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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 99
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Neunundneunzigster Brief

 

Paris, Sonntag, den 20. Januar 1833

Meine deutsche Eselshaut ist schon wieder voll, und ich muß sie aufräumen, um für die neue Woche Platz zu bekommen. Deutsche Eselshaut nenne ich die Pergamentblätter in meiner Schreibtafel, die dazu bestimmt sind, beim Zeitungslesen die deutschen Angelegenheiten zu merken. Wollte ich sie, wie ich es mit dem übrigen Europa mache, auf Papier zeichnen, müßte ich mir jeden Monat ein neues Taschenbuch kaufen. Sie sollten nur einmal das kleine gelbe Ding sehen, man glaubt es nicht, wie viel Ärger hineingeht. Wenn ich das nachher in Briefen ausbreite, ist es nichts mehr; es ist dann Scham, Zorn, Wut, Schrecken, in vieler Dinte aufgelöst. Aber auf dem Pergamente ist es die reine natürliche Leidenschaft, wie sie aus dem Herzen kömmt. Oft nur ein Wort, ein Zeichen, ein Schrei; aber beredsamer als die schönste lange Rede. Wenn Worte, wenn ein Ach, ein O, ein Weh zünden könnten, schleuderte ich einmal mein Taschenbuch in das verfluchte Taxissche Haus, daß das ganze Sündenregister mit allen Sündenregistratoren in Rauch und Feuer aufginge. Dort ist die Büchse der Pandora, nur ohne die Hoffnung. Doch nein, nicht ohne Hoffnung! die Hoffnung ist da, aber nicht in der Büchse; ich hoffe mehr als je. Es kann nicht lange mehr so bleiben, sie machen es zu arg. Ein Volk erträgt lange den Haß, den Zorn, den Druck, wohl auch den Spott seiner Tyrannen: aber die Verachtung – nein. Was! die Milch, das sanfte, harmlose Ding, wird sauer und gerinnt, steift sich und widersteht, wenn man sie etwas tückisch anhaucht, wenn sie einer schlägt – und das stolze Blut, der edle Sohn des Körpers und der Seele, sollte sich nicht rühren, wenn freche Edelbuben in ihm herumplätschern? Es kann nicht sein, das ist nicht möglich, das ertragen sie nicht lang mehr – es ist Eisen im Blute.

Die Volkskammer in Weimar hatte die Öffentlichkeit ihrer Sitzungen beschlossen; denn was wäre selbst die Wahrheit im Verborgenen? Nur eine gefährliche Waffe mehr in den Händen der Lüge. Aber die Edelleute in der andern Kammer haben die Öffentlichkeit verworfen; denn sie meinten in ihrer Weisheit, damit hätten noch alle Revolutionen und Republiken angefangen und alle Monarchien geendet – worin sie auch ganz recht haben. Der Hauptmann der Edelleute, der Landesfürst, hat den Antrag der Kammer auch verworfen, mit all dem lächerlichen Hochmute, dessen ein kleiner deutscher Fürst nur fähig ist, mit dem ganzen Trotze, den der Schwager eines Kosakenkaisers sich glaubt erlauben zu dürfen. Man muß die Epistel lesen, die der Großherzog seinen getreuen Ständen vor die Füße geworfen hat! Er sagt ihnen: sie möchten ihm ja mit solchem Zeuge nicht mehr kommen, und das Volk solle ja nie in Menge etwas fordern, mit zahlreichen Bittschriften nahen; denn wenn er noch so geneigt wäre, etwas zu bewilligen, und wenn es das Billigste wäre – nie würde er tun, was viele, was alle von ihm verlangten! Die Epistel schließt mit den Worten: »Wir bestätigen übrigens sämtlichen Abgeordneten und, durch solche, sämtlichen geliebten Untertanen noch wörtlich die Fortdauer unserer festbegründeten Huld und Gnade.« Bedanke dich, glückliches Volk! Sehen Sie, so spricht Goethes würdiger Zögling. Aber ich hoffe, die Zeit wird bald kommen, daß wir diesen deutschen Fürstchen unsere Huld und Gnade bezeigen und bei Gott! ich hoffe, das nicht bloß wörtlich.

In Hannover ist ganz das nämliche geschehen; auch dort hat die Adelskammer den Antrag der Volksdeputierten auf Öffentlichkeit verworfen. Die armen Hannoveraner sind am schlimmsten daran unter allen deutschen Völkerschaften. Sie müssen ihrem Könige vergüten, was er an zwölf Millionen freier britischer Bürger verliert; auf jeden Hannoveraner kömmt die Tyrannei von dreizehn Seelen. So ist der deutsche Adel! Nach der Julirevolution mußte er gezwungen ein ganzes Jahr fasten, und jetzt holt er heißhungrig die 365 versäumten Mahlzeiten nach. Wohl bekomme es ihnen! Nur daß sie sich hüten, sich nicht den Magen zu verderben, daß sie sich wohl hüten; denn wahrlich, lassen sie es zum Brechen kommen, möchte es ihnen schlimm ergehen. So ist der Adel aller Länder und Zeiten, so wird er bleiben, solange man ihn duldet. Er ist immer so gewesen, er ist im Livius was in der »Mannheimer Zeitung«. Sie erkennen keinen Gott der Menschen, sie erkennen nur einen Gott der Edelleute; sie erkennen keinen Volksfürsten, sie erkennen im Fürsten nur ihren Hauptmann; sie erkennen kein Vaterland, der Hof ist ihr Wald, das Land eine Stätte ihrer Räuberei, das Volk ihre Beute. Im Jahr 1816 hielt der Vicomte von Castelbajac, ein restaurierter Emigrant, in der französischen Deputiertenkammer eine feurige Rede über die Wiederherstellung der Religion durch Vermehrung der Macht und des Reichtums der Geistlichkeit. Da, im heiligen Eifer, entwischte ihm der Ausdruck: »das Wohl des Vaterlandes« ... Vaterland! Er erschrak seines unwillkürlichen Verbrechens, und sich entschuldigend sagte er der Kammer: »Du reste, en employant le mot patrie je n'entends point le mot dont on a tant abusé, qui a servi de prétexte à tous les intérêts, à toutes les passions, et d'excuse à tous les crimes; j'entends par ›patrie‹ non le sol où je suis attaché sous les honteuses lois de l'usurpation, mais le pays de mes pères avec le gouvernement légitime.«

– Die Freiburger Bürger hatten den Herrn von Rotteck zu ihrem Bürgermeister gewählt, aber die badische Regierung hat diese Wahl verworfen. Nun, darüber läßt sich nichts sagen, das ist etwas Bundestägliches. Die Minister hatten ihre ganze Macht gebraucht, all ihren Einfluß geübt, alle ihre Ränke spielen lassen, diese Wahl zu verhindern; sie hatten dem Herrn von Rotteck ihren eigenen Kandidaten entgegengesetzt, und er bekam achthundert Stimmen, und der Regierungskandidat nur zweihundert. Sehen Sie, was die höchst- und allerhöchstweisen Bundestagsbeschlüsse für ganz untertänigste Folgen haben. Freiburg, in dem größten Teile seiner Bevölkerung, war gar nicht liberal. Viele waren aus alten Zeiten noch östreichisch gestimmt, die meisten waren Gegner von Rotteck und Welcker; denn die guten Bürger hatten sich von ihren Regierungspfaffen weismachen lassen, Welcker und Rotteck wären schuld an der Sündflut. Als ich verflossenen Sommer dort war, wohnte ich einem Abendessen von dreißig bis vierzig Personen bei. Darunter waren etwa zehen Bürger, alle übrigen waren aus dem gelehrten Stande. Man versicherte mich, ich sähe da alles beisammen, was in Freiburg an Liberalismus aufzutreiben gewesen. Und wie hat sich das jetzt geändert! Das haben die Bundestagsgesandten bewirkt, das sind die wahren Revolutionärs, die guten echten Hambacher. Der Großherzog von Baden hätte tausendmal eher den Herrn von Blittersdorff pensionieren sollen als Rotteck und Welcker. Aber sie sind mit Blindheit geschlagen, mit einer Blindheit, gegen welche die ägyptische Finsternis blendendes Tageslicht ist. Ich bitte Sie, tun Sie mir doch den Gefallen und fragen Sie mich in Ihrem nächsten Briefe: ob ich denn gar nichts über die Bundestagsbeschlüsse schreiben werde. Ich möchte Sie gern auslachen, das wird mich erheitern. Den vielen Narren, die seit vorigem Sommer diese Frage an mich getan, wollte ich aus Höflichkeit nicht in das Gesicht lachen; aber mit Ihnen als meiner lieben Freundin brauche ich keine Umstände zu machen. Ich soll von den Bundestagsbeschlüssen sprechen! Als hätte ich mich darüber gewundert, als wäre ich einer jener Toren, die das überrascht. Ich hatte die Bundestagsbeschlüsse schon ein Jahr früher gelesen, ehe sie gedruckt, ja ehe sie geschrieben waren. Habe ich denn in den Pariser Briefen von vorigem Winter nicht davon gesprochen? Doch vielleicht das nicht einmal; es schien mir so etwas Natürliches, so etwas zu sein, was sich ganz von selbst versteht.

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