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Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder - Band 2

Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder - Band 2 - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Kaspar Riesbeck
titleBriefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder ? Band 2
printrun2. Auflage
editorRoland Welcker
year1784
correctorreuters@abc.de
senderRoland Welcker
created20080923
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Ein und vierzigster Brief.

Dresden –

Ich bin auf einmal in einer ganz neuen Welt, Bruder! So wie man über der böhmischen Gränze ist, erblickt man ein ganz anders Erdreich, einen andern Anbau, andre Leute, und hört eine ganz andre Sprache. Zum erstenmal hört' ich nun das gemeine Volk verständig deutsch sprechen; denn durch ganz Schwaben, Bayern und Oestreich spricht man ein Jargon, das Einer, der das Deutsche von einem Sprachmeister gelernt hat, ohne besondre Uebung unmöglich verstehen kann. Nun bin ich erst in dem eigentlichen Deutschland. Nur ein kleiner Strich von dem Theil des deutschen Reiches, den ich bisher gesehn, nämlich der nördliche zwischen der Donau und dem Rhein in Schwaben, gehört zu dem alten Germanien, dessen Bewohner den Römern so förchterlich waren. Das übrige war alles nur erobertes Land, und hieß Vindelicien Vindelicien – das Land der keltischen Vindeliker zwischen Alpen und Donau, Rhätien Rhätien – Rätien: ehemals von den Rätern bewohnte Alpenlandschft, in der Römerzeit das Gebiet um Chur, Augsburg, Kempten, Bregenz und Regensburg und Pannonien Pannonien – römische Provinz zwischen Ostalpen, Donau und Save. Um die Zeiten Pipins und Karls des Grossen waren aber auch hier die Gränzen Deutschlands beschränkt. Die Slaven hatten zuvor die Burgunder, Schwaben und andre deutsche Völker über die Elbe getrieben, und sich ihrer Wohnsitze bemächtigt, so wie diese dann den Theil der alten Germaner, die an den Ufern des Mayns und Rheins wohnten, nach Gallien trieben. Es war, als wenn damals die Völker eine Reihe Kugeln gewesen wären, die von Osten her einen Stoß bekamen und wo immer eine die andre in gerader Linie forttrieb – In der neuern Geschichte, nämlich seit Luthers Zeiten, war Sachsen immer in jedem Betracht eine der vornehmsten Provinzen Deutschlands. In Rücksicht auf Literatur waren die Sachsen für die übrigen Deutschen das, was vor einigen Jahrhunderten die Florentiner für die andern Völkerschaften Italiens waren – Doch ich bin zu voreilig. Alles das sollst du zu seiner Zeit umständlicher erfahren. Ich muß dir erst sagen, wie ich hieher gekommen bin und wie das Land aussah, durch welches ich kam.

Der Theil von Böhmen, durch welchen unser Weg hieher gieng, sieht ungleich schöner und reicher aus als der zwischen Prag und Oestreich. Der Anbau ist, so wie das Land selbst, mannichfaltiger, die Menschen wohnen näher beysammen, und scheinen geselliger zu seyn. Hügel, Berge, Ebenen und Thäler wechseln auf eine reitzende Art mit einander ab, und der Weinstock, der jenseits Prag gar nicht zu sehen ist, bedeckt hier häufig die Abhänge der Berge.

Wir sahen die waldigten Gipfel des sogenannten Erzgebirges, dessen höchster Rücken die Gränze zwischen Sachsen und Böhmen ist. Diese Berge sind auch nur von mittlerer Höhe, und machen durch ihre Grösse bloß deswegen einiges Aufsehen, weil von hier bis an die Mündung der Elbe und der Ostsee hin kein erhebliches Gebirge ist. Die Leute, welche aus diesem niedrigen und ebenen Lande heraufkommen, und hier zum erstenmal ein Gebirge erblicken, welches dieses Namens würdig ist, erheben ein großes Geschrey, und glauben die Grundsäulen des Himmels gesehen zu haben, so wie das Riesengebirge auch seinen Ruhm bloß dem kleinen Maaßstab zu verdanken hat, den die Leute, welche es in Ruf gebracht, von Gebirgen überhaupt hatten. In alten Zeiten machte man es mit dem Atlas, Olymp, Athos Athos – der höchste Berg der Ägäis, Parnaß Parnaß – Berg in Griechenland bei Delphi und andern Bergen ebenso.

Moore will auf diesem Weg, den ich hieher gemacht habe, eine grosse Verschiedenheit der Fruchtbarkeit zwischen dem sächsischen und böhmischen Boden zum Vortheil des erstern bemerkt haben; allein ich fand grade das Gegentheil. Zuverläßig ist das Erdreich von Böhmen von Natur ergiebiger als jenes von Sachsen, wie denn dieses Land auch seinen beträchtlichen Theil seiner ersten Bedürfnisse aus jenem bezieht. Vorzüglich fruchtbar ist der Leutmeritzer Kreis, wodurch dieser Weg geht, und mit welchem sich der angränzende Theil von Sachsen gar nicht vergleichen läßt; aber der fleißigere Anbau ist auffallend, sobald man den Fuß auf sächsischen Grund und Boden gesetzt hat. Man wird gar bald überzeugt, daß die Verfassung dieses Landes dem Feldbau und Fleiß überhaupt günstiger ist, als jene von Böhmen. Der Bauer verräth in der Bebauung seiner Felder mehr Ueberlegung und Verstand als der Böhme, und sein ganzes Aeusseres bezeugt, daß er kein Sklave ist.

Dresden hat eine stolze Lage, und beherrscht auf allen Seiten eine vortrefliche Aussicht. Sie ist ohne Vergleich die schönste Stadt, die ich noch in Deutschland gesehen. Die Bauart der Häuser hat viel mehr Geschmack, als die von Wien. Auf der langen und prächtigen Elbbrücke ist die Aussicht bezaubernd. Der Fluß, welcher bis auf einige Entfernung von der Stadt sehr eingeschränkt war, fängt sich an merklich auszubreiten, und ist hier schon ein mächtiger Strom, welcher der Pracht der Stadt und Landschaft entspricht. Das Gebürge gegen die Lausnitz zu bietet einen majestätischen Anblick dar, und die theils wilden, theils mit Weinreben bepflanzten Berge längst dem Fluß hinab bilden ein ungemein schönes Perspektiv.

Die Sitten und die Art der hiesigen Leute sticht mit den Deutschen, die ich bisher gesehen, noch stärker ab, als die Schönheit der hiesigen Strassen, und der Geschmack der Gebäude mit den Städten in Schwaben, Bayern, Oestreich und Böhmen. Ein ungemein schöner Wuchs, sprechendere Gesichtszüge, eine gewisse Ründung und Leichtigkeit der Bewegungen, eine zuvorkommende Höflichkeit, eine durchaus, bis auf die untersten Volksklassen herrschende Reinlichkeit, und ein gewisses gesprächiges, zudringliches und einnehmendes Wesen muß jedem, der auf meinem Weg hieher kömmt, an den hiesigen Einwohnern stark auffallen.

Es war ein unglücklicher Einfall, diese schöne Stadt zu befestigen, und unbegreiflich ist es, daß man, anstatt die Vestungswerke sobald als möglich zu schleifen, sie noch verbessern will. So ausgesetzt wie das Land ist, und in seinen itzigen Umständen, wo es sich in keine Fassung setzen kann, um in einer Fehde zwischen Oestreich und Preussen die Neutralität zu behaupten, ist diese Stadt mehr als irgendeine in Gefahr verwüstet zu werden. Das Andenken der Verwüstungen von 1758 und 1760 Verwüstungen 1758 ... – Beschießung und Besetzung Dresdens im Siebenjährigen Krieg ist noch frisch genug, um der Regierung zur Warnung zu dienen.

Die Stadt scheint nach der Grösse ihres Umfanges nicht sehr bevölkert zu seyn. Man schätzt die Anzahl der Einwohner auf 50.000. So viel ist gewiß, daß sie seit dem Ausbruch des letzten Schlesischen Kriegs und dem Tod Augusts des Dritten August III. – Kurfürst von Sachsen, † 1763 fast einen Drittheil ihrer Einwohner verloren hat. Die Fremden und Einheimischen, welche die Stadt vor dieser Epoche kannten, wissen von der Abnahme derselben nicht genug zu erzählen. Die Kriegsverheerungen haben zu dieser Veränderung lang nicht soviel beygetragen, als die Sparsamkeit des Hofes, welche auf eine grosse Verschwendung desselben erfolgte. Unter dem letztern Kurfürsten war der hiesige Hof vielleicht der glänzendste in Europa. Man rechnet, daß bloß die Hofmusik, die Oper und das Ballet den Kurfürsten fährlich im Durchschnitt gegen 300.000 Gulden sächsisch, oder über 780.000 Livres gekostet haben. Seine Tafeln, Jagden, Ställe u. s. w. entsprachen vollkommen diesem Aufwand. Aus allen Ländern strömten Fremde hieher, um all die Herrlichkeit mitzugeniessen. Dresden war in Norden der Mittelpunkt des Geschmacks und der feinen Lebensart. Das zahlreiche Gefolge des Hofes und der vielen Fremden machten den Umlauf des Geldes, die Künste und alles Gewerbe lebhaft. Unterdessen häuften sich die Schulden, wodurch sich aber der Kurfürst so wenig irre machen ließ, daß, als er in einer gewissen Oper das schöne Opferfeuer vermißt, welches sonst in einem Tempel zu brennen pflegte und mehrere hundert Thaler kostete, und ihm der Intendant sagte, die heidnische Gottheit müßte sich für dießmal mit einem Feuer für 20 bis 30 Gulden begnügen, weil kein Geld mehr in der Kasse sey, er doch den strengsten Befehl gab, daß bey der nächsten Aufführung dieser Oper wieder wie zuvor die vielen hundert Taler verbrennt werden sollten.

Ein Hof, der auf diesen Ton gestimmt ist, hat selten gute Staats= und Verwaltungsgrundsätze. Die Minister werden, wie der Fürst selbst, von eitelm Glanz geblendet; wollen sich in der Welt eine bedeutende Miene geben; lassen sich in Unternehmungen ein, denen die durch die Verschwendung geschwächten Kräfte des Landes nicht gewachsen sind. Sie sind in einem gewissen Schwindel Schwindel – Taumel, worin sie weder ihre eigne Lage, noch jene der andern Mächte, mit welchen sie in Kollision kommen, genau ins Auge fassen können. Durch die allgemeine Verschwendung werden Untreue, Bestechung, Verrath und alle Laster begünstigt. Die wichtigsten Stellen werden erkauft, erschmeichelt, erh*rt. Dieser wird geheimer Staatsrath, weil er schön tanzt, und jener General, weil er die Flöte gut blaset. Das Verdienst wird unter dem Unterrock abgemessen, und die ganze Politik eines solchen Hofes ist gemeiniglich in der Sphäre eingeschlossen, welche die schöne Göttin zu Florenz Göttin zu Florenz – die Venus von Medici mit der einen Hand bedeckt.

Man ist einig, daß der König für seine Person nicht so sehr die Wollust als die Pracht geliebt; allein die skandalöse Kronik seiner Hofleute übertrift vielleicht alles, was man von der Art kennt, und wenigstens hat er durch seine Prachtliebe die Ausschweifungen seiner Untergebenen begünstigt. In der Trunkenheit der Wollust ließ sich das Ministerium in einen Plan ein, von dem es kein Ende absehn konnte und worinn es sich nothwendig der Diskretion mächtigerer Höfe überlassen mußte, mit denen es sich gegen einen gefährlichen Nachbar verband. Vielleicht war dieß eine der unpolitischesten unpolitisch – unklug Verbindungen, welche die Geschichte kennt. Man nahm die Parthey von Rußland, welches für Polen so förchterlich war, schlug sich zu Oestreich, welches ohnehin ein mächtigerer Nachbar war als Preussen, und wollte diesen Hof entkräften, der doch ganz allein im Stand war, das Gleichgewicht in Deutschland zu erhalten. Man verstieß sich also auf drey Seiten gegen die erste Staatsmaxim eines Hofes, der im Gedränge andrer ist, nämlich nie die Parthey des Stärkern, sondern allzeit jene des Schwächern zu nehmen. Doch man konnte damals nichts vernünftiges von dem hiesigen Ministerium erwarten. Mitten in dem Taumel überfiel der König von Preussen das Land, wie Karl der Zwölfte Karl XII. – König von Schweden, eroberte im Großen Nordischen Krieg 1702 Warschau und Krakau, † 1718 Polen unter August dem Zweiten August II. – sächsischer Kurfürst, König von Polen, auch August der Starke genannt, † 1733. Die Armee, womit man so grosse Dinge thun wollte, 14.000 Mann stark, ergab sich, ohne einen Schuß zu thun. Es sollen bey derselben einige Obristen Kastraten Kastrat – Sänger mit besonders hoher Stimme gewesen seyn. Die derben Schläge des Königs von Preussen weckten sie nach und nach aus dem Schlaf auf. Die ganze Herrlichkeit, nur das ausgenommen, was die Minister zuvor für sich eingesteckt hatten, war wie weggeblasen. Nun ertönte ein Konzert von Schuldfoderungen, Brandschatzungen, Lieferungen u. dgl. m. welches mit dem Bachanalgetöse Bachanal – bachantisch: ausgelassen, überschäumend kurz zuvor einen schauerlichen Mißton machte. Alle Welt hielt das Land für verloren, und es wäre auch nicht zu retten gewesen, wenn nicht der unbeschreiblich thätige Geist der Nation seine Zuflucht zur Sparsamkeit und Industrie genommen hätte, und nicht eben so nüchterne und patriotische Minister ans Ruder gekommen wären, als trunken und feil die vorhergehenden waren. In einem meiner folgenden Briefe werd' ich dir von dem ietzigen Zustand des Landes umständlichere Nachricht geben.

Eine von den Merkwürdigkeiten, wovon man hier am meisten Lärmen macht, ist das sogenannte grüne Gewölbe im kurfürstlichen Schloß, oder die eigentliche Schatzkammer. Einige wollten wissen, man habe Bedenklichkeiten, sie den Fremden zu zeigen, weil einige von den vielen Stücken, die im letzten slesischen Krieg in Holland versetzt worden, noch nicht eingelöset wären; allein man machte uns (ich war in Gesellschaft zwey rußischer Edelleute) nicht die geringste Schwierigkeit, und der Mann, welcher sie uns zeigte, versicherte, daß alles wieder eingelöset sey. Die Sammlung ist immer sehr merkwürdig; ich glaube aber, die Schätze an den Höfen zu Wien und München geben ihr wenig nach, und ich müßte mich sehr betrügen, wenn nicht die Schätze einiger Dohmkirchen, die ich gesehn, ihr die Waage halten sollten – Die Gemähldegalerie, die Sammlungen von Antiken Antiken – antike Standbilder und Kopien davon, Kupferstichen und Naturalien Naturalien – naturwissenschaftliche Exponate wie Gesteine, Versteinerungen, Tierpräpatate usw. sind in meinen Augen ungleich merkwürdiger als das berüchtigte grüne Gewölbe, wie dann die Gemähldegalerie unter die allerersten in Europa gehört. Sie zählt ohne die Pastellmahlereien beynahe 1.200 Stücke. In derselben ist die Geburt des Heilandes von Korreggio Korreccio – Corregio, ital. Maler, † 1534, welche man schlechthin die Nacht nennt und für die beste Arbeit dieses Meisters hält, das merkwürdigste Stück. Es soll über eine halbe Million Livres gekostet haben. Einige ziehen ihm den heiligen Georg, auch von Korreggio, noch vor. Dieses Stück sollte eigentlich Maria heissen, denn die heilige Jungfrau ist die Hauptfigur, und der heilige Georg steht neben andern Heiligen neben ihr – Von Karacci Karacci – Annibale Carraccio – ital. Maler, † 1609 hat die Galerie kostbare Werke und sein bestes Stuck. Es ist ein heiliger Rochus, der Allmosen giebt. In Italien ist dieß Stück unter dem Namen Opera dell' Elemosina bekannt.

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