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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 84
Quellenangabe
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typereport
authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Vierundachtzigster Brief

 

Sonntag, den 25. November

Ist es wahr, was heute die hiesigen Blätter erzählen, daß die Polizei in Frankfurt so unverschämt gewesen, dort den Frauenverein vor ihr brutales Gericht zu laden, weil er für die vertriebenen und eingekerkerten Patrioten Geldbeiträge gesammelt, und daß der Frauenverein sich die große Freiheit genommen, die Polizei auszulachen und nicht zu erscheinen? Es wäre gar zu schön, und daß die Männer erst von ihren Frauen lernen müssen, wie man den Mut habe, sich dem Übermute entgegenzusetzen. Ich sage nicht, die Deutschen wären feige; denn ich bin ein warmer Anhänger von Lichtenbergs menschenfreundlicher Moral. Lichtenberg aber behauptet, es sei boshaft und lächerlich, eine Tugend, die irgendein Mensch nur im kleinen Grade besitzt, Laster zu nennen. Statt zu sagen, ein Mensch habe einen kleinen Grad von Tätigkeit, einen kleinen Grad von Verstand, sage man, er sei faul, dumm. Ich tue das nicht. Ich lobe die Deutschen, daß sie einen kleinen Grad von Mut haben. Nur das tadle ich, daß sie nicht alle ihren Pfennigsmut in eine gemeinschaftliche Kasse werfen, wodurch sich die Nation zu ihrem eignen Erstaunen eine Million von Heldentum sammeln könnte. Es ist unglaublich, was man durch eine beharrliche und allgemeine Assoziation, selbst der kleinsten Kräfte, für eine große Macht bilden kann. Kürzlich wurden den englischen Ministern, welche für die Reformbill gestimmt, von einem Teile der Stadt London große goldene Becher als Zeichen des Dankes überreicht. Jeder der Beitragenden hatte nur einen Pfennig gegeben. Aber es waren dreimalhunderttausend Pfennige. Wenn unter den dreißig Millionen Deutschen nur sechs Millionen, jeder nur eine Minute lang, Mut hätte – und so lange hat ihn selbst ein Hase, der, von Hunden verfolgt, sich zuweilen auf die Hinterfüße setzt –, so hätten die sechs Millionen Helden zusammengerechnet Mut auf zwölf Jahre, und reichte der auch nicht hin, den Senator Miltenberg und den Herrn von Guaita einzuschüchtern, so würde doch der Bundestag dieser imposanten Macht nicht widerstehen können. Assoziation – das ist das ganze Geheimnis. Die tapfern Württemberger Liberalen haben alle eine Minute Mut, sie verstehn aber nicht Stunden und Tage daraus zu machen, wodurch sie den falschen, aber traurigen Schein gewinnen, als wären sie feige. Neulich hat der König von Württemberg einigen hochgeachteten Deputierten in Stuttgart auf ihr alleruntertänigstes Ansuchen die allergnädigste Erlaubnis erteilt, sich jede Woche einmal, an einem bestimmten Tage, in einem Hause außerhalb der Stadt zu versammeln, um die Paragraphen der Verfassung juristisch zu erläutern – juristisch nur, beileibe nicht politisch – setzte das menschenfreundliche königliche Reskript, mit aufgehobnem Finger lächelnd drohend, hinzu. So verfährt eine gute Polizei auch mit dem Schießpulver und allen stinkenden Gewerben. Zur Stadt hinaus! Nun, ich nehme die allergnädigste königliche Erlaubnis nicht übel, im Gegenteile, ich finde sie sehr erhaben. Aber daß die Deputierten um solche Bewilligung alleruntertänigst nachgesucht, das empört mich. Ich mag mich gegen den guten Staberl, der mir so viele frohe Stunden gemacht, nicht undankbar bezeigen; sonst würde ich das deutsche Volk mit ihm vergleichen. Ich sah einmal Staberl als Ehemann. An einem rauhen Wintermorgen saß seine Frau vor dem Ofen und trank Schokolade. Da kam Staberl mit einem großen Korbe, der mit Gemüsen, Eiern, Hühnern angefüllt war, vom Markte zurück. Die Frau lobte oder schmähte den Gimpel, je nachdem sie mit seinen Einkäufen zufrieden oder unzufrieden war. »Wo sind denn die Krebse?« fragte die Frau. »Ach« – erwiderte Staberl – »sie sind aus dem Korbe gesprungen, ich ihnen nach; da sie aber rückwärts gingen, konnte ich sie nicht einholen.« Darauf gibt ihm die Frau eine Ohrfeige. Aber Staberl ärgert sich nicht, sondern bittet seine Frau untertänigst freundlich um einen Kreuzer, sich damit einen Brezel zu kaufen ... Ist das deutsche Volk nicht ein echter Staberl? Seine Regierung, wie jede, ist seine Frau, bestimmt, seine Wirtschaft und Haushaltung zu führen. Statt dessen aber geht das Volk, der Mann, auf den Markt, während die Frau Regierung sich gütlich tut, und das Gimpelvolk bettelt bei seiner Regierung um einen Kreuzer und ist glücklich, wenn es ihn erhält! ... Und die Krebse? Nun, das sind die konstitutionellen Fürsten, und die Staberl von Liberalen entschuldigen sich, daß sie sie nicht hätten einholen können, weil sie rückwärts gelaufen. Ohrfeigen den Gimpeln!

– Victor Hugo hat vor einigen Tagen ein neues Drama Le roi s'amuse auf das Théâtre Français gebracht. Hineinzukommen war mir nicht möglich an diesem Tage; denn alle brauchbare Plätze waren lange vorher bestellt. Das Stück wurde fast ausgepfiffen, und nur mit der größten Anstrengung vermochten die Freunde des Dichters es von gänzlichem Sturze zu retten. Ich habe gestern einen flüchtigen Blick in die Zeitungskritiken geworfen. Alle Blätter, und von den verschiedensten Farben, verdammen das Drama. Doch ich traue nicht recht. Sie sagen, Hugo habe Scherz und Ernst, Possen und erhabene Reden untereinander gemischt. Nicht Aristoteles', nicht Racines Lehren habe er gekränkt – über solche Pedanterien sei man längst hinaus. Nein, die Natur selbst habe er beleidigt. Es muß etwas Ungeheures sein, was Hugo begangen; er muß eine entsetzliche Schuld auf sich geladen haben – seit Müllner ist Hugo ein Name schlimmer Vorbedeutung. Wir werden sehen; in einigen Tagen wird das Stück gedruckt erscheinen. Dazu kömmt noch, daß – auf allerhöchste Veranlassung, wie wir in Deutschland sagen würden, die fernere Aufführung des Dramas von dem Minister verboten worden ist. Um Aristoteles und die Natur bekümmert sich kein Minister, das Verbot muß also einen andern Grund haben. Adieu.

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