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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 9
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Neunter Brief

 

Paris, Mittwoch, den 6. Oktober 1830

Ob ich zwar vorher wußte, daß die deutschen Regierungen den Forderungen des Volkes nicht nachgeben, sondern Maßregeln der Strenge ergreifen würden; ob ich zwar vom Schauplatze entfernt bin, so hat mir Ihr heutiger Bericht von den Truppenbewegungen, von dem Mainzer Kriegsgerichte, doch die größte Gemütsbewegung gemacht. Ich hielte das nicht aus, und ich bin froh, daß ich mich entfernt habe. Gott hat die Fürsten mit Blindheit geschlagen, und sie werden in ihr Verderben rennen. Sie haben die ruhigsten und gutmeinendsten Schriftsteller mit Haß und Verachtung behandelt, sie haben nicht geduldet, daß die Beschwerden und Wünsche des Volkes in friedlicher Rede verhandelt würden, und jetzt kommen die Bauern und schreiben mit ihren Heugabeln, und wir wollen sehen, ob sich ein Zensor findet, der das wegstreicht. Die alten Künste, in jedes aufrührerische Land fremdes Militär zu legen, Nassauer nach Darmstadt, Darmstädter nach Nassau, werden nicht lange ausreichen. Wenn einmal der Soldat zur Einsicht gekommen, daß er Bürger ist eher als Soldat, und wenn er einmal den großen Schritt getan, blinden Gehorsam zu verweigern, dann wird er auch bald zur Einsicht kommen, daß alle Deutsche seine Landsleute sind, und wird nicht länger um Tagelohn ein Vater- und Brudermörder sein. Alle alte Dummheiten kommen wieder zum Vorschein, nicht eine ist seit fünfzehn Jahren gestorben. So habe ich in deutschen Blättern gelesen, man habe entdeckt, daß eine geheime Gesellschaft die revolutionären Bewegungen überall geleitet, und man sei den Rädelsführern auf der Spur. Die schlauen Füchse!

– Gestern abend war ich bei Lafayette, der jeden Dienstag eine Soiree gibt. Wie es da zuging, davon kann ich Ihnen schwer eine Vorstellung geben; man muß das selbst gesehen haben. In drei Salons waren wohl 300 Menschen versammelt, so gedrängt, daß man sich nicht rühren konnte, aber im wörtlichsten Sinne nicht rühren. Lafayette, der 73 Jahre alt ist, sieht noch ziemlich rüstig aus. Er hat eine sehr gute Physiognomie, ist immer freundlich und drückt jedem die Hand. Wie es aber der alte Mann den ganzen Abend in dem Gedränge und in der Hitze aushält, ist mir unbegreiflich. Dazu muß man ein Franzose sein. Als man ihm die Nachrichten aus ... mitteilte, schien er sehr vergnügt und lachte. Ich habe den Abend viele Leute gesprochen, die ich natürlich nicht alle kenne. Auch viele Deutsche waren da, junge Leute, die sehr revolutionierten. Die ganze Gesellschaft würde im Österreichischen gehenkt werden, wenn man sie hätte. Es geht da sehr ungeniert her, ja ungenierter als im Kaffeehause. Und dabei hat man die Erfrischungen umsonst. Ich ging schon um zehn Uhr weg. Da waren noch die Treppen bedeckt von Leuten, die kamen. Wie die aber Platz finden mochten, weiß ich nicht. Es waren auch zwei Sofas mit Frauenzimmern da, meistens Nordamerikanerinnen. Talleyrand war neulich, ehe er nach London abreiste, in Lafayettes Salon; es hat aber kein Mensch mit ihm gesprochen. Ich sprach unter andern zwei Advokaten, welche die Verteidigung der angeklagten Minister übernommen. Sie sagten, die Sache stände schlimm mit ihren Klienten, und sie ständen in Lebensgefahr. Sie wären aber auch so dumm, daß sie nicht einmal so viel Verstand gehabt hätten, zu entwischen, was die Regierung sehr gern gesehen hätte. Jetzt sei es zur Flucht zu spät. Der Kommandant in Vincennes, wo die Minister eingesperrt sind, sei streng und lasse nicht mit sich reden. Man erzählte auch von einem Bauernaufstand in Hanau. Wissen Sie etwas davon?

– Ihre Briefe machen mir eigentlich nur Freude, ehe ich sie aufmache, und in der Erwartung, daß sie recht groß sind. Aber einmal geöffnet, ist auch alles vorüber. In einer Minute habe ich sie gelesen, es ist das kürzeste Vergnügen von der Welt. Ich werde durch Ihre langen Buchstaben und gestreckten Zeilen sehr übervorteilt. Ihre ganzen Briefe brächte ich in zwanzig Zeilen. Was können Sie aber dafür? Ihre Freundschaft reicht nicht weiter.

– Was mag jetzt nicht in Deutschland alles vorgehen, was man gar nicht erfährt, weil es nicht gedruckt werden darf! Ich habe den Abend oft das ganze Zimmer voll deutscher Jünglinge, die alle revolutionieren möchten. Es ist aber mit den jungen Leuten gar nichts anzufangen. Sie wissen weder, was sie wollen, noch was sie können. Gestern traf ich bei Lafayette einen blonden Jüngling mit einem Schnurrbarte und einer sehr kecken und geistreichen Physiognomie. Dieser war von ***, wo er wohnt, als dort die Unruhen ausgebrochen, hierhergekommen, hatte Lafayette, Benjamin Constant, Quiroga und andere Revolutionshäupter besucht und um Rat gefragt, gerade als hätten diese Männer ein Revolutionspulver, das man den Deutschen eingeben könnte.

– Was sagen Sie dazu, daß die Todesstrafe abgeschafft werden soll, vor jetzt wenigstens bei politischen Vergehen? Ist das nicht schön? Und das geschieht nur in der Absicht, die angeklagten Minister zu retten. Und nicht etwa die Regierung allein will das, sondern der bessere Teil des Volkes selbst. Diese Woche kam eine Bittschrift von hundert blessierten Bürgern, die alle die Abschaffung der Todesstrafe fordern, an die Kammer. Mich rührte das sehr, daß Menschen, welche von den Ministern unglücklich gemacht worden, um das Leben ihrer Feinde bitten. Wenn man bei unserer lieben deutschen Bundesversammlung um die Abschaffung der Todesstrafe in politischen Vergehen einkäme, würde man freundlichen Bescheid bekommen! Und doch, wenn sie klug wären, sollten sie schon aus Egoismus die alten blutigen Gesetze mildern. Heute noch haben sie die Macht; wer weiß, wie es morgen aussieht.

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