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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 95
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Fünfundneunzigster Brief

 

Paris, Sonntag, den 6. Januar 1833

Über Frankfurt habe ich merkwürdige Dinge erfahren, teils aus guten gedruckten Quellen, teils aus den mündlichen Berichten eines sehr glaubwürdigen Reisenden. Von meiner teuren Gesandtschaft dort erfahre ich nie das geringste; wenn diese diniert hat, denkt sie, sie habe auch genug repräsentiert, und eine geheime Schublade ist ihr heilig. Das soll aber anders werden. Erstens habe ich aus dem Theaterrepertoire für den Monat Dezember, das in der »Didaskalia« steht, ersehen, wie in Zeit von wenigen Tagen vier verschiedene Stücke von Shakespeare aufgeführt worden sind; und nicht etwa der alte Hamlet mit seinem ewigen Sein und Nichtsein, sondern die zwei Heinriche, Richard, Lear. Das ist ja zum Erstaunen; das hat sich ja sehr zum guten geändert. Waren Sie denn nie bei einer solchen Aufführung? Wie wird gespielt? wie der junge Heinrich, wie Falstaff? In der Tat, ich freue mich darüber um Frankfurts willen. Ich bin der Meinung, daß man durch das Schauspiel auf den öffentlichen Geist einwirken könne, so abgestumpft man auch gegen solche Reizmittel sein mag. Ein guter Bürger, der aus einem Stücke von Shakespeare kommt, kann noch den nämlichen Abend seinen besten Freund totstechen, aber ihn totlangweilen, das kann er nicht.

Ferner wurde mir erzählt, man habe mehrere ausgezeichnete Juden zu Mitgliedern des Museums aufgenommen und allen ohne Unterschied erlaubt, Äcker zu kaufen und Landwirtschaft zu treiben. Sehen Sie, mein eignes Feld, das ich seit fünfzehn Jahren im Schweiße meines Angesichts bebaue, fängt an grün zu werden. Man muß nur die Geduld nicht verlieren; die geistige Erdkugel dreht sich alle Jahrhundert nur einmal um die Sonne. Aber Geduld! Ich habe schon oft daran gedacht, ob nicht möglich wäre, wie Geldanleihen, Geduldanleihen zu machen, und so wie die Fürsten durch Rothschild sich die Abgaben der Urenkel ihrer Untertanen ein Jahrhundert vorausbezahlen lassen, uns auch die Geduld, die unsern Urenkeln zufallen wird, vorauszunehmen. Das letztere wäre unschädlicher, als das erstere ist; denn unsere Urenkel werden keine Geduld brauchen. Im Gegenteile, alsdann werden die sie brauchen, gegen die wir sie jetzt brauchen. Übrigens bleibt es immer schön, was die Direktoren des Museums und der Gesetzgebende Körper getan haben. Zugleich hoffe ich aber, daß sie bei ihren Reformen mit weiser Vorsicht zu Werke gehen werden. Sie haben wegen der Juden schöne Beschlüsse gefaßt; das möge aber hinreichen für gegenwärtiges Jahrhundert, die Ausführung bleibe dem kommenden vorbehalten. Sie mögen beherzigen, was der Kaiser von Österreich kürzlich in der Rede gesagt, mit welcher er den ungarischen Landtag eröffnete. Er sagte nämlich: »Schwierig sind die Geschäfte, zu deren Verhandlungen wir euch diesmal berufen haben; sie übertreffen weit alle die Gegenstände, worüber während der vierzigjährigen Dauer meiner Regierung auf Reichstagen zu beraten war ... Unsere Väter haben durch das, was sie im 91sten Jahre des vorigen Jahrhunderts beschlossen, ihre Sorgfalt bereits auf diesen Gegenstand gewendet, die Art und Weise der Ausführung aber, welche reichlichen Stoff, sich um das Vaterland verdient zu machen, darbieten, uns ganz überlassen.« Und jetzt fordert der Kaiser seine getreuen Stände auf, bei diesen Verhandlungen langsam und vorsichtig zu Werke zu gehen und den gefährlichen Reizen der Neuerungen zu widerstehen. Wenn nun der Kaiser von Österreich sogar einen reichlichen Stoff, sich um das Vaterland verdient zu machen, vierzig Jahre geschont hat, wie viel nötiger ist es, daß die Regierung des kleinen Frankfurts einen so ärmlichen Stoff, als die Verbesserung des Zustandes der Juden ist, nicht zu früh angreife, sondern durch Aufhäufung der Zinsen das Kapital wachsen lasse, damit der Stoff, sich um das Vaterland verdient zu machen, nach vierzig Jahren auch reich werde.

Ihnen aber gebe ich jetzt drei Aufträge und einen zwar freundschaftlichen, aber ernst gemeinten Rat. Erstens, gehen Sie in das Theater und sehen Sie, wie Richard hinkt. Zweitens, gehen Sie in das Museum und geben acht, ob nicht die G-Moll-Symphonie von Mozart aus Verdruß, daß sie Juden mit anhören, in das Dur überspringt. Drittens, lassen Sie auf dem Römer Erkundigungen einziehen, ob man die Äcker der Juden in dem Grundlagerbuche unter der Rubrik Äcker jüdischer Nation einschreibe. Mein Rat ist: berichten Sie mir künftig besser, sonst werden Sie zurückberufen; dann gibt es Kriegsfurcht, die Papiere fallen, und die Handelskammer-Diener erheben ein Jammergeschrei, daß alle Milch davon gerinnt.

Haben Sie »die Thronrede« des Großherzogs von Darmstadt gelesen? Schlafen Sie recht wohl!

 

Montag, den 7. Januar

Von Chateaubriand ist eine neue Schrift erschienen: Mémoire sur la captivité de Madame la Duchesse de Berry. Sie sollen sich aus Freundschaft für mich etwas darüber freuen; denn dieser gute Mann nimmt mir jeden Winter die Hälfte meines Zornes ab. Sooft er erscheint, gehe ich in mein Zelt und lasse ihn kämpfen. Freilich muß ich diese Hülfe mit melancholischen Gedanken bezahlen. Wenn ich sehe, wie ein so geistreicher und edler Mensch von der Legitimität faselt, greife ich nach meinem Kopfe und rufe betrübt aus: Auch Chateaubriand hat den Verstand verloren und war doch mehr als du! Die Legitimität, diese Hoffnungslosigkeit des Unglücks, diese Erblichkeit der tiefsten menschlichen Erniedrigung – das verteidigen, das preisen! O Wahnsinn! Als Chateaubriand von der Gefangenschaft der Herzogin erfuhr, eilte er aus der Schweiz nach Paris und bot sich ihr in einem Schreiben zu ihrem Sachwalter an. Aber die Minister erlaubten weder ihm noch seinen Briefen den Einlaß in Blaye. Schon dreimal seit der Revolution hat Chateaubriand von der Welt Abschied genommen und sich in die Einsamkeit begeben, und dreimal schon kehrte er zurück. Er sagt: »Ich habe Hunger und Durst nach Ruhe; es kann mir keiner lästiger sein, als ich es mir selbst bin; aber ich suche mich mit meiner eignen Achtung von der Welt zurückzuziehen: man sehe sich vor, welche Gesellschaft man in der Einsamkeit wähle.« Nun, warum hat er nicht gleich das erstemal, als er Paris verließ, seine Selbstachtung mitgenommen? Wie vergißt man dreimal, sein Paket zu machen? Ja, die Berry ist unterdessen gefangen worden! Nun! was geht ihn die Herzogin an? Man höre: » Meine Denkschrift über das Leben und den Tod des Herzogs von Berry, in die Haare der Witwe gewickelt, die jetzt im Kerker schmachtet, liegt bei dem Herzen, das Louvel dem Herzen Heinrichs IV. noch ähnlicher machte. Ich habe diese ausgezeichnete Ehre (insigne honneur) nicht vergessen, die im gegenwärtigen Augenblicke die Bezahlung fordert; ich fühle lebhaft meine Schuld.« Das ist artig. Ich ließe es mir selbst gut gefallen, wenn eine schöne Witwe ihr langes seidnes Haar um meine Schriften flechtete; aber sie hineinlegen in die Todesurne, zu dem Herzen ihres Mannes – nichts da! Man kann nicht wissen, ob sie nicht eine Witwe von Ephesus ist, die nach vier Wochen die Haare wieder herausnimmt, sie ihrem neuen Liebhaber zu schenken, und dann meine Schriften allein verfaulen läßt bei dem Herzen des geliebten Toten. Nichts da, und habe ich nicht recht, daß ich nach meinem Kopfe fühle? » Notre-Dame de Blaye« nennt Chateaubriand die Herzogin und erzählt von den Wallfahrten, die fromme Gläubige in großen Scharen dahin machten. Er sagt: »Man wirft mir vor, daß ich eine Familie dem Vaterlande vorziehe. Nein; ich ziehe die Treue des Eides dem Meineide, die moralische Welt der materiellen Gesellschaft vor. Das ist's.« Freilich ist es das, nach der Lehre der Monarchisten. Der Räuber, nachdem er sein Handgeld empfangen und dem Hauptmanne Treue geschworen, darf plündern und morden; denn Treue ist heiliger denn das körperliche Wohlbehagen der Wanderer!

Chateaubriand meint: nur die Legitimität gäbe einer Regierung und der bürgerlichen Ordnung Dauerhaftigkeit. Aber wäre dies auch, wie es nicht ist, was würde das beweisen? Nicht die Dauerhaftigkeit, der Vollgenuß ist die Bestimmung jedes Daseins. Es kömmt nicht darauf an, lange, sondern viel zu leben. Nichts ist dauerhafter als ein Stein, aber die Pflanze, das Tier vergehen schnell. Wenn die österreichische Monarchie noch zehentausend Jahre lebte, und der nordamerikanische Freistaat endigte morgen, in seinem fünfzigsten Jahre, wäre darum Österreich ein besserer, ein glücklicherer Staat als Nordamerika gewesen? Napoleon sagte auf St. Helena: »Daß meine Dynastie nicht älter war, das hat mich zugrunde gerichtet. Noch vom Fuße der Pyrenäen hätte ich mich wieder emporgehoben, wäre ich mein Enkel gewesen.« Und daraus will Chateaubriand die Herrlichkeit der Legitimität beweisen! Guter Gott! Das beweist ja eben ihr Fluchwürdiges, ihre Verderblichkeit. Das große Glück, wenn Napoleon noch zwanzig Jahre länger die Völker Europens auf dem Altare seines Ehrgeizes hätte schlachten dürfen! Das schöne Los der Franzosen, wenn Napoleon, als legitimer Fürst mit seinen gekrönten Vettern befreundet, der Freiheit und Gleichheit, die er im Kriege als Waffen gegen sie gebrauchte, dann gar nicht mehr bedürftig, Frankreich völlig zur Galeere hätte machen können!

Was ist es aber, was einer legitimen Monarchie größere Dauerhaftigkeit gewährt als einer usurpierten oder einer Republik? Etwa weil erstere in den Herzen der Völker Wurzeln schlägt? O nein. Es ist nichts, als daß alle Fürsten die Sache eines legitimen Monarchen als eine Familienangelegenheit, als ihre eigne betrachten und ihm darum in Gefahren Beistand leisten. Es ist nichts, als weil die legitimen Fürsten alle Usurpatoren und Republiken als Brotdiebe hassen und sie offen oder heimlich, mit Gewalt oder mit List zugrunde zu richten suchen. Redet von der Macht der legitimen Fürsten, redet aber nicht von ihrem Rechte. Sagt, daß die Völker einen legitimen Fürsten fürchten, sagt aber nicht, daß sie ihn lieben. Die Franzosen haben drei Male die Bourbons verjagt, so legitim sie waren, und haben für den Usurpator Napoleon mehr getan als je für einen ihrer Könige; denn sie liebten ihn. Die schweizerische Republik lebt schon ein halbes Jahrtausend im Glücke und Frieden, weil sie ihre Berge gegen die Fürsten schützte oder diese über die Teilung des Raubes nicht einig werden konnten. Nordamerika genießt seit sechzig Jahren Freiheit und Ordnung, weil es die Könige nicht erreichen können. Don Pedro ist ein legitimer Fürst, warum gelingt es ihm nicht? Weil er seinem Volke die Freiheit zu geben gedenkt und ihn darum seine gekrönten Brüder als ein unwürdiges Glied aus der Familie gestoßen und ihm schaden, soviel sie können. Don Miguel ist ein Usurpator; warum erhält er sich? Weil er die Tyrannei meisterhaft handhabt und die entzückten Fürsten ihm darum heimlich Beistand leisten. Das ist der Segen der Legitimität, das ist die Ruhe und Ordnung in Monarchien: man findet sich mit den Räubern ab, und gegen den Beutel lassen sie uns das Leben. Und will einer sein Leben und seinen Beutel behalten, schlägt man ihn tot, und dann heißt es: Seht! das sind die blutigen Folgen der Revolutionen. Vor einigen Jahren machte Vidocq der Regierung den Vorschlag er wolle jede gestohlene Sache gegen dreißig Prozente ihres Wertes zurückschaffen. Nun, wer sich mit zwei Dritteilen seines Glückes begnügen will, wer nicht den Verstand und den Mut hat, Diebe und Räuber von seinem Eigentume abzuhalten, der hat recht, die Monarchien zu lieben.

Chateaubriand, als Sachwalter der Berry, spricht von ihrem Rechte, nach Frankreich zu kommen, um die Krone ihres Sohnes zu fordern. Sie ist Mutter; er berufe sich auf das Herz jeder Mutter. Das ist stark! Ich sehe ganz deutlich, was alles in einem mütterlichen Herzen liegt, aber eine Krone sehe ich nicht darin. Eine Mutter mag für ihr Kind ein Schaukelpferd, eine Puppe kaufen; aber dreißig Millionen Franzosen zum Spielwarenlager! Aber ein Land wie Frankreich zur Schachtel! O Herr Vicomte! Es ist Ihr Ernst nicht. Nein, was wir armen Menschen jetzt geplagt sind, die Steine könnten sich darüber erbarmen! Früher hatte man es doch nur mit erwachsenen, mit regierenden Fürsten zu tun, jetzt quälen uns die fürstlichen Kinder schon während dem Leben ihrer Eltern! Da ist der Herzog von Bordeaux, da ist die Donna Maria, da ist die Tochter der Königin von Spanien, die erst einige Monate alt ist. Als gebe es kein anderes Mittel, die Schmerzen eines zahnenden Kindes zu stillen, als ihm einen Szepter in den Mund zu stecken!

Was Chateaubriand noch ferner von den Rechten der Berry sagt, das kümmert mich nicht; nicht darum habe ich seine Schrift gelesen, nicht darum schreibe ich Ihnen davon. Ich will mich nur an das halten, was er gegen unsern gemeinschaftlichen Feind hervorgebracht, daran will ich mich erquicken. Sie erkennen an Chateaubriand und mir, daß wirklich ein Bündnis zwischen den Karlisten und Republikanern besteht. Es ist die Sympathie des Hasses gegen die bestehende Ordnung der Dinge. Ob aber die Republikaner und die Karlisten sich auf der Gasse und in geheimen Klubs zu Taten vereinigt, bezweifle ich. Es wäre dumm von den Republikanern und toll von den Karlisten. Erstere könnten leicht überlistet werden, denn die Karlisten haben das Geld, also auch den Verstand; diese aber würden, sobald die jetzige Regierung gestürzt wäre, ehe ihnen Hülfe von außen käme, und würden ihnen die Armeen auf Dampfwagen zugeführt, alle totgeschlagen werden, so daß keiner von ihnen übrigbliebe, sich des Sieges der Legitimität zu erfreuen.

Sehen wir jetzt, wie der neue Jeremias siedendes Öl auf die Köpfe der Sünder herabgießt. »Wenn in dieser Wüste ohne Spur von Geist und Herz sich am Horizont ein großes einsames Denkmal zeigt, wenden sich plötzlich alle Blicke dahin. Die Frau Herzogin von Berry erscheint um so erhabener, als alles rund um sie her flach ist. Ja, sie hätte zu fürchten, verkannt zu werden; denn sie ist diesseits oder jenseits eines Jahrhunderts, das ihresgleichen hervorzubringen vermochte. Um zu bewundern, muß man fassen; der Mut bleibt der Furcht stets ein Geheimnis; die Mittelmäßigkeit knurrt den Genius an. Die Gefangene von Blaye ist nicht von ihrer Zeit, ihr Ruhm ist ein Anachronismus.« Larifari! Doch sind es respektabele goldene Lügen, und ich ziehe meinen Hut vor ihnen ab. Es sind noch keine vierzehn Tage, daß Chateaubriands Schrift erschienen, und schon sind dreißigtausend Exemplare davon gekauft, die dem edlen Verfasser fünfzigtausend Franken eingebracht haben. Die Legitimisten nämlich haben auf diese delikate Weise seine Treue belohnen wollen. Jetzt kann doch Chateaubriand mit seiner eigenen Achtung nach Genf zurückkehren und in seiner Einsamkeit die sehr angenehme Gesellschaft von hundert Bankzetteln genießen. Fünfzigtausend Franken für sieben Bogen, die Arbeit einiger Tage! So viel hat mir mein dicker Liberalismus in meinem ganzen Leben nicht eingebracht. Der Mund wässert einem darnach, ein Royalist zu werden. Zum Glücke bezahlen sie einen in Deutschland schlecht. Um fünfzigtausend Franken zu verdienen, müßte ich die Schweiz, ganz Nordamerika, Kolumbien, Buenos Aires, Mexiko totschlagen und fünf oder sechs Preßfreiheiten, ebenso viele Konstitutionen, die Reformbill, den Dr. Wirth, den ganzen Hambacher Berg, Rotteck, Welcker und zum Dessert mich selbst verschlingen. Das wäre ein saurer Verdienst.

 

Dienstag, den 8. Januar

Ich will Ihnen wieder einen Beweis geben, daß die Tugend belohnt wird, was Sie mir so oft nicht glauben wollten. Verflossenen Samstag wollte ich auf den Opernball gehen. Einige Tage vorher hörte ich, daß auf dem Theater (im Le mari et l'amant) eine Kusine in der Provinz ihrem Vetter, der zum ersten Male nach Paris reiste, die Lehre gab: »Surtout Charles n'allez pas au bal de l'Opéra; on s'y perd.« Trotz dieser Warnung aber gedachte ich doch hinzugehen, so mächtig wirkt das Laster auf junges Blut. Auf dem Wege aber fing mir an, das Gewissen zu zittern, oder was es sonst war; es war sehr kalt. An der Ecke des Boulevard stand ich am Scheidewege des Herkules. Da ging ich nach Hause zurück und schlief, wie man nach einer edlen Handlung zu schlafen pflegt. Am andern Morgen erfuhr ich, daß auf dem Balle ein greulicher Lärm gewesen. Die neue moralische Polizei des Justemilieu wollte, ich weiß nicht welchen bacchantischen Tanz verbieten. Darüber gab es Streit, die Gendarmerie drang ein, mißhandelte viele und nahm mehrere gefangen. Das lustigste bei der Sache aber war, daß die Polizei diesmal die Witterung verloren und gerade die edelste Jugend des Justemilieu, königliche Beamte, Bankierssöhne und andere solche Heilige angetastet hatte. Sie mußte den andern Tag sehr um Verzeihung bitten. Wäre ich nun dabei gewesen, ich hätte sehr leicht in die Bacchanalien, die Schläge und das Gefängnis mit hineingezogen werden können. Meine Tugend bewahrte mich davor.

Ich kehre zu Chateaubriand zurück. Ich gestehe es Ihnen aufrichtig, die fünfzigtausend Franken wollen mir gar nicht aus dem Kopfe. Was meinen Sie, würde es wohl meiner Seligkeit viel schaden, wenn ich einmal sieben Bogen gegen meine Gesinnung schriebe? Ach! wär' ich doch ein Katholik und könnte an die Wirksamkeit der Absolution glauben! Chateaubriand fährt fort: »Man entgegnet mir, die Herzogin von Berry sei in keiner so großen Gefahr, man werde sie zur gelegenen Zeit wieder freigeben. »Aber die Minister des Königs sind nicht unabsetzbar. Ihr seid gutmütige Seelen, ich will es glauben; allein, kennt ihr eure Nachfolger! Fand nicht Elisabeth, daß Maria Stuart, nach neunzehn Jahren Gefangenschaft, in der Verborgenheit ihres Kerkers nach außen Unruhen erregt und Einverständnisse mit dem Auslande und den Feinden des Staates hatte? Dann, hat man bei Volksunruhen nie in den Gefängnissen gemordet? Endlich, wenn ich Kerkermeister wäre, würde ein Gedanke mich schaudern machen. Ich würde bei mir sagen: es wäre möglich, daß Gott in seiner Barmherzigkeit die, welche auf Erden nur Trübsale gefunden, zu den Freuden des Himmels abriefe; ich würde mir sagen: man hat das Los der Waise im Tempel noch nicht vergessen. Wenn ein so großes persönliches Interesse an dem Leben einer Fürstin hängt (!), wenn aus einer Gefangenschaft, die einen undankbaren Ehrgeiz (!!) laut anklagt, eine Scham und ein tiefer Groll so natürlich fließen müssen: da kann aus dem Zusammenfluß von Umständen die Verleumdung schrecklich hervorgehen. Die Verleumdung aber kann in der Geschichte den Charakter der Wahrheit (!!!) annehmen. Seht euch vor ... Die Wohltaten der Willkür, die man der Herzogin angedeihen läßt, rühren mich wenig; ich könnte fürchten, daß diese Wohltaten zu einer Quelle neuen Jammers würden. Schwer würde mir fallen, in Erinnerung zu bringen, was ich neulich von gewissen Gespenstern (!!!!) sagte, die in einem gewissen Schlosse (!!!!!) hausen. Ich hoffe, um der Ruhe der Nächte der Macht selbst willen, die ich bekämpfe (!!!!!!) – ich hoffe, nie gezwungen zu sein, jenen nächtlichen Erscheinungen, die einer halbverbrannten Frau, ihr nacktes Kind in den Armen und Ketten nach sich schleppend (!!!!!!!), zuzugesellen; eine Deputation von Schatten, die käme, einem Schattenkönige (!!!!!!!!) ihr Kompliment zu machen.« – –

††† Gelobt sei Gott und seine guten Geister; ich bin glücklich durch den Hexenwald. Ich habe, gleich einem guten Zeitungsschreiber, fromme Ausrufungszeichen geschlagen, und, wie Sie bemerkt haben werden, in steigender Angst und arithmetischer Progression. Früher habe ich mich oft über solche abergläubische Furcht lustig gemacht; aber Not kennt kein Gebot, ich konnte mir nicht anders helfen. Ich bin ein Patriot; ich zitterte, in deutscher Sprache zu denken, was Chateaubriand wagte, in französischer drucken zu lassen. Mündlich das weitere. Verbrennen Sie diesen Brief, oder noch sicherer: legen Sie ihn in einen Band von Carovés Werken.

» Pas mal pour un Allemand.« Wie gefällt Ihnen das? Wütend war ich darüber. Wartet nur! Wenn wir einmal das Elsaß wieder haben, Lothringen, Burgund und euren König zum Grafen von Paris gemacht – da werden wir euch zeigen, daß wir witziger sind als ihr.

Da hatte einmal ein Deutscher in Paris bei Tische etwas gesagt, was seiner Meinung nach sicher nicht witzig sein sollte, und da rief ein Franzose, der dabei gewesen und dieses erzählt, gnädigst aus: »Pas mal pour un Allemand!« Brazier heißt die Canaille. Ich las es soeben im Livre des cent-et-un, im Artikel La chanson et les sociétés chantantes. Da ist von den Vaudevillediners die Rede, welche man in Deutschland frömmer und romantischer »Liedertafeln« nennt. Zu einem solchen Singessen war einmal »le fameux Docteur Gall« eingeladen. »Le jour où nous reçumes la visite de ce dernier, on lui servit un plat de friture composé seulement de têtes de gibier, de poissons et de volailles. On lui demanda, s'il voulait tâter les crânes de ces messieurs ou de ces dames. Le savant se dérida et répondit en riant, qu'il fallait qu'il tâtât les corps auparavant, vu qu'à table son système ne s'isolait point. Pas mal pour un Allemand.« Aber nur Geduld bis zum Frühlinge!

 

Mittwoch, den 9. Januar

... Es ist recht unartig von Ihnen, daß Sie mir so lange nicht geschrieben. Ich habe Ihnen schon oft gesagt, daß Sie mir außerordentlich schreiben mögen, sooft Sie wollen; aber die gewöhnlichen Brieftage müssen Sie darum nicht versäumen. Ich bin gewöhnt daran, und wenn ich an solchen Tagen nichts erhalte, verdaue ich schlecht. Seit vorigen Freitag habe ich keinen Brief bekommen, und es scheint mir ein Jahr zu sein. Sie hätten sich doch vorstellen können, daß ich vor Begierde brenne, etwas Näheres von meinem Buche zu erfahren. Die Eigenliebe hat ewige Flitterwochen, und ich liebe meine verblühten Schriften wie in den Tagen ihrer Jugend. Ich gehe voller Angst umher, gleich einem Ehemanne, dessen Frau zum ersten Male in Kindesnöten liegt. Wird es ein Sohn? Wird es eine Tochter? »Es ist weder ein Sohn noch eine Tochter geworden, sondern eine Mißgeburt.« Diese kleine schöne Satire schenke ich dem ersten Rezensenten meiner Briefe aus Freundschaft und Hochachtung. Er kann damit machen, was er will. Der Leithammel meiner Rezensenten hat sich auch schon hören lassen. In der »Leipziger Zeitung« ist in einem Berichte aus Wien von den »Pariser Briefen« die Rede, deren dritten Band Börne eben jetzt druckt. Zum Unglücke kann man sich gar nicht auf den Stil dieser guten Leute verlassen. Was heißt das: eben jetzt druckt? Auf jeden Fall soll das bedeuten: drucken läßt; aber sind sie schon gedruckt? oder werden sie erst gedruckt? Und wenn das letztere – woher will denn ein Wiener wissen, was darinsteht? Werden die Briefe etwa in Wien gedruckt? Das wäre ein Meisterstreich von dem Verleger. Als der schlaue Casanova aus dem Gefängnisse der Staatsinquisition von Venedig entsprang, flüchtete er sich in das Haus des Sbirrenhauptmanns; dort hielt er sich am sichersten. In dem Berichte heißt es: ich hätte mich gerühmt, daß meine Schreibereien am meisten von den Wienern gelesen würden; das möchte aber wohl eine Aufschneiderei sein. Der Himmel wolle meine Demut vor größeren Gefahren bewahren!

Jetzt bitte ich Sie aber auch, fleißiger, als es vorigen Winter geschehen, auf die erscheinenden Rezensionen achtzuhaben, sie für mich zu sammeln und mir mit Gelegenheit zu schicken. Nicht die Hälfte von dem, was über mich geschrieben worden, habe ich damals zu lesen bekommen. Einige der interessantesten Rezensionen kamen mir erst nach meiner Rückkehr in Deutschland unter die Augen, wie die von Görres und Carové und eine in der »Abendzeitung«, worin es heißt: »Börne steht jetzt auf dem Punkte, wo der Mensch in den Tiger übergeht«. Es wäre zwar damals noch Zeit gewesen, darüber zu schreiben und es in meine Briefe einzuschieben; aber es wäre ein Anachronismus meiner Gefühle geworden, und ich lüge nicht gern. Also tun Sie, was ich verlange, und vergessen Sie nicht, daß ich auf dem Punkte stehe, wo der Mensch in den Tiger übergeht, und daß es gefährlich ist, mich zu reizen.

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