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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 85
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Fünfundachtzigster Brief

 

Paris, Montag, den 26. November 1832

... Dabei fiel mir ein, wie nötig und nützlich es wäre, einmal mit Ernst und Würde, doch in einer faßlichen, Kindern und Weibern und kindisch weibischen Männern verständlichen Sprache, die Greuel und Verrücktheiten der monarchischen Regierungen zu besprechen. Es ist unglaublich, mit welcher Unverschämtheit die Fürsten und deren Götzendiener die Fieberphantasien und Krämpfe der Französischen Revolution zu vorbedachten Verbrechen stempeln und diese Verbrechen als Notwendigkeit, als angeborne Natur jeder Republik darstellen! Es ist unglaublich, mit welcher blöden Geistesträgheit so viele Menschen diese dummen Lügen annehmen; denn sie brauchten nur die Hand nach ihrem Bücherschranke auszustrecken, sie brauchten nur eine Stunde lang die Weltgeschichte zu durchblättern, um mit Schamröte zu erfahren, wie grob man sie getäuscht. Drei Jahre haben die Greuel der Französischen Revolution gedauert, diese rechnet man; aber daß die schweizerische Republik jetzt schon fünfhundert Jahre schuldlos lebt, daß die amerikanische Republik keinen Tropfen Bürgerblut gekostet, daß Rom ein halbes Jahrtausend, daß Athen, Sparta, die italienischen Republiken des Mittelalters, die vielen freien Städte Deutschlands ein vielhundertjähriges Leben glücklich und ruhmvoll vollendet, das rechnet man nicht! Seitdem der letzte Römer fiel, von Augustus bis Don Miguel, durch neunzehen Jahrhunderte, haben tausend Königsgeschlechter die Welt gemartert, durchmordet, vergiftet – das rechnet man nicht! und die Gewalttätigkeiten der Französischen Revolution haben nur das sinnliche Glück derer zerstört, welche jene betroffen; aber die Gewalttätigkeiten der Monarchien haben die Sittlichkeit der Bürger verdorben, haben Treue, Recht, Wahrheit, Glaube und Liebe rundumher ausgerottet und haben uns nicht bloß unglücklich gemacht, sondern uns auch so umgeschaffen, daß wir unser Unglück verdienten. Am Grabe der Schlachtopfer der Revolution darf man doch weinen; die Schlachtopfer der Fürsten verdienen keine Tränen. Darum habe ich mir vorgenommen: es soll mein nächstes Werk sein, die Unschuld der Republiken zu verteidigen und die Verbrechen der Monarchien anzuklagen. Zwanzig Jahrhunderte werde ich als Zeugen um mich herumstellen, vier Weltteile werde ich als Beweisstätte auf den Tisch legen, funfzig Millionen Leichen, denke ich, werden den Tatbestand des Verbrechens hinlänglich feststellen, und dann wollen wir doch sehen, was die Advokaten der Fürsten, die wortreichen Jarckes, darauf zu antworten finden.

Dieser Jarcke ist ein merkwürdiger Mensch. Man hat ihn von Berlin nach Wien berufen, wo er die halbe Besoldung von Gentz bekömmt. Aber er verdiente nicht deren hundertsten Teil, oder er verdient eine hundertmal größere – es kömmt nur darauf an, was man dem Gentz bezahlen wollte, das Gute oder Schlechte an ihm. Diesen katholisch und toll gewordenen Jarcke liebe ich ungemein; denn er dient mir, wie gewiß auch vielen andern, zum nützlichen Spiele und zum angenehmen Zeitvertreibe. Er gibt seit einem Jahre ein politisches Wochenblatt heraus. Das ist eine unterhaltende Camera obscura; darin gehen alle Neigungen und Abneigungen, Wünsche und Verwünschungen, Hoffnungen und Befürchtungen, Freuden und Leiden, Ängste und Tollkühnheiten und alle Zwecke und Mittelchen der Monarchisten und Aristokraten mit ihren Schatten hintereinander vorüber. Der gefällige Jarcke! Er verrät alles, er warnt alle. Die verborgensten Geheimnisse der großen Welt schreibt er auf die Wand meines kleinen Zimmers. Ich erfahre von ihm, und erzähle jetzt Ihnen, was sie mit uns vorhaben. Sie wollen nicht allein die Früchte und Blüten und Blätter und Zweige und Stämme der Revolution zerstören, sondern auch ihre Wurzeln, ihre tiefsten, ausgebreitesten, festesten Wurzeln, und bliebe die halbe Erde daran hängen. Der Hofgärtner Jarcke geht mit Messer und Schaufel und Beil umher, von einem Felde, von einem Lande in das andere, von einem Volke zum andern. Nachdem er alle Revolutionswurzeln ausgerottet und verbrannt, nachdem er die Gegenwart zerstört hat, geht er zur Vergangenheit zurück. Nachdem er der Revolution den Kopf abgeschlagen und die unglückliche Delinquentin ausgelitten hat, verbietet er ihrer längstverstorbenen, längstverwesten Großmutter das Heiraten; er macht die Vergangenheit zur Tochter der Gegenwart. Ist das nicht toll? Diesen Sommer eiferte er gegen das Fest von Hambach. Das unschuldige Fest! Der gute Hammel! Der Wolf von Bundestag, der oben am Flusse soff, warf dem Schafe von deutschem Volke, das weiter unten trank, vor: es trübe ihm das Wasser und er müsse es ausfressen. Herr Jarcke ist Zeuge des Wolfes. Dann rottet er die Revolution in Baden, Rheinbaiern, Hessen, Sachsen aus; dann die englische Reformbill; dann die polnische, die belgische, die französische Julirevolution. Dann verteidigt er die göttlichen Rechte des Don Miguel. So geht er immer weiter zurück. Vor vier Wochen zerstörte er Lafayette, nicht den Lafayette der Julirevolution, sondern den Lafayette vor fünfzig Jahren, der für die amerikanische und die erste französische Revolution gekämpft. Jarcke auf den Stiefeln Lafayettes herumkriechen! Es war mir, als sähe ich einen Hund an dem Fuße der größten Pyramide scharren, mit dem Gedanken, sie umzuwerfen! Immer zurück! Vor vierzehn Tagen setzte er seine Schaufel an die hundertundfünfzigjährige englische Revolution, die von 1688. Bald kömmt die Reihe an den älteren Brutus, der die Tarquinier verjagt, und so wird Herr Jarcke endlich zum lieben Gotte selbst kommen, der die Unvorsichtigkeit begangen, Adam und Eva zu erschaffen, ehe er noch für einen König gesorgt hatte, wodurch sich die Menschheit in den Kopf gesetzt, sie könne auch ohne Fürsten bestehen. Herr Jarcke solle aber nicht vergessen, daß, sobald er mit Gott fertig geworden, man ihn in Wien nicht mehr braucht. Und dann Adieu Hofrat, Adieu Besoldung! Er wird wohl den Verstand haben, diese eine Wurzel des Hambacher Festes stehen zu lassen.

Das ist der nämliche Jarcke, von dem ich in einem früheren Briefe Ihnen etwas mitzuteilen versprochen, was er über mich geäußert. Nicht über mich allein, es betraf auch wohl andere; aber an mich gedachte er gewiß am meisten dabei. Im letzten Sommer schrieb er im »Politischen Wochenblatte« einen Aufsatz: Deutschland und die Revolution. Darin kommt folgende Stelle vor. Ob die artige Bosheit oder die großartige Dummheit mehr zu bewundern sei, ist schwer zu entscheiden.

»Übrigens ist es vollkommen richtig, daß jene Grundsätze, wie wir sie oben geschildert, niemals schaffend ins wirkliche Leben treten, daß Deutschland niemals in eine Republik nach dem Zuschnitte der heutigen Volksverführer umgewandelt, daß jene Freiheit und Gleichheit selbst durch die Gewalt des Schreckens niemals durchgesetzt werden könne; ja, es ist zweifelhaft, ob die frechsten Führer der schlechten Richtung nicht selbst bloß ein grausenhaftes Spiel mit Deutschlands höchsten Gütern spielen, ob sie nicht selbst am besten wissen, daß dieser Weg ohne Rettung zum Verderben führt, und bloß deshalb mit kluger Berechnung das Werk der Verführung treiben, um in einem großen welthistorischen Akte Rache zu nehmen für den Druck und die Schmach, den das Volk, dem sie ihrem Ursprung nach angehören, jahrhundertelang von dem unsrigen erduldet.«

O Herr Jarcke, das ist zu arg! Und als Sie dieses schrieben, waren Sie noch nicht österreichischer Rat, sondern nichts weiter als das preußische Gegenteil – wie werden Sie nicht erst rasen, wenn Sie in der Wiener Staatskanzlei sitzen? Daß Sie uns die Ruchlosigkeit vorwerfen, wir wollen das deutsche Volk unglücklich machen, weil es uns selbst unglücklich gemacht – das verzeihen wir dem Kriminalisten und seiner schönen Imputationstheorie. Daß Sie uns die Klugheit zutrauen, unter dem Scheine der Liebe unsere Feinde zu verderben – dafür müssen wir uns bei dem Jesuiten bedanken, der uns dadurch zu loben glaubte. Aber daß Sie uns für so dumm halten, wir würden eine Taube in der Hand für eine Lerche auf dem Dache fliegen lassen – dafür müssen Sie uns Rede stehen, Herr Jarcke. Wie! Wenn wir das deutsche Volk haßten, würden wir mit aller unserer Kraft dafür streiten, es von der schmachvollsten Erniedrigung, in der es versunken, es von der bleiernen Tyrannei, die auf ihm lastet, es von dem Übermute seiner Aristokraten, dem Hochmute seiner Fürsten, von dem Spotte aller Hofnarren, den Verleumdungen aller gedungenen Schriftsteller befreien zu helfen, um es den kleinen, bald vorübergehenden und so ehrenvollen Gefahren der Freiheit preiszugeben? Haßten wir die Deutschen, dann schrieben wir wie Sie, Herr Jarcke. Aber bezahlen ließen wir uns nicht dafür; denn auch noch die sündevolle Rache hat etwas, das entheiligt werden kann.

 

Dienstag, den 27. November

Meiner Wohnung gegenüber ist eine gute und große Leihbibliothek, und weil ich es so bequem habe, lese ich viel und verschlinge alles durcheinander wie ein heißhungriger Gymnasiast. Zu zwei Tassen Tee verzehrte ich gestern den ersten Band eines neuen Romans: Indiana, par G. Sand. Er ist aber nicht von dem dummen Sand, der nur den Kotzebue umgebracht; der Verfasser ist weder ein Deutscher noch ein Franzose, sondern eine Französin, die diesen Namen angenommen. Ich habe mich nach der Verfasserin erkundigt und erfuhr, sie sei eine junge schöne, geistreiche und liebenswürdige verheiratete Dame, die aber von ihrem Manne sich getrennt habe, um ungestört mit ihrem Liebhaber Apollo zu leben. Nun äußerte ich irgendwo, ich möchte die Verfasserin des Romans kennen lernen. Darauf bemerkte mir eine Dame: das würde für mich schwer zu erreichen sein. Denn um von jenem Frauenzimmer empfangen zu werden, müsse man jung, schön und liebenswürdig sein. » Mais comme vous n'êtes qu'aimable« ... Es ist doch ein jämmerlicher Kurs, mit dem Leben 66 Prozent unter pari zu stehen! Es wäre tausendmal klüger, gar Bankerott zu machen und sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen.

 

Mittwoch, den 28. November

In Frankfurt haben sie ja den »Wilhelm Tell« verboten! Sie verbieten auch noch die Baseler Lebkuchen wegen der Unruhen im Lande. Es ist merkwürdig, was die deutschen Regierungen für ein Talent besitzen, in die schrecklichsten Geschichten Lächerliches zu bringen. Wenn ich höre, was sie tun und sprechen, weine ich mit dem rechten Auge und lache mit dem linken. Der König von Bayern läßt sich von allen Städten, Dörfern und Flecken seines Reiches Deputationen schicken, die ihm, seinem Sohn, den Bayern, am meisten aber Griechenland selbst Glück wünschen, daß ein bayrisches Kind den griechischen Thron besteigt. Was mich am meisten kränkt, ist, daß auch die Bürger von Feuchtwangen stolz auf Griechenland sind; daß ich aber als Kind eine Zeitlang unter ihnen gelebt – darauf sind sie nicht stolz, die dummen Philister. O welche Zeiten! Jetzt muß man die bürgerlichen Reden und die königlichen Antworten hören. Hellas, Dinkelsbühl und deutsche Gauen! Denn um keinen Preis der Welt würde König Otto Griechenland anders nennen als Hellas, und die deutschen Schmachfelder anders als deutsche Gauen. Und wie König Otto dem Bürgermeister von Nürnberg sagte, er möge nicht daran vergessen: daß einst Nürnberg für die deutschen Gauen war, was Hellas für die Welt gewesen, und weil einst Hellas die Welt mit Künsten und Wissenschaften versorgt, müsse auch Nürnberg die deutschen Gauen mit Künsten und Wissenschaften versorgen, und Hellas und Nürnberg, die wären wie zwei Brüder!

– Mit den »Briefen eines Narren« haben Sie recht, was die Form betrifft. Sie ist affektiert, und man merkt gleich, daß die Briefe nicht wirklich geschrieben. Übrigens sind sie gut und schön, und man muß solche Gesinnungen aufmuntern. Die Xenien und das Goethe-Büchlein und die »Didaskalia« schicken Sie mir doch, wenn sich eine Gelegenheit findet.

– Das neue Drama von Victor Hugo, dessen fernere Aufführung untersagt worden ist, wurde aus keinem politischen Grunde verboten, sondern wegen seiner Unmoralität. Alle Minister, welche die Cholera nicht gehabt haben, werden jetzt moralisch. Das ist eine merkwürdige Influenz! In einem der Zeitungsartikel, die aus dem Berliner Kabinette eingeschickt worden, beklagte man sich neulich über Talleyrand, daß er die Preußen bei der Londoner Konferenz betrogen habe, und er wäre sozusagen ein Spitzbube. Talleyrand ein Spitzbube! Was die Unschuld leiden muß! Und die ehrlichen Preußen jammern, daß sie der Spitzbube überlistet habe. Die verächtliche Schwäche der französischen Regierung hat es dahin kommen lassen, daß die noch verächtlichere preußische wieder eine Rolle spielt. Schon ist sie ganz von Sinnen aus Hochmut; sie steht wieder im Mai 1806 und hat nur noch ein halbes Jahr bis zum Oktober. Damals wurde an Preußen der Verrat Deutschlands, diesmal wird der Verrat Polens bestraft.

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