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Briefe eines Schiffbrüchigen

Gotthard Ludwig Kosegarten: Briefe eines Schiffbrüchigen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe eines Schiffbrüchigen
authorGotthard Ludwig Theobul Kosegarten
year1994
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-107-5
titleBriefe eines Schiffbrüchigen
pages15-114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gotthard Ludwig Theobul Kosegarten

Briefe eines Schiffbrüchigen

Wie diese Briefe dem Herausgeber in die Hände fielen, kann dem Leser gleichgültig seyn. Weniger kann es die Versicherung, daß er für jede darin befindlich topographische, statistische, antiquarische und naturhistorische Notiz, wie für sein Eigenthum, einsteht.

Von Volkern und seine Yseule ist uns übrigens nichts weiter bekannt geworden, als sich dem Leser aus diesen Briefen von selbst offenbaren wird.

Am 25sten September 1792.
Dienstag Morgens 8 Uhr.

Und von wannen meinst du wohl, Yseule, daß dein Volker dir diese Zeilen schreibe? – Von Albions gottgeliebten Fluren? Von Vater Thames getümmelreichem Gestade? Von des magischen Lough Lomond vielbesungenen Ufern? Oder gar schon von jenen braunen Bergen, auf denen Ossians und Malvinens Schatten Arm in Arm lustwandeln im wehmüthigen Mondenschein? – Das freilich versprach ich dir in meinem lezten Schreiben. Aber in der heiligen Wächter Rathe war ein anders beschlossen!

– – Steh auf, Liebe! Hole dir deines Bruders großen Atlas. Sieh zu, daß du Andreas Mayers Karte vom Herzogthum Pommern und von der Insel Rügen drinnen findest. Hast du sie, so schaue hinauf zum obersten nördlichsten Rande derselben. Dort wirst du eine Landspitze finden, neben welcher der Name Arkona stehet. Einen halben Finger breit unter dieser Arkona findest du den Namen Vitte; und abermal einen Fingerbreit unter dieser Vitte den Namen Görn. Wohlan, Beste! in diesem Görn (das hier zur Stelle jedoch eigentlich GoorDas Wort Goor oder Görn bezeichnet in der slavischen Sprache einen Berg, ein Vorgebürge; daher denn auch mehrere gebürgigte Gegenden auf der Insel diesen Namen führen. Auch der Rugard und die berühmte Stubbenkammer hieß vor Zeiten Görn. heisset) sitzet itzt dein Volker – statt des Sofa auf einem Bretschemel – statt des Schreibpultes vor einer mächtigen über zwo Tonnen gestürzten Planke – statt seines Studierzimmers in einer Art von Verliesse, das gegen den Bienenkorb der Kaffern und die Yurte des Kamtschadalen sich wahrhaftig wenig einbilden darf – dessen östliche Lehmwand von den Regengüssen der lezten Tage gänzlich durchgeweicht, alle Augenblicke zu mir hereinzustürzen drohet – an dessen aus der Decke tief herunterspringenden Balken ich mir schon einhalb Dutzend Beulen in die Stirn gelaufen habe – in dessen Ecken eine Horde magrer langbeiniger halbverhungerter Spinnen (denn keine Mücke oder Fliege verirrt sich in dies Asyl der Selbstverläugnung) ihre bestaubten Gezelte aufgeschlagen hat – aus dessen grünlichen überall geknickten Fensterscheiben aber die allerimposanteste Aussicht sich mir darbeut – die Ostsee, die weißen Dünen der Tromperwiek, und die blauenden Berge des romantischen Jasmund. Auch muß ich dankbar gestehn, daß Hanne Hübnern, meines Wirthes Tochter, all ihren Witz angestrengt hat, ihres Gastes Losament bestmöglichst herauszuputzen. Sie hat den flammigt gefegten Estrich mit schneeweißem Dünensande bestreut. Sie hat über mein Strohlager eine buntgestreifte Decke, nagelneu aus der Mutter Kiste hervorgelangt, geworfen. Sie hat über meinen spannenlangen Spiegel einen gewaltigen Kornblumenkranz gehangen, hat ein gemaltes Glas, dessen eine Seite einen rennenden Sechszehnender, die andere Gustavs des Dritten vergoldeten Namenzug darstellt, vor mein Fenster gepflanzt, und in dasselbe eine ganze Flora von Salbey, Thimian, Rittersporn, bauschender Astern und brennender Lycheis hineingepfropfet.

Wie aber, und durch was für Schicksale ich in dieses Eck der Welt, das so ganz außer meinem Plane liegt, verschlagen worden? – Ja, Beste, den Plan hatten du und ich und dein Bruder gar emsig, gar weislich hinterm warmen Ofen mit einander abgezirkelt. Nur Eins hatten wir dabei in Rechnung zu bringen vergessen – Die Fluten und die Stürme.

– Umarme mich, Geliebte! Fest und innig drücke mich an deinen schlagenden Busen – dein Volker ist gerettet – Du erblassest? Du ringest nach Athem? – Ich sage dir: dein Volker ist gerettet! Ganz sicher und heiter und wohlgemuth sitzt er hier auf dem gebrechlichen Bretschemel, während die mächtigen Bohlen, auf denen er noch gestern stolz die Wogen durchschnitt, in dem nassen Abgrunde schlafen.

– Ich muß hinaus, Liebste – muß des schönen Himmels, und der schönen Erde, und des schönen gräßlichen Elements mich freuen, das noch gestern auf ewig über mich zusammenzuschlagen drohte. Meines Lebens, und meines Lebens süßester Freude – dein, Yseule, muß ich mich freuen im Alle der weiten Schöpfung.

– Nicht lange, so bin ich wieder bei dir!

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