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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 11
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Nach L. Schückings Abreise von der Meersburg geschrieben. Der Anfang fehlt.

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Das wäre von hiesigen Zuständen so ziemlich Alles, was ich zu erzählen wüßte und deßhalb gehe ich dazu über Ihnen, liebes Fräulein, Bericht über meine Stuttgarter Verrichtungen zu erstatten. Nachdem ich in Friedrichshafen noch das Vergnügen gehabt, näher mit dem wackern Reuchlin bekannt zu werden, dessen erstes mit besondrer Lebhaftigkeit geäußertes Wort war: ob Sie noch da seien? worauf er eben so rasch seinen Entschluß aussprach, nun allernächstens die Meersburg besuchen zu wollen – Sie haben in der That eine Eroberung an dem guten Geschichtschreiber von Port Royal gemacht –, fuhr ich halbvier Uhr von Friedrichshafen fort und kam am andern Tag um Mittag nach Stuttgart. Dort besuchte ich zuerst Gustav Pfizer, mit dem ich sehr warm befreundet worden bin – er war zweimal bei mir im Hôtel Marquard –, Menzel war nicht zu Hause; eine Zusammenkunft mit A. Schott und Pfeiffer mißglückte, dagegen fand ich in dem Prof. Ludwig Bauer eine sehr biedere und angenehme Persönlichkeit; nur für sein Unternehmen: Deutschland im 19ten Jahrhundert, scheint es mir, fehlt ihm wohl die nöthige Redacteur-Energie. (Auch Reuchlin hat ihm eine Beschreibung des Bodensees dazu geliefert.) Ich habe ihm meinen Beitrag: »Westphalen« zugesagt und, außer einigen Freiexemplaren, 33 Gulden Honorar verlangt und zugesichert erhalten. Den Plan, den ich ihm mittheilte und den Sie kennen, werde ich beibehalten. Am andren Morgen nun besuchte ich Hauff, eine gute anspruchlose Haut, den ich mich freue kennen gelernt zu haben, weil er von allen Litteraten der am wenigsten litteratenhafte ist. Sodann Drallum. Dieser war wie aus den Wolken gefallen; er hatte eine große Freude, mich wiederzusehen, und nachdem er diese ausgedrückt, fing er an, auf's Greulichste zu renommiren. Er lebt ganz anständig dort. Mit Drallus war nun aber der große Litteratenschwarm in Stuttgart aufgeweckt. Zu Tisch hatte ich im Gasthaus einen ganzen Haufen um mich, worunter ich nur zwei nenne, den Oberregisseur Moritz, den Bühnengewaltigen in Stuttgart, dessen Bekanntschaft mir sehr ersprießlich werden kann bei späteren dramatischen Arbeiten, und Hackländer, einen ganz prächtigen Menschen, ein andres Exemplar von Freiligrath, obwohl er freilich nicht dessen Talente hat. Ich bin sehr befreundet mit ihm geworden und habe zum Andenken seine »Vier Könige« mitgenommen für meine Sammlung dona autorum. Meine Steinsammlung hat sich diesen Morgen vermehrt mit einem ganz unzweifelhaft antiken, sehr hübschen, vertieft geschnittenen Karniol, einem Rococoring und zwei merkwürdigen Steinen, die ich für Sie gekauft habe – alles zusammen für einen Gulden. Auch Pflanzenabdrücke habe ich schon für Sie. In Engelszell, wohin wir von hier gehen, hat der Fürst eine Perlenfischerei, auf die ich begierig bin.

Ihre Erzählung, gnädiges Fräulein, habe ich Hauff gelassen und lege Ihnen bei, was er mir darüber schrieb. Ich hatte nicht die Zeit, einen Titel zu erfinden und habe es ihm überlassen müssen. Mit dem Cotta aber ist nichts anzufangen, wenn man ihm nicht das ganze Manuscript geben kann. Auf dies ganze Manuscript freue ich mich nun ganz außerordentlich; es ist die erste bedeutende Freude, welche ich jetzt von meiner einförmigen nächsten Zukunft hoffen darf.

Das Immermanns-Album, welches ich fertig mitzunehmen gedachte, liegt noch in weitem Felde. Krabbe, der Verleger, verzweifelte ganz und gar an seiner jemaligen Vollendung.

Es muß Ihnen, liebes gnädiges Fräulein, dieser Brief einen eigentümlichen Eindruck von Trockenheit und Herzensdürre machen, aber er wird ganz dem Zustande entsprechen, in welchen mich immer die Versetzung in eine neue Lage bringt. Ich bin unfähig zu denken und zu fühlen, ich könnte keine Zeile schriftstellern, mein Kopf ist mir förmlich ausgesaugt, und ich habe so wenig Gemütsbewegungen wie ein glückseliger Dummkopf. Ich bin deshalb bange, daß es mir unmöglich sein wird, an Herrn von Laßberg zu schreiben, da es bei einem Briefe an ihn mir hauptsächlich darum zu thun ist, wenigstens etwas von der Verehrung und Dankbarkeit und dem Gefühle herzlichster Anhänglichkeit auszudrücken, womit dieser edle, ritterliche und kenntnißreiche Mann, der in unsrem Jahrhundert doch eine Erscheinung ganz einzig in ihrer Art bildet, mich für immer erfüllt hat. Der Abschied von Meersburg ist mir außerordentlich schwer geworden!

Für diesmal also bitte ich Sie, mir zu vergeben, wenn ich Ihnen nichts als diese trockenen und gefühllosen Notizen überschicke und keine Worte finde, um Ihnen und Ihrer verehrten Frau Schwester Alles das auszudrücken, was ich möchte und was mir hoffentlich das nächste Mal möglich sein wird, wenn ich aus meinem wachenden Traum, diesem stupor, der mich befangen hält, aufgerüttelt bin. Jetzt demnach nur noch, daß ich nie die Meersburg und alle ihre Bewohner vergessen werde, vielmehr mit meinen Gedanken mehr dort als hier bin, und ewig sein werde Ihr dankbarster und gehorsamster

L. Schücking..

Eßlingen den 12ten April 1842.

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