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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 91
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Einundneunzigster Brief

 

Paris, Donnerstag, den 20. Dezember 1832

Gestern kam Victor Hugos Klage gegen den Minister bei dem Gerichte vor. Das Handelsgericht, dem diese Sache zufiel, hat im Börsengebäude seinen Sitz, und da es gerade die Stunde war, in der ich dort täglich vorbeigehe, bekam ich Lust, die Verhandlungen mit anzuhören. Als ich die Treppe hinaufging – mir pochte, wie immer, das Herz vor Zorn und Scham. Es ist eines der herrlichsten Gebäude der Welt; das Altertum kannte kaum ein schöneres; unter diesem Säulendache sollte Phidias' Jupiter thronen und strahlen und seine Menschenkinder mit hohem Stolz erfüllen auf solch einen Vater! Aber drinnen sitzt Merkur in einem gepolsterten Lehnstuhle, mit gekrümmtem Rücken, den Geldbeutel in der Hand, und klingelt. Merkur, der alte Wucherer, der Phönizier, der Jude, der Mäkler, der Betrüger, der mit falschen Renten würfelt. Merkur, der Schelm, der Meineidige, der Gott der Kaufleute und der Diebe, der am Tage seiner Geburt sich aus der Wiege schlich, hinauskroch auf das Landgut seines Stiefbruders Apollo, ihm die schönsten Ochsen stahl und dann, entdeckt, bei dem Haupte seines Vaters schwur, er wisse von gar nichts. Merkur, Feind des Schönen, der Liebesleugner, der schon als Kind den holden Amor durchgeprügelt und seiner Mutter, die ihn auf den Schoß genommen, ihren Gürtel stahl ... Also, da ich die Treppe hinaufging, kam eine junge, schöne, blasse Frau an dem Arme eines Herrn die Treppe herunter, und ich hörte, wie sie einem ihr begegnenden Bekannten sagte: on étouffe! Ich kehrte wieder um. Mein Leben daran zu setzen, um einen halben Tag früher zu erfahren, ob Victor Hugos König sich ferner amüsieren werde oder nicht, schien mir Verschwendung. Abends bei Tische sprach ich einen, der dabei war und es ausgehalten. Es war ein junger Mensch von achtzehn Jahren mit überflüssigem rotem Blute, dem etwas zu ersticken eher gesund als schädlich war. Es soll fürchterlich gewesen sein. Über dem Lärm, dem Gedränge, dem Angstgeschrei Hinaus, Fenster auf, wir ersticken konnte man kein Wort von den Verhandlungen hören. Einer hat seine Hand verloren, die ihm zwischen Türe und Angel zerquetscht wurde. Der Angstruf Fenster auf, wir ersticken wurde immer stärker und allgemeiner. Der Präsident erklärte, er könne die Fenster nicht öffnen lassen; man höre schon jetzt wenig, bei offnen Fenstern würde man gar nichts hören. Da rief einer: Herr Präsident, ich rufe Sie zum Zeugen auf, daß ich ersticke! Endlich wurden die Fenster geöffnet, man trieb den überflüssigen Teil des Publikums zum Saale hinaus, und die Verhandlungen wurden ruhiger fortgesetzt. Aus dem, was ich davon in der Gazette des Tribunaux gelesen, will ich Ihnen einiges mitteilen. Dieses Blatt wird von Advokaten des Justemilieu redigiert. Nun kann man ihnen zwar nicht vorwerfen, daß sie die gerichtlichen Verhandlungen mit Parteilichkeit darstellten; keineswegs. Ihre Nemesis legt in beiden Wagschalen gleiches Gewicht. Sie hält aber die Wage nicht mit der Hand, sondern sie hängt ihr von der Nasenspitze herab, als der rechten Mitte zwischen rechter und linker Hand, welches zur Folge hat, daß, sooft Nemesis die Nase rümpft, die Wage etwas schwankt. Doch werde ich das schon in Abzug bringen.

Es war ein Rechtsstreit zwischen der romantischen und der klassischen Schule, es war wörtlich nichts anders als das, wie wir später aus Victor Hugos Rede sehen werden – und diesen Streit sollte ein Handelsgericht entscheiden! Ist das nicht merkwürdig? Die Anhänger der romantischen Schule hatten sich in großer Menge frühzeitig im Saale eingefunden und sollen sich sehr unanständig und ungebührlich betragen haben. Als ihr König und Feldherr Victor Hugo eintrat, wurde er von seinem treuen Heere mit rauschendem Beifallklatschen empfangen; aber es schien, daß ihn diese kleine Huldigung mehr in Verlegenheit gesetzt als geschmeichelt habe. Odilon-Barrot, der Advokat des Klägers, nahm das Wort. »Die Berühmtheit meines Klienten überhebt mich der Pflicht, Sie mit ihm bekannt zu machen. Seine Sendung, die ihm von seinem Talente, seinem Genie angewiesen, war, unsere Literatur zur Wahrheit zurückzuführen; nicht zu jener Wahrheit, die nur ein Werk zur Übereinkunft ist, zu einer gemachten Wahrheit; sondern zu der Wahrheit, die aus der Tiefe unserer Natur, unserer Sitten und Gewohnheiten geschöpft wird. Diese Sendung, er hat sie mit Mut übernommen, mit Ausdauer und Talent durchgeführt.« Nun bitte ich Sie, was das für Menschen sind! Da ist Victor Hugo, der Fürst der Romantiker, der sein Land und Volk verteidigt; da ist Odilon-Barrot, der erste Advokat Frankreichs, der ihm beisteht, und beide wissen nicht einmal, worin das Wesen der Romantik, worin ihr gutes Recht besteht. Es besteht nicht in der Wahrheit, wie sie sagen, sondern in der Freiheit. Freiheit und Wahrheit sind aber zwei ganz verschiedene Dinge ... Diese goldenen Worte, die ich da aussprach, werden dem Herrn v. *** sehr gut gefallen, und er wird sie rühmen wie meine »Postschnecke« und meinen Freunden sagen, da hätte ich wieder einmal sehr schön geschrieben, und Sie sollten mich aufmuntern, auf diesem guten Wege zu bleiben. –

Odilon-Barrot forderte für seinen Klienten, daß die Comédie Française entweder Le roi s'amuse aufführe oder dem Dichter eine Entschädigung von 25 000 Franken zahle. Dann geht er zur Rechtsfrage über. Wir wollen uns aber damit nicht aufhalten; uns kümmert bloß der kleine, liebe, gute Skandal. Nachdem er gezeigt, daß kein Gesetz vorhanden wäre, das einem Minister das Recht gäbe, die Aufführung eines Stückes zu verhindern, setzt er hinzu: und gäbe es auch ein solches Recht, so gehört es nicht zu den Amtsbefugnissen des Ministers der Öffentlichen Arbeiten, und Herr von Argout, indem er es in Anwendung brachte, hat sich also eine Gewalt angemaßt, die ihm nicht gebührt. – »Aber in der Tat, der Herr Minister des Handels greift sehr um sich; er hat sich die Verwaltung der Nationalgarde genommen; die Präfekturen sind ihm untergeordnet, und jetzt maßt er sich noch die Direktion der Theater an, die durch ein Gesetz der hohen Staatspolizei vorbehalten wurde. Wenn das so ist, was wird denn dem armen Minister des Innern noch übrigbleiben?« Großer Beifall und allgemeines Gelächter. Es ist nämlich zu wissen, daß unser guter Monarch Louis-Philippe von den republikanischen Institutionen, die ihn umgaben, sich so geängstigt fühlte, daß er beschloß, sich gleich Napoleon einen Polizeiminister zu geben, der auf diese republikanische Institutionen achthaben sollte. Aber es war noch um einige Monate zu frühe. Die Berry war noch nicht gefangen, Antwerpen noch nicht eingenommen und die Adresse der Kammer noch nicht erlangt. Darum begnügte er sich einstweilen, Thiers insgeheim zum Polizeiminister zu ernennen und ihm öffentlich den Titel eines Ministers des Innern beizulegen. Alle Geschäfte aber, die sonst dem Minister des Innern oblagen, wurden ihm entzogen und dem Minister des Handels zuerteilt, und Thiers behielt nur die Polizei und einige Ämter, die mit ihr verwandt sind.

Jetzt nahm Victor Hugo das Wort und sprach wie ein Poet, und zwar wie ein romantischer Poet. Ein Dutzend solcher Reden, vor einem deutschen Handelsgerichte gehalten, würden es verlernen machen, welch ein Unterschied zwischen einer Schuldverschreibung und einem Wechsel sei. Es war ein Corpus juris oder eine Frankfurter Stadtreformation in Almanachsformat gedruckt und in Seide eingebunden. Er sagte, er hielte es für seine Pflicht, die kecke und strafbare Handlung, welche in seiner Person die Rechte aller gekränkt, ohne strengen und feierlichen Widerspruch nicht vorübergehen zu lassen. Diese Sache sei keine gewöhnliche, nicht eine bloße Handelsangelegenheit, eine persönliche. »Nein, meine Herren, es ist mehr als das, es ist der Prozeß eines Bürgers gegen die Regierung.« ... »Ich hoffe, Sie werden, was ich Ihnen zu sagen habe, mit Teilnahme anhören, Sie werden durch Ihren Richterspruch die Regierung belehren, daß sie auf bösem Wege ist und daß sie unrecht hat, die Kunst und die Wissenschaft mit solcher Ungeschliffenheit zu behandeln; Sie werden mir mein Recht und mein Eigentum wiedergeben; Sie werden die Polizei und die Zensur, die nächtlicherweise zu mir gekommen sind und, nach Erbrechung der Charte, mir meine Freiheit und mein Geld gestohlen, auf der Stirne brandmarken.« Eine Polizei und eine Zensur brandmarken – es ist doch gar zu schauderhaft! – »Die Bewegungsgründe, welche die Gesellen der Polizei einige Tage lang gemurmelt haben, um das Verbot dieses Stückes zu erklären, sind dreierlei Art: es ist der moralische Grund, der politische Grund und, es muß gesagt werden, so lächerlich es auch ist, der literärische Grund. Virgil erzählt, daß zu den Blitzen, welche Vulkan für Jupiter verfertigt, drei verschiedene Stoffe genommen wurden. Der kleine ministerielle Blitz, welcher mein Drama getroffen und den die Zensur für die Polizei geschmiedet hatte, ist aus drei schlechten Gründen zusammengedreht, gemengt und gemischt.« Der Dichter untersucht nun diese drei Gründe. Über den Vorwurf der Unmoralität bemerkt er: »Alle vorgefaßte Meinungen, welche gegen die Moralität meines Werkes zu verbreiten der Polizei auf einen Augenblick gelungen war, sind in dieser Stunde, wo ich da spreche, verschwunden. Dreitausend Exemplare des Buches in der Stadt verbreitet, als so viele Advokaten, haben meinen Prozeß geführt und gewonnen.« Betreffend den politischen Grund des Verbots beruft sich Victor Hugo auf die Vorrede seines Dramas und führt die dort befindliche Stelle an, die ich Ihnen früher mitgeteilt. Nach dieser Anführung bemerkt er: »Diese Schonung, zu welcher ich mich verbindlich gemacht, ich werde sie halten. Die hohen Personen, welchen daran liegt, daß dieser Streit würdig und anständig bleibe, haben nichts von mir zu fürchten; ich bin ohne Groll und ohne Haß. Nur daß die Polizei einem meiner Verse einen Sinn gegeben, den er nicht hatte, das, erkläre ich, ist unverschämt, und gleich unverschämt gegen den König wie gegen den Dichter. Die Polizei wisse es ein für alle Male, daß ich keine Stücke mit Anspielungen mache. Sie lasse sich das gesagt sein.«

»Nach dem moralischen und dem politischen Grunde kömmt der literarische. Daß eine Regierung aus literarischen Bewegungsgründen ein Stück verbietet, das ist seltsam, aber es ist wirklich so. Erinnern Sie sich, wenn es sich ja der Mühe lohnte, sich einer solchen Sache zu erinnern, daß im Jahr 1829, als die ersten sogenannten romantischen Werke auf dem Theater erschienen, zur Zeit, wo die französische Komödie Marion de Lorme annahm, eine von sieben Personen unterzeichnete Bittschrift dem Könige Karl X. übereicht wurde, worin man verlangte, daß das Théâtre Français ohne weiteres und von wegen des Königs allen Werken, die man Die neue Schule nannte, verschlossen werden möge. Karl X. lachte und antwortete mit Geist, daß in literärischen Angelegenheiten er, wie wir alle, nur seinen Platz im Parterre habe. Die Bittschrift starb an ihrer Lächerlichkeit. Nun wohl, meine Herren, heute sind mehrere von den Unterzeichnern jener Bittschrift Deputierte, einflußreiche Deputierte der Majorität, die teil an der Macht haben und über das Budget stimmen. Um was sie 1829 ängstlich baten, das haben sie, mächtig wie sie sind, 1832 tun können. Das öffentliche Gerücht erzählt wirklich, daß sie es waren, die den Tag nach der ersten Aufführung in der Deputiertenkammer den Minister angegangen und von ihm erlangt haben, daß unter allen möglichen und moralischen und politischen Vorwänden Le roi s'amuse unterdrückt werden solle. Der Minister, ein schlichter, unschuldiger, gutmütiger Mensch, ging in die Falle ... Es ist merkwürdig! Die Regierung leiht 1832 der Akademie ihre bewaffnete Macht! Aristoteles ein Staats-Grundgesetz geworden! Deputierte, welche Karl X. abgesetzt haben, arbeiten in einem Winkel an der Restauration Boileaus! Wie armselig!«

Jetzt erinnert sich Victor Hugo, daß er der Regierung gedroht, ihr Feind zu werden, und fängt gleich an zu zeigen, daß es ihm mit der Drohung Ernst gewesen. »Doch verhehle ich mir es nicht, daß die Zeit, in der wir sind, nicht mehr jenen letzten Jahren der Restauration gleicht, wo der Widerstand gegen die Anmaßungen der Regierung so gepriesen, so aufgemuntert, so volkstümlich war. Die Ideen von Ruhe und Macht genießen in diesem Augenblick größere Gunst als die von Fortschreiten und Freiheit. Es ist das eine natürliche Rückwirkung der Revolution von 1830, wo wir alle unsere Freiheiten im Sturmschritte zum zweitenmal genommen haben. Aber diese Rückwirkung wird nicht lange dauern. Unsere Minister werden sich eines Tags über das unversöhnliche Gedächtnis erstaunen, mit welchem selbst diejenigen Menschen, die jetzt ihre Majorität bilden, ihnen alle die Ungerechtigkeiten zurückrufen werden, die man heute so schnell zu vergessen sich den Anschein gibt ... Ich muß es hier sagen, ich habe starke Gründe, zu glauben, daß die Regierung diesen Schlaf des öffentlichen Geistes benutzen wird, um die Zensur in aller Form einzuführen, und daß meine Sache nur ein Vorspiel, eine Vorbereitung, eine Bahn zur allgemeinen Achtserklärung aller Theaterfreiheiten ist. Indem sie kein Repressivgesetz gab, indem sie geflissentlich seit zwei Jahren die Ausschweifungen der Bühne alle Dämme überschreiten ließ, glaubte die Regierung in der Meinung aller gesitteten Menschen, welche jene Ausschweifungen empören mußten, ein günstiges Vorurteil für die dramatische Zensur geschaffen zu haben. Meine Meinung ist, daß sie sich betrügt und daß in Frankreich die Zensur nur eine verhaßte Gesetzwidrigkeit bleiben wird.«

»Und bemerken Sie, daß in dieser Reihe willkürlicher Handlungen, die seit einiger Zeit aufeinanderfolgen, die Regierung aller Größe, aller Offenheit, alles Mutes ermangelt. Dieses schöne, obzwar noch unvollendete Gebäude, welches die Julirevolution entworfen hat, die Regierung untergräbt es langsam, unter der Erde, leise, auf krummen Schleichwegen. Sie faßt uns verräterisch von hinten, in einem Augenblicke, wo wir uns dessen nicht versehen. Sie wagt mein Stück vor der Aufführung nicht zu zensieren, sie legt den andern Tag die Hand darauf. Sie macht uns unsere wesentlichen Freiheiten streitig; sie schikaniert uns in unsern besterworbenen Gerechtsamen; sie setzt das Gerüste ihrer Willkür auf einen Haufen alter, wurmstichiger, abgekommener Gesetze; sie stellt sich, uns unsere Freiheiten zu rauben, in einem Hinterhalte, in dem Spessart kaiserlicher Dekrete, durch welchen die Freiheit nie kömmt, ohne ausgeplündert zu werden.« (Victor Hugo sagte Forêt de Bondi; aber ich habe Spessart daraus gemacht; denn ich bin ein guter Patriot. Ich schreibe vaterländische Briefe, wie Herr von Gagern in der »Allgemeinen Zeitung«, und bei mir hat alles eine deutsche Tendenz.)

»Ich sage, unsere Regierung nimmt uns stückweise alle die Rechte und Freiheiten, die wir in den vierzig Jahren unserer Revolution erworben haben. Ich sage, es kömmt der Rechtlichkeit der Gerichtshöfe zu, sie auf diesem Wege, der so verderblich für sie selbst als für uns ist, einzuhalten ... Bonaparte, als er Konsul und Kaiser wurde, wollte auch den Despotismus; aber er machte es anders. Geradezu und mit einem Schritt trat er hinein. Er gebrauchte keine jener erbärmlichen, kleinlichen Pfiffe, mit welchen man uns heute eine nach der andern, alle unsere Freiheiten aus der Tasche spielt, die alten wie die neuen, die von 1830 wie die von 1789. Napoleon war kein Duckmäuser und kein Heuchler. Napoleon stahl uns nicht im Schlafe unsere Rechte, eines nach dem andern, wie man es jetzt tut. Napoleon nahm alles auf einmal, mit einem einzigen Griffe und mit einer einzigen Hand. Der Löwe hat nicht die Art des Fuchses.«

»Damals, meine Herren, war es groß! Reich, Regierung, Verwaltung, ganz gewiß war es eine Zeit unerträglicher Tyrannei; aber erinnern wir uns, daß wir unsere Freiheit in Ruhm reichlich bezahlt erhielten. Das Frankreich von damals hatte, wie Rom unter Cäsar, eine zugleich unterwürfige und stolze Stellung. Es war nicht das Frankreich, wie wir es wollen, das freie, sich selbst beherrschende Frankreich; es war Frankreich, Sklave eines Mannes und Gebieter der Welt.«

»Damals, das ist wahr, nahm man uns die Freiheit; aber man gab uns ein erhabenes Schauspiel dafür. Man sagte: ›An diesem Tage, zu dieser Stunde werden wir in diese Hauptstadt hineingehen‹, und am bestimmten Tage zur bestimmten Stunde zog man dort ein. Man entthronte eine Königsfamilie mit einem Dekrete des Moniteurs. Man ließ sich alle Arten Könige in seinem Vorzimmer herumtreiben. Hatte man den Einfall, eine Säule aufzurichten, ließ man vom Kaiser von Österreich das Metall dazu liefern. Man regelte, ich gestehe es, etwas eigenmächtig die Verhältnisse der französischen Schauspieler; aber die Verordnung war von Moskau datiert. Man nahm uns alle unsere Freiheiten, sage ich; man hatte ein Zensurbureau, man zerstampfte unsere Bücher, man strich unsere Stücke von dem Anschlagzettel; aber auf alle unsere Klagen konnte man uns mit einem einzigen Worte prächtige Antworten geben, man konnte uns antworten: Marengo! Jena! Austerlitz!«

»Damals, ich wiederhole es, war es groß; heute ist es klein. Wie damals gehen wir der Willkür entgegen, aber wir sind keine Kolossen mehr. Unsere Regierung ist keine solche, die uns über den Verlust unserer Freiheit zu trösten versteht. Betrifft es die Kunst – wir entstellen die Tuilerien; betrifft es den Ruhm – wir lassen Polen untergehen. Doch hindert das unsere kleinen Staatsmänner nicht, die Freiheit zu behandeln, als wenn sie wie Despoten gewachsen wären; Frankreich unter ihre Füße zu stellen, als hätten sie Schultern, die Welt zu tragen. Wenn das noch wenige Zeit so fortgeht, wenn die vorgeschlagenen Gesetze angenommen werden, wird der Raub aller unserer Freiheiten vollendet werden. Heute läßt man mir von einem Zensor die Freiheit des Dichters nehmen, morgen wird man mir durch Gendarmen die Freiheit des Bürgers nehmen lassen. Heute verbannt man mich vom Theater, morgen wird man mich aus dem Lande verbannen. Heute knebelt man mich, morgen wird man mich deportieren; heute der Belagerungszustand in der Literatur, morgen in der Stadt. Von Freiheit, Garantien, Charte, öffentlichem Rechte kein Wort mehr; nichts da. Wenn nicht die Regierung, von ihrem eignen Interesse besser beraten, auf diesem Abhange einhält; während es noch Zeit ist, werden wir sehr bald allen Despotismus von 1807 haben, und ohne den Ruhm. Wir werden das Kaiserreich haben ohne Kaiser.«

»Noch zwei Worte, meine Herren, und möchten sie Ihnen, wenn sie beratschlagen, gegenwärtig sein. In diesem Jahrhundert gab es nur einen großen Menschen, Napoleon, und eine große Sache, die Freiheit. Wir haben den großen Menschen nicht mehr, suchen wir wenigstens die große Sache zu behalten.«

Sprach's! wie Voß im Homer zu sagen pflegt. Das Urteil wird erst in vierzehn Tagen gesprochen ... Da fällt mir ein, daß ich etwas vergessen, das schön ist. Das Gesetz, aus welchem der Minister sein Recht, ein Stück zu verbieten, herleitet, stammt aus der Schreckenszeit der Republik und wurde im Jahr 1793 gegeben. Darin heißt es wörtlich: Die Theater sollten wöchentlich dreimal » Brutus«, » Wilhelm Tell«, » Timoleon« und überhaupt nur republikanische Stücke aufführen, aber jedes Drama von der Bühne entfernt halten, das geeignet ist, den öffentlichen Geist zu verderben und den schmählichen Aberglauben des Königtums wieder aufzuwecken. Wozu sich doch der Teufel nicht alle brauchen läßt – sogar zum Engel! Merkwürdig!

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