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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 89
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Neunundachtzigster Brief

 

Paris, Donnerstag, den 13. Dezember 1832

Le roi s'amuse; Beschluß. Dieses Schicksal im Sacke; diese schauderhaften Fußtritte des Vaters auf das Herz seiner geliebten Tochter; diese Tochter im blutigen Hemde tot, nein, schlimmer als tot, im Röcheln des Todes; und dieses alles, bald vom falben Scheine der Blitze beleuchtet, bald von finstrer Nacht umhüllt, daß sich zum Schrecken der Wirklichkeit auch noch die Angst des Traumes geselle – hat das nicht in seiner gräßlichen Verzerrung auch einen Zug von Lächerlichkeit? Wenigstens als ich diese Szene las, so sehr sie mich auch erschütterte, fiel mir ein: der Narr Triboulet, wie hat er sich prellen lassen; man soll doch nie eine Katze im Sacke kaufen! Ich weiß nicht, woran es liegt. Shakespeare hat ähnliche, er hat noch viel schrecklichere Schrecken; aber bei ihm ist der Schmerz gesund, das Ungeheure hat seine Art Wohlgestalt; denn selbst die Krankheit hat eine Gesundheit, die ihr eigen ist, selbst das Verbrechen hat seine moralische Regel. Bei Victor Hugo aber ist das Mißgestaltete mißgestaltet. Ich weiß nicht; es ist darüber nachzudenken. Das ist die tragische Häßlichkeit, von der ich sprach, die tragische Unsittlichkeit. Die komische war in den Liebeleien des Königs, die im Sonnenlichte und beim noch hellrn Scheine der Kerzen auf das unverschämteste dargestellt werden. Victor Hugo hätte aus dem allem einen Roman machen sollen. Erzählen kann man alles, auch das Häßlichste; die Vergangenheit, die Entfernung mildert das Mißfällige, und ein Buch kann man ja zu jederzeit wegwerfen. Erzählen kann man das Unglaublichste; wer es nicht glauben will, braucht es ja nicht zu glauben, er denkt: es ist ein Dichter, und er hat gelogen. Aber dieses in ein Drama bringen, dieses alles unter unsern Augen geschehen lassen, daß wir Ohr und Blick davon abwenden, daß wir nicht daran zweifeln können – nein, das dürfen wir nicht dulden.

Aber die Minister! was geht die Minister Louis-Philippes die Ästhetik, die Dramaturgie, die Moral an? Warum haben sie die Aufführung des Stückes verboten? Bin ich nicht da? Hören wir jetzt, was Victor Hugo darüber sagt. Am Morgen nach der ersten Aufführung erhielt der Dichter ein Billet vom Theaterdirektor; er habe soeben vom Minister den Befehl erhalten, das Stück nicht ferner geben zu lassen. » L'auteur, ne pouvant croire à tant d'insolence et de folie, courut au théâtre« ... Insolencefolie – von einem Minister! das wäre nach dem bayrischen Strafrechte ein Verbrechen, das von einem Majestätsverbrechen nur durch eine Brandmauer geschieden ist, der Hausnachbar eines Königsmordes. Victor Hugo eilt in das Theater; es ist wirklich so; er liest den Befehl des Ministers. Das Drama wäre unmoralisch befunden worden. » Cette pièce a révolté la pudeur des gens d'armes, la brigade Léotand y était et l'a trouvée obscène; le bureau des mœurs s'est voilé la face; monsieur Vidocq a rougi.« Aber war es von seiten des Ministers mit der Einwendung der Unmoralität ernst gemeint? Hugo sagt: das sei nur ein Vorwand gewesen, der eigentliche Grund aber des Verbotes sei ein Vers im dritten Akte » où la sagacité maladroite de quelques familiers du palais a découvert une allusion à laquelle ni le public ni l'auteur n'avait songé jusque-là, mais qui, une fois dénoncée de cette façon, devient la plus cruelle et la plus sanglante des injures.« Er wolle für jetzt den Vers nicht bezeichnen, treibe ihn aber die Not der Verteidigung dazu, werde er sich deutlicher erklären.

Ich suchte mit dem größten Eifer den im dritten Akte enthaltenen, für den König beleidigenden Vers auf und glaubte ihn im folgenden gefunden zu haben:

» Un roi qui fait pleurer une femme! O mon dieu Lâcheté!«

Ich dachte, das könnte auf die Gefangenschaft der Herzogin von Berry bezogen werden, und das denkend kam mir die Ängstlichkeit der Minister um so toller vor. Wer bekümmert sich um die Berry? Wer denkt an sie? Und die wenigen Legitimisten, die im Theater Français sitzen, würden in Gegenwart des demokratischen Parterres und der Philippistenlogen nie wagen, eine solche Anspielung laut werden zu lassen. Aber ich bin fehlgegangen. Ich hörte später erzählen, es sei eine andere Stelle im dritten Akte, die den Minister stutzig gemacht. In der Szene nämlich, wo Triboulet im Vorzimmer des Königs um seine geraubte Tochter jammert und die Hofleute ihn verlachen, wendet er sich an diese der Reihe nach und sagt ihnen mit Grimm und Hohn: was wollt Ihr? Du da hast eine Frau, du eine Tochter, du eine Schwester, du Page dort eine Mutter – Frau, Tochter, Schwester, Mutter, der König hat sie alle. Und die Großen, welchen er das vorwirft, sind die vornehmsten historischen Familien des Landes, Triboulet nennt sie alle bei Namen, und unter diesen Bastardahnen wird auch die Familie genannt, von welcher die Bourbons herstammen. Ich habe das Buch schon weggegeben, und ich kann die betreffende Stelle nicht selbst beurteilen.

Der Dichter, in seinem Zorne gegen die Minister, triumphiert, daß, so viele Kunstfeinde er auch habe, diese doch, nachdem er eine so schnöde Behandlung erfahren, alle gleich auf seine Seite getreten wären. » En France, quiconque est persécuté n'a plus d'ennemis que le persécuteur.« Alles wie bei uns! Victor Hugo hat das Theater Français beim Handelsgerichte verklagt, es zur ferneren Aufführung des Dramas zu zwingen oder zu einer Entschädigung von vierhundert Franken für jeden Theaterabend zu verurteilen. Odilon Barrot wird für den Kläger das Wort führen. Was wird er gewinnen? nichts; auch weiß er das, und es ist ihm nur um den Skandal zu tun. Aber was gewinnen die Minister dabei? Der Dichter sagt es offen heraus: er habe sich bis jetzt nur mit den stillen friedlichen Musen beschäftigt; er habe sich von der Politik immer entfernt gehalten; von nun aber, weil gereizt, werde er gegen die Regierung feindlich auftreten. Ist nun Victor Hugo ein ehrlicher Mann, wie er wirklich einer ist, werden durch ihn die Feinde der Regierung um einen der gefährlichsten, der talentvollsten vermehrt. Wäre er kein ehrlicher Mann, dann würde seine Feindschaft der Nation hunderttausend Franken kosten, welche die Minister aus ihrem Beutel zögen, einen neuen Feind auf die alte Art zu versöhnen. Was gewinnen also die Minister? Ich glaube aber, sie sind nicht so dumm, wie sie aussehen. Sie gewinnen, was der Dichter auch gewinnt: den Skandal des Prozesses. Das beschäftigt Paris drei Tage, und für die folgenden Tage wird der liebe Gott auch sorgen. Sie sind immer noch klüger als unsere deutschen Minister; sie lassen zuweilen Rauch aus dem Schornsteine, daß der Kessel nicht platze.

Sehen Sie aber, was ein deutscher Gelehrter ist! Vorgestern morgen beim Frühstücke hatte ich den Kopf dicht voll, von Politik und Zahnschmerzen, von den aristotelischen Einheiten, der Abwesenheit der Madame Malibran und der Anwesenheit der ****, von dem König Otto, von bayrischer Treue, Antwerpen, dem alten Turme am Metzgertore und der Unmoralität des Herrn d'Argout. Da kam ich in der Vorrede Victor Hugos an die Stelle: » Il fut même enjoint au théâtre de rayer de son affiche les quatre mots redoutables: le roi s'amuse.« Gleich alle Gedanken hinaus, den Kopf auf beide Arme gestützt und eine halbe Stunde darüber nachgedacht. Ces quatre mots le roi s' amuse. Wie? le roi s'amuse, sind das vier Worte, sind es nicht bloß drei? kann man s mit einem Apostroph ein Wort nennen? ist s'a ... ein Wort? Freilich man kann auch nicht behaupten, le roi s'amuse wären nur drei Worte. Aber wo ist die Wahrheit? wo ist das Recht? ... Darüber ward mir mein Tee kalt, und Konrad nahm mir unbemerkt die Zeitung von dem Tische, ehe ich sie ausgelesen. So ist der deutsche Gelehrte! dem Victor Hugo auf das Wort zu glauben, der die Sache mit den vier Worten doch besser verstehen muß als ich, das kam mir nicht in den Sinn; auch hätte mein protestantisch deutsches Gewissen dieses nie zugegeben.

Aber zum Schlusse: der Handelsminister hatte recht, das Stück ist unmoralisch. Wie kam es mit Victor Hugo dahin? Ich habe es schon gesagt; es ist der Jakobinismus der romantischen Literatur. Victor Hugo ist einer der edelsten unter den Sklaven, die ihrem Herrn Boileau entlaufen; aber er ist doch ein Sklave. Im Übermute seiner jungen Freiheit weiß er diese nicht weise und männlich zu gebrauchen und sündigt links, weil sein alter Tyrann rechts gesündigt hat.

Das Gericht ist aus, ich habe Recht gesprochen; jetzt Perücke herunter. Ich habe das Drama vom Anfange bis zum Ende mit dem größten Vergnügen gelesen, und alles hat mir gefallen.

 

Freitag, den 14. Dezember

Heute gehe ich zum ersten Male wieder aus, nachdem ich wegen meiner Zahnschmerzen drei Tage das Zimmer nicht verlassen. Ich habe dabei gewonnen, daß ich drei Tage lang den stinkenden Nebel auf der Straße nicht zu trinken und so lange die stinkenden deutschen Zeitungen nicht zu lesen brauchte. Der Geschmack der letzten, die ich vor einigen Tagen las, liegt mir heute noch auf der Zunge. Nein, es ist nicht zu ertragen. Die Deutschen müssen Nerven haben wie von Eisendraht, eine Haut von Sohlleder und ein gepökeltes Herz. Diese Unverschämtheit der Fürstenknechte, dieses freche Ausstreichen eines ganzen Jahrhunderts, dieser weintolle Übermut, dieses Einwerfen aller Fensterscheiben, weil das Licht dadurch fällt, als wenn sie mit dem Glase auch die Sonne zerstörten – es übersteigt meine Erwartung. Aber das steigert auch meine Hoffnung. Man muß mit den dummen Aristokraten Mitleiden haben, man muß ihnen nicht eher sagen, daß das Kassationsgericht dort oben ihre Appellation verworfen hat, bis an dem Tage, wo sie hingerichtet werden. Das deutsche Volk wird einst gerächt werden, seine Freiheit wird gewonnen werden; aber seine Ehre nie. Denn nicht von ihnen selbst, von andern Völkern wird die Hülfe kommen. Ich sehe es schon im Geiste: wenn einst die finstern Gewitterwolken sich werden über den deutschen Palästen zusammenziehen, wenn der Donner zu grollen anfängt, wird das geschmeidige deutsche Volk wie ein Eisendraht hinaufkriechen zu allen Dächern seiner Tyrannen, um die geliebten Herrscher vor dem Blitze zu bewahren und ihn auf sich selbst herabzuziehen. Wem daran gelegen ist, verhöhnt und betrogen zu werden, der braucht nur großmütig gegen seine Feinde zu sein, zumal gegen die Fürsten, welche die Feinde aller Menschen sind. Wenn in Frankreich ein Don Miguel und ein Robespierre zugleich regierten; wenn an jeder Straßenecke rechts ein Galgen, links eine Guillotine stünde – die Franzosen ertrügen vielleicht lange das Morden von ihren Tyrannen geduldig; aber ihren Spott, ihre Verachtung, ihr unverschämtes Hofmeistern, ihre Ohrfeigen und ihre Rute, das, was der Deutsche das ganze Jahr erduldet – sie ertrügen es keine Stunde lang. Die Franzosen waren jahrhundertelang Sklaven unter ihren Königen; aber sie durften doch singen in ihren Ketten, sie durften ihre Kerkermeister verspotten. Zur Schreckenszeit wurden edle und schuldlose Menschen auf das Blutgerüst gebracht, aber nie fand Robespierre ein Gericht, das so feige und unmenschlich gewesen, einen Aristokraten zu verurteilen, daß er vor dem Ölbilde der Freiheit kniend Abbitte tue. Unter der Despotie der Könige wie unter der der Republikaner erkannte man etwas im Menschen an, das, weil von Gott gesandt, heilig und unverletzlich ist und nie zur Verantwortung gezogen werden darf. Aber dieses Göttliche, Heilige und Unverletzliche im Menschen: seine Ehre, seinen Glauben, seine Tugend, das wird in Deutschland am meist[en], zuerst bestraft, am boshaftesten gezüchtigt. Ein Dr. Schulz in München wurde wegen seines politischen Glaubens auf unbestimmte Zeit zum Zuchthause verurteilt, und zu der schlimmern Züchtigung, vor dem Bilde des Königs kniend Abbitte zu tun. Sie werfen die Freiheit in den Kot, daß sie aussehe wie die Knechtschaft, damit man keinen Mann von Ehre ferner von einem Hofmanne unterscheiden könne und gemeinschaftlicher Schmutz Volk und Land und Regierung bedecke.

Würde in Paris die Todesstrafe darauf gesetzt, wenn einer es wagte, im Theater einen Laut des Mißfallens zu äußern, und es versuchte einmal ein schamlos schmeichelnder und bettelnder Hofdichter, die Leidenschaften, Torheiten und Verbrechen seiner Fürsten durch Poesie, Musik, Tanz und Malerei auf der Bühne zu verherrlichen und so ein ganzes Volk zu Mitschuldigen seiner niederträchtigen Gesinnungen zu machen – und stünde die Todesstrafe auf ein Lächeln –, es fänden sich hier Hunderte von Zuschauern, die lachen, zischen und pfeifen und ihr Leben an die Ehre setzen würden. Man jauchzte keinem schamlosen, tollen Schauspiele zu wie das, was neulich ein Herr von Poißl in München zur Feier der Thronbesteigung des Königs Otto dichtete und auf der Bühne vorstellen ließ. Vergangenheit und Zukunft hieß das Schauspiel, welches alle das dicke Bocksbier, das seit dem vorigen Sommer in den bayrischen Adern stockte, in die freudigste Wallung brachte. Hellas, Bavaria, Glaube, Liebe und Hoffnung treten auf. Sooft ein deutscher Hofdichter etwas Politisches singt, umgibt er sich mit Glaube, Liebe und Hoffnung. Es sind seine Grazien und seine Parzen zugleich. Mit ihnen versüßt er die Tyrannei, mit ihnen spinnt er die Freiheit zu Tode. Übrigens ist es eine nützliche Bedeckung; denn ohne Glaube, Liebe und Hoffnung ertrüge man keinen Tag, ein deutscher Untertan zu sein. Jetzt werden die alten olympischen Spiele dargestellt, in dem Augenblicke, wo die Verteilung der Preise stattfindet. Hundert Dichter atmen schwer; die, welche den Gott in sich fühlen, jauchzen dem Siegeskranze entgegen. Mich dauern die armen Teufel! Bavaria kömmt und deklamiert Gedichte des Königs von Bayern, und Sappho-Bavaria erhielt den Kranz.

Das zweite Bild stellt die Gegend von Athen vor. »Mit erst düsterem Himmel, verbrannten Olivenwäldern und verdorrten Fluren. Nach und nach kleidete sich der Himmel in Bayerns Nationalfarbe. Die Olivenwälder begannen zu grünen. Die Fluren bedeckten sich mit Blumen und Blüten, aus Ruinen entstanden Paläste. Und in diesem Augenblicke erschien, von der Liebe getragen und den Glauben und die Hoffnung zur Seite, das als Segensgestirn über Hellas aufgehende Bildnis des Königs Otto, vor dem sich Griechenlands Volk in freudiger Huldigung neigte.« Bavaria-Sappho ist verrückt, sie ist verliebt, weiß nicht mehr, was sie spricht, und ich sehe sie schon vom leukadischen Felsen hinab in die Isar springen. Aber Herr von Poißl hat nicht die geringste Lebensart, daß er den König Otto, der ein Mann ist, von der Liebe, die ein Frauenzimmer ist, tragen ließ. Ich begreife nicht, wie das zarte Wesen diese Last von München bis zum Himmel, einen so weiten Weg, hat aushalten können; König Otto muß sehr leicht sein! Warum hat er den König nicht dem Glauben auf die breiten Schultern gesetzt? Der hat schon in seiner Dummheit viel schwerere Lasten getragen. Dann wäre die Liebe an der Seite der Hoffnung, hinter dem Glauben und dem König Otto, leicht hergeflogen, und dann wäre doch Symmetrie dabei gewesen, und das Ganze wäre ein Meisterstück geworden. O Herr von Poißl! ich weiß nicht, ob Sie Verstand haben, aber Geschmack haben Sie nicht den geringsten. Wie freue ich mich, daß die verbrannten Olivenfelder wieder grün werden; jetzt können doch die armen Griechen wieder Salat essen. Aber die bayrische Nationalfarbe, in welche sich der Himmel kleidete, als er Audienz beim König Otto hatte – ist das nicht himmlisch? ja, ja, so ist es. Den Himmel selbst möchten Sie gern zu Lakaien machen, und sein heiliges Blau soll die Livreefarbe eines deutschen Fürsten sein! Verdammnis! es kömmt mir manchmal vor, als wäre die Erde ein großer Pfeifenkopf, aus dem Gott raucht, und Deutschland wäre der Wassersack der Pfeife, bestimmt, um diese rein zu erhalten, allen Schmutz, alle stinkenden Säfte aufzunehmen. Die Zeit wird kommen, daß jeder europäische Fürst mit einem Stücke seines Landes in den Deutschen Bund treten wird, um sich mit einem solchen heilsamen Wassersacke zu versehen. Hannover ist der Wassersack Englands, Luxemburg der Wassersack der Niederlande, Holstein der Wassersack Dänemarks, Neufchâtel der Wassersack der Schweiz. Wie heute die englischen Blätter erzählen, soll ein anderer Sohn des Königs von Bayern Donna Maria heiraten. So verspricht Portugal der Wassersack der spanischen Halbinsel zu werden, und Griechenland ist voraus zum Wassersack des Orients bestimmt, wenn dieser, wie sie fürchten, der Zivilisation und Freiheit entgegenreift.

Der schönste Spaß in dieser bayrisch-griechischen Komödie ist: daß König Otto, oder vielmehr sein Vater in dessen Namen, die griechische Konstitution nicht hat beschwören wollen; daß Miaulis, der Chef der griechischen Deputation, erklärt hat, nur unter der Bedingung eines solchen Eides sei er beauftragt, dem Prinzen die Krone anzubieten, daß er also, da man sich weigere, ihn zu leisten, den Otto nicht als König anerkennen dürfe. Die Deputation kehrt allein nach Griechenland zurück, und König Otto zieht an der Spitze seiner Bayern hin und nimmt von seinem Lande mit Gewalt Besitz. Ich fürchte sehr, daß, wenn der griechische Himmel das wahre Verhältnis der Sache erfährt, er sein Bayrisch-Blau wieder ausziehen und seinen grauen Schlafrock anziehen wird.

Ich sage Ihnen, ich sage Ihnen, es ist mit dem lieben Gott nichts mehr anzufangen. Da sitzt der alte Herr den ganzen Tag auf seinem Lehnstuhle, liest die Erdzeitungen und brummt über seine entarteten Kinder. Es ist ihm kein Lächeln abzugewinnen. Da er noch ein Jüngling war, da er als Jupiter, noch mit dem Honige seiner Kindheit auf den Lippen, durch alle Welten schwärmte, welche himmlische Pagenstreiche machte er, wie liebenswürdig war er damals! wie er seinem Vater, dem Fresser Kronos, ein Brechmittel eingab; wie er sich als Gans, als Ochs, als Mensch, als Regen verkleidet zu den Schönen schlich, wie er neun ganze halbe Tage sich mit der gelehrten Mnemosyne einschloß und mit ihr alle die Millionen Bücher schrieb, die seitdem in die verschiedenen Sprachen der Menschen übersetzt erschienen sind – es ist alles vorbei, es ist nichts mehr mit ihm anzufangen! Ach! wenn ich Gott wäre, welche Späße wollte ich mir machen mit Bavaria-Hellas! Ich ließ in einer Nacht alle die herrlichen Griechen aller Zeiten und aller Städte aus dem Grabe hervorsteigen und alle Tempel auch, und die alten Götter rief ich herbei. Und an einem schönen Frühlingstage, da der Spaziergang am Ilysseus gedrängt von Menschen war, kömmt ein Sklave atemlos herbeigestürzt und schreit: »König Otto ist angekommen!« Alles gerät in Bewegung. Die Kinder springen von der Erde auf und vergessen ihre Knöchel mitzunehmen. Die schöne Lais macht die Rosen in ihren Haaren zurecht, Diogenes putzt das Licht in seiner Laterne, Epaminondas ballt die Faust, Plato bekömmt Angst und versteckt seine Republik, Perikles reicht seiner Freundin Aspasia den Arm, Aristoteles zieht seine Schreibtafel heraus, alles zu notieren, die Blumenmädchen suchen eine der anderen vorzukommen, und jetzt alle eilig zum pyräischen Tor hinaus. Nur Sophokles geht seinen ernst langsamen Schritt; er dichtet seine »Antigone«. Als die Athenienser am Hafen ankamen, war König Otto mit seinen blauen Bayern schon gelandet. Das erste, was er tat, war, daß er dem Perikles den großen Hubertusorden umhing. Aristoteles erhielt das Diplom als geheimer Hofrat und die Berufung als Professor der Naturgeschichte nach München an Okens Stelle. Phidias bekam den ehrenvollen Auftrag, die Büste des Herrn Jarcke für das Regensburger Walhalla zu verfertigen. Herr Oberbaurat von Klenze zeigte dem Kallikrates die Risse seiner schönsten Gebäude in München, und dieser fragte: hat Euer Basileus [i. O:Tyrannos] so viele Pferde? Alcibiades bekam den Kammerherrnschlüssel, und ein bayrischer Obrist fragte Epaminondas, wieviel Furagegelder ein hellenischer Obrist bekäme. Professor Thiersch unterhielt sich mit Plato und wurde von den Blumenmädchen wegen seiner schlechten Aussprache verspottet. Herr von Poißl wollte Sophokles gerade sein Festspiel Vergangenheit und Zukunft überreichen, als Trommelwirbel Stille gebot. König Otto tritt majestätisch hervor und hält folgende Rede:

»Hellenen! Schaut über euch! Der Himmel trägt die bayrische Nationalfarbe; denn Griechenland gehörte in den ältesten Zeiten zu Bayern. Die Pelasger wohnten im Odenwalde, und Inachus war aus Landshut gebürtig. Ich bin gekommen, euch glücklich zu machen. Eure Demagogen, Unruhestifter und Zeitungsschreiber haben euer schönes Land ins Verderben gestürzt. Die heillose Preßfrechheit hat alles in Verwirrung gebracht. Seht, wie die Ölbäume aussehen. Ich wäre schon längst zu euch herübergekommen, ich konnte aber nicht viel früher, denn ich bin noch nicht lange auf der Welt. Jetzt seid ihr ein Glied des Deutschen Bundes. Meine Minister werden euch die neuesten Bundesbeschlüsse mitteilen. Ich werde die Rechte meiner Krone zu wahren wissen und euch nach und nach glücklich machen. Für meine Zivilliste gebt ihr mir jährlich sechs Millionen Piaster, und ich erlaube euch, meine Schulden zu bezahlen.« Die Griechen, als sie diese Rede hörten, erstarrten alle zu Bildsäulen. Diogenes hielt dem König Otto seine Laterne ins Gesicht, die schöne Lais kicherte, und Aristoteles war in Verzweiflung, daß sein Griffel brach und er die merkwürdigen Naturbeobachtungen, die er machte, nicht mehr notieren konnte. Hippokrates sah die Sache gleich vom rechten Standpunkte an, schickte eilig einen Diener in die Stadt zurück und ließ sechs Karren voll Nieswurz holen. Die Bayern setzten sich in Marsch. Vor dem Tore wurden sie von hundert Apothekern aufgehalten, die jedem Bayer ein Pulver überreichten. Ein Major schrie: »Verräterei! Gift!« und ließ unter das griechische Gesindel schießen. Dann zog König Otto über Leichen in die Stadt. Gleich den andern Tag wurde eine Zentral-Untersuchungskommission gebildet. Hippokrates wurde wegen seines dummen Spaßes als Medizinalrat nach Augsburg versetzt; die geistreiche Aspasia. die griechische Frau von Staël, nach Ägypten verbannt, und Diogenes wurde auf unbestimmte Zeit zum Zuchthause verurteilt und mußte vor dem Bilde des Königs Otto kniend Abbitte tun. Die Schuldigsten waren schon vor der Untersuchung erschossen worden.

Jetzt ging das Regieren an. Eine Zeitlang ertrugen es die Griechen. Aber eines Morgens brauste das Volk wie ein wogendes Gewässer durch die Stadt. Herr Oberbaurat von Klenze hatte in der Nacht anfangen lassen, durch mehrere hundert bayrische Maurer den Tempel der Minerva abtragen zu lassen. Das Bild der Göttin, von Phidias, und andere Kunstwerke, die der Tempel enthielt, lagen schon auf der Straße, von Stroh umwickelt, um eingepackt zu werden. Man fragte Herrn von Klenze, was diese Tollheit bedeuten solle. Er erwiderte: seine Majestät der König haben zu beschließen geruht, den Tempel der Minerva, das Parthenon, das Pompejon, die Phöcile, noch zwanzig andere Tempel und mehrere hundert Statuen Allerhöchst Ihrem Königlichen Vater nach Bayern zu schicken, zufolge eines mit Allerhöchstdemselben abgeschlossenen geheimen Vertrags, und Hellas, übervölkert mit Tempeln, Statuen und Gemälden, solle nach Bayern Kunstkolonien schicken und dafür von dort Naturkolonien erhalten unter Anführung des Herrn von Hallberg, des bayrischen Cecrops, und das alles gereiche zur Wohlfahrt beider Länder und sei überhaupt sehr charmant. Aber die Athenienser fanden dieses gar nicht charmant, sondern ergriffen einige der schönsten antiken Steine, mit Basreliefs verziert, und warfen sie dem armen Herrn von Klenze an den Kopf, bis er tot blieb. Dann stürzten sie die Akropolis hinauf, ergriffen den König Otto, der gerade mit seinem Frühstücke beschäftigt war und dabei Saphirs »Deutschen Horizont« las, bei dem Arme, setzten ihn in eine Sänfte und ließen ihn an den Hafen tragen und übergaben ihn dort dem Admiral Nicias, daß er ihn zu Schiffe nach Corcyra bringe. Die bayrischen Soldaten blieben zurück und nahmen Dienste im szythischen Corps. Ihr bayrisch Bier braute ihnen ein von München gekommener Bierbrauer, und ihre bayrische Treue hatten sie vergessen. So endigte das bayrisch-russisch-englisch-französische-hellenische Reich.

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