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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 15
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Meersburg den 13ten Juni 1842.

Vorgestern habe ich Deinen Brief erhalten, mein gutes Herz, und heute sitze ich schon wieder hinter der Feder, und zwar auch einmal »in flüchtigster Hingeschmissenheit«, damit mein Brief wo möglich noch vor oder mindestens zugleich mit demjenigen anlangt, den Dir Laßberg schreiben wird. Dieser hat nämlich soeben einen Brief vom alten Hug aus Freiburg erhalten, des Inhalts: daß ihm eine Anfrage vom Regierungsdirector von Recke in Freiburg geschehn hinsichtlich der moralischen und politischen Richtung des Levin Schücking, dem man, im Falle man hierüber gleich sichre und günstige Zeugnisse zu erhalten vermöge, als man bereits über andre erwünschte Eigenschaften eingeholt, die Redaction der Freiburger Zeitung anzubieten gedenke. Laßberg, der natürlich eine gelehrte Beschäftigung jeder andern vorzieht, auch, nach seinem Charakter, Selbständigkeit höher als jeder Andre anschlagen muß, und endlich, obwohl Hug nicht das Geringste über die Verhältnisse jener Stellung sagt, diese sich doch als sehr vorteilhaft – z. B. etwa fünfzehnhundert Gulden Gehalt, und nach gewissen Jahren eine schöne Pension – vorstellt, ist außer sich vor Freude, und da Hug ihn als Mann von Ehre, dessen Zeugniß den Ausschlag giebt, befragt, sitzt er in diesem Augenblicke hinter seinem Schreibtisch und giebt dem Herrn von Recke sein Ehrenwort hinsichtlich Deiner moralischen und politischen Ansichten, und mit diesem zugleich soll ein Brief an Dich abgehn, worin er Dir alles dieses und das Bevorstehen des Antrages mittheilt. In dem Schreiben an Recke wird er die Vortheile Deiner jetzigen Stellung und vorzüglich die Gewißheit lebenslänglicher Pension nach acht Jahren hervorheben, um ihre Anträge dadurch zu steigern. Lieber Levin, ich kenne Dich zehnmal besser wie Laßberg und weiß, daß Du, obwohl weder Demagog noch Freigeist, doch nicht zur Hälfte so loyal und orthodox bist, wie der gute alte Herr es meint; bedenke, daß ein Mann, der Dich liebt und allgemein geachtet ist, sein Ehrenwort für Dich giebt, und geh auf nichts ein, wenn Du fühlst, es nicht erfüllen zu können. Vielleicht ist das Blatt gänzlich von der Regierung abhängig, und eine entgegengesetzte Handlungsweise würde Dich sehr bald um Deine Stelle bringen, wo Du dann zwischen zwei Stühlen säßest. Vielleicht steht es auch frei da, die Regierung mischt sich unberufen hinein, Du hättest bloß die Verpflichtung, Inserate aufzunehmen, und könntest ihr übrigens, wenn Du erst fest säßest, ein Schnippchen schlagen; dann bleibt aber immer meines Schwagers Ehrenwort, was Du nicht in Schande bringen darfst. Meine Zweifel Laßberg mittheilen konnte ich natürlich nicht, und es hätte auch nichts bewirkt, als daß ein Antrag rückgängig geworden wäre, der Dir doch jedenfalls angenehm sein muß und Dich in mancher Beziehung vorteilhafter stellt, beim Fürsten wie in der litterarischen Welt, und der, wenn er Dir nicht ansteht, mit einem Lobe Deiner jetzigen Stellung so leicht zurückzuweisen ist, was noch zugleich ein schönes Kompliment für den Fürsten wäre und Dir einen guten Stein im Brette gäbe. Hug schreibt übrigens, wie gesagt, nicht das Geringste, weder über die pecuniairen noch litterarischen Verhältnisse des Blatts, weder über seine Verbreitung noch Haltbarkeit; ich spreche also allerdings wie die Blinde von der Farbe, bis auf den Punkt des Ehrenworts, der klar und einfach daliegt. Das Übrige wird der Brief des Herrn von Recke an Dich ohne Zweifel hinlänglich beleuchten, bis auf das Letztere, die Haltbarkeit, die jedes Blatt natürlich hofft und mindestens seine Zweifel darüber Niemanden mittheilt. So kann es mir auch nicht einfallen, Dir eigentlich ab- oder zuzurathen, da ich die Freiburger Verhältnisse gar nicht und Deine jetzigen jedenfalls nicht halb so gut kenne wie Du selbst; aber Du wirst Deinem Mütterchen nicht böse werden, wenn sie Dich daran erinnert, daß Du jetzt in dem Alter stehst, wo eine gesicherte Stellung anfängt äußerst wünschenswerth zu werden, und daß Du Dir in keinem Falle das Brett unter den Füßen wegziehen darfst. Du kannst noch fünfzig Jahre leben; so lange muß das Blatt also noch bedeutend floriren, wenn Dir nicht Deine Pension – ohne diese würde ich mich auf keinen Fall einlassen – übers Freiburger Münster fliegen soll, und Du vielleicht in einem Alter brodlos werden, wo Dir Muth und Kraft zu einer neuen Carriere längst gebrochen sind. Kömmt das Blatt aber vielleicht unter Garantie der Regierung heraus oder wird mindestens so von ihr protegirt, daß es nicht wohl je eingehen kann, so dürfte Deine Stelle bei demselben allerdings einem festen Amte nahe stehn. Ich bin nur neugierig, ob die Anerbietungen wirklich so verlockend lauten werden, wie Laßberg es sich denkt; anderseits – werde nicht ungeduldig, liebes Herz – liegt es mir sehr im Kopfe, ob Deine Stellung beim Fürsten auch wohl so gesichert ist, wie sie scheint. Man hat mir gesagt, er sei sehr verschuldet, und was Du mir Alles schreibst von den vielen Reisen &c., scheint mir eben nicht zur Verbesserung seiner Lage geeignet; man kann ein prächtiger Mann und doch ein sehr schlechter Wirth sein, und in solchen Fällen sieht es, selbst bei dem größten Grundbesitz, mit den Zahlungen der Pensionen wenn nicht gradezu unsicher, doch mindestens sehr unregelmäßig und beengend aus. Ich habe dieses beim Grafen Plettenberg-Nordkirchen gesehn, dessen Tochter dem guten alten Steinmann einen zwanzigjährigen Pensionsrückstand grade wollte auszahlen lassen, als er am Tage zuvor begraben war. Es muß Dir ja leicht sein, hierüber Auskunft zu erhalten, und der Fürst ist doch wohl ein Mann, der von selbst an seine Anerbieten denkt, oder wenigstens leiden kann, daß man ihn daran erinnert? und nicht etwa wie z. B. mein Herr Schwager, von dem, so viel er von »Festmachen und Schriftliches in Händen haben« spricht, doch durchaus nichts Schriftliches in die Hände zu bekommen ist? Denke vor Allem daran, wenn das halbe Jahr um ist, und daß eine Vormundschaft mit dem besten Willen Dir nicht einen Heller auf bloß mündliche und selbst briefliche Versprechungen herausrücken dürfte. Auch gäbe ich Vieles darum, daß die Fürstin schon da wäre; diese Art Junggesellen-Wirthschaft hört dann auf – wenn sie bleibt, für immer –, und es mag leicht ein solcher Abstich eintreten, wie beim Freiligrath vor und nach seiner Heurath. Denn eine tugendhafte Frau hat immer großen Einfluß auf ihren Mann, wenn er sie auch nicht liebt; und jedenfalls ist sie die gebietende Fürstin und hat den geselligen Ton anzugeben, der möglichen Falls so ungesellig ausfallen könnte, daß er Dir Alles verleidet. Kurz, liebes Herz, ich bitte Dich dringend, tappe nicht blind zu, nach keiner Seite; mache es nicht wie die jungen Mädchen, die die ersten Freier en bagatelle behandeln, weil sie meinen, jetzt müßten sie nur so schockweise nachkommen; suche Dich über die schwierigen Punkte beider Stellungen möglichst ins Klare und Sichere zu setzen, und dann werden ja wohl Ehre und Vortheil den Ausschlag nach irgend einer Seite geben. Bist Du ungeduldig? Hast Du den Brief schon zehnmal fortgeworfen? Levin, ich bin Dein treues Mütterchen, was Dich lieber erzürnt oder sich von Dir auslachen läßt, als schweigt, wo sie denkt, Reden könnte gut für Dich sein.

Es hat schon drei geschlagen, mein Brief muß auf der Stelle fort; also nur noch: die Arbeit für das »Deutschland« ist fertig und muß nur noch abgeschrieben werden; Du erhältst sie ganz nächstens. Elisen hat Dein Lafleur gefallen, doch, wie mir scheint, nur lau, da ihr wirklich der Sinn fürs Humoristische abgeht. An Adelen werde ich sofort schreiben und nach erhaltener Antwort Dir, wie Du vorgeschlagen, mein Manuscript zur Verfügung übersenden; an die Bielefelder schreibe ich also vorläufig gar nicht. Meine Abreise zieht sich in die Länge; die Wintgen schreiben vom »Ankommen zu Ende dieses Monats und dann noch Ausflügen in die Schweiz«, sodaß ich noch wohl vier Wochen bleiben und Dir hoffentlich binnen dieser Zeit das Manuscript überschicken werde. Lewald möchte ich aber von dem Vorhandenen nicht gern etwas geben, da, wie Du weißt, die Lieferanten der Bausteine sich verbindlich machen müssen, das Gelieferte nie in ihrem Leben anderwärts zu benutzen; wenn ich kann, mache ich noch etwas Eigenes für ihn. – Freiligrath werde ich in St. Goar aufsuchen, den Aufsatz von Dingelstedt mir verschaffen, wenn ich kann . . . Adieu, bestes Herz; es schlägt halbvier, und die Feder zittert mir in der Hand vor Eil; Adieu, Adieu, Gottes Segen tausendfach über Dich.

Ich habe von Deinem letzten Briefe nichts an Laßberg gesagt, so wenig wie er weiß, daß ich Dir jetzt schreibe; denke daran, wenn Du ihm antwortest – auf den Brief, den er jetzt eben schreibt; der an Recke ist schon fort. Vergiß aber nur ja das Antworten nicht, an Laßberg meine ich. Nächstens mit dem »Deutschland« mehr; ich habe Dir tausenderlei zu erzählen.

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