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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 86
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Sechsundachtzigster Brief

 

Paris, Dienstag, den 4. Dezember 1832

O teure Freundin! was ist der Mensch? ich weiß es nicht. Wenn Sie es wissen, sagen Sie es mir. Vielleicht ein Hund, der seinen Herrn verloren. Das Leben ist ein Abc-Buch. Ein bißchen Goldschaum auf dem Einband ist all unser Glück, unsere Weisheit nichts als ba, be, bi, und sobald wir buchstabieren gelernt, müssen wir sterben, und die Unwissenheit fängt von neuem an. Wer ahndet meinen Schmerz? Wer sieht den Wurm, der an meinem Herzen nagt? O! man kann essen und lachen und Zahnschmerzen haben und doch unglücklich sein! Wenn ich auf die Straße hinuntersehe, und sehe die Tausende von Menschen vorübergehen, und keiner weicht meinem Fenster aus, und keiner fürchtet zerschmettert zu werden – – – sollte nicht jeder Mensch, wie ein Dachdecker, ein Warnungszeichen vor seine Wohnung hängen? Ist man denn nur eine einzige Stunde seines Glückes sicher? Ist einer sicher, daß er sich nicht in der nächsten Stunde zum Fenster hinausstürzt und dabei einen Vorübergehenden totschlägt? Aber morgen, übermorgen entscheidet sich mein Schicksal, und ich bin jetzt ruhiger. Hören Sie meine jammervolle Geschichte. – – –

– Ich habe Sonntag im Théâtre Français »Hamlet« gesehen – einen Hamlet. So etwas kann mich recht traurig machen. Was ist Schönheit, was Hoheit, ja, was jede Tugend? Sie sind nichts mehr, als was sie erscheinen, nichts anders, als wofür sie jedes hält. Wenn aber dieser Jeder ein Volk ist, ein ganzes Land, ein Jahrhundert? Dann ist der Schein alles und die Wirklichkeit nichts für alle. Können nicht große Menschen, ja Völker und Jahrhunderte gelebt haben, die wir gar nicht erkannt, oder falsch, oder nicht genug? Vielleicht wird der wahre Christ erst einem kommenden Geschlechte geboren. Das ist die Traurigkeit. Was ist Shakespeare den Deutschen, und was den Franzosen? Ducis hat diesen Hamlet vor siebenzig Jahren zurechtgemacht. Aber Ducis ist kein einzelner Mensch, er ist ein Volk, er ist Frankreich, und das Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts, wo die Philosophie der Kunst und jede Wissenschaft in der schönsten Blüte stand. Es reicht nicht aus, zu sagen, Ducis habe den Shakespeare französiert – nein. Er hat britische Formen, welche mit französischen Sitten im Widerspruche standen, geändert; sonst aber hat er den Shakespeare ganz wiedergegeben, wie er ihn gefunden. Aber seine Augen? Hat er denn nicht mehr gelesen? Nein, was sind Augen? die Diener des Geistes; sie sehen nicht mehr und nicht anders, als was ihnen ihr Herr zu sehen befiehlt.

Ducis' Hamlet sieht auch den Geist seines Vaters; aber nur er allein, der Zuschauer nicht. Daß man mit roten Backen und einem guten Magen Geister sehen könne, davon hat ein Franzose keine Vorstellung. Also ist Hamlet verrückt, und weil der Wahnsinn eine körperliche Krankheit immer zur Ursache oder Folge hat, ist Hamlet auch krank. Das ist nun schauderhaft zu sehen. Hamlet trägt einen schwarzen Überrock, ist leichenblaß, hat ein wahres Choleragesicht, schreit wie besessen und fällt alle fünf Minuten in Ohnmacht. Wie nur der Lehnstuhl nicht brach unter den vielen Ohnmachten; denn Hamlet fiel immer mit seinem ganzen Gewichte hinein. Sein Freund und Vertrauter sucht ihm seine Einbildung auszureden. Er erklärt ihm sehr vernünftig und psychologisch, woher es komme, daß er glaube, den Geist seines Vaters zu sehen. Kürzlich wäre ein König von England gestorben, und, dem Gerüchte nach, am Gifte, das ihm seine Gemahlin gereicht. Ihn, Hamlet, habe diese Erzählung sehr erschüttert; er denke von morgens bis abends daran, und womit sich der Mensch bei Tage beschäftige, das komme ihm im Traume vor. Der Schauspieler Ligier, Talmas Nachfolger – im Amte, aber nicht im Gehalte –, hat den Hamlet auf französische Art gut genug gespielt, aber mir ward ganz übel dabei; es war eine Lazarett- und Tollhausszene, die zwei Stunden gedauert. Als ich nach dem Schauspiel im Foyer Voltaires Büste betrachtete, da ward mir Ducis' Hamlet erst recht klar. Ein Gesicht wie Scheidewasser, der wahre Anti-Hamlet. Man sollte einen Tempel für Unglücklichliebende bauen und Voltaires Bild als den Gott hineinstellen. Auch ein Werther käme geheilt heraus. Darum liebe ich ihn so sehr, weil ich ihn hassen müßte, wenn ich ihn nicht liebte, und er hat mir doch so wohl getan. An einigen der wenigen unglücklichen Tage meines Lebens warf er einen Strahl seines Geistes in mein dunkles Herz, ich fand den Weg wieder und war gerettet. Unglück ist Dunkelheit. Wem man die Gestalt seiner Schmerzen zeigt, dem zeigt man deren Grenzen. Daher begreife ich auch, wie es so viele gibt, die Voltaire tödlich hassen. Wie den Schmerz, zerstört er auch die Freude; denn Glück ist auch Dunkelheit.

– Die Börse ist heute selig wie eine Braut. Die Renten sind um einen Franken gestiegen, weil der König der Deputation der Kammer gesagt hat, der Friede gedeihe herrlich und unsre Kinder würden bald von Antwerpen zurückkommen. »Unsre Kinder!« Wie man nur so etwas sagen und anhören kann, ohne zu lachen, begreife ich nicht. Was die Regierung Furcht hat vor ihrem eignen Mute, was sie zittert, sie möchte Ruhm erwerben, das glaubt keiner. Gott weiß, auf welche Justemilieu-Art sie Antwerpen belagern mögen! wahrscheinlich sind die Bomben, mit welchen sie schießen, nur halb gefüllt. Aber wie undankbar zeigt sich die Regierung und die Börse gegen mich! sie denken gar nicht daran, daß, wenn sie den Frieden behalten, sie es mir zu verdanken haben – ganz im Ernste, mir. Wir, wir Hambacher verhindern den Krieg. Die heilige Allianz fürchtet uns, sie zittert vor uns. Zwar sind viele Hambacher eingesteckt, aber viele sind noch frei. Solange ich frei umhergehe, wird es Preußen gewiß nicht wagen, Frankreich den Krieg zu erklären. Eigentlich sollten die Renten steigen, sooft ich auf der Börse erscheine. Aber die französische Regierung versteht nichts von der deutschen Politik, sie ist noch zu vernünftig dazu; es kann noch kommen. Nun gute Nacht. Victor Hugos Drama Le roi s'amuse habe ich heute bekommen. Vor dem Schlafengehen lese ich noch eine Stunde darin.

 

Mittwoch, den 5. Dezember

Was ich diese ganze Zeit über, unter Freunden, im Scherze vorhergesagt: die Polizei würde endlich für den fünften Akt der Königsmordkomödie einen herbeischaffen, der freiwillig bekennt: er habe den Pistolenschuß getan, das ist jetzt wirklich eingetroffen. Ein junger Mann aus Versailles ist gestern zum Polizeipräfekten gekommen und hat erklärt, er sei der Mörder, und alle die als verdächtig Eingekerkerten wären unschuldig. In einem zweiten Verhör nahm er sein Bekenntnis zurück und erklärte weinend, er sei unglücklich, des Lebens überdrüssig und habe diese schöne Gelegenheit, guillotiniert zu werden, benutzen wollen. So wird die Geschichte gestern abend in den ministeriellen Blättern erzählt. Nun bin ich begierig, ob der König von Bayern, um eine Macht des ersten Ranges zu werden, nicht auch eine solche Mordkomödie aufführen und bei irgendeiner feierlichen Gelegenheit auf sich schießen lassen wird. Es geht fürchterlich in diesem Lande her! Dem Könige ist Hellas in den Kopf gestiegen, und er sieht alle Liberalen für antike Statuen und die Gefängnisse seines Landes für Museen an, in welchen er sie aufstellt. Ja, es ist wirklich wahr: diesem geist- und körperschwachen Könige ist Hellas in den Kopf gestiegen. Um den Preis dieser Krone hat er die Ehre, das Glück, die Freiheit seines Volkes und seine eigne Unabhängigkeit verkauft.

Um diesen schnöden Tagelohn (denn nach Tagen, nicht nach Jahren wird man die Regierung Ottos zählen) ist er ein Helfershelfer der heiligen Allianz, ein Knutenmeister Rußlands, ein Polizeischerge Österreichs geworden.

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