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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 98
Quellenangabe
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typereport
authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Achtundneunzigster Brief

 

Paris, Freitag, den 18. Januar 1833

Ich glaube, es war mein vorletzter Brief, dessen Kürze ich durch störende Besuche erklärte. Kein wahres Wort daran. Es war wieder ein schönes Buch, in dem ich herumkroch wie eine Fliege in der Zuckerdose, und ich konnte nicht heraus. Wenn Sie mir auf das heiligste versprechen wollen, es gar nicht in die Hand zu nehmen an den Tagen, an welchen Sie mir zu schreiben haben, will ich es Ihnen verraten. Es heißt: Mémoires d'un cadet de famille, aus dem Englischen übersetzt, bis jetzt zwei Bände. Der Name des Verfasser steht auf dem Titel, aber ich habe ihn vergessen und das Buch schon weggegeben. Er nennt sich Freund des Lord Byron. Der Held dieser Denkwürdigkeiten war ein Seeräuber und hat dem Lord Byron den Stoff zu seinem Korsar und dem Giaur gegeben. Freilich können diese Denkwürdigkeiten für eine Frau nicht so anziehend sein als für einen Mann ... Für einen Mann? O!! Es ist mein Spott. Ich meine: für Männer, wie wir sind; ich meine: für einen Mann, wie ich bin, der glaubt etwas zu sein, weil er sich schämt, nichts zu sein. Ich schwöre es Ihnen, als ich in dem Buche las, hob ich meinen Arm hoch empor und redete ihn an: Schlingel, alter Schlingel! sage mir doch, was hast du denn getan in deinem halben Jahrhunderte? Ich saß am Kamine und starrte in die lodernde Glut. Brennen – leben! Von diesem Holze bleibt ein wenig Asche übrig, das andere alles geht als Rauch in die Luft. Aber dieser Rauch sammelt sich zu Wolken, diese Wolken stürzen als Regen herab, der die Erde befruchtet, und so ernährt der Tod das Leben. Auch von den Menschen bleibt nur ein wenig Asche übrig, auch sein ganzes Dasein geht in Rauch auf; aber dieser Rauch wird nicht zur Wolke, er kehrt nicht zurück, er befruchtet nichts. Wo kommen nun die zahllosen, unbenutzten, ungenossenen Kräfte aller der Millionen Menschen hin, die nichts waren, die nichts werden durften? Die Erziehung schlägt sie tot. Gut, ich weiß das; aber was wird aus ihnen nach dem Tode? Wehe, die Erziehung! Sobald ein Mensch geboren wird – gleich umstellen und umlauern ihn die Mutter, die Amme, der Vater, die Wärterin; später kömmt der Lehrer, später der Polizeimann dazu. Die Mutter bringt ein Stückchen Zucker, die Amme ein Märchen, die Wärterin eine Rute, der Vater den Vorwurf, der Lehrer den Stock, der Staat seine Ketten, sein Henkerbeil. Und zeigt sich eine Kraft, rührt sich, stammelt nur eine Kraft – gleich wird sie fortgeschmeichelt, fortgepredigt oder fortgezüchtigt. So werden wir wohlerzogene Menschen, so bekommen wir schöne Talente. Wissen Sie, was ein großes Talent heißt? Ein Talent ist eine große fette Gansleber. Es ist eine Krankheit; der Leber wird das ganze arme Tier aufgeopfert. Wir werden in einen engen Stall gesperrt, dürfen uns nicht bewegen, daß wir fett werden; werden gestopft mit moralischem Welschkorn und gelehrten Nudeln, und dann schnaufen wir und ersticken fast vor Moral, Gelehrsamkeit und Polizeifurcht, und dann kömmt eine alte Köchin von Regierung, betastet uns, lobt uns, schlachtet uns, rupft uns und benutzt unsere schönen Talente. Was nur an uns stirbt, möchte ich wissen; ich möchte wissen, was nur der Tod an uns zu holen findet! Aber der Tod ist ein armer Hund; nichts als Knochen sein ganzes Leben lang, selten daß ihm ein voller Mensch herabfällt.

Dieser Korsar – man kann es aus den Epochen seines Lebens berechnen, er war ein Knabe, als die Seeschlacht von Trafalgar vorfiel – ist jetzt erst vierzig Jahre alt und lebt wahrscheinlich schon längst wieder in seinem Vaterlande und baut sein Feld. Ein Jahrtausend am Leben hat er schon zurückgelegt, und die dreißig Jahre, die er noch leben mag, sind ihm ein Dessert, eine Sieste. Taten, von welchen eine einzige nur das ganze arme Leben eines Menschen bereichern könnte, hat er vergessen, und jetzt in seiner Einsamkeit, da er seine Denkwürdigkeiten schrieb, war es oft ein seltene Waffe, die er erbeutet und noch besitzt, oder ein anderes Zeichen, was ihn an eine blutige Schlacht, an eine furchtbare Gefahr erinnert. Der Indische Ozean mit seinen liebeswarmen, seligen Inseln war sein Spielplatz. Dort ist die kriegerische Sonne, deren Pfeile Niobes Töchter getötet; dort ist das echte Urbild der Sonne, die wir nur aus Kupferstichen kennen. Da wachsen Ananas wie bei uns die Rüben. Der Tiger beheult die Nacht, wie bei uns die Nachtigall sie besingt. Der Pfeil eines Wilden ist Morgengruß, der vergiftete Dolch eines Malaien ist Abendgruß.

Er hatte eine Liebe, ein arabisches Mädchen; Zela, die Tochter eines Scheiks. Einmal in der Nacht überfiel er einen malaiischen Ort und metzelte die Einwohner nieder, sie für verübte Gewalttätigkeiten zu züchtigen. Die Gefangenen der Malaien befreite er. Unter diesen war ein Araber zum Tode verwundet, der, ehe er verschied, die Hand seiner vierzehnjährigen Tochter in die ihres Erretters legte. Der Korsar trug sie auf seinen Schultern in sein Schiff. Sie ward sein Weib, die Mutter seiner Kinder, sie begleitete ihn auf allen seinen Seezügen, teilte alle seine Gefahren, ward sein Schutzgeist. Könnte ich Ihnen die arabische Zela schildern! Sie ist der holde Genius des Kaffees, der heiße dunkle Blick des Morgenlandes, ein Brennspiegel der Seligkeit. Zela ist für den Geist des Korsaren, was der Kaffee für sein Fleisch. Denn ich muß Ihnen sagen, er trinkt Kaffee, wie ich auch, nur unter andern Umständen, und das hat mich am meisten geärgert und darüber bin ich rot geworden. Ich trinke Kaffee – nicht einmal des Morgens, da kann ich ihn nicht vertragen, sondern mittags nach dem Essen, nachdem ich etwas geschlummert, um neue Kraft zu neuer Schwäche zu sammeln; ehe ich mich wieder an den Schreibtisch setze und federfuchse und schimpfe wie ein altes Weib gegen Buben, die mit Steinen nach mir werfen. Er – wenn ihn eine tolle Meereswoge in die See schleudert und die Wellen mit ihm spielen und ihn sich einander zurollen; sein Mut und seine Stärke helfen ihm wieder empor, er wird halbtot an Bord gebracht – er trinkt Kaffee, und alles ist wieder gut. Wenn er aus sechs Wunden blutend ohnmächtig niedersinkt; der dumme Schiffschirurg kömmt mit Kübeln von Arzneitränken, mit seinen Messern ihm Arme und Beine abzuschneiden – der Held schlägt die Augen auf, fordert eine Tasse Kaffee, trinkt sie und ist geheilt. Wenn – doch genug. O Schlingel! – ich. O Schlingels! – ihr.

 

Samstag, den 19. Januar

... Auf das, was **** sagt, lassen Sie achtgeben. Er steht zwar ganz unten in der vornehmen Welt, aber unter der aristokratischen Sippschaft herrscht eine merkwürdige Sympathie, und wenn man aufmerksam ist, kann man oft unten hören, was oben gesprochen wird, und so erfahren, was sie vorhaben. Es kann recht leicht sein, daß sie diesmal meine Briefe nicht verbieten, planmäßig nicht; denn aus der Polizeilumperei kommen sie nie heraus. Sie halten immer für leicht und möglich, die öffentliche Meinung zu unterdrücken oder zu beherrschen, und wenn es ihnen mißlingt, denken sie, sie hätten nur das rechte Mittel nicht gewählt. Das Verbot der Briefe hat nichts geholfen: jetzt denken sie, die Duldung werde wirksamer sein, aber ihre Verachtung wird mir sowenig schaden als ihr Haß.

Ich habe den Artikel in der »Nürnberger Zeitung« gelesen. Er ist gut gemeint; aber ich finde mich noch schwerer in diese Menschen, als sie sich in mich finden. Da heißt es wieder: es sei doch jammerschade, daß ein so geistreicher Mann, wie ich sei, und der so unendlich viel Gutes wirken könnte, so unmäßig wäre! Guter Gott! Auf wen soll ich denn wirken? Auf die Regierungen etwa? Auf den Fürsten von Wallerstein, den Herrn von Blittersdorff, den Herrn von Nagler? Oder wohl gar auf die regierenden Fürsten, auf den Großherzog von Baden etwa, den ein Fluß, über welchen eine bequeme Brücke führt, von der Weltschule trennt und der nichts gelernt. Auf einen Fürsten, der sein Wort gebrochen und für die Klagen und Schmähungen seines Volkes reichlichen Ersatz in einem preußischen Generalstitel findet und in einem artigen Briefe, den ihm sein König geschrieben? Ich soll Gehör bei Menschen suchen, die vierzig Jahre lang den Donner des Himmels überhört? Und das noch mit freundlichen Worten, mit Höflichkeit und Bescheidenheit! Meine Hofmeister sehen eine deutsche Regierung für eine alte gute Großmutter an. Sie meinen: die Großmutter hat ihre Launen, denn sie ist alt und kränklich; aber sie ist doch unsere Großmutter, wir müssen Nachsicht mit ihr haben. Nein, nein, nein, zum Teufel! nein. Nicht Großmütter, Furien sind unsere Regierungen. Ist es großmütterlich, was Bayern tut, das jeden Mann von Gefühl auf die Folter einer peinlichen Untersuchung spannt, bis er bekenne, wer seine Mitfühlenden gewesen? Ist es großmütterlich, wenn die Nassauer Regierung einen Greis von siebenzig Jahren in einer Winternacht aus seiner einsamen Landwohnung reißt und ihn auf drei Jahre zu Dieben und Räubern ins Zuchthaus sperrt, weil er in einer ausländischen Zeitung freimütig über die Finanzen des Landes gesprochen? Ist es großmütterlich, wenn die preußische Regierung, wie sie selbst bekanntmacht, Spione in Paris hält, die ihr jedes Wort der Klagen eines ihrer Untertanen berichten? Mit des Teufels Großmutter will ich höflich sein, aber mit keiner Rabenmutter von deutscher Regierung.

Ich habe mir das oben besprochene Buch aus der Leihbibliothek noch einmal holen lassen. Der Verfasser heißt Trelawney und nennt sich » Compagnon et ami de Lord Byron«.

Ich habe nicht Zeit mehr, das Blatt herunterzuschreiben; ich bin wieder durch Besuche gestört worden. Adieu.

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