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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 16
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Meersburg den 7ten Juli 1842.

Ich bin gewiß, mein guter Junge ist nicht nur ungeduldig, sondern auch besorgt wegen meines langen Stillschweigens. Es hat auch einen recht schlimmen Grund gehabt, nämlich die furchtbarsten Gesichtsschmerzen, an denen ich jetzt schon über drei Wochen Tag und Nacht leide, und die erst seit gestern so weit nachgelassen haben, daß ich heute hoffe, dieses Blättchen ohne Unterbrechung vollschreiben zu können; bisher war mir, sobald ich mich zum Schreiben bückte, grade als wenn ich den Kopf in siedendes Wasser steckte. Unter welchen Schmerzen und in wie einzelnen Zeilen ich die beikommende Abschrift zusammen gestoppelt habe, kannst Du sonach wohl denken und wirst mir deshalb nicht nur die Verzögerung, sondern auch die vielen Correcturen verzeihn, da ich oft kaum wußte, was ich schrieb, und jedenfalls nicht wagen durfte, das Geschriebene nachzulesen oder gar darüber nachzudenken. Da ich nun den ersten Aufsatz nur flüchtig hingeworfen und mich hinsichtlich der feineren Ausführung, sowohl was den Stil als die Folgenreihe betrifft, hauptsächlich auf den freieren Überblick während des Abschreibens verlassen hatte, so weiß Gott, aber ich nicht, wie es damit aussehn mag, und Du mußt Dir den Rummel arrangiren, so gut Du kannst. Vielleicht rundet es sich auch schon so ziemlich; im Einzelnen ist wenigstens wahrscheinlich, soviel ich im halben Dusel darüber urtheilen kann, das Meiste zu gebrauchen, wenn auch vielleicht erst anders zusammengestellt und mit Stilverbesserungen. Ich habe übrigens keineswegs, wie Du mir riethest, »hübsch zusammengedichtet«, was mir doch für ein geschichtliches Werk zu gewagt schien, sondern mich streng an Thatsachen gehalten und, wo ich mich selbst als Augenzeugin anführe, sie auch wirklich miterlebt. Dieses brockenhafte Niederschreiben hat eine Menge Beschreibungen und Auslassungen zur Folge gehabt, und diese vieles Durchstreichen und Bekreuzen, so daß Du Dich erst ordentlich herein oder vielmehr heraus lesen mußt, ehe Du selbst wissen kannst, was daran ist. Wäre es etwas Anderes gewesen, so hätte mir Jenny die Abschrift machen können; so aber durfte ich meine Collegenschaft mit Dir doch nicht kund werden lassen.

Die Wintgens sind jetzt angekommen, vorgestern. Sie bleiben noch einige Tage und machen dann Touren in die Schweiz, die auch einige Wochen hinnehmen werden; ich bleibe derweil hier und erwarte ihre Zurückkunft. Unsere Abreise wird demnach wohl nicht vor Ende dieses Monats oder dem Anfang des folgenden Statt haben; wenn Du mir also gleich antwortest, kann ich den Brief noch bequem hier erhalten. Laßberg ist auch sehr gespannt auf eine Antwort von Dir, und als ich ihm vorstellte, Du würdest wahrscheinlich erst den Antrag von Freiburg abwarten, um dann, nach Einsicht der Bedingungen, ihm Deinen Entschluß mittheilen zu können, sagte er »er habe Dich um Zurücksendung eines Briefes gebeten, und darauf hättest Du doch antworten müssen.« Sei nicht so saumselig, liebstes Herz, und verschleudre nicht so muthwillig goldne Meinungen, die doch immer wenigstens so viel werth als uns die Personen lieb sind.

Meine Mutter hat kürzlich geschrieben, aber kein Wort von unsern Freunden. Die Wintgens konnten mir nur sagen, daß die Bornstedt sich in Münster gewaltig lebendig und kraus macht und unzertrennlich von der Lombard ist; ferner daß Schlüter so blind nach der Operation wie vor derselben ist, aber fortwährend von Grefrath aus mit Hoffnungen gefüttert wird; daß die Spricksche Familie mit Sack und Pack nach Brüssel gezogen, und Elise, grade vor der Wintgens Abreise, von einem längeren Aufenthalt in Oldenburg zurückgekommen sei und recht wohl ausgesehn habe; dies sind meine vaterländischen Nachrichten alle.

Hier gehts einen Tag wie den andern; das Gespräch dreht sich ohne Abwechselung um die Kinder, die Blumen, die Vögel und die Manuscripte. Ich habe auch zwei halbe oder ganze Gelehrte kennen gelernt. Erstlich Bothe, den Herausgeber vieler Classiker, einen wunderlichen, schnauzigen, dürren, alten Kauz, mit einem Stelzfuße, der nur einen Tag blieb, und den Jenny, nachdem sie ihn einen Augenblick allein gelassen, antraf, wie er mitten im Zimmer stehend sich meinen Grafen von Thal laut vordeclamirte und ganz entzückt davon schien, worauf ihm Jenny das Buch mit nach Constanz gab, von wo er es mit einem so begeisterten Briefe zurück geschickt hat, daß ich eitel darauf werden könnte, wenn ich wüßte, ob der Mann Geschmack hat. Ferner Albert Schott, der vor acht Tagen ankam und längere Zeit bleiben wird, um allerlei Excerpte für irgend ein Werk, was er unter der Feder hat, zu machen. Er ist noch jung, oder scheint es, hat ein feines, blondes, kränkliches Aussehn, ist im Umgang etwas überzart, aber gemüthlich und spricht vorzüglich gern von seiner jungen Frau und seinen drei Kinderchen, was mir bei meiner Denkweise natürlich einen sehr angenehmen Eindruck macht und mich auf recht freundlichen Fuß zu ihm gestellt hat. Er ist ein großer Verehrer Freiligraths und der beste Freund Reuchlins. Ad vocem Freiligrath: diesen werde ich freilich nicht sehen können, da das Dampfboot an St. Goar vorbei schnurrt, was mir äußerst leid ist; ich hätte dem guten dicken Patron so gern mal in seine treuherzigen Augen gesehn.

Wenn meine Gesichtsschmerzen jetzt wirklich dauernd nachlassen, werde ich weiter an meinen Gedichten schreiben und hoffe sie Dir doch noch vor meiner Abreise schicken zu können. Schott ist übrigens dagegen, daß ich mich viel um den Cotta abmühe; die bei ihm erscheinenden Bücher hätten bei Weitem nicht mehr den Credit wie früher, und er sei gleich mißtrauisch und mache schlechte Bedingungen, sobald er sehe, daß man ihm nachgehe. Mache aber ja Schott keinen Verdruß dadurch, daß Du etwas hiervon gegen Hauff äußerst. Und nun Adieu, mein bestes, theuerstes Herz; meine Gedanken sind viel, viel bei Dir und immer auch in den größten Schmerzen gewesen. Aber ich kann nicht mehr schreiben, mein Kopf siedet.

Liebes Herz, wundere Dich nicht, wenn ich Dich fortan Sie nenne und Dich um ein Gleiches bitte; die gefährliche Zeit unserer Correspondenz fängt jetzt an, und es ist mir zu empfindlich, alle Deine lieben Briefe des Du's wegen verbrennen zu müssen.

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