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Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder - Band 1

Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder - Band 1 - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorJohann Kaspar Riesbeck
titleBriefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder - Band 1
publisher
series
volume
printrun2. Auflage
editorRoland Welcker
year1784
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderRoland Welcker
created20080429
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Zwey und zwanzigster Brief.

Wien –

Die hiesige Polizey ist ganz dazu angelegt, alles, was Schwung der Seele und moralische Stärke des Menschen heißt, zu unterdrücken. Man sollte bedenken, daß die beste Polizey eben nicht diejenige ist, die gar keine andere Absicht hat, als jedes Glied der Gesellschaft soviel als möglich sicher zu stellen. Eine weise und wahrhaft menschliche Polizey beschäftigt sich mit dem Problem, wie es möglich sey, der Gesellschaft die größte Sicherheit zu verschaffen und dabey die Freyheit der einzeln Glieder so wenig als möglich zu kränken. Wenn man jeder bürgerlichen Familie einen Wächter zur Seite stellt, unter dessen Aufsicht sogar die Tische und Betten des Hauses stehn und welcher den Bewohnern desselben überallhin auf dem Fusse nachfolgt, so ist freylich für alle Unordnungen gesorgt; aber wer liebt die Ordnung unter den Ruderknechten auf einer Galeere?

Der weise Schöpfer, dessen Ebenbild jede Regierung seyn soll, ließ uns den freyen Willen, den wir so oft mißbrauchen. Er legte dem Guten einen stärkern Reitz bey, ohne uns die Gewalt zu nehmen, Böses zu thun. Diese Freyheit macht, alles Bösen ungeachtet, welches daraus erfolget, die wahre Grösse des Menschen aus. Die Religion sagt uns, der Schöpfer wird zu seiner Zeit das Böse streng bestrafen und das Gute reichlich belohnen. Ohne die Freyheit, Böses zu thun, hätten wir kein moralisches Gefühl und kein moralisches Glück, und Gott könnte dann nicht gerecht gegen uns seyn.

Ein treffenderes Urbild für die menschliche Gerechtigkeit und Polizey giebt es nicht. Unsere Gerechtigkeit soll das Böse ohne alle Nachsicht strafen und das Gute mit voller Hand belohnen, und die Polizey, welche derselben untergeordnet ist, soll keine andere Absicht haben, als der Gerechtigkeit die Mittel an die Hand zu geben, alles Böse strafen und alles Gute belohnen zu können. Aber das moralische Böse physisch unmöglich machen zu wollen, ist eine Beleidigung der Menschheit und der Gottheit.

Die menschliche Gerechtigkeit hat kein Böses, als das, welches aus den Handlungen entspringt, die der Gesellschaft schaden. Sie und ihre Magd, die Polizey sollen ihre Richterstüle nicht zu Beichtstülen machen, und ihre Gebiete gewaltthätiger Weise über die häusliche Moralität der Menschen ausdähnen. Die Polizey= Konsistorial= und andere Räthe dörfen nicht, wie hier, Inquisitoren seyn, wenn das Volk mehr Charakter und mehr moralisches Gefühl haben soll, als es wirklich hat.

Vielleicht ist Wien die einzige Stadt in der Welt, die eine besondere Keuschheits=Kommißion hat. Noch vor wenig Jahren giengen die Spionen dieser sonderbaren Kommißion den jungen Leuten bis in die Häuser auf dem Fuß nach, und man mußte sichs gefallen lassen, daß sie auch mitten in der Nacht in die Schlafzimmer brachen, und die Betten visitirten. Der Greuel, den diese Kommißion in der Gesellschaft anrichtete, war so groß, daß der Kaiser sein ganzes Ansehen gebrauchte, um von seiner Frau Mutter, die sich besonders viel von dieser Kommißion versprach, eine Einschränkung derselben zu bewirken. Einige von den Keuschheitsspionen standen mit NymphenNymphen – Huren im Vertrag, die junge Leute in die Häuser lokten, und dann nach der getroffenen Verabredung von den MouchesMouche – Mouchard, franz. Spitzel in Flagrantiin Flagranti – auf frischer Tat überfallen wurden. Der junge Mensch mußte sich nun, um nicht vor die Kommission geführt zu werden, rein ausplündern lassen, und der Mouche und die Nymphe theilten die Beute heimlich unter sich. Das Uebel ist nun durch die VerwendungVerwendung – hier: Einspruch des Kaisers in etwas gehoben worden; aber wie eckelhaft ist nicht für einen Menschenfreund der Anblick eines Polizeywächters im Prater, wo die Natur selbst die Menschen zum freyen Genuß des Umgangs einladet; wenn er sieht, wie der Wächter den jungen Leuten in die dickern Gebüsche und unter die Bäume nachgeht, um den möglichen Sünden zuvorzukommen.

Man glaubt hier, das wirksamste Mittel zur Unterdrückung der Hurerey und der Kindermorde und zur Beförderung der Bevölkerung wäre, wenn man den jungen Menschen, der von einem Mädchen als Vater angegeben wird, stehenden Fusses vor dem Konsistorium mit demselben verehligte. Man erzählte mir einen seltsamen Auftritt von der Art. Ein junger Herr ward vor das Konsistorium gefodert. Er wußte, daß ein Mädchen Ansprüche auf ihn machte, und was er zu erwarten hatte. In dem Vorzimmer der Gerichtsstube fand er ein armes Jüngferchen, dem er leicht ansah, daß es von dem Konsistorium auch einen Mann zu fodern habe. Er ließ sich in aller Eile einige Umstände von ihm erklären, und als er hörte, daß der Schwängerer dieses Mädchens entflohen und es wenig Hoffnung habe, ihn zum Mann zu bekommen, versprach er ihr eine ansehnliche Summe, wenn es ihn als Vater angeben würde, aber von einem frühern Datum, als das gute Kind, mit dem er so eben vor Gericht konfrontirt werden sollte. Das Mädchen gab ihm sein Wort, und voll Zuversicht, ein sicheres Auskunftmittel gefunden zu haben, stellte er sich vor die Räthe. Man fragte ihn, ob er die neben ihm stehende Person beschlafen habe? Er gestand es. Man sagte ihm, daß er Vater sei und also dem Mädchen die Hand geben müsse. Er wandte dagegen ein, im Vorzimmer stehe eine Person, die ältere Ansprüche auf ihn zu machen habe. Diese wird vorgefordert. Man sieht mit einem Blick, daß sie länger schon Mutter sey als die andre. Die erste Klägerin muß sich mit einer gewissen Summe Geld begnügen und abtreten. Nun sagt der junge Herr, mit dieser noch anwesenden Person habe er sich vorläufig schon abgefunden. Sie läugnet es. Die Räthe fodern Zeugen und Unterschrift. Der gute Herr hat nichts aufzuweisen. Und muß auf der Stelle seine Hand einer Hure geben, die er hier zum erstenmal in seinem Leben gesehn.

Ich kenne verschiedene angesehene Herren, die auf diese Art Männer wurden. Ihre Weiber trieben eine Zeitlang in der Stille den Schleichhandel mit ihren Reitzen. Als diese zu welken begannen, wählten sie aus dem Schwarm ihrer Günstlinge irgend einen, mit dem sie eine gute PartheyParthey – Partie zu treffen glaubten, und gaben ihn vor Gericht an. Das Beschlafen, auch ohne Schwängerung, gab ihren Ansprüchen Gewicht genug. Einige dieser sehr seltsamen Ehepaare sind als Künstler dem ganzen Publikum bekannt.

Um die Hurerey und die Kindermorde zu verhüten, wüßt' ich ein sicherers Mittel, welches aber der andern Absicht, die man durch diesen Ehezwang erreichen will, nämlich der Beförderung der Bevölkerung, gar nicht zuträglich ist. Shakspear hat es schon der hiesigen Polizey vorgeschlagen. Ich besinne mich nicht, in welchem Stückein welchem Stück – Maß für Maß seiner theatralischen Werke dieser Dichter einen Hurenwirt zu Wien sagen läßt, »wenn die Polizey das Huren gänzlich abschaffen wollte, so müßte sie alle Mannsleute kastriren.« Es scheint, die hiesige Polizey stand wegen ihrer Keuschheit schon damals in Ruf.

Dieser Ehezwang hat schreckliche Folgen für die Gesellschaft und den Staat. Ich weiß nicht, ob die Hurerey dadurch in etwas gehemmt wird, aber gewiß ist es, daß das Ehebrechen dadurch befördert wird. Die eheliche Treue, Vertraulichkeit und Liebe, die heiligsten und heilsamsten Bande der Gesellschaft werden dadurch aufgehoben. Der Mann, welcher seine Frau, indem er ihr gezwungen die Hand reicht, als eine Hure betrachten muß, kann nie ihr wahrer Freund werden, kann nie die Hochachtung für sie bekommen, die zu einem glücklichen Ehestand unumgänglich nöthig ist. Es ist auffallend, wie gleichgiltig hier die Eheleute gegen einander sind. Zu Paris herrscht unter einem grossen Theil der verehelichten Einwohner die nämliche Gleichgiltigkeit; aber sie ist Sitte und kein Fehler der Regierung. Eheliche Liebe und Treue sind unter dem Mittelstand zu Paris auch so unbekannt nicht, wie sie hier zu sein scheinen. Die Bevölkerung, welche man durch diesen Zwang befördern will, wird grade dadurch vermindert. Nach der Meinung der einsichtsvollsten und erfahrensten PhysikerPhysiker – Physikus, Arzt ist warme Liebe der Befruchtung ungemein zuträglich und der Beyschlaf ohne dieselbe gar oft fruchtlos. Die meisten durch diesen unnatürlichen Zwang verknüpfte Ehepaare, die ich hier kenne, sind kinderlos und die Ehen hier überhaupt wenig fruchtbar. – Die Gleichgültigkeit der Eltern gegeneinander theilt sich auch den Kindern mit, und die sanftern Empfindungen der Liebe und Freundschaft werden schon in der Jugend erstickt. Dieser Mangel an ehelicher und häuslicher Zärtlichkeit ist ohne Zweifel eine der Hauptursachen, daß die hiesigen Einwohner überhaupt so wenig sittliches Gefühl haben.

Es ist wahr, jedes Ding hat seine schlimme und gute Seite. Wenn es dem hiesigen Nationalgeist an Stärke und Schwung fehlt, so sind seine Laster eben so kleinlicht und schwach, als seine Tugenden. Man hört hier nichts von den tragischen Auftritten, die zu Londen, Neapel und auch zu Paris so gewöhnlich sind. Beutelschneider, Betrüger, Bankruttirer, Diebe, Verschwender, Kuppler und Kupplerinnen sind fast die einzigen Gattungen von Arrestierten, die man hier findet. Nicht einmal zu einem Strassenräuber ist der Oestreicher stark genug, denn ich schreibe es den zahlreichen Armeen des Kaisers, die so viele junge müßige Leute mit der Flinte beschäftigt, nicht allein zu, daß diese Art von Verbrechern hier so selten ist. Ein Sachse, den ich hier kenne, und der schon seit mehrern Jahren die östreichischen Staaten durchreiset, kann sich nicht erinnern, je von einem Duell gehört zu haben. Gestern sah ich einen Auftritt, der die hiesigen Einwohner und die Polizey stark karakterisirt. Ein nach dem Aeusserlichen sehr ansehnlicher Herr bekam auf offener Straße Händel mit einem Mietkutscher. Von den 600 Polizeydienern, die durch die Stadt vertheilt sind, sprang sogleich der nächste herzu. Der Herr fieng an heftig zu schimpfen: Der Mietkutscher ermangelte nicht, jedes Schimpfwort mit starkem Prozent wieder zurückzugeben. Es entstand das lächerlichste Schauspiel, das ich je gesehen. Zwischen dem Schimpfen wollte jeder den dicken Haufen von Zuschauern überzeugen, daß er Recht habe. Nun fuhren sie in ihren Erklärungen unabläßig einander mit den Händen an den Nasen herum, aber jeder gebraucht eine unbeschreibliche und für einen Franzosen, Engländer oder Italiäner unmögliche Vorsicht, die Spitze der Nase seines Gegners nicht zu berühren; denn nach dem Gesetz wird der, welcher zuerst schlägt, ohne Barmherzigkeit gestraft, wenn ihm auch der andre noch soviel Anlaß dazu gegeben. Der Polizeydiener stand stumm da, und folgte mit angestrengten Augen den mannichfaltigen Bewegungen der Hände der streitenden. Hätte einer nur die Hutspitze des andern berührt, so wäre es ein Schlag gewesen, und der Wächter hätte den Schläger eingezogen. Der Auftritt währte über eine Viertelstunde, und endigte sich mit einem Gelächter der Zuschauer. Weiter als zum Schimpfen kömmt es hier zwischen streitenden Partheyen höchstselten, und zum Schimpfen ist hier jedermann vortreflich ausgerüstet.

Einen Aufstand hat der Hof in seiner Hauptstadt nicht zu beförchten. Die Geschichte Wiens weiß überhaupt sehr wenig von solchen Auftritten. Gegen den Anfang des vorigen Jahrhunderts haben hier die Protestanten eine kleine Gährung veranlaßt, aber jetzt steht nicht das geringste zu beförchten, was einem öffentlichen Tumult ähnlich sähe. Der Wiener ist zu entnervt dazu. Dagegen weiß er auch nichts von dem warmen patriotischen Gefühl, welches alle Lond[o]ner und Pariser begeistert, wenn die Ehre der Nation und der Krone bey irgendeinem Vorfall intereßirt ist. Die Stände der französischen Provinzen und die Stadt Paris haben in Kriegszeiten oft freywillig der Krone viele Millionen geschenkt, und in einzeln Kaffeehäusern unserer Hauptstadt sind öfters schon Kollekten gemacht worden, die zum Bau und zur Ausrüstung eines Linienschiffes hinlänglich waren. Die östreichischen Staaten haben wenige und sehr unbedeutende Beyspiele von der Art aufzuweisen.

Subordination ist hier die einzige Triebfeder des Staates. Ich habe noch kein Fünkchen von der Freyheitsliebe der Engländer oder von dem Gefühl der Ehre, welches unsere Landsleute auszeichnet, hier aufspüren können. Der Stolz, welcher unter der kaiserlichen Armee herrscht, ist zu persönlich, als daß er eine für den Staat wohlthätige Empfindung sein könnte. Dem Feuer des Nationalstolzes, welches mehr für den ganzen Staat als für die Privatehre im Busen unserer Landsleute brennt, haben wir es zu verdanken, daß auch unsere halbaufgezehrten Wollüstlinge vom Busen ihrer Freundinnen sich losreissen und mit einer Dapferkeit vor den Kanonen der Feinde auftretten, die sogar auch diese zu jeder Zeit bewundern mußten. Unsere Soldaten werden zu patriotischen Dichtern entzückt, und die Gesänge, welche ein Haufen Kameraden auch zur Friedenszeit unter sich anstimmt, sind größtentheils Empfindungen des Muths, der Ehre und des Nationalstolzes, und Lobeserhebungen ihrer Anführer. Ich hörte hier zu Lande die Soldaten überhaupt wenig singen, und was sie sangen, waren grobe Polissonnerien.Polissonnerie – Zote Ich zweifle nicht, daß des Singens ungeachtet, ein östreichisches Kriegsheer zu unsern Zeiten nicht ein französisches schlagen würde; aber hierüber werde ich zu Berlin mit dir sprechen, wo der Ort schicklicher dazu ist.

Ein Staat, der bloß durch Subordination besteht, setzt Schwäche der einzeln Glieder voraus. Der strenge Gehorsam schwächte den Karakter der Spartaner nicht, weil er nicht die eigentliche Seele des Staates, sondern nur ein Mittel zur Vertheidigung der Freyheit und der Nationalehre war, für welche die lazedämonischenazedämonisch – lakedämonich: spartanisch Herzen glühten. Die Gesetze Großbrittanniens sind strenge, und unter der Marine desselben ist eine Subordination eingeführt, welche der preußischen an Genauigkeit gleichkömmt. Aber die Pünktlichkeit und dieser Gehorsam unterdrückten die hohen Empfindungen eines Britten nicht, weil sie nicht die Haupttriebfedern seiner Regierung sind. Kein Volk hat die Gewalt seiner Könige kaltblütiger eingeschränkt als das brittische, und doch hat keine Nation solche Beyspiele von kindlicher Liebe zu einzeln Königen und Aufopferungen für die Personen verschiedener derselben aufzuweisen, als man in der Geschichte Englands so häufig findet. Das Gefühl des Britten für die Freyheit ist für die Person des Königes eben so stark, wenn der König die Konstitution unangetastet läßt, und Liebe zu derselben äussert. Indessen der Unterthan eines Staates, der bloß durch Subordination regiert wird, schwach von Karakter wird, behält der Britte seine Stärke so lange, als seine Konstitution dauert.

Die Grossen, wenn Herrschsucht ihre erste Leidenschaft ist, müssen freylich die Stärke des Karakters ihrer Unterthanen als das größte Hinderniß ihrer Herrschsucht, und also als ihre natürliche Feindin betrachten. Es muß ihnen daran gelegen seyn, ihren Staat im eigentlichen Verstande des Wortes zu einer MaschineStaat als Maschine – ein kühner Vorgriff auf Lenin: »Im Kapitalismus haben wir den Staat im eigentlichen Sinne des Wortes, eine besondere Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere, und zwar der Mehrheit durch eine Minderheit.« zu machen, wovon ihr freyer Wille allein die Seele ist, und alle Thatkraft der untergeordneten Glieder dieser Maschine zu unterdrücken. Das Maschinenmäßige, worauf auch die Kriegskunst zu unsern Zeiten gestiegen oder gefallen ist, schließt alle Personaldapferkeit aus, und macht den Muth der einzeln Glieder der Armee entbehrlich. Es ist sogar gewissermassen wahr, was einer unserer größten Schriftsteller bemerkt hat, daß eine solche Staatsmaschine, wenn alle Fugen gehörig ineinander passen, desto dauerhafter und brauchbarer ist, je schwächer die einzeln Glieder derselben im moralischen Betracht sind; aber ich mag kein Glied dieser Maschine seyn.

Die hiesige Regierung scheint diesen mannichfaltigen Zwang durch eine unpartheiische Verwaltung der Gerechtigkeit, durch eine allgemeine Sicherheit und durch eine Begünstigung der öffentlichen sinnlichen Vergnügen – jene der Liebe ausgenommen – wieder in etwas gutzumachen. Der geringste Bediente hat sich gegen seinen Herrn, und wenn er auch einer der ersten Hofleute wäre, Gerechtigkeit zu versprechen. Die Polizey ist so aufmerksam und thätig, daß ihr auch oft die feinsten Diebereyen nicht verborgen bleiben, und der Eigenthümer wieder zu dem Seinigen kömmt. Fast alle kaiserlichen Schlösser und Gärten stehn dem gesammten Publikum zur Ergötzung offen. Der Prater und der Augarten sind vom Hof zu den schönsten öffentlichen Spaziergängen grosser Städte in Europa gemacht worden. Die Schaubühnen geniessen vorzüglich den Schutz eines Hofes, der in allem zeigt, daß der Zwang, den er seinen Unterthanen anthut, mehr die Folge irriger Grundsätze als eines Hanges zur Unterdrückung ist. Aber bey all den vielen Lustbarkeiten, bey all der schönen Ordnung und Sicherheit, welche dabey herrschen, bin ich – vielleicht scheint es dir paradox – viel lieber unter den Engländern in London, ob ich schon nicht so sicher wie hier bin, auf der Strasse in der Nacht angefallen zu werden. Ein Vauxhall,Vauxhall – Stadtteil von London, berühmt durch seine zahlreichen Amüsier- und Belustigungsmöglichkeiten wenn mir auch gleich die zertrümmerten Gläser um den Kopf fliegen, ist mir immer lieber, als das stille Saufen und Fressen und Spielen im Prater, wobey freylich jeder sicher ist, daß ihm kein Haar gekrümmt wird. Die Stiergefechte der Spanier, das Rauffen der TrasteveriniTrateverini – Einwohner von Trastevere, einem Stadtteil von Rom zu Rom, die Schlägereyen unserer Edelleute und Officiers, das Boxen der Britten sind freylich politische Unordnungen, von denen man hier nichts ähnliches sieht; aber ich glaube, es sind Unordnungen, welche von einem stärkern Nationalkarakter, als der hiesige ist, unzertrennlich sind. Mit nächster Post mehr davon.

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