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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking

Annette von Droste-Hülshoff: Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking - Kapitel 1
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
authorAnnette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking
editorTheo Schücking
yearca. 1895
publisherFr. Wilh. Grunow
addressLeipzig
titleBriefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
pagesIII-XI
created20030319
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1893
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Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking, herausgegeben von Theo Schücking

Einleitung

Der Öffentlichkeit werden hiermit die von Annette von Droste-Hülshoff an Levin Schücking geschriebenen Briefe übergeben, die sich in seinem Nachlasse vorfanden. Leider haben sich von seinen eigenen an die Dichterin gerichteten nur einzelne und auch diese nicht immer vollständig erhalten. So sind es vor allem die mit der mikroskopisch kleinen Schrift Annettens bedeckten Blätter, denen wir den Einblick in ein Freundschaftsverhältnis verdanken, das nicht nur für das Schaffen der Dichterin die höchste Bedeutung gewann, sondern das auch eine Kraft der Empfindung, einen Reichtum des Gemüts in sich barg, wie sie der moderne Mensch in seiner Unrast und Zersplitterung nur schwer nachzufühlen vermag.

Annette von Droste war um viele Jahre älter als ihr junger Freund. In einem nach ihrem Tode in Memoriam geschriebenen BüchleinL. Schücking, Annette von Droste. Ein Lebensbild. Hannover, Carl Rümpler, 1862; zweite Auflage, 1871. sowie in seinen »Lebenserinnerungen« berichtet Levin Schücking von seinem ersten Besuche, den er im Jahre 1830 als Münsterscher Gymnasiast der Freundin seiner Mutter machte. Erst acht Jahre später, als er seine juristischen Studien beendet hatte und in die Heimat zurückgekehrt war, trat er Annetten näher. Ein reger persönlicher Verkehr entspann sich. Allwöchentlich am Dienstage wanderte er um die Nachmittagszeit hinaus nach dem ungefähr eine Stunde westlich von Münster gelegnen kleinen Edelhofe Rüschhaus, wo die Dichterin lebte. Der Weg führte zuerst über Ackerkämpe und Heidestrecken, dann durch ein Gehölz. Dort stand eine alte Bank, bis zu der ihm Annette gewöhnlich entgegenging.

Einmal in jeder Woche, am Samstage, brachte auch die alte Botenfrau dem jungen Freunde einen Brief, ein Paket mit durchgelesenen Büchern und nahm eine neue Sendung mit hinaus. Auch Arbeiten der beiden wurden zwischen Münster und Rüschhaus hin- und hergesandt; aus gemeinsamen Neigungen und Interessen erwuchs gemeinsames Schaffen. Für das damals von Levin Schücking herausgegebene »Malerische und romantische Westfalen« dichtete Annette von Droste die meisten ihrer herrlichen Balladen. Für dasselbe Werk beschrieb sie auch einzelne ihr besonders bekannte und vertraute Landschafts- und Ortsszenerien, und der kleinen Schrift, in der Levin Schücking für die Vollendung des Kölner Doms eintrat, fügte sie den Meister Gerhard von Köln ein.

Unterdessen hatte das Verhältnis zwischen ihnen eine Vertiefung erfahren, die ihm von da an seinen charakteristischen Zug verlieh. Annette erfuhr von einer Liebesneigung ihres Freundes zu einer anmutigen jungen Frau. Nach ihrer ganzen Lebensanschauung, ihrer hohen Auffassung der Ehe mußte sie diese Neigung als eine schwere sittliche Gefahr für ihn betrachten. Ihrem Einflusse gelang es denn auch, die beiden jungen Menschen allmählich in die Bahn einer gehaltenen, reinen Freundschaftsempfindung hinüberzuführen. Dabei hatte sie zum erstenmale den mütterlichen Ton angeschlagen, der fortan in ihrem Verkehr weiterklang, und ein Spiel der Natur trug dazu bei, die mütterliche Beraterin ihrem jungen Genossen besonders teuer zu machen: sie glich im Äußern sehr seiner verstorbenen Mutter.

Den Winter von 1841 bis 1842 verlebten die Freunde gemeinsam auf der Meersburg am Bodensee. Annettens Schwager, der Gatte ihrer einzigen Schwester Jenny, Freiherr Joseph von Laßberg, hatte Levin Schücking mit der Katalogisierung seiner wertvollen und umfangreichen Bibliothek betraut. Der weitaus größte Teil von Annettens lyrischen Poesien entstand in jener Zeit. In seiner Einleitung zu ihren »Gesammelten Schriften« erzählt Schücking, wie die Wette, die sie ihm antrug, daß sie in einigen Wochen einen Band lyrischer Gedichte zu schreiben vermöchte, den äußern Anlaß zu dieser Produktivität ohne gleichen gab. Wie schon oft in früheren Tagen fanden auch damals zwischen dem Freundespaare lebhafte Gespräche über den Mangel an Klarheit und Glätte des Ausdrucks in Annettens Gedichten statt. Schücking suchte die Freundin immer wieder zu emsigerer Feile zu veranlassen, aber immer wieder ohne Erfolg. Viele Jahre später bemerkte er in der oben genannten Einleitung: »Heute würde ich es nicht mehr thun, weil die Form viel mehr zum charakteristischen Wesen dieser unvergleichlichen Poesie gehört, als ich damals einsah. Auch drang ich mit meinen Wünschen wenig durch. Sint ut sunt! sagte selbstbewußt die Dichterin.«

Im April 1842 endete das Zusammenleben auf der romantischen alten Burg. Levin Schücking folgte dem anscheinend sehr vorteilhaften Antrage, die Erziehung der Söhne eines fürstlichen Hauses in Bayern zu übernehmen.

In jenen Tagen lebendigsten persönlichen Verkehrs auf der Meersburg, von denen Schücking sagt, daß er damals »mit Empfindungen, die über sich nicht ganz klar gewesen seien, in das große und leuchtende Auge der besten Freundin geblickt, die er im Leben gefunden habe« – in jener Zeit war es auch, daß sein erster Roman »Eine dunkle That« entstand. Die Schilderung des Stiftsfräuleins, die Annette von Droste für diesen Roman schrieb, giebt uns in manchen Zügen ihr Selbstporträt, wie uns hinwieder in Bernhard, dem jungen Freunde des Stiftsfräuleins, der Verfasser selbst begegnet. Auch gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen hat Schücking in diesen Roman eingewoben. Und hier läßt er das Stiftsfräulein zu Bernhard Worte sagen, die, vielleicht einstmals von Annettens eignen Lippen gesprochen, uns einen Schlüssel für das Verhältnis der Dichterin zu Levin Schücking geben, das so eigentümlicher Art ist, daß es nicht leicht wird, es mit einem gangbaren Worte zu bezeichnen, geschweige denn zu erschöpfen. »Ich will wie eine Verwandte für Sie sorgen; ich will Sie wie einen Bruder liebhaben; ich will jemand haben, für den ich sorgen kann wie ein Weib; an dem ich eine geistige Stütze habe, denn meine Umgebung reicht nicht für mich aus; meine Gedanken gehen darüber hinaus und bewegen sich in einem Felde, das nur Sie auch betreten; aber wenn ich auch so gedankenarm wäre wie meine Köchin – es wär' doch dasselbe, ich will jemand haben, der mein ist, und dem ich wie einem geduldigen Kamele alles aufpacken kann, was an Liebe und Wärme, an Drang zu pflegen und zu hegen, zu beschützen und zu leiten in mir ist und übersprudelt! . . . Aber wenn Sie Kamel deshalb glauben oder jemals sich einbilden, ich wäre verliebt in Sie, ich wäre eine Thörin und würfe mich Ihnen an den Hals, so sind Sie nicht nur ein eitler Geck, sondern Sie sind etwas Schlimmeres; ein verdorbener Mensch, der von einem reinen und edlen Verhältnis keinen Begriff hat.«

So rein und edel Annettens Verhältnis zu ihrem Freunde auch war, seine Innigkeit mußte dennoch vor ihren Angehörigen verschleiert bleiben. Ihre Mutter war eine gescheute, energische Frau von gebietendem Auftreten, das ihrer Umgebung eine gewisse Zurückhaltung aufzwang. Annette von Droste liebte und verehrte diese Mutter von ganzer Seele, aber sie hat, so lange sie lebte, niemals die Befangenheit im Verkehre mit ihr überwunden. Auch ihrem gelehrten, ritterlichen Schwager gegenüber vermochte sie sich nicht frei gehen zu lassen. Aus dieser Scheu, die Ihrigen in die ganze Tiefe ihrer Freundschaftsempfindung blicken zu lassen, erklärt sich der Umstand, daß so wenige von Levin Schückings Briefen an sie und unter ihnen nur einzelne intimer Natur enthalten sind. Zu den letzten gehören vornehmlich die von Münster nach Hülshoff und Rüschhaus geschriebenen Billets am Anfange des vorliegenden Buches. In dem Briefe Annettens vom 11. September 1842 findet sich die Erklärung, warum die ihren aus jenen Jahren fehlen. Aus der Zeit wöchentlicher Korrespondenz zwischen Münster und Rüschhaus stammen außerdem noch einige an Annette gerichtete kurze, lateinisch geschriebene Zettel, wie z. B.: Nil nisi salutem pro tam splendida matutina diei hujus hora tibi dicere volui, nunc dum jam in itinere ad ecclesiam migras et equidem vix e lectulo resurrexi evectus nuntio tuo. Usque ad diem dei Ziu (Dienstag) vale sine capitis dolore ubi circa 2 horam in sylva ante villam tuam sedens in banculo isto te peto.

O gravissimum exercitium in intoxicatione somni adhuc.Ich wollte Dir nur meinen Gruß senden um diese schöne Morgenstunde, jetzt wo Du bereits auf dem Wege zur Kirche bist und ich, geweckt durch Deinen Boten, kaum aus dem Bette aufgestanden bin. Lebe wohl ohne Kopfschmerz bis Dienstag, wo ich gegen zwei Uhr im Walde vor Deinem Landhause auf jener Bank sitzend Dich erwarte.

O höchst mühsames Exerzitium, noch in der Schlaftrunkenheit!

Nach Annettens Tode wurde von ihrer Familie die Aufforderung an Levin Schücking gerichtet, ihre Briefe zurückzugeben. Dieser Forderung durfte er nicht nachkommen, da die Verstorbene zeitlebens die tiefe Innigkeit dieser Freundschaftsbeziehung so sorgfältig vor den Ihrigen verdeckt hatte. Er sagte deshalb, um dem Ansuchen der Auslieferung auszuweichen, die Vernichtung der Briefe zu. Vielleicht hat nur ein glücklicher Zufall den kostbaren Schatz vor diesem Schicksal gerettet. Aber die größere Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß eine spätere mündliche Verständigung zwischen Schücking und Annettens Bruder, dem Freiherrn Werner von Droste-Hülshoff, diese Zusage aufhob. Das Vorhandensein der Briefe war jederzeit allgemein bekannt, wie u. a. auch aus den von der Freiin Elisabeth von Droste-Hülshoff herausgegebnen »Gesammelten Werken von Annette Freiin von Droste-Hülshoff,« S. 470, hervorgeht. Schücking selbst hat sie in seiner Einleitung zu den »Gesammelten Schriften« als noch vorhanden erwähnt, indem er eine Stelle aus einem der Briefe mit Angabe des Datums wörtlich anzieht.

Was die Art der Herausgabe der vorliegenden Briefe betrifft, so muß noch gesagt werden, daß sie den Wortlaut unverändert und treu wiedergiebt; nur ein paar Stellen sind mit Rücksicht auf noch Lebende ausgelassen worden. Neben den Provinzialismen, in denen beide Briefsteller sich offenbar mit bewußter Behaglichkeit gehen lassen, finden sich bei Annette Absonderlichkeiten der Orthographie und Unebenheiten der Sprache, die als Fehler erscheinen könnten, die aber ohne Zweifel dem Sprachgebrauche Annettens entstammten, und an denen deshalb nichts geändert worden ist. Daß es gelang, einen so genauen Abdruck herzustellen, ist größtenteils der freundlichen Unterstützung Dr. Gustav Eschmanns, des Herausgebers des »Geistlichen Jahres»« zu verdanken. Mit bereitwilliger Güte unterzog er sich der Mühe, die Abschrift, die dem Drucke zu Grunde liegt, mit dem Originaltexte auf das sorgfältigste zu vergleichen. Außerdem sei ihm warmer Dank ausgesprochen für manchen wertvollen Rat in Bezug auf andre Schwierigkeiten der Herausgabe. Professor Hermann Hüffer, der Biograph Annettens, hatte ebenso die Güte, durch liebenswürdig erteilte Auskunft zur Vervollständigung der Fußnoten beizutragen.

T. S.

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