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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 87
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Siebenundachtzigster Brief

 

Paris, Samstag, den 8. Dezember 1832

In der heutigen Zeitung steht, in Heidelberg wäre ein Aufruhr gewesen mit Blut und Fensterscheiben; aber die deutschen Blätter dürften nicht davon sprechen. Was ist Wahres an der Sache?

Alle hiesigen Blätter sprechen von der Versteigerung der Frankfurter Mittwochsgesellschaft, von den fünfzehn Gulden, von den ledernen Hosen und dem Senate. Es ist schade, daß die Zeitungen, wegen Antwerpen und den Kammersitzungen, so wenig Platz haben, sonst wären die Hosen länger geworden. Es ist ein herrlicher Spaß, aber der Ernst in der Sache ist noch schöner. Nur ist es betrübt, daß man über den Spaß den Ernst vergessen wird. Ich habe es immer gesagt: wenn zweihundert Bürger zusammenhalten in gerechten Dingen, sind sie unbesiegbar. Aber zusammenhalten auf die rechte Art. Nicht wie ein langer Faden – er sei noch so lang, das macht ihn nicht stärker, ein Kind zerreißt ihn –, sondern wie ein Knäuel. Und nicht zusammengehalten in seltenen und großen Dingen – zu seltenen und großen Dingen finden sich seltene und große Menschen, die das allein vollbringen –, sondern in kleinen Dingen, die alltäglich wiederkehren. Um zu lernen, wie man die Freiheit erwerbe und behaupte, beobachte man, wie die Tyrannei ihre Macht erlangt und erhält. Wodurch? Man glaubt gewöhnlich, durch die bewaffnete Macht, durch physische Gewalt; es ist aber Täuschung. Wo noch so despotisch, wird durch eine sittliche Gewalt regiert. Wodurch wird eine bewaffnete Macht zusammengebracht, zusammengehalten? Durch moralische Einflüsse, Furcht, Eigennutz, Ehre, Gemeingeist. Alle diese Hülfsmittel der Tyrannei stehen der Freiheit auch zu Gebote. Und wie selten wird die bewaffnete Macht gebraucht, und wo es geschieht, da ist es schon ein Kampf auf Leben und Tod zwischen der Tyrannei und der Freiheit. Eine Patrouille, womit man eine große Versammlung Bürger auseinandertreibt, ist keine physische, sondern eine moralische Gewalt; denn sie ist nur ein Symbol der Macht. Die Polizei, in ihr ist die Macht der Tyrannei. Sie ist die Krämerei des Despotismus, die ihn stündlich, aber den ganzen Tag und alle Tage, lotweise ausgibt und die Freiheit pfennigweise einnimmt. Dieser Krämerei des Despotismus muß man eine Krämerei der Freiheit entgegensetzen. Man kann in Frankfurt alle Tage Hambacher Feste feiern, ohne daß es die Polizei verhindern oder bestrafen kann. Wie dort Zwanzigtausende auf einem Berge sich versammeln, mögen sich hier fünfhundert freisinnige Bürger täglich in den verschiedenen Gasthöfen zerstreuen. Statt wie dort lange Reden, mögen hier kurze Sätze für die Freiheit gesprochen werden. Sie sollen nur unbekümmert sein, das Wort im »Schwanen« findet sich mit dem Worte im »Englischen Hofe« zusammen – es gibt einen Gott, der das redigiert. Man muß die Polizei müde machen, man muß Blindekuh mit ihr spielen; es ist nichts leichteres da als das. Besonders bei der Frankfurter; der fehlt zur blinden Kuh nichts als ein Schnupftuch. Freilich pflügt sie jetzt mit dem Kalbe des Herrn von Münch-Bellinghausen und kann manches Rätsel erraten, so verstockt sie sonst auch ist. Aber wenn auch!

Nicht zu vergessen. Le roi s'amuse ... Les rois s'amusent – aber Geduld! ... Sehen Sie, es gibt Schriftsteller, die man liebt, deren Werke nämlich; liebt mit freier Liebe, nicht bloß, weil sie Achtung verdienen. Mir ist Victor Hugo ein solcher. Seine Vorzüge sehe ich mit großen Augen, seine Fehler wie zwischen Schlafen und Wachen an. Ich entschuldige sie, und wenn ich das Buch zu Ende gelesen, habe ich sie vergessen. Aber dieses Mal kann ich nicht. Ich habe das vor fünfzehn Jahren kommen sehen, ich habe seitdem oft davon gesprochen. Es herrscht jetzt ein Terrorismus, ein Sansculottismus, ein Jakobinismus (drei Worte wie Kampfer, die Zensurmotten abzuhalten) in der französischen Literatur. Es ist der Übergang vom Despotismus zur konstitutionellen Freiheit. Sie haben noch nicht gelernt Freiheit mit Ordnung paaren. Jede Regel ist ihnen Tyrannei, jeder Anstand Aristokratismus, Tugend, Schönheit und Würde – in der Kunst – sind ihnen Vorrechte. Sie nivellieren alles, sie duzen alles. Sie sagen: Bürger Gott, Bürger Teufel, Bürger Pfarrer, Bürger Henker. Sie dulden keine Kleidung an nichts, und hätte sie die Natur selbst angemessen. So führt Despotie auch in der Kunst zur Anarchie. Die alte französische Kunst ging im Reifrocke; das war lächerlich, abgeschmackt, ungesund, naturwidrig. Aber zwischen Reifrock und Haut liegt noch manches Kleidungsstück, man soll die Kunst nicht bis auf das Hemd ausziehen. Sie wollen sie nackt – gut es sei; man kann sich daran gewöhnen. Aber geschunden! Die neuen französischen Dramatiker schinden alles: Die Liebe, den Haß, das Verbrechen, das Unglück, Schmerz und Lust. Das ist abscheulich! Die Natur selbst gibt jedem Dinge eine Haut, jedem Dinge wenigstens eine Farbe zur Hülle. Das farbenlose Licht, das ist der Tod, die Fäulnis, das ist gräßlich.

 

Sonntag, den 9. Dezember

Ich habe aufhören müssen. Seit einigen Tagen werde ich von grausamen Zahnschmerzen geplagt. Am Tage sind sie leidlicher; da bin ich aber müde von der schlaflosen Nacht. Es ist ein Fluß, und ich werde sehen, wie ich hinüberkomme. Der unschuldige Hugo kann wohl darunter leiden; ein Rezensent ist ein Wolf; einer, der Zahnschmerzen hat, gar ein toller Wolf. Ich habe oben die äußerste Grenze des Verderbens bezeichnet, der man freilich noch viel näher kommen kann als Victor Hugo. Er hat eine Grazie, die ihn am Ärmel zupft, sooft er es gar zu toll macht.

Die Handlung spielt in der Zeit und am Hofe Franz' I. Das ist der französische König, der in seinem vierundfünfzigsten Jahre an einer unglücklichen Liebe starb. Damals war eine unglückliche Liebe noch nicht heilbar. König Franz liebt sein ganzes Leben und das ganze Drama durch. Das Kosen, das Küssen, das Umarmen nimmt kein Ende. Und alles in Gegenwart der Hofleute und der Tausende von Zuschauern, unter welchen Leute sind wie ich. Es ist abscheulich. Racines Fürsten und Helden schmachten und weinen, wenn sie lieben; ihre Krone schmilzt ihnen auf dem Kopfe und tröpfelt in goldenen Tränen herab. Das ist Unnatur: denn ein König ist früher König als Mensch. Victor Hugos Franz I. überläßt das Weinen seinen Geliebten, er schmachtet nicht, sondern er lacht, er liebt wie ein König – le roi s'amuse. Das ist Natur, aber es ist die häßliche Natur, und was häßlich, ist unsittlich. Bis jetzt die komische Unmoralität; jetzt kömmt die tragische, die tragische Häßlichkeit ... Jetzt kömmt aber auch der Zahnarzt, nach dem ich geschickt habe. Fortsetzung im nächsten Briefe.

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