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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 78
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Achtundsiebzigster Brief

 

Paris, Donnerstag, den 1. März 1832

Da ist die Adresse nach Zweibrücken. Sie hat mir den ganzen Vormittag verzehrt, und ich muß darum über alles übrige heute schweigen. Sie sollen sich in alphabetischer Ordnung unterschreiben. Wenn nur nicht unglücklicherweise der wahrscheinliche Abraham in der Gesellschaft ein furchtsames Herz hat und sich bedenkt, den Anfang zu machen! Vorwärts, Israel! Die Mauern Jerichos sind von Trompeten eingefallen – aber es ist kein wahres Wort daran. Unter Trompete verstand die Heilige Schrift die Preßfreiheit. Vor ihr werden auch die Mauern der Tyrannei fallen. Und leset das Kapitel von Samuel und Saul zweimal, zehnmal, hundertmal. Adieu!

 

An die Herren Vorsteher des Deutschen Preßvereins in Zweibrücken.

Wir haben die Ehre, Ihnen eine Liste von Einwohnern Frankfurts, die dem schönen Bunde für das freie deutsche Wort beigetreten, zugleich mit dem Betrage der Sammlung des ersten Monats zu übersenden. Alle die Unterzeichneten sind jüdischen Glaubens. Wenn dieses Verhältnis unserer Teilnahme eine besondere Bedeutung gibt, die sie ohne dies nicht hätte: so ist das weder unsere Schuld noch unser Verdienst, es ist nur unser Mißgeschick.

Wir hätten vorauseilen sollen in einem Kampfe, der uns mehr verspricht als den übrigen Deutschen, weil uns alles fehlet; doch wir sind die Minderzahl, und es ziemte uns daher, die Beschlüsse der Mehrheit abzuwarten und ihrer Leitung zu folgen. Ihr dürft unserem Mitgefühle vertrauen; den Schmerz, kein Vaterland zu haben, kennen wir seit länger als ihr.

In dem Kriege, den sie den Befreiungskrieg genannt, der aber nichts befreit als unsere Fürsten von den Banden, in welche die große, mächtige und erhabene Leidenschaft eines Helden ihre kleinen schwachen und verächtlichen Leidenschaften geschmiedet, haben auch wir die Waffen geführt. Ehe der Kampf begann, genossen wir in Frankfurt, wie überall in Deutschland, wo französische Gesetzgebung herrschte, gleiche Rechte mit unsern christlichen Brüdern. Und nicht etwa dem Murren des Volkes wurde diese neue Gleichheit aufgedrungen. Sie überraschte wie alles Fremde, doch sie ward willkommen wie alles, was die Liebe bringt. Die nämlichen Bürger tranken herzlich aus einem Glase mit uns, die noch den Tag vorher uns mit Verachtung angesehen oder mit Haß den Blick von uns gewendet. Denn das ist der Segen des Rechts, wenn es mit Macht gepaart, daß es wie durch einen Zauber die Neigungen der Menschen umwandelt: Mißtrauen in Vertrauen, Torheit in Vernunft, Haß in Liebe. Dem Wasser gleichet Gerechtigkeit; sie fällt schnell herab und steigt nie hinauf. Jede Regierung vermag in allem, was gut und schön ist, die Meinungen und Gesinnungen, das Herz und den Willen der Völker umzuwandeln; aber Völker brauchen Jahrhunderte, ihre Regierungen zu veredlen, und nie der friedlichen Mahnung, nur der Gewalt gelingt es endlich, ihre Wildheit zu bezähmen.

Als wir aber aus dem Kampfe zurückkehrten, fanden wir unsere Väter und Brüder, die wir als freie Bürger verlassen, als Knechte wieder, und das sind wir geblieben bis auf heute. Nicht bloß die Rechte des Staatsbürgers, nicht bloß die des Ortsbürgers hat man uns geraubt, wir genießen nicht einmal die Menschenrechte, die, weil sie älter als die bürgerliche Gesellschaft, kein Recht unterdrücken noch modeln darf. Man hat sich uns gegenüber das Recht der Pest angemaßt, das Recht, unsere Bevölkerung zu vermindern, und um dieses fluchwürdige Ziel zu erreichen, verstattet man uns, die wir in Frankfurt fünftausend an der Zahl sind, jährlich nur funfzehn Ehen zu schließen. Höre es, deutsches Volk! Und wenn Freiheit, Recht, Menschlichkeit in Deinem Wörterbuche stehen, erröte, daß Du ohne Erröten diese Schmach, die das ganze Vaterland schändet, so lange ertragen konntest.

So wurde uns gelohnt. Wir waren nicht die einzigen, aber wir waren die am meist Betrogenen; und wahrlich, nicht die einzigen zu sein, hat uns mehr geschmerzt, als die am meist Betrogenen zu sein.

Verdienten wir unser Schicksal? Sowenig, als Ihr es verdientet. Doch hat es jeder Tyrannei an Unverschämtheit gefehlt, wenn sie aus Spott eine Rechtfertigung sucht, über die sie ihre Gewalt erhob? Dich, christlich deutsches Volk, haben Deine Fürsten und Edelleute als ein besiegtes Volk, Dein Land als ein erobertes Land behandelt. Und uns jüdisch deutschem Volke sagte man, wir wären aus dem Orient gekommen, hätten zur angenehmen Abwechslung die babylonische Gefangenschaft mit der deutschen vertauscht, wir wären fremd im Lande und wir betrachteten ja selbst unsere Mitbürger als Fremdlinge. Doch das ist unser Glauben, was auch die Verleumdung gelogen, das ist die Lehre unserer Väter; was auch die Schriftgelehrten herausgedeutet! Als Gott die Welt erschuf, da schuf er den Mann und das Weib, nicht Herrn und Knecht, nicht Juden und Christen, nicht Reiche und Arme. Darum lieben wir den Menschen, er sei Herr oder Knecht, arm oder reich, Jude oder Christ. Wenn unsere christlichen Brüder dieses oft vergessen, dann kömmt es uns zu, sie mit Liebe an das Gebot der Liebe zu ermahnen – uns, die wir älter sind als sie, die wir ihre Lehrer waren, die wir den einen und wahren Gott früher erkannt und der reinen Quelle der Menschheit näher stehen als sie.

Viele unserer Glaubensgenossen, und wie hier so gewiß auch überall, zögern noch, dem Vereine beizutreten. Sie teilen unsere Gesinnungen, ihr Herz schlägt so warm als das unsere für die Freiheit des Vaterlandes; aber sie sind bedenklich, sie, die Reichen unter uns, weil sie, den Räten der Gewaltherrscher näher stehend, sich einflüstern ließen, wenn das Volk zur Macht käme, werde es die Ketten der Juden noch enger schließen.

Schenkt diesen Einflüsterungen kein Gehör, geliebte Glaubensgenossen! So sprechen jene nur, um Bürger von Bürger zu trennen, damit sie das so getrennte, sich wechselseitig mißtrauende Volk leichter nach ihrer Willkür beherrschen können. Tretet dem Bunde bei. Die Freiheit der Presse gründet die Herrschaft der Vernunft, und unter dieser Herrschaft sind alle gleich, gibt es keine Knechte.

Sie aber, würdige und mutige Männer, die für das deutsche Volk das Wort genommen, sprechen Sie es aus, was unsere Glaubensgenossen zu erwarten haben von der Freiheit des Vaterlandes. Reden Sie klar und offen, nicht für uns, nur für die andern, die ängstlich noch zurückgeblieben.

Doch wie auch Ihre Antwort falle, günstig oder nicht, wir treten nicht zurück. Als die Polen ihren Kampf begannen, so erhaben er auch war, lud man dort die Juden nur zum Kampfe ein, aber nicht einmal zur Hoffnung der Siegesbeute. Polen unterlag! Beginnt jetzt euren Kampf, wir teilen ihn und vertrauen auf Gott. Wir wissen: das Schuldbuch des Himmels hat nur noch wenige leere Blätter, die Torheiten und Sünden der Menschen in Rechnung zu bringen. Dem Undanke, dem verratenen Vertrauen folgt bald die Strafe nach. Ihr werdet frei mit uns, oder ihr werdet nicht frei.

Euch aber, geliebte Glaubensgenossen, sei es gesagt: wenn einst unsere christlichen Brüder die Freiheit sich gewonnen, und wir teilen, wie den Kampf, so die Beute des Sieges mit ihnen, dann – nichts vergessen, nichts vergeben, keine Versöhnung, die nur die Grenze des Hasses ist. All unser Gedächtnis liege bei den Gebeinen unserer Väter; nur in der Zukunft wollen wir leben, nur für die Zukunft wollen wir sterben.

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