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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 90
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Neunzigster Brief

 

Paris, Sonntag, den 16. Dezember 1832

Die Berry ist krank; aber wie man sagt, wäre es nicht ihr hoffnungsloser Zustand, der sie niedergeworfen, sondern gerade das Gegenteil. Wahrscheinlich ist das Verleumdung. Wenn man in Frankfurt etwas davon weiß, warum die Herzogin gefangen sitzt und warum Karl X. nicht mehr in Paris lebt, schreiben Sie mir es doch, ich will es in die Zeitung setzen lassen. Hier kann man sich die Sache gar nicht erklären. Diese Abneigung der Völker gegen gewisse Namen, und diese Vorliebe für andere, ist ganz unbegreiflich. Wenn nicht die Cholera daran schuld ist, muß die Welt schwanger sein; sie hat wunderbare Gelüste. Sehen Sie, man hat es mir zum Vorwurfe gemacht, daß ich gesagt: ein Volk dürfe seinen Fürsten verjagen, wenn ihm seine Nase nicht gefiele. Nun, vielleicht war das zuviel behauptet. Aber man muß mir doch zugeben, daß eine Nase eine sehr wichtige Sache ist. Eine Nase ist ein bedeutender Teil des menschlichen Körpers; eine Nase kann einen Menschen entstellen und zieren; man kann seiner Nase willen einen Menschen lieben oder hassen; kurz, eine Nase ist eine Nase; aber ein Name? Guter Gott! Was liegt an einem Namen? Die Braunschweiger wollten keinen Karl und gaben sich einen Wilhelm; die Belgier wollten keinen Wilhelm und gaben sich einen Leopold; die Franzosen wollten auch keinen Karl und gaben sich einen Philipp. Der Name Karl scheint besonders unbeliebt zu sein. In Spanien handelt sich's auch um Karl oder nicht Karl; in Portugal ist der Streit zwischen Peter und Michel. Meine Nase ist mir tausendmal lieber. Nun haben sie zwar vor zwei Jahren behauptet, man habe den König Karl vom Throne gestürzt, weil er die Charte verletzt habe. Hat das der jetzige König nicht auch getan? Also weil er Philipp heißt und nicht Karl, wäre ihm alles erlaubt? Ja, er hat tausendmal schlimmer gehandelt als Karl X. Dieser tat es in der Leidenschaft, er konnte sich wenigstens damit entschuldigen, er konnte alles auf seine Minister wälzen, die Kränkung wieder gutmachen, er wollte das wirklich tun. Aber Louis-Philippe begnügt sich nicht bloß mit dem Rechte der Leidenschaft, er will auch die Leidenschaft zu einem Rechte erheben, er verlangt das Recht, zu jeder Zeit, sooft es ihm beliebt, ungerecht sein zu dürfen. Und er begnügt sich nicht, das Verbrechen allein zu begehen, er sucht auch die ganze Nation in deren Stellvertretern zu seinen Mitschuldigen zu machen. Nun gibt es zwar hier Leute genug, die nicht schlecht sind, sondern nur dumm, welche behaupten, der jetzige Fall wäre doch ganz ein anderer. Karl X. habe die Konstitution aus eigner Machtvollkommenheit verletzt. Louis-Philippe tue es in Gemeinschaft mit den Kammern. Bei jenem sei die Aufhebung der Charte Willkür gewesen, dieser wolle sie gesetzlich machen. Aber was ändert das die Sache? O ja, es ändert die Sache, es macht sie weit, weit schlimmer. Ist ein Verbrechen weniger ein Verbrechen, weil es zweihundert Menschen teilen? Ist die Tyrannei der Gesetze weniger Tyrannei als die der Willkür? Und wenn alle die dreißig Millionen Franzosen in der Kammer säßen, und sie alle stimmten Mann für Mann für ein Gesetz, das der Regierung verstatte, die persönliche Freiheit, die Freiheit der Presse aufzuheben, das heilige Asyl des Hauses zu verletzen – sie hätten das Recht nicht dazu. Keine Nation hat das Recht, der Täuschung, der Furcht, dem Schrecken, der Selbstsucht, der Ermüdung des Tages die bessere Einsicht, die Wahrheit, die Besonnenheit, die Liebe und Kraft der folgenden Tage, die unveräußerlichen Rechte eines kommenden Geschlechts aufzuopfern. Hier ist der Jammer, hier ist die Trostlosigkeit, das ist's, was die wahre Freiheit Europens noch um ein Jahrhundert hinausschickt. Erst fehlt die Kraft, dann fehlt der Mut, dann fehlt die Einsicht. Wenn einmal die Völker Europens sich der Tyrannei ihrer Fürsten werden entledigt haben, werden sie in die Tyrannei ihrer Gesetzgeber fallen, und sind sie diese losgeworden, geraten sie in die Tyrannei der Gesetze. – Diese Tyrannei der Gesetze ist aber gerade die feste Burg, welche von der Freiheit seit fünfzig Jahren belagert wird. Was sie seitdem erobert, das sind bloß einige Außenwerke, wobei noch nichts weiter gewonnen, als daß die Hoffnung der Einnahme der Festung etwas näher gerückt ist. Es muß Menschenrechte geben, die von keiner Staatsgewalt, und hätte jedes Bettlerkind im Lande teil an deren Ausübung, zu keiner Zeit, in keinem Verhältnisse, um keines Vorteils, um keiner Beseitigung einer Gefahr willen vernichtet, geschmälert oder eingestellt werden dürfen. Auf der See, wenn Gefahr des Schiffsbruchs eintritt, wirft man die Waren über Bord, die Menschen zu retten; man wirft aber nie die Menschen über Bord, die Waren zu retten. In politischen Stürmen aber opfert man das, was der Mensch ist, dem auf, was er hat, man wirft den Menschen über Bord, den Bürger zu erhalten – das ist Wahnsinn. Und wenn es auch alle Staatsbürger zufrieden wären, wenn sie alle so verdorben wären, das, was sie haben, dem vorzuziehen, was sie sind – es bliebe doch Wahnsinn.

Mit besserer Einsicht als Europa ließen die Amerikaner, als sie ihre Freiheit gründeten, der Verfassungsurkunde eine Erklärung der Menschenrechte, nämlich derjenigen Rechte vorangehen, die weder der Heiligung der Gesetze bedürfen, um Gültigkeit zu haben, noch je durch ein Gesetz eingeschränkt oder aufgehoben werden dürfen. Die französische Nationalversammlung hat es auch damit versucht. Aber jetzt denkt keiner mehr daran, und wenn man mit einem Staatsgelehrten von Menschenrechten spricht, lacht er einen aus, und wenn man in Paris zwischen zwei und vier Uhr nachmittags das Wort »Menschenrechte« ausspricht, werden vor Schrecken alle Wangen bleich, und die Renten fallen. Menschenrechte – das ist die Guillotine!

– Gestern abend sah ich zum ersten Male Demoiselle Georges spielen; nicht zum ersten Male diesen Winter, sondern zum ersten Male im neunzehnten Jahrhunderte. Dieses Schicksal habe ich schon oft in meinem Leben gehabt: daß ich den Sonnenaufgang und den Mittag verschlafen und erst beim Sonnenuntergang munter geworden bin. Demoiselle Mars habe ich voriges Jahr zum ersten Male gesehen, Talma kurz vor seinem Tode, mich selbst lernte ich erst nach dem dreißigsten Jahre kennen, und ohne Sie hätte ich wahrscheinlich erst zehn Jahre später meine angenehme Bekanntschaft gemacht. Als ich vor zwei Jahren nach Paris kam, war die Freiheit schon im Untergehen, und ich mußte sogar auf einen hohen Berg der Begeisterung steigen, um noch ihre letzten Strahlen zu erwischen; denn im Tale war es schon dunkel. So immer zu spät. Ein politischer Ketzer bin ich geworden, seitdem man nicht mehr verbrennt und vierteilt, sondern bloß mit dem Zuchthause auf unbestimmte Zeit und mit einer Abbitte vor dem Konterfei eines Königs bestraft. Dieses Abbitten vor dem Bilde des Königs von Bayern will mir gar nicht aus dem Kopf. Nun möchte ich doch wissen, wie sie einen, den sie Es ist zu fürchterlich, es ist zu lächerlich! Das ist ja ein christlich-türkischer Despotismus, ein Despotismus in seidenen Strümpfen und den Turban auf dem Kopfe. Nun möchte ich doch wissen, wie sie einen, den sie zum Zuchthause verurteilt, zwingen können, Abbitte vor dem Bilde des Königs von Bayern zu tun, wenn dieser nicht will. Ich täte es nicht; ich spräche wie der Geiger Miller in »Kabale und Liebe«: »Da ich doch ins Zuchthaus muß, will ich euch sagen, daß ihr Schurken seid.« Der Präsident antwortet, glaube ich, darauf: »Vergeß Er nicht, daß es auch Staupbesen und Pranger gibt!« O! es kömmt auch noch zu Staupbesen und Pranger; es kömmt auch noch dazu, daß einer barfuß und eine brennende Kerze in der Hand es vor der Kirchtüre büßen muß, wenn er gesagt, der Leib und das Blut des Herrn sei nicht in dem Fürsten. Die wahnsinnige Tyrannei hat keine Grenzen; es kömmt nur darauf an, welche Grenze die wahnsinnige Geduld des deutschen Volkes hat ... Aber wo bin ich? Ich bin weit von Demoiselle Georges abgekommen. Zurück!

Sie sieht bei ihren Jahren noch gut genug aus, oder mein Glas müßte trübe gewesen sein. Auch ist in den Rollen, die ihr anzugehören scheinen, ein Alter, das an Ehrwürdigkeit grenzt, gar nicht störend. Sie hat eine schöne, volltönende Stimme, ihre Gebärden sind anständig, und ihr Mienenspiel ist sehr reich; freilich glaubte ich bemerkt zu haben, daß sie beim Mischen ihrer Züge die Volte schlägt und jede Farbe der Leidenschaft, die sie will, obenauf bringt. Das ist nun nicht die rechte Art. – Die Leidenschaft, auch in ihrer entschiedensten Richtung, hat keine bestimmte Farbenleiter, und sie ist sehr zufällig gemischt. Ich kann aber die Georges durchaus noch nicht beurteilen, ich muß sie öfter sehen. Auch ist das Stück, in welchem sie auftrat, halb unbedeutend, halb dumm, das heißt: seit einigen Wochen, das es gegeben wird, ist das Haus gedrückt voll, jeder will es sehen. Perrinet Leclerc, ou Paris en 1418. drame historique. Was die Leute Schönes daran finden, begreife ich nicht. Außer den Dekorationen und den weiblichen Kleidungen der damaligen Zeit gefiel mir doch gar nichts. Diesen Winter ist das Mittelalter Mode, oder vielmehr das dramatische Vieh wurde durch Not die Alpe hinaufgetrieben, dort zu weiden, weil sie in den letzten zwei Jahren die untere Region, das Kaiserreich, die Republik und das Zeitalter Ludwigs XV. ganz abgegrast haben. Jedes Theater bringt der Reihe nach ein Pariser Mittelalter zur Vorstellung. Gestern kam die komische Oper, auch ein solches Mittelalterstück, zum erstenmal: Le Pré aux clercs, Musik von Hérold. Die heutigen Zeitungen rühmen diese neue Oper sehr. Ich lasse mir das alles sehr gern gefallen; denn ich profitiere davon. Seit zwei Jahren leiten die Boulevardstheater meine historische Studien. Sooft ich ein historisches Schauspiel gesehen, ließ ich mir den folgenden Tag alle die Geschichtsbücher, Memoiren und Chroniken holen, die von der Zeit und der Geschichte handeln, die auf der Bühne vorgestellt werden, und ich las sie. Jungen Leuten möchte ich diese Art, Geschichte zu studieren, freilich nicht empfehlen; aber für Kinder und bequeme Leute ist das die rechte Art, und ob ich zwar schlecht bestehen würde, wenn mich Schlosser examinierte, so bin ich doch im Ambigu Comique der gründlichste Historiker.

Das Stück, von welchem die Rede ist, spielt zur Zeit Karls VI., und die Georges spielte die Isabeau von Bayern. Darüber brauchte ich aber nichts nachzulesen; denn die Geschichte war mir aus Schillers »Jungfrau von Orléans« schon längst bekannt. Leider! Der Mensch weiß immer zu viel; denn daher kam es, daß mir das Drama lächerlich vorkam. Diese Isabeau ist verliebt, aber nicht wie ein weiblicher Satan, nicht wie eine alte Frau, nicht wie eine Ehrgeizige, nicht wie eine Königin, nicht wie eine Rabenmutter, nicht wie eine ausschweifende Frau; sondern wie ein junges unschuldiges Bürgermädchen. Und als ihr politischer Feind, der Connetable von Armagnac, ihren jungen Geliebten foltern und dann in einen Sack stecken und nachts in die Seine werfen ließ, weinte sie, als ginge sie das was an, und als gäbe es keine Männer mehr in der Welt. Aber die Georges wußte sich mit guter Manier aus der Dummheit des Dichters herauszuziehen. Also der Sack mit dem Schatze wird ins Wasser geworfen, aber wieder herausgefischt. Der Sack wird geöffnet und der sterbende junge Mensch im Hemde halb herausgezogen. Das ist seit einigen Tagen das zweitemal, daß ich einen sterbenden Menschen im Hemde aus einem Sacke habe kommen sehen. Das ist die historische Treue! Aber die Henkersknechte kehren zurück, werfen den Sack mit Inhalt zum zweitenmal ins Wasser und drohen mit einer Geisterstimme in die Nacht hinaus: »Laissez passer la justice du Roi!« Das war die damalige Formel. Es ist recht schauerlich.

Um das Alter der Georges genau zu erfahren, ließ ich mir den Band der Biographie des contemporains holen, worin ihr Artikel steht. Da las ich etwas, was mich stutzig machte. Sie wird dort nicht allein getadelt, sondern auch mit einer gewissen Bitterkeit getadelt, die ich mir nicht erklären konnte. Darauf las ich den Artikel im Konversationslexikon, der sie betrifft, und der mich etwas auf die Spur brachte. Der deutsche Berichterstatter bemerkt, die Georges habe sich eine romantische Darstellungsart angeeignet. Das mag es sein. Die Verfasser der Biographie des contemporains waren Arnault, Jouy, Jay und andere solche gedörrte Klassiker, welche der Georges ihr frisches romantisches Wesen nicht verzeihen konnten. Daß ihr dieses eigen sei, nehme ich übrigens bis jetzt nur auf Glauben an. Nicht so ihr Alter. Sie war gestern abend 47 Jahre, 7 Monate und 13 Tage alt. Wie viel Stunden, weiß ich nicht, da die Stunde nicht angegeben, in der sie auf die Welt gekommen.

Aber mein Gott, was ist die Georges hinabgerückt. Früher im Theater Français, bis voriges Jahr im Odeon, spielt sie jetzt im Porte-St.-Martin, in einem Boulevardtheater. O hätte ich sie in meiner Kammer! Ich würde mit ihr verfahren, wie einst ein Buchhändler mit Rousseau und Voltaire zu verfahren wünschte. Ich gäbe ihr gut zu essen und zu trinken, aber sie müßte mir arbeiten. Sie müßte mir diktieren, von Paris, von Erfurt, von Wien, von Petersburg, vom Kaiser Napoleon, vom Kaiser Alexander und von hundert andern Dingen und Menschen. Doch, es ist merkwürdig! Wenigstens nach mehreren Erfahrungen, die ich gemacht, haben die schönen Schauspielerinnen gar keine Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis, und sie verstehen gewöhnlich ihr eignes, oft so interessantes Leben nicht kunstreich aufzufassen. Haben Sie, als Sie in Paris waren, die Georges nicht spielen sehen?

Außer dem erwähnten Drama gab man den Abend noch ein Melodrama L'Auberge des Adrets; eine ganz gemeine sentimentale Mörder- und Räubergeschichte. Aber ein Schauspieler namens Frédéric führte eine komische Rolle vortrefflich durch. Ich habe lange nicht so sehr gelacht. Das Merkwürdige bei der Sache ist, daß das Komische gar nicht in der Rolle liegt, sondern in dem selbsterfundenen Spiele des Schauspielers, und das zu seinem Charakter und den Reden, die er führt, gar nicht paßt. Es ist ein zerlumpter, niederträchtiger, boshafter, ganz gemeiner Dieb, Räuber und Mörder. Er bringt einen Mann im Stücke selbst um, ihm sein Geld zu nehmen. Und Frédéric machte einen gutmütigen Schelm daraus, der höchst ergötzlich ist. Zuletzt freilich werden die Possen, doch wahrscheinlich, dem Pöbel und der Kasse zu gefallen, etwas gar zu weit getrieben. Stellen Sie sich vor: Am Ende werden beide Räuber von Gendarmen gepackt, sie entspringen aus dem Zimmer, die Gendarmen ihnen nach. Der Vorhang fällt. Das Stück ist aus. Auf einmal gewahre ich, daß die Leute nach der Galerie hinaufsehen und lachen. Ich hebe den Kopf in die Höhe und sehe in einer Loge des zweiten Ranges die beiden Räuber mit den sie verfolgenden Gendarmen sich herumbalgen. Endlich wird ein Gendarm (ein ausgestopfter) von einem der Räuber hinab ins Orchester gestürzt. Und auf diesem Theater spielt die Georges, einst die Königin so vieler Königinnen!

 

Dienstag, den 18. Dezember

Als ich gestern Abend nach Hause kam, fand ich eine schwarze Visitenkarte vor, mit dem Namen weiß darauf. Es war ein Schauer, wie sie dalag auf dem schwarzen Marmortische im rötlichen Scheine der Lampe; es war wie der Besuch eines Geistes. Es war der Name eines Polen. Ich habe solche schwarze Karten hier nie gesehen. Sollten sie vielleicht die Polen als ein Zeichen der Trauer angenommen haben? Ich werde es erfahren. Da haben Sie sie, ich schicke sie Ihnen, bewahren Sie sie gut! Und haben Sie je eine Träne für einen König vergossen, und sollte das Glück es wollen, daß Sie noch ferner eine weinten, dann sehen Sie diese Karte an, daß Ihr Herz zur Wüste werde und der Sand alle Brunnen der Empfindung verschütte. Denn wahrlich, es ist edler, die ganze Menschheit hassen, als nur eine einzige Träne für einen König weinen.

Ein sterbendes Volk zu sehen, das ist zu schrecklich; Gott hat dem Menschen keine Nerven gegeben, solches Mitleid zu ertragen. Jahre, ein Jahrhundert lang in den Zuckungen des Todes liegen, und doch nicht sterben! Glied nach Glied unter dem Beile des Henkers verlieren, und all das Blut, alle die Nerven der verstorbenen Glieder erben und dem armen und elenden Rumpfe den Schmerz des Ganzen aufbürden – o Gott! das ist zu viel! Denn einem Volke, wenn es leidet, werden nicht, wie einem kranken Menschen, Geist und Sinne geschwächt, es verliert das Gedächtnis nicht, sei es noch so bejahrt, wird es im Unglücke wieder zum Jüngling, zum Kinde, und die Jugend mit all ihrer Kraft und Hoffnung, die Kindheit mit ihrer Lust und allen ihren Spielen kehren ihm zurück. Als Gott die Tyrannen erschuf, diese Folterknechte der Welt, hätte er wenigstens die Völker sollen sterblich machen.

Man hat jetzt den Deutschen eiserne Reife um die Brust geschmiedet, sie dürfen nicht mehr seufzen um die Polen; aber die Franzosen brauchen noch nicht zu schweigen. Es kommt dahin auch noch, aber bis dahin kömmt auch die Hülfe. Haben Sie in den französischen Blättern von dem neuen Jammer gelesen, den man auf die Polen gehäuft? Aus jeder polnischen Provinz werden fünftausend Edelleute eingefangen und nach dem Kaukasus getrieben, um dort unter die Kosaken gesteckt zu werden. Sie dürfen auf ihre Verbannung nicht vorbereitet werden; sie müssen unvermutet nachts aus ihrem Bette geschleppt werden. So befiehlt es ausdrücklich der kaiserliche Befehl. Und dem Belieben des Gouverneurs bleibt es freigestellt, welche sie zur Verbannung wählen wollen; nur ist ihnen auf das strengste untersagt, die Begnadigung mit dem Kaukasus auf die schuldigsten der Polen fallen zu lassen; diese kommen nach Sibirien oder werden hingerichtet oder werden im Gefängnisse erdrosselt und vergiftet. Was ich gestern gelesen, das ist noch ungeheurer. Fünfzig Polen wurden in Kronstadt, im Hafen, wie im Angesichte ganz Europas, auf Tod und Leben gegeißelt, weil sie ihr Vaterland nicht abschwören, weil sie dem Nikolaus nicht Treue schwören wollten. Und während sie die Reihen der Soldaten durchschlichen, durch Bajonette auf der Brust am schnellen Gehen gehindert, ging ein Geistlicher zusprechend neben den Verurteilten und ermahnte sie, zu schwören. Ein Geistlicher, das Kruzifix in der Hand, ermahnte im Namen des Erlösers zum Meineide! Aber wo gab es je einen Kaiser oder König, der nicht einen Pfaffen gefunden hätte, der noch schlechter war als er? Dreitausend andere Polen standen, in einen Haufen zusammengetrieben, auf dem Richtplatze, den Jammer ihrer Brüder mit anzusehen, und hinter ihnen sechstausend Russen, Kanonen vor sich, den Haufen Polen niederzuschmettern, wenn einer von ihnen murren sollte. Die anwesenden russischen Offiziere lachten – o nein, ich erzähle das nicht ihnen zum Vorwurfe, sondern daß man diese Schlachtopfer der Tyrannei auch beweine. Sie mußten lachen; nicht zu lachen, wäre ihnen als Kaisermord angerechnet worden. Und das duldet der Himmel? Das heißt nicht die Menschheit, das heißt Gott selbst in den Kot treten. Aber nicht an Nikolas allein denke ich; so schuldig er ist, er hat es nicht verdient, unsern ganzen Fluch zu tragen. Er ist nur der gefällige Wirt, er gab seinen königlichen Brüdern ein königliches Schauspiel. Denn es ist kein Fürst in Europa, der nicht aus seiner Lage dieses blutige Schauspiel mit Wollust ansähe und nicht dabei auf sein eignes Volk hinabschielte und ihm den stummen Wunsch zugrinste: nun, wohl bekomme euch diese Lehre!

Der Haß und der Ekel stiegen mir manchmal bis an den Hals hinauf, und da werde ich meiner Wünsche und selbst meiner Verwünschungen überdrüssig. Es sind jetzt fünfzig Jahre, daß die europäische Menschheit aus ihrem Fieberschlummer erwachte und als sie aufstehen wollte, sich an Händen und Füßen gekettet fand. Fesseln trug sie immer, aber sie hatte es nicht gefühlt in ihrer Krankheit. Seitdem kämpften die Völker mit ihren Unterdrückern. Und rechnet man jetzt zusammen all das edle Blut, das vergossen worden, all den schönen Heldenmut, all den Geist, alle die Menschenkraft, die verbraucht worden, alle die Schätze, die Reichtümer, drei kommenden Geschlechtern abgeborgt, die verschlungen worden – und wofür? Für das Recht, frei zu sein, für das Glück, auf den Punkt zu kommen, wo man aufhört, Schulden zu haben, und wo erst die Armut beginnt. Und bedenkt man, wie dieses Blut, dieser Heldenmut, dieser Geist, diese Kraft, diese Reichtümer, wären sie nicht verbraucht worden zur Verteidigung des Daseins, zur Veredlung, zur Verschönerung, auf die Freuden des Daseins hätten verwendet werden können – möchte man da nicht verzweifeln? Alles hinzugeben für die Freiheit, alles aufzuopfern – nicht für das Glück, sondern für das Recht, glücklich sein zu dürfen, für die Möglichkeit, glücklich sein zu können! Denn mit der Freiheit ist nichts gewonnen als das nackte Leben, dem Schiffbruche abgekämpft. Und gewönnen nur die Feinde der Menschlichkeit etwas durch ihren Sieg, ja teilten sie nur selbst die Hoffnung des Sieges, es wäre noch ein Trost dabei. Aber nein, der Sieg ist unmöglich. Eine neue Macht, die Widerstand findet, kann im Kampfe den Sieg finden, und im Siege ihre Befestigung; aber eine alte befestigte Macht war schon besiegt an dem Tage, wo der Kampf gegen sie begann. Wäre es nicht toll, wenn Männer, die Zahnschmerzen haben, sich einredeten, sie zahnten? Aber so toll sind unsere Tyrannen nicht. Dort die Pfaffen – sie wissen recht gut, daß der Zauber ihrer Gaukelkünste nicht mehr wirkt. Dort die Edelleute – sie wissen recht gut, daß die Zeit ihrer Anmaßung vorüber ist. Dort die Fürsten – sie wissen recht gut, daß ihre Herrschaft zu Ende geht. Ja alle diese unsere Feinde wissen das besser als wir selbst; denn ihren Untergang sehen sie durch das Glas ihrer Furcht weit näher, als wir es sehen durch das Glas unserer Hoffnung. Aber weil sie es wissen, darum wüten sie; sie wollen sich nicht retten, sie wollen sich rächen. Es gibt in Europa keinen Fürsten mehr, der so verblendet wäre, daß er noch hoffte, es werde einer seiner Enkel den Thron besteigen. Aber weil ohne Hoffnung, ist er auch ohne Erbarmen und nimmt sich die Tyrannei seines Enkel voraus, sie zu der seinigen gesellend.

– Heute kaufte ich einen schönen Geldbeutel für Sie, von der Farbe des griechischen Himmels und der Königlich bayrischen Nation; nämlich hellblau, mit einem goldenen Saume und mit weißer Seide gefüttert. So wonniglich weich anzufühlen, daß es einer zarten Seele schwer fiele, hartes unerbittliches Geld hineinzulegen. Aber Sie werden ihn zu Almosen bestimmen. Hören Sie, wie Sie dazu gekommen. Noch fünf Minuten vorher dachte ich nicht daran, ihn zu kaufen, ob ich zwar an Sie dachte, denn ich schrieb Ihnen gerade. Ich las die »Allgemeine Zeitung« und darin von den hannöverischen Ständen und von der Öffentlichkeit, die man ihnen bewilligt von der Größe eines Nadelstichs; und wie man doch noch Angst gehabt, es möchten Spitzbuben von außen durch diesen Nadelstich in die Kammer steigen, und wie man darum den Nadelstich mit einem eisernen Gitter verwahrte und von außen Läden anbrachte und innen eine Gardine davorhing. Darüber mußte ich so lachen, daß ich das Pult erschütterte; von der Erschütterung floß mein Stacheldintenfaß über, das eben gefüllt worden war, und zu hoch. Jetzt kam ein Dintenbach von der Höhe herab und strömte über die »Allgemeine Zeitung« gerade durch das Hannöverische. Schnell rettete ich meinen Brief, faßte die »Allgemeine Zeitung« am trocknen Zipfel und warf sie ins Feuer. Dann holte ich Wasser und wusch das Pult ab. Während dem Trocknen machte ich einige Gänge durch das Zimmer und kam bei dieser Gelegenheit an das Fenster und sah die Straße hinab. Da gewahrte ich, daß in das große Haus mir gegenüber viele Menschen gingen und daß viele glänzende Equipagen davorstanden. Dann sah ich wieder viele Menschen und Wagen herauskommen, und so ging das abwechselnd immer fort. Ich ward neugierig, schickte hinunter und ließ Erkundigungen einziehen, erhielt aber keine Aufklärung. Da zog ich mich schnell an und ging selbst hinüber. Ich fragte den Portier des Hotels: » Où est ...«, weiter wußte ich nicht, was ich fragen sollte. Er antwortete mir: im Hofe, links, im zweiten Stocke über dem Entresol. Da stieg ich hinauf und kam durch eine Reihe Zimmer, voll der schönsten Frauen und Waren; es war ein Bazar und Serail zugleich. Man sah alle möglichen Handarbeiten in Nähereien, Strickereien, Stickereien, Malereien, und wie sie sonst heißen. Auch männliche Handarbeiten, Bücher, waren zum Verkaufe ausgestellt. An jedem Tische oder Laden stand eine Dame, die verkaufte; an jedem Artikel war der Preis geschrieben. Eine Bekannte, die ich dort fand, erklärte mir: das wäre der Bazar eines Frauenvereins, der jeden Winter zum Besten der Armen diese Ware verfertigte und verkaufte. Stifterin dieses Vereins ist eine Madame Lutteroth, Schwiegertochter des reichen Kaufmanns, der früher in Frankfurt wohnte. Die wohltätige Neigung dieser Dame wurde durch die Religionssekte, zu welcher sich ihr Mann bekennt (ich glaube zu den Mennoniten), noch verstärkt und angetrieben. Auch ist es ihre Wohnung, in welcher die Waren ausgestellt sind. Es war recht artig, zu sehen, wie die Damen alle ihre Sachen priesen und anboten, mit einem Eifer, einer Zutulichkeit, als verkauften sie zu ihrem eignen Gewinste. Auf diese Art sind Sie zu dem blauen Geldbeutel gekommen. Jetzt aber bleiben Sie nicht länger eine verstockte Aristokratin und lernen Sie endlich begreifen, wozu die Öffentlichkeit gut ist. Ich bringe ihn mit, wenn die Lerchen und die Veilchen kommen und unter Ottos Strahlen die verdorrten Ölbäume wieder blühen.

 

Mittwoch, den 19. Dezember

Bei den hiesigen Zivilgerichten kam neulich ein Prozeß zwischen dem Kaiser Don Pedro und einem Pariser Bürger vor. Als der Huissier die Tagesordnung ausrief: Dumoulin contre Don Pedro! schrie einer der Zuhörer à Oporto, und Gelächter im ganzen Saale. Nämlich dieser Dumoulin verlangt von dem Kaiser einige und dreißigtausend Franken für die Mühen, Reisen und Kosten, die es ihm verursacht, als er ihm seine jetzige Frau, die Beauharnais, verschaffen half. Don Pedro will nicht bezahlen. Den Kuppelpelz nach den Flitterwochen einfordern – eine solche Dummheit hätte ich keinem Pariser zugetraut; die eigentlichen Prozeßverhandlungen haben noch nicht angefangen; die Sache muß hübsch werden. Dem guten Don Pedro geht es sehr schlecht in Oporto, er rückt nicht vor und ist wie festgenagelt. Das ist der böse Zauber des Juste-Milieu, den sein Freund und Beschützer Louis-Philippe über ihn ausgesprochen. Dieser hat ihm gesagt: Lassen Sie sich mich zur Warnung dienen; besser keine Krone als eine aus den Händen des Volkes; lieber gar nicht regieren als mit einer Konstitution; bleiben Sie nur ruhig stehen, gehen Sie weder rechts noch links, halten Sie sich gerade, und die Krone wird Ihnen schon einmal auf den Kopf fallen. Das hat sich Don Pedro gemerkt, und er war so ehrlich, den konstitutionellen Portugiesen nicht einmal etwas zu versprechen, außer, daß er sie wahrscheinlich nicht werde hängen lassen, wenn er wieder zur Regierung käme. Diesen aber genügt die Galgenfreiheit nicht, und sie leisten ihm darum in seinem Kampfe keinen Beistand. Louis-Philippe wird ihm auch gesagt haben, er solle die heilige Allianz nicht ärgern und sich darum nicht anstellen, als wäre ihm an dem Glücke seines Volkes gelegen, sondern aufrichtig gestehen, es liege ihm bloß an seiner Herrschaft, und dann würde sie nichts gegen ihn haben. So ist er auf seine Lohnsoldaten beschränkt, und wie will er mit diesen gegen ein von Glaubenswut fanatisiertes Volk, gegen seinen von den mächtigsten Fürsten der Welt gut beratenen, gut unterstützten Nebenbuhler kämpfen?

Die Komödie, die jetzt in Spanien gespielt wird, ist auch merkwürdig. Ich nenne es Komödie, weil ich mich heute nicht ärgern will; denn es ist Mittwoch, ich erwarte Ihren Brief, und nichts soll meine Freude stören. Aber an jedem der fünf andern Tage der Woche hätte ich der Sache einen andern Namen gegeben. Es empört mich viel stärker, wenn Fürsten ihre Untertanen wie Kinder behandeln und sie mit Märchen amüsieren und sie mit groben Lügen täuschen, als wenn sie sie wie Männer und Sklaven züchtigen. Die spanische Königin hat ein Töchterchen, dem sie eine Krone verschaffen möchte. Aber ihrem Wunsche steht eine mächtige Partei entgegen, und um diese Partei zu bekämpfen, wirft sie sich in die Arme der Liberalen und verspricht ihnen Freiheit, daß es eine Lust ist. Hat sie einmal ihren Zweck erreicht oder ein anderes Mittel gefunden, ihren Zweck zu erreichen, wird sie die konstitutionellen Spanier, die so töricht waren, ihr zu trauen und in ihre Falle zu gehen, ebenso behandeln, wie es Ferdinand getan. Aber trotz der Maske, trotz der feinen List, in welcher alle Fürsten so geübt sind, bricht in den Reden und Handlungen der Königin Christine [im ED. irrtümlich: Katharine. D. Hrsg.] die angeborne Natur oft komisch genug vor. Ein Fürst, der von Freiheit spricht, macht dann ein Gesicht wie Robespierre – von dem einst Mirabeau sagte: Er sieht aus wie eine Katze, die Essig getrunken hat. Neulich machte die Königin eine Proklamation an die Spanier bekannt, voll Honigworte, voll Freiheit, voll Glück, voll Ruhm, voll Versöhnlichkeit, kurz, voll Glaube, Liebe und Hoffnung – wie der Hofrat Rousseau in der »Postzeitung« am ersten Januar wahrscheinlich singen wird. Plötzlich wendete sie sich an die verstockten Gegner ihrer himmlischen Absichten, kratzt sie und spricht wie folgt: »Wer meinen mütterlichen Ermahnungen nicht Gehör gibt, auf den wird das Beil niederfallen, das schon über seinem Kopfe hängt.« Schöne, gute, liebe Mama! Die in Frankreich sich aufhaltenden Spanier, die nach erhaltener Bewilligung jetzt zurückkehren, müssen an der Grenze, angeblich wegen der Cholera, dreißig Tage Quarantäne halten. Nun kann das Lazarett nur sechzig Personen fassen, und man hat berechnet, daß es drei Jahre dauern werde, bis alle Spanier in ihr Vaterland kommen. Drei Jahre! Das ist ein Glück für wenigstens zwei Dritteile dieser Unglücklichen, die noch nach zwei Jahren Zeit haben, umzukehren und sich so vom Henkertode zu retten. Euer Journal de Francfort neulich eiferte mit edlem Unmute gegen die Reformen, welche die Königin von Spanien und der türkische Kaiser in ihren Staaten vornehmen wollten, obzwar ihre Völker solchen Reformen entgegen sind. Welche schöne Teilnahme, welche Zärtlichkeit für das Glück und die Wünsche der Völker! Was hat denn die hohe Bundesversammlung auf einmal so weich gemacht? Ist etwa Rothschilds Koch krank geworden? Wie konnte aber ... daß ich ein Narr wäre – da ist Ihr Brief.

– Fragen Sie mich doch einmal, was die Doctrinairs eigentlich bedeuten. Ich weiß es selbst nicht recht, möchte mich darnach erkundigen und Ihnen davon schreiben.

– Der *** ist nicht ohne Geist und Witz, aber er schreibt etwas rauh. Er ist ein arger Hypochondrist, und seine Satire hat etwas Menschenfeindliches, das sie sauer macht.

– Ja wohl, ich habe es damals schon von mehreren Vornehmen gehört, daß ihnen meine » Postschnecke« sehr gefallen. Die erschien ihnen als eine Oase in meinen wüsten Schriften. Es war, weil ich mich darin über einen Demagogen und seinen langen Bart und über die Turnkunst lustig gemacht. Welche Menschen!

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