchsige interessanter als ein Anstrich von Bildung ohne eigentlichen Fond. Sie haben sich um so mehr zu hüten, da Leute wie der Fürst immer, von ihren Günstlingen angetrieben, voll fataler Plane für diese stecken und ihnen ein Sort machen, wie und wo sie können. Ich rede nicht von den Liebschaften des Fürsten, d. h. in directer Beziehung zu Ihnen, obwohl Sie auch hierbei nicht glauben dürfen, heraus zu wittern, was man Ihnen und Jedem, sobald ein Plan da ist, gewiß auf's Schlauste verbergen wird; aber möchten Sie der Pseudo-Schwager, Vetter, Neffe des Fürsten werden? Heute lachen Sie über diese Frage, und in Kurzem sind Sie vielleicht so umsponnen – es könnte wenigstens so kommen –, daß Sie weder vor noch rückwärts wissen; ich habe leider ein Haus genau gekannt, wo es Jedem so ging, der sich hineingab, grade den Besten und Arglosesten am Ersten. Lieber Levin, mein liebstes Kind, werfen Sie dieses Blatt fort? Oder sehe ich Sie noch mit den Augen Ihrer Mutter an, hören Sie noch die Stimme derjenigen aus mir, die mir jetzt vielleicht eingiebt, was ich schreibe? Ich weiß, Sie thun es und nehmen meine dargebotene Hand als Zeichen der Anerkennung freundlich an. Mein Wille war immer gut; habe ich in der Weise zuweilen gefehlt, so wäre die Strafe zu hart, wenn meine Worte dadurch alle Kraft verloren hätten. Bedenken Sie, daß ich mich im Innern für Sie verantwortlich gemacht habe, sowohl für Ihr äußeres als inneres Wohl, und jeder Ihrer Fehlschritte mir mitten durchs Herz geht. Gott weiß, wie gern ich Sie unter diesen Umständen von einer honnetten Neigung befangen säh, aber nur von einer recht honnetten. Ich will Sie nicht ermüden und bitte nur noch, denken Sie recht oft an mich, es ist gewiß gut; ich denke sehr, sehr viel an Sie.

Mein Stübchen ist jetzt so traulich, so ganz wie für Sie geordnet, das flackernde Feuer im Ofen, auf dem Tische am Fenster ein Teller voll Vergißmeinnicht, auf dem vor mir einer mit den besten Pflaumen, die ich je gegessen, – es kömmt mir fast unnatürlich vor, daß sie nicht für Sie da stehn. – Dann noch ein Busch Blumen, aus denen ich ein Kränzchen für Mama winden will; denn morgen ist ihr Namenstag, und ich habe mir durch die BückerscheDie alte Botenfrau zwischen Rüschhaus und Münster. Geschenke eingeschmuggelt, von denen ich großen Effekt erwarte: eine Wärmflasche, einen Rococo-Ring, ein silbernes Kruzifix, hübsche Kupfer, – ich sollte, es wäre schon morgen, Geben ist doch viel seliger als Nehmen! Ich freue mich auch darauf, Paulinchen das Foulardtuch zu schicken, was die Rüdiger für mich einkaufen wird; denn in meinem Geldbeutel sieht es jetzt wieder ziemlich brillant aus, und ich darf mir schon ein Plaisir erlauben; schreiben Sie mir dann doch, ob es ihr gefallen hat, sonst werde ich nichts davon gewahr.

Hören Sie nichts von Freiligrath? Was macht Dralle? Schlickum? Es kömmt mir wunderlich vor, jetzt von allen diesen Leuten so ganz abgeschnitten zu sein. Sobald ich nach Münster komme, will die Rüdiger mir den Hutterus bitten, und ich freue mich schon auf seine Manieren, die Sie mir so oft voragirt haben. Auch Nanny Scheibler werde ich kennen lernen und hoffentlich schon das gute Tante IttchenHenriette von Hohenhausen, lebte einige Jahre zu Münster und starb daselbst am 21. April 1843. Sie schrieb Erzählungen, Gedichte und Jugendschriften. treffen, was auf einige Zeit zur Rüdiger kömmt, aber dieses Mal noch ohne die Düringschen Kinder. Hier erwarten wir nächstens viel Besuch: einen weiblichen Goliath, Fräulein v. Dücker, meine Tante Ludowine und endlich Tony Galieris, die leider das schlesische Clima nicht vertragen kann und deshalb ihre gute Stelle beim Grafen Schaffgotsch hat aufgeben müssen. Die Gräfin war sehr zufrieden mit ihr, hat beim Abschiede sehr geweint und ihr tausend Thaler geschenkt, – ein schönes Präsent, aber freilich keine Versorgung, und da Tonys Gesundheit überall dem Lehramt nicht gewachsen scheint, wird Rüschhaus in Zukunft wohl ihre beste Zuflucht bleiben, und Mama rechnet schon gar nicht anders. Von Meersburg habe ich keine neueren Nachrichten; nach den letzten war Alles wohl und beim Alten. Und nun Adieu, mein lieber Levin, ich freue mich schon auf den fünften, wo ich Ihre gute Pfote wieder sehn werde; bis dahin habe ich schon fleißig gearbeitet und denke in meinem nächsten Briefe resolut zu prahlen. Ich habe nur keine rechte Freude an der einsamen Begeisterung; es rollte doch anders, wie wir jeden Abend vor einander triumphirten, und ich kann nicht ohne Erbitterung daran denken, daß jetzt vielleicht irgend ein dicker Schweizer auf meinem Kanapee seine knolligen Glieder streckt. Tempora mutantur et nos mutamur in illis! Das Letztere kann ich indessen von mir nur äußerlich zugeben; nicht wahr, Levin? Gott segne Sie mit seinem besten Segen. Adieu, Adieu.

Sie wollen ein Roman-Messias werden und thun gar nichts; was sage ich aber dazu? Die gebratenen Tauben fliegen Einem nicht in den Mund! NB. Sie haben doch meinen letzten Brief von der Mitte September erhalten? Ich bin etwas unsicher mit der Adresse.

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