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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 94
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Vierundneunzigster Brief

 

Paris, Mittwoch, den 2. Januar 1833

Ihr Päckchen wurde mir gestern gebracht: Die »Didaskalia«, die Xenien, der Tabak, das Büchlein von Goethe und der falsche Liberalismus. Den letztern habe ich jetzt zweimal. Es entgeht keiner seinem Schicksale: ich und der Krug, wir waren bestimmt: er, von mir gelesen zu werden, ich, ihn zu lesen. Erst vor wenigen Tagen kaufte ich ihn für dreißig Sous, weil man mir gesagt, daß ich darin stünde. Ich las die Stelle, die mich betrifft, welche mich meine Neugierde leicht finden ließ, und dann wollte ich die Schrift von vorn lesen. Aber beim Aufschneiden der Blätter fand ich: »Die Servilen wollen sehr viel, aber die Liberalen wollen lieber alles« – und das sei das Witzigste, was je aus einem deutschen Munde gekommen, und könne sich mit dem besten französischen Calembourg messen. Dann kam unter meinem Messer hervor: » ebendeshalb«. Da verlor ich die Geduld. Was soll ich mit so einer alten Köchin machen? Was kann ich mit einem Hofrate anfangen, der » ebendeshalb« schreibt? Eben deshalb warf ich das Buch in meinen Papierkorb. Da Sie mir es aber auch geschickt, erkenne ich darin den Finger Gottes. Ich werde es lesen und Ihnen dann meine Meinung darüber sagen. Dieser Krug ist Professor in Leipzig und hat nach der polnischen Revolution, weil er gegen die Polen geschrieben – ich weiß nicht, ob Prügel bekommen oder Prügel verdient oder Prügel gefürchtet. Aber eins von diesen drei Dingen hat sich ereignet. Er ist einer der breitesten Köpfe Deutschlands. Die schöne Welt hält ihn für einen großen Philosophen, weil er so langweilig ist, und die Philosophen halten ihn für einen schönen Geist, weil er so seicht ist. Ich aber halte ihn weder für das eine noch für das andere, sondern für einen Lump. Er schreibt über alles, was geschieht, ganz jämmerlich, und wenn ich die Geschichte wäre, wollte ich lieber gar keine Geschäfte machen als solch einen Buchhalter haben. Er ist ein literarischer armer Teufel, der sich jeden Tag vor der Türe des Welttheaters hinstellt und, sooft ein Stück aus ist, die Hand aufhält und bettelt. Kurz, er ist ein Ebendeshalb und ein Hofrat.

Wozu Sie mir die fünf Blätter »Didaskalia« geschickt, begreife ich auch nicht recht. Ich glaube, Sie wollen mich ärgern. Da ist zuerst: » Lionel und Arabella. (Fortsetzung.)«: »Arabelle schauderte bei diesen Worten in sich zusammen und drängte sich näher an den Mann ihrer Liebe, als suche sie Schutz bei ihm vor unsichtbarer Gefahr. Er schloß sie fest an sich, legte ihr niedergesunkenes Haupt an seine Brust und sprach feierlich: ›Weib meines Herzens!‹« Weib meines Herzens! – um auch feierlich zu sprechen – was kommen Sie mir mit solchen Sachen:... Ferner: Predigt über einen Rosenstock. (Schluß): »Wie viele Küsse würde man z. B. um so manche meiner schönen Zuhörerinnen finden?« Davon verstehe ich nicht einmal die Grammatik... Weiter: Sitzung des Assisenhofs in Mainz (Schluß.): »Am 29. März steckt er ein Messer in seine Hosentasche« ... Unterhaltungen auf dem Marktschiffe zwischen Frankfurt und Mainz. (Fortsetzung): »Hinter mir saß ein Mägdlein«... » Dresden den 25. Novbr. Die erfreuliche Nachricht von der Vermählung unseres Mitregenten mit einer Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach ist nun hier für niemanden ein Geheimnis mehr. Es ist zu hoffen, daß diese neue Verbindung zwischen zwei bereits verschwägerten Familien auch segensreich für die beiden Länder wirken werde.« Ich gratuliere und hoffe auch. –

Bitte sehr um Verzeihung! Da finde ich endlich den Artikel, den Sie mit einem Kreuzchen bezeichnet, den » Aufruf an die Germanier« des Herrn von Hallberg. Sie hätten aber ein großes Kreuz davorsetzen sollen. Danke für den guten Willen; doch ich habe den Artikel schon vor drei Wochen gelesen, ihn gerupft und gebraten wie eine Gans und ihn ganz allein verzehrt, ohne Sie zu Gaste zu bitten. Es tut mir leid, aber es ist nichts mehr davon übrig als ein Stückchen Erinnerung. Dieser Freiherr von Hallberg auf der Birkeneck bei Freising, auch unter dem Namen » Eremit von Gauting« bekannt, mag ein ehrlicher Mann sein, der es gut meint: aber irgendein Hof-Federfuchser, der vielleicht an dem Tage gerade bei ihm schmarotzt, hat ihm wohl den Aufruf in die Feder diktiert. Griechenland solle das bayrische Algier werden! Dahin kann es freilich noch kommen. Die Geschichte der Deutschen »blieb leer seit siebzehn Jahren, bis ein großer, hochherziger König das alte unterdrückte Volk der Griechen in Schutz nahm und ihm seinen Sohne als König gab.« Schön gesagt! (Ich bin schläfrig. 11 Uhr.) Die Deutschen sollen nicht nach Amerika gehen, dort Knechte zu werden; sondern nach Griechenland, um dort unter bayrisch-russischer Regentschaft freie Männer zu sein. Da wären die besten Früchte, Wein, schöne Mädchen, » da könnt ihr euren Mut zeigen«. Gute Nacht!

 

Freitag, den 4. Januar

Ich habe die Xenien gelesen und habe mich sehr daran ergötzt. Die Hauptsache ist jetzt, die schläfrigen Deutschen wach zu erhalten, sei es durch Kaffee oder Schnupftabak, sei es durch Singen oder Schreien – gleichviel; nur daß sie nicht einschlafen. Schlafend durch die Pontinischen Sümpfe zu reisen, soll lebensgefährlich sein. Viele Xenien haben mir ungemein gut gefallen, besonders die über mich – versteht sich. Grob sind sie freilich alle, grobianissimo. Aber was liegt daran, wie eine Katze die Mäuse abtut, wenn wir sie dadurch loswerden? Auch hat ja der Dichter sehr gut erklärt, warum die Grazien ausgeblieben. Aber seine hebräischen Späße sind entsetzlich einfältig. Das war wohl die Vermögenssteuer des Frankfurter Bürgers, und der Mann hat sich aus Eitelkeit für dümmer angegeben, als er ist. Er mag sich hüten, daß Heine nicht über ihn kömmt, er mag seine Nachtmütze nur recht tief über die Augen herunterziehen. Erinnern Sie sich:

»Gefährlicher Bund?
Schmul und Heyum, sie schreiben als deutsche Männer für Freiheit;
Kommt noch der Itzig dazu, stürzen die Fürsten vom Thron.«

Nun, warum nicht? Wenn ein Jude stark genug ist, die wankenden Fürsten auf ihren wankenden Thronen zu halten, warum sollten drei Juden nicht Macht genug haben, sie herunterzustürzen? Auch Christus war ein Jude, und er hat die Götter aus dem Olymp gestürzt, und das war doch eine ganz andere Fürstenschaft als die der heiligen Allianz und des hohen Deutschen Bundes! Wo ist jetzt Jupiter mit seinen Blitzen? Vor unserm Spotte schützt ihn nur unser Vergessen – und das hat ein Jude getan! – Ich glaube, der Schmul bin ich, und der Heyum wird wohl Heine sein; aber wo bleibt der Itzig? Itzig! Itzig! Itzig! Itzig!... Es gibt aber doch nichts Dümmeres als so ein deutscher Philister, besonders wenn er ein Gelehrter ist. Sie kennen mich, ich kenne die andern – nicht einer unter uns dachte je an den Juden; nie, sooft wir die Dummköpfe und Philister züchtigten, kam es uns in den Sinn, daß es die nämliche Peitsche sei, mit der sie selbst uns einst geschlagen! Und jetzt kommen sie und erinnern daran und bringen uns täglich die schönsten Schadenfreuden in das Haus! So dumm zu sein – ich verliere mich darin.

 

Samstag, den 5. Januar

Am Neujahrstage – o! Man könnte den Verstand darüber verlieren. Die Julirevolution, ein Zornvulkan, von dem Himmel selbst geladen, damit die Könige zu schrecken und zu strafen, ist ein wasserspeiender Berg geworden, den Völkern zum Verdrusse und den Fürsten zum Gespötte! Ich fürchte, daß ich aus Verzweiflung noch ein Dichter werde und mich blamiere. Am Neujahrstage, diesem monarchischen Erntefeste überall, wo Land und Gut des Volks das Landgut des Fürsten bilden, haben Philipps Knechte die schweren Garben Frankreichs, sein Glück und seinen Ruhm, seine Tugend und seine Ehre, seine Rosen und seine Lorbeeren – haben das duftende Heu der dürren Rednerblumen ihm auf Wagen jauchzend in den Hof gefahren. Feld und Wiese, alles dem König; wer nicht sein Kind ist, ist sein Knecht. Man schämt sich, ein Mensch zu sein. Wer weiß, ob nicht das Pferd in edlem Zorne seinem Reuter flucht; nur verstehen wir sein Wiehern nicht. Aber das gezäumte Menschenvolk küßt die Sporen seines Reiters. Sie haben den König » Vater des Vaterlands« genannt: dies Findelkind vom Grève-Platze! Das französische Heer in Belgien wurde glücklich gepriesen, von zwei königlichen Prinzen Beispiele der Tapferkeit zur Nachahmung zu erhalten. Die grauen Helden von Marengo wurden in die Kriegsschule zweier Milchsuppengesichter gegeben! Sie haben dem König gesagt: er hätte die Cholera besiegt, vor seiner Barmherzigkeit hätte sich die unbarmherzige Vorsehung geflüchtet – sie haben ihn vergöttert, daß er im Juni seine Feinde niedergeschlagen, und mehr als jede andere Schmeichelei hat König Louis-Philippe diese mit Wollust eingeschlürft. Er hat geprahlt und gespottet, die Republik wäre erbleicht vor seinem Sterne. Es war ein Bürgerkrieg, Bürgerblut war geflossen; ein König sollte das vergessen, oder kann er es nicht vor Schmerz, einen Trauerflor über seine Erinnerung hängen. Aber dieser König rühmt sich seines Sieges und jubelt darüber wie ein Schneider, der einmal Mut gehabt aus Furcht. Der Schmerz und die Verachtung der edelsten Franzosen kümmert ihn nicht, ihm lächelt der Beifall seiner Brüder in Wien, Berlin und Petersburg. Und in der Mitte, nicht, wie seine Schmeichler sagten, an der Spitze von vierzigtausend Soldaten ist er gegen dreihundert Republikaner gezogen, die sich wie Helden verteidigt.

Frankreich hat das Scharlachfieber; Blutigel rund am Halse, Purpur über den ganzen Leib, und zum Königsmantel muß es sich die Haut abziehen. Der alte Riese mit einer Kinderkrankheit! Schamroter Purpur! Herr Hofrat Frankreich! Herr, deine Hand liegt schwer auf deinem Knechte; aber ich will es für meine Sünden in Demut tragen.

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