Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Börne >

Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/boerne/briparis/briparis.xml
typereport
authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100102
projectidc89a2b20
Schließen

Navigation:

Achter Brief

 

Paris, den 28. September 1830

Es ist gräßlich, es ist zu gräßlich, was in Brüssel geschieht! Was Paris im Juli gesehen, war Tändelei dagegen. Man könnte rasend werden über die Niederträchtigkeit der Fürsten. Und der König von Holland ist noch einer der bessern. Männer erwürgen, weil sie sich nicht länger wie Schulbuben wollen behandeln lassen, über den Köpfen ihrer wehrlosen Weiber und Kinder die Dächer mit vergiftetem Feuer, mit Congrevischen Raketen anzünden – das ist die väterliche Liebe der Väter des Volkes, so tun sie sie kund! Ein Brüsseler Zeitungsschreiber fragt: »Wie viele Leichen braucht denn eigentlich ein König, damit er mit Behaglichkeit in seine Hauptstadt einziehe?« Unglückseliger Spötter! Wie viele Leichen braucht ihr denn, bis es euch unbehaglich wird, und ihr die Geduld verliert mit euren Unterdrückern? Sie machen es noch lange nicht arg genug. Ich habe kein Mitleid mit den Belgiern, mit keinem Volke. Tu l'as voulu, tu l'as voulu, George Dandin! Der Prophet Samuel hat sie schon vor dreitausend Jahren gewarnt. Sie haben nicht hören wollen, sie mögen fühlen.

Gestern habe ich zum ersten Male unsern König gesehen – unsern König, den wir gemacht haben. Es wird sich zeigen, ob wir geschickter sind als Gott, der die frühern Könige gemacht hat, wie Kunstkenner behaupten. Er zeigte sich auf einer offenen Galerie im Palais Royal und wurde vom Volke mit wahrer Herzlichkeit begrüßt. Sie lachten ihn an, ließen ihn hochleben, und es schien mir alles aus der innersten Seele zu kommen. Ich stimmte mit ein. Man liebt gern, wenn es einem nicht gar zu sauer gemacht wird.

Soeben erfahre ich, in Gera wäre eine Revolution ausgebrochen. Dem D., der mir diese freudige Nachricht brachte, habe ich zum Lohne ein Beefsteak holen lassen. Habe ich sie endlich einmal, die Fürsten Reuß, Greiz, Schleiz, und wie sie sonst heißen! Ist der Tag der Rache endlich erschienen! Schon dreißig Jahre gedenke ich es ihnen. Wie haben sie mich in meiner Jugend gequält mit der verworrenen Geographie ihrer Länderlein und den Verzweigungen ihrer Familie! Das war ein Linienwerk wie in der flachen Hand; man mußte eine Zigeunerin sein, um daraus klug zu werden. Die Familienhäupter heißen alle Heinrich, und sich voneinander zu unterscheiden, sind sie numeriert. Der eine heißt Heinrich XVIII., der andere Heinrich LX., der dritte Heinrich LXIII., der vierte Heinrich LXX. Das Einmaleins geht nicht weiter, und das sollten wir armen Kinder alle auswendig lernen für die nächste Osterprüfung. Ich lernte damals lieber die Geographie von Ägypten, wo gerade Buonaparte durchzog. Wenn mein sanfter Lehrer, Doktor Schapper, mich in den Pyramiden ertappte, sagte er mit feiner Kindbetterinstimme: »Das ist auch nützlich; aber mit der vaterländischen Geographie muß man den Grund legen.« Nun schwöre ich es Ihnen bei der heiligen Ignoranz, daß wenn ich jetzt auf der Stelle nach Kairo reisen müßte, ich ganz genau den Weg wüßte, den ich zu nehmen; wenn aber nach dem Lande Reuß, müßte ich erst hinüber und herüber im Postbuche nachschlagen. In welchem Teile von Deutschland Gera liegt, oben, unten, rechts, links – ich weiß es wahrhaftig nicht. Aber so viel weiß ich, daß man Gera mit allen seinen Einwohnern in die Richelieustraße stellen könnte. Jetzt stellen Sie sich vor, daß diese kleine Stadt zwei oder gar drei Fürsten hat, die sie gemeinschaftlich beherrschen. Ist es da ein Wunder, wenn es zur Revolution gekommen? Es ist schon mit einem Fürsten nicht auszuhalten. Der Doktor Schapper hat aber einen guten vaterländischen Grund in mir gelegt! Er wird sich freuen, wenn er es erfährt.

 

Freitag, den 1. Oktober

– Cotta will hier in Paris eine Zeitung herausgeben, wie mir eben D. erzählte, an den er sich vorläufig deswegen gewendet. Wenn es nur zur Ausführung kömmt – es wäre himmlisch. Hundert deutsche Minister würden darüber verrückt werden. Was könnte dieser Mann mit seinem Reichtume, seiner Tätigkeit, seinem Geschäftskreise und seinen Verbindungen nicht alles wirken, wenn er wollte! Er allein versteht es, wie man die furchtsamen Federn beherzt macht und die verborgensten Schubladen der Geheimniskrämer öffnet. Wenn ich an die Zensur denke, möchte ich mit dem Kopfe an die Wand rennen. Es ist zum Verzweifeln. Die Preßfreiheit ist noch nicht der Sieg, noch nicht einmal der Kampf, sie ist erst die Bewaffnung; wie kann man aber siegen ohne Kampf, wie kämpfen ohne Waffen? Das ist der Zirkel, der einen toll macht. Wir müssen uns mit nackten Fäusten, wie wilde Tiere mit den Zähnen, wehren. Freiwillig gibt man uns nie die Preßfreiheit. Ich möchte unsern Fürsten und ihren Ratgebern nicht unrecht tun, ich möchte nicht behaupten, daß bei allen und überall der böse Wille, alle Mißbräuche, welche durch die Presse offenkundig würden, fortzusetzen, schuld an der hartnäckigen Verweigerung der Preßfreiheit sei; das nicht. Wenn sie regierten wie die Engel im Himmel und auch der anspruchsvollste Bürger nichts zu klagen fände: sie würden doch Preßfreiheit versagen. Ich weiß nicht – sie haben eine Eulennatur, sie können das Tageslicht nicht ertragen; sie sind wie Gespenster, die zerfließen, sobald der Hahn kräht.

– Die Frankfurter Bürgerschaft wäre ja rein toll, wenn sie dem Senate die Anwerbung von Schweizertruppen bewilligte. Das gäbe nur eine Leibwache für die Bundesversammlung, und die steckt gewiß hinter dem Plane.

– Merkwürdig sind die Hanauer Geschichten! Wer hätte das erwartet? Kann sich die Freiheit in der Nähe von Frankfurt bewegen? Es gibt irgendwo einen See von so giftiger Ausdünstung, daß alle Vögel, die darüber fliegen, gleich tot herabfallen. So erzählt man, aber ich glaube es nicht.

– Es hat sich hier seit einiger Zeit eine religiöse Gesellschaft gebildet, welche die Lehren des St.-Simon zu verbreiten sucht. Ich habe früher nie etwas von diesem Simon gehört. Es werden Sonntags Predigten gehalten. Wie man mir erzählt, soll gleiche Verteilung der Güter eine der Grundlehren sein. Die Gesellschaft zählt schon viele Anhänger, und der Sohn meines Bankiers gehört zu den eifrigsten Mitgliedern. Wenn ich Geld bei ihm hole und ich ihm einen Wechsel anbiete, wird er mir gewiß sagen: das ist ja gar nicht nötig, sein Geld sei auch das meinige. Ich freue mich sehr darauf.

Gestern habe ich die Giraffe gesehen, die in einem Gehege frei umhergeht. Ein erhabenes Tier, das aber doch viel Lächerliches hat; eine tölpelhafte Majestät. Man muß oft lange warten, bis es ihr gefällig ist, die Beine aufzuheben und sich in Bewegung zu setzen. Gewöhnlich steht sie still, an Bäumen oder an der Mauer eines dort befindlichen Gebäudes und benagt die obersten Zweige oder das Dach. Das Tier sieht sehr metaphysisch aus, lebt mit dem größten Teile seines Wesens in der Luft und scheint die Erde nur zu berühren, um sie verächtlich mit Füßen zu treten. In dem nämlichen Gehege befanden sich auch noch andere Tiere, melancholische Büffel und sonstige. Zuweilen gingen diese unter dem Bauche der Giraffe weg, und dann sah es aus wie Schiffe, die unter einem Brückenbogen hinfuhren.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.