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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 77
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Siebenundsiebzigster Brief

 

Paris, Sonntag, den 26. Februar 1832

Der deutsche Bund zur Verteidigung der Preßfreiheit hat hier die größte Teilnahme gefunden; mit steigender Wärme wird diese Angelegenheit behandelt, und der Kreis der Mitglieder erweitert sich täglich. Die hier befindlichen deutschen Handlungskommis, von deren Gesinnung und Streben ich Ihnen schon früher geschrieben, haben sich vereinigt, und ihre Liste mit Unterschriften ist schon bedeutend angewachsen. Die deutschen Handwerksgesellen haben schon, ehe diese Veranlassung kam, ihren Patriotismus an den Tag gelegt. In dem Speisehause, das sie gewöhnlich besuchen, wo der Wirt ein Deutscher ist, wird der » Westbote« (ein in Rheinbayern erscheinendes, im Geiste der »Tribüne« geschriebenes Blatt) schon längst gehalten und mit einem Eifer gelesen und mit einer Wärme und einem Verstande erklärt, daß es zum Bewundern ist. Diese tragen auch ihren Sou monatlich zur Assoziation bei. Der Advokat Savoye aus Zweibrücken, einer der Gründer des Vereins, ist seit einigen Tagen hier und setzt für die gute Sache alles in Bewegung. Die Polen haben begriffen, daß diese Angelegenheit nicht bloß eine deutsche, sondern eine europäische und, mehr als alles, eine polnische sei. Sie bedachten, daß der Rückweg nach Polen über Deutschland gehe und daß nur ein freies Deutschland den Durchzug gewähre. Darum werden auch sie sich der Assoziation anschließen und im Namen des hiesigen polnischen Komitees eine Bekanntmachung erlassen. Die italienischen Flüchtlinge werden diesem Beispiele folgen; denn noch mehr als die Deutschen selbst drückt sie die deutsche Tyrannei. Die spanischen Patrioten werden es auch tun. Alle begreifen, daß Deutschland der Wall ist, der die Freiheit des westlichen Europas gegen die Angriffe des östlichen schützt. Wenn wir nur drei Monate Zeit hätten! Jeder Tag ist ein Sieg. Denn nichts zu schaffen ist in Deutschland, es ist nur wegzuschaffen: das kleine Hindernis, das die größte Bewegung aufhält. Es ist Mittag, das Volk sieht hell; doch ein Fensterladen macht Tag zu Nacht und macht das Volk blind. Ein schlechtes Stück Holz zerschlagen, und alles ist gewonnen. Aber wir werden keine drei Monate Zeit haben! Das Gewitter in Frankfurt steigt schwarz empor und wird die Frucht auf dem Halme zerschlagen. Eins wird immer gewonnen, und das eine rettet die Zukunft. Durch die Bewegungen der deutschen Patrioten, die trotz ihrer Heftigkeit und scheinbaren Unregelmäßigkeit doch kalt und sehr gut berechnet sind, werden die in Frankfurt völlig den Schwindel bekommen, die letzte Haltung verlieren und ganz ohne Kopf tun, was sie bis jetzt mit wenig Kopf getan. Völker sind wie die Oliven. Dem leichten Drucke geben sie süßes Öl, dem starken bitteres. Die Herren Diplomaten in Frankfurt pressen sie nun um einen Grad stärker, als sie es bis jetzt getan, bereiten sich einen bittern Salat, und sie werden den Mund verziehen.

Haben denn nicht auch Frauenzimmer, und besonders jüdische, in Frankfurt für den Verein unterschrieben? Letzteren muß man vorstellen, das sei das einzige Mittel, die Heiratsfreiheit (woran ihnen wohl mehr als an der Preßfreiheit liegt) zu gewinnen. Tun Sie das.

 

Montag, den 27. Februar

Gestern abend hatten wir ein patriotisches Essen, etwa sechzig Deutsche, meistens Handlungskommis. Der Zweck der deutschen Assoziation für die Preßfreiheit wurde besprochen, und da zeigte sich denn wieder, was sich in jeder Gesellschaft zeigt. Einige sind begeistert; die andern, der Wärme froh, die ihnen fehlt, sonnen sich gern; die meisten sind kalt, bleiben es gern und müssen mit Gewalt ins Feuer geworfen werden. Deutsche Bedenklichkeiten ohne Ende. Von den Julitagen wollte der eine nicht gesprochen haben: das könne uns verdächtig machen. Andere unterschrieben, aber nur mit Buchstaben, und erklärten alle Teilnahme zu verweigern, wenn sie ihre Namen nennen müßten. Es war zum Lachen. Sie stürzten nach dem Essen, als sie warm geworden, wie blind nach dem Tische zu, worauf der Subskriptionszettel lag, gleich einem, der in Gefahr, vor der er zittert, die er aber nicht fliehen kann, mit geschlossenen Augen stürzt. Deutsche Art trat in dem Antrage mächtig hervor: sie müssen doch eine Regierung haben, ein Komitee, Präsidenten, Sekretär. Sie wollten für eine Freiheit kämpfen, die ihnen fehlt, und wurden gleich anfänglich ihrer eigenen Freiheit müde und suchten sich unter dem Namen eines Komitees eine Herrschaft. Ich stellte ihnen das Gefährliche einer Kommission vor; wie dann alle Bewegungen, alle Geheimnisse und Papiere in die Hände weniger kämen, wie dann leicht die Polizei Einfluß erhalte, durch wenige gewonnene Mitglieder alles leiten, alles verhindern könne; wie sie dann wisse, wo sämtliche Papiere zu finden. Wieviel Eindruck meine Vorstellung gemacht, muß ich abwarten. Savoye hielt eine schöne Rede, die mit größerm Enthusiasmus hätte aufgenommen werden sollen. Auf Vaterland, Freiheit wurden mit mäßiger Wärme Toasts ausgebracht. Als aber – kann ich es doch ohne Lachen kaum schreiben –, veranlaßt durch einige anwesende Polen, die Gesundheit der Polen ausgebracht wurde, folgte stürmischer lauter Beifall. So sind sie! Für fremde Freiheit hellflammend, für eigne muß man sie erst einheizen. Die hiesigen deutschen Handwerker sollen sich aber vortrefflich benehmen. Gestern wurde an einem ihrer Versammlungsorte eine Liste aufgelegt, und gleich in den ersten Stunden waren dreißig unterschrieben. Ob man ihnen zwar gesagt, der monatliche Beitrag von einem Sou sei willkommen, wollte doch keiner weniger als einen Frank unterzeichnen, und sagten dabei: gingen die Geschäfte besser, würden sie mehr geben.

Nachmittags sagte ich zu Konrad: »Geben Sie acht. In der Rue Tirechape No. 7, am Ende der Rue St-Honoré, es ist eine kleine finstere Gasse, ist ein Speisehaus. Der Wirt ist ein Deutscher. Dort gehen Sie heute hin essen. Fordern Sie von dem Wirt die Liste für die Deutschen. Viele Handwerker und andere haben unterschrieben. Wir machen Geld zusammen und wollen die Fürsten wegjagen. Sie unterzeichnen auch mit einem Franken monatlich, und ich will das Geld für Sie bezahlen.« Konrad lachte und war sehr vergnügt über die Revolution und sagte: ich brauche ihm das Geld nicht wieder zu bezahlen, er gebe das selbst gern. Sein Freund, der Schreinergesell aus Kassel, habe schon gestern mit ihm von der Sache gesprochen. Und er möchte gern wissen, » wann der Spektakel losgeht«, damit er gleich fort nach Deutschland eile. Also Konrad hat da gegessen, es waren schon 69 Unterschriften, und meistens mit einem Frank. Das sind arme Leute. Die Kommis, die doch alle guten Gehalt haben und oft Söhne reicher Eltern sind, haben auch nur einen Frank gegeben! Konrad ein Verschworner! O Zeitgeist!

Es interessiert mich sehr, zu wissen, wer im Gelehrtenverein ja, und besonders wer nicht unterschrieben. Daß es *** getan, ist ein gutes Zeichen; denn es beweist, daß die Sache Mode ist.

Das Pereat: Der Deutsche Bund, der tote Hund hat mir sehr gut gefallen. Vivat Pereat!

 

Dienstag, den 28. Februar

O, prächtig, da haben wir sie schon! Sie heulen mit den Wölfen, damit sie selbst für Wölfe gehalten und nicht gefressen werden. Den einzelnen deutschen Regierungen wird bange vor der allgemeinen deutschen Assoziation, die von Rheinbayern ausgeht; sie wollen dieser fürchterlichen Einigung aller Deutschen zuvorkommen, und was tun sie jetzt in ihrer Schlauheit? Sie erfinden eine badische, eine württembergische, eine Darmstädter Freiheit, daß nur keine deutsche sich bilde. Herr von Fahnenberg, Oberpostdirektor in Karlsruhe, sonst ein achtungswerter Mann, aber ein Mitglied der Regierung, also in ihrem Geiste, auf ihren Befehl und zu ihrem Vorteile handelnd, stellt sich an die Spitze einer Großherzoglich-Badischen-Preßfreiheits-Assoziation. Im Falle also der Absolutismus in seinem Kampfe unterläge – berechnen unsere vorsichtigen Regierungen –, haben wir doch im schlimmsten Falle nur einen Großherzoglich badischen, einen Königlich bayrischen, einen Herzoglich nassauischen Liberalismus, und mit diesen kleinen Freiheitchen werden wir in einer günstigeren Zeit schon fertig werden. Unterdessen genießt die badische Regierung einen Finanzvorteil bei dieser Sache. Die Bundeskasse der Preßfreiheits-Assoziation vermehrt die Kaution der Journalisten und sichert ihre Bestrafung. Alles schön, alles gut; es kömmt nun darauf an, wieweit die Dummheit des deutschen Volkes geht. Und geht sie so weit, daß sie ihren Patriotismus provinzialisieren und mit 39 dividieren lassen, dann wären ja alle diese schlauen Mittelchen ganz unnötig. Sind wir denn wirklich so dumm, als die Regierungen glauben? –

Gestern steht in der »Allgemeinen Zeitung«, daß in Berlin wegen Heines, zwischen einem Anhänger und einem Gegner desselben, ein Duell vorgefallen. Die politischen Duells sind seit einiger Zeit sehr häufig, auch hier zwischen den Polen. Das ist ein gutes Zeichen. Je größer die Erbitterung zwischen den Parteien, je näher der Kampf; je näher der Kampf, je näher der Sieg.

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