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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 92
Quellenangabe
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typereport
authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zweiundneunzigster Brief

 

Paris, Montag, den 24. Dezember 1832

– – – Heute nachmittag verkündete der Donner der Kanonen die Übergabe von Antwerpen. Ich sage: der Donner, weil das so üblich ist; gehört habe ich nichts davon. Auf der Straße wurde der Sieg für zwei Sous ausgerufen; aber ich kaufte ihn nicht, sondern ging nach Hause, um mit Ihnen zu überlegen, ob die Einnahme von Antwerpen zwei Sous wert sei. Wer weiß! Was mag der König Philipp froh sein, daß der Theatervorhang endlich gefallen ist, was mag er Furcht vor seinem eignen Mute gehabt haben! Welche artigen höflichen Briefe mag er heute an alle Tyrannen Europens geschrieben und sie um Verzeihung gebeten haben für die sehr große Freiheit, die er sich genommen, eine Zitadelle zu erobern! Das war wieder ein echt monarchischer Krieg, eine Schachpartie, wo sich Bauern für den König schlugen. Zu verteidigen war Antwerpen gar nicht, nicht mit aller Tapferkeit; der König von Holland wollte seine Ehre retten. Die Ehre eines Königs erhält sich nur im Blute – das ist bekannt. Es ist mir, als wenn ich dabei wäre: der Marschall Gérard wird den General Chassé zu Tische bitten, und da werden sie sich wechselseitig die artigsten, schönsten Dinge von der Welt sagen; dem einen für seine heldenmütige Verteidigung, dem andern für seinen heldenmütigen Angriff. Es wird viel gelacht und Champagner getrunken, und vor der Türe spielt die Regimentsmusik. Unterdessen jammern die holländischen und französischen Verwundeten in den Spitälern, unterdessen jammern ihre Mütter, Weiber und Bräute. Der Herzog von Orléans zieht triumphierend in Paris ein, Marschall Gérard wird belohnt, und die Gebliebenen bekommen den Orden des Heiligen Grabes. Warum? Lesen Sie in den » Spaziergängen eines Wiener Poeten« das herrliche Gedicht. Warum? »Von dem possierlich kleinen Männlein, das sich auf der Sprache garbenreichem, unermeßnem Erntefeld ein einziges goldnes Körnlein liebend auserwählt, das Männerwort » Warum?«« Ich bin selbst solch ein possierlich kleines Männlein: wenn man mir den Kopf herunterschlüge, er murmelte immer fort: Warum? – Doch wer weiß! die heilige Allianz hat den französischen Löwen wieder einmal brüllen hören, und ist er auch noch in ihrem Käfig, so erinnert sie das doch, daß es ein Löwe sei und keine Katze. Vielleicht erschrickt sie darüber, vielleicht bekömmt sie größere Furcht vor Frankreich als vor Hambach und fängt Krieg an, und dann ist uns geholfen. Ich bin so hoffnungslos, daß alles mir Hoffnung gibt. Ich habe manchmal Mitleid mit mir selber und komme mir vor wie jener schwedische Soldat, der das Rauchen so leidenschaftlich liebte, daß, als ihm einst im Kriege der Tabak mangelte, er an einem angezündeten Strohhalm dampfte. Ein bißchen Strohrauch wird mir zur Wolke, jede Wolke zum Himmel, und von jedem Himmel hole ich die Freiheit herab. Und welche Freiheit! Es ist so wenig, was ich fordere. Ich verlange nichts als Hosen, für mich und meine deutschen Kameraden, und daß uns nicht jedes alte Weib von Regierung soll immerfort duzen dürfen. Mein einziger Ehrgeiz ist, Deutschlands Ödip zu werden, der es von der Augsburger Sphinx befreit, die mich noch zu Tode ärgert. Sie ist schuld an meinen Zahnschmerzen. Täglich bringt der Berliner Korrespondent eine diplomatische Nuß zum Aufknacken; ich nehme sie in den Mund, beiße zu mit allen Kräften der Zähne – und die Nuß ist hohl, zerbricht wie Eierschalen, meine Zähne knirschen unvermutet aufeinander, und meine erschrockenen Nerven zittern von den Zehen bis zu den Haaren. Und das muß man sich gefallen lassen, muß schweigend zusehen, wie dieser Berliner Affe die Zunge gegen die französische Regierung und das deutsche Volk herausstreckt, und darf ihm nicht auf das Maul schlagen!

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