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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 81
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Einundachtzigster Brief

 

Paris, Montag, den 12. November 1832

... Fragen Sie doch allerlei und verschiedenartige Leute – es müssen aber natürlich solche sein, welchen hierin ein Urteil zuzutrauen: ob sie mich für fähig halten, eine Geschichte der Französischen Revolution zu schreiben? Ich selbst habe es oft überlegt, konnte es aber noch zu keiner entschiedenen Meinung bringen. Ich weiß nur, daß ich Lust dazu habe; welches aber gar nicht beweist, daß ich auch das Talent dazu habe. Zu den Speisen, die man am wenigsten vertragen kann, hat man oft den größten Appetit. Ich möchte eher urteilen, daß ich die Fähigkeit nicht habe, als daß ja. Zu einer Geschichtsschreibung gehört ein künstlerisches Talent, und die Leute sagen, daß mir das durchaus fehle. In einer Geschichte müssen die Dinge dargestellt werden, wie sie sind, wie sie sich im natürlichen Tageslichte zeigen; nicht aber, wie sie, durch das Prisma des Geistes betrachtet, als Farben erscheinen, noch weniger, wie sie in der Camera obscura des Herzens sich abschatten. Glauben Sie nicht auch, daß ich zuviel denke und empfinde? Die gefährlichste Klippe in einer Geschichte der Französischen Revolution ist: daß diese noch nicht geendigt ist, ihr Ziel noch nicht erreicht hat; daß man also, je nach der Gesinnung, ohne Furcht und Hoffnung von der Sache gar nicht sprechen kann; und Furcht und Hoffnung drücken sich oft als Haß und Liebe aus, und das darf nicht sein. Ein Geschichtsschreiber muß sein wie Gott; er muß alles, alle lieben, sogar den Teufel. Ja, er darf gar nicht wissen, daß es einen Teufel gibt. Also fragen Sie den und jenen, und teilen Sie mir genau mit, was jeder von ihnen sagt. Es ist ein Werk langer und schwerer Arbeit, und ich möchte es ohne Hoffnung, daß es gelinge, nicht unternehmen. Ich bin jetzt schon gerührt, wenn ich daran denke, wie ehrwürdig ich mich ausnehmen werde, wenn ich als großer Gelehrter und Narr unter tausend Büchern sitze und sie eines nach dem andern durchlese und ausziehe, und wie mir dabei heiß wird und ich seufze: Ach! wie glücklich war ich in frühern Zeiten, da ich noch leicht wie ein Schneidergesell, dem man in der Herberge das Felleisen gestohlen, durch Feld und Wald zog und überall ohne Geographie und Führer den Weg und jeden Abend ein Wirtshaus fand. Aber es ist Zeit, daß ich das Schwärmen einstelle und mich in eine Arche zurückziehe; denn ich sehe die Sündflut kommen. Vierzig Monate wird sie dauern, und dann, wenn die Gewässer abgelaufen sind und der Regenbogen am Himmel steht, werde ich mit einer versöhnlichen Geschichte der Französischen Revolution hervortreten, voller Liebe und Feuchtigkeit – und da alsdann alle Rezensenten ersoffen sein werden, das einzige Rezensentenpaar ausgenommen, das ich aus Liebe zur Naturgeschichte in meine Arche gerettet, so wird auch mein Werk allgemeinen Beifall finden, wenn es ihn verdient. Auch denke ich daran, wie ich meine baldigen grauen Haare verberge, sei es unter einem Lorbeerkranze, sei es unter einer Schellenkappe – gleichviel. Nun gefragt.

Von den bedeutenden Männern, welche in der Französischen Revolution eine wichtige Rolle gespielt, lebt noch mancher, wie Lafayette, Talleyrand, die Lameths. Aus diesen lebendigen Quellen schöpfen zu können, ist ein großer Vorteil. Aber man muß die noch kurze Zeit benutzen, ehe sie der Tod entführt oder sie altersschwach werden. So lebt Sieyès noch, aber, wie ich höre, in großer Geistesschwäche. Auch von den Volksmassen, welche die Revolution unter freiem Himmel getrieben, leben in Paris noch ganze Scharen. Man sollte es nicht denken – kürzlich hat die Regierung allen, welche an der Bestürmung der Bastille teilgenommen, eine Pension bewilligt, und es fanden sich noch fünf- bis sechshundert von jenen Sappeurs der Monarchie, die noch am Leben sind und deren Namen der Moniteur mitteilte. Auch diese zu beraten, ist nützlich, um von den entscheidenden Gassengeschichten und den seitdem so sehr umgestalteten Schauplätzen der Französischen Revolution eine lebhafte Anschauung zu gewinnen.

 

Dienstag, den 13. November

Ein herrliches deutsches Buch habe ich hier gelesen; schicken Sie gleich hin, es holen zu lassen. Briefe eines Narren an eine Närrin. Auch in Hamburg bei Campe erschienen, der seine Freude daran hat, die Briefe aller Narren an alle Närrinnen drucken zu lassen. Es ist so schnell abwechselnd erhaben und tief, daß Sie vielleicht müde werden, es zu lesen; ich bin es selbst geworden und bin doch ein besserer Kopfgänger als Sie. Aber es ist der Anstrengung wert. Der Narr ist ein schöner und edler Geist und so unbekümmert um die schöne Form, welcher oft die besten Schriftsteller ihr Bestes aufopfern, daß diese, wie jede Kokette, weil verschmäht, sich ihm so eifriger zudringt. Der Verfasser schreibt schön, ohne es zu wollen. Er ist ein Republikaner wie alle Narren; denn wenn die Republikaner klug wären, dann bliebe ihnen nicht lange mehr etwas zu wünschen übrig, und sie gewönnen Zeit, sich zu verlieben und Novellen zu schreiben. Nichts kommt ihm lächerlicher vor als das monarchische Wesen, nichts sündlicher gegen Gott und die Natur. Er teilt meinen Abscheu gegen die vergötterten großen Männer der Geschichte und meint, die schöne Zeit werde kommen, wo es wie keine Hofräte so auch keine Helden mehr geben wird. Die Klügsten unter den Gegnern des Liberalismus haben diesen immer vorgeworfen, es sei ihm gar nicht um diese oder jene Regierungsform zu tun, sondern er wolle gar keine Regierung. Ich trage diese Sünde schon zwanzig Jahre in meinem Herzen, und sie hat mich noch in keinem Schlafe, in keiner gefährlichen Krankheit beunruhigt. Die Tyrannei der Willkür war mir nie so verhaßt wie die der Gesetze. Der Staat, die Regierung, das Gesetz, sie müssen alle suchen, sich überflüssig zu machen, und ein tugendhafter Justizrat seufzt gewiß, sooft er sein Quartal einkassiert und ruft: O Gott! wie lange wird dieser elende Zustand der Dinge noch dauern? Und bei dieser Betrachtung hat der Verfasser eine schöne Stelle, die ich wörtlich ausschreiben will. »Freilich ist das Firmament ein Staat, und Gott ein Monarch, der sich die Gesetze und die Bahnen unterordnet; aber die Sterne des Himmels werden einst auf die Erde fallen, und Gott wird sein strahlendes Szepter und die Sonnenkrone von sich werfen und den Menschen weinend in die Arme fallen und die zitternden Seelen um Vergebung bitten, daß er sie so lange in seinen allmächtigen Banden gefangen gehalten.« Küssen Sie den Unbekannten in der Seele, der über die Wehen, die Geburten und Mißgeburten dieser Zeit so schöne Dinge gesagt. Auch eine betrübte rätselhafte Erscheinung unserer Tage erklärt der Verfasser gut. Woher kömmt es, daß so viele in Deutschland, die früher freisinnig gewesen, es später nicht geblieben? Spötter werden sagen: sie haben sich der Regierung verkauft; ich aber möchte nie so schlecht von den Menschen denken. Ich war immer überzeugt, daß ein Wechsel der Hoffnung gewöhnlich dem Lohne vorausginge, mit dem Regierungen, zur Aufmunterung der Tugend, diesen Wechsel bezahlten. »Sie konnten den Nachwuchs eines neuen Geschlechtes nicht ertragen; sie wollten nicht, daß man munterer, dreister dem gemeinschaftlichen Feinde die Spitze bieten könne. Es ist in Frankreich ebenso gegangen. Die in der alten französischen Kammer einst die äußerste Linke bildeten, die ausgezeichnetsten Glieder der ehemaligen Opposition, sind nur darum in die rechte Mitte des Zentrums hinaufgerückt, weil sie nicht ertragen mochten, daß eine Weisheit, die ihnen geborgt war, sich in jugendlichen Gemütern lebendiger betätigte. So sind in Deutschland die ehemaligen Heerführer des Liberalismus die loyalsten Organe der Regierung geworden. Früher sprachen sie allein über gewisse Wahrheiten, jetzt tun es ihnen hundert andere nach.«

An dem Buche habe ich nichts zu tadeln als seinen Titel. Man soll sich nicht toll oder betrunken stellen, wenn man die Wahrheit sagt. Auch nicht einmal im Scherze soll man eine solche Maske vorhalten; denn es gibt unwissende Menschen genug, welche die Vermummung als einen Beweis ansehen, daß man nicht jeden Tag das Recht habe, die Wahrheit zu sagen, sondern nur während der Fastnachtszeit und in der Hanswurstjacke. Überhaupt sollten wir jetzt keinen Spaß machen, damit die großen Herren erkennen, daß uns gar nicht darum zu tun sei, witzig zu sein, sondern sie selbst zu witzigen.

 

Mittwoch, den 14. November

Ich muß noch einmal auf die »Briefe eines Narren« zurückkommen; das Wichtigste hätte ich fast vergessen. Stellen Sie sich vor, es wird in dem Buche erzählt: der goldene Hahn auf der Frankfurter Brücke sei abgenommen worden, und unsere Regierung habe es auf Befehl der Götter des Taxisschen Olymps tun müssen, weil der Hahn ein Symbol der Freiheit sei, der, ob er zwar nicht krähen könnte, sintemal er von Messing ist, doch als Kräh-Instrument in dem Munde eines Sachsenhäuser Revolutionärs Staats- und Diner-gefährlich werden könnte. Es wäre merkwürdig! aber ich glaube es nicht. Vielleicht war es ein Scherz von dem Verfasser, oder er hat es sich aufbinden lassen. Aber was ist in Frankfurt unmöglich? Ich bitte, lassen Sie doch *** auf die Sachsenhäuser Brücke gehen und nach dem uralten Hahne sehen. Ist er noch da, dann werde ich den närrischen Briefsteller öffentlich als einen Verleumder erklären.

 

Donnerstag, den 15. November

Heute marschieren die Franzosen in Belgien ein, angeblich nur um Antwerpen zu erobern, vielleicht aber auch, um den König Leopold gegen sein eigenes Land zu schützen, das seiner in den nächsten Tagen überdrüssig werden dürfte. Den Franzosen gegenüber ziehen sich die Preußen zusammen, darauf zu wachen, daß das Volk in seiner Lust nicht übermütig werde und sich nicht mehr Freiheit nähme, als man ihm zugemessen. Was ist dieses Frankreich gesunken! Wenn noch ein Stäubchen von Napoleons Asche übrig ist, es müßte sich jetzt entzünden. Gleich schwach und verächtlich wie heute, war Frankreich unter den Direktoren; aber die Ohnmacht damals war zu entschuldigen, sie war Erschöpfung nach einem ungeheuern Tagewerke. Die jetzige Regierung aber ist schwach und schlaff von vielem Schlafen. Und der Ernst gegen Holland soll nur Komödie sein, gespielt, der doktrinären Regierung Gelegenheit zu geben, mit Kraft zu paradieren, daß sie sich befestige; denn von den Doktrinairs erwartet die heilige Allianz den Ruin Frankreichs. Es ist die wohlfeilste Art, Krieg zu führen. Schon um acht Uhr diesen Morgen erhielt ich ein Billett von einem guten Freunde von Rentier, der mich auf heute zu Tische bittet, um ihm den Triumph des Justemilieus feiern zu helfen. Ich werde essen und lachen. Ich fange an einzusehen, daß die Menschheit kein Genie hat für die Wissenschaft. Seit einigen tausend Jahren geht sie in die Schule, und sie hat noch nichts gelernt. Gott hätte sie nicht sollen zum Studieren bestimmen, sondern ein ehrliches Handwerk lernen lassen.

Die arme Berry! Ihr verzeihe ich alles; denn sie ist Mutter, und sie glaubt an ihrem Rechte. Das ist ihr von der frühesten Kindheit an gelehrt worden wie der Katechismus. Die heillosen Königspfaffen aber, die Bürgerblut für Wasser ansehen, womit sie ihren verkümmerten Thronsprößling begießen – diese möchte ich alle in dem Stübchen hinter dem Kamine einsperren, in welchem die Berry sich versteckt hatte, und dann wollte ich das Feuer recht schüren. Was aber die neue Geschichte schöne Romane schreibt! wer es ihr nachtun könnte! Es tat mir noch niemals so leid als jetzt, daß ich keine Geschicklichkeit zu so etwas habe. Das Ereignis mit der Berry, welch ein herrlicher Stoff zu einem Romane. Ihr Verräter der getaufte Jude, welch ein schönes Nacht- und Rabenstück! Man begreift nicht, warum dieser Judas katholisch geworden ist. Als hätte er als Jude nicht auch ein Schurke werden können. Ich glaube, es ist kein gewöhnlicher Bösewicht; sein Gewissen hat eine halbe Million gekostet, und er ist blaß geworden, als er den Verrat vollendete.

Ein Münchner Bierbrauer und der Dr. Lindner werden mit dem Könige Otto nach Griechenland ziehen, um dort bayrisch Bier und russische Treue einzuführen. Griechenland soll ein Teil des Deutschen Bundes werden, und die griechischen Zeitungen müssen alle in deutscher Sprache geschrieben werden, damit sie der Hofrat Rousseau verstehe, der zum Zensor in Nauplia ernannt worden ist. Carové tritt zur griechischen Religion über und wird Konsistorialrat in Athen. Der Professor Vömel wird Zensor aller griechischen Klassiker, die ohne Zensur nicht neu gedruckt werden dürfen. Diese Neuigkeiten standen gestern abend im Messager. Adieu für heute.

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