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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 76
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Sechsundsiebzigster Brief

 

Paris, Sonntag, den 19. Februar 1832

Alle Deutsche hier warnen mich aufs dringendste, ja nicht nach Deutschland zu reisen, weil man ganz ohne Zweifel mich einkerkern würde. Mir schaudert vor dem Gedanken, unter die Bärentatzen einer aufgebrachten deutschen Regierung zu fallen.

Die Frankfurter Jahrbücher haben mir sehr gefallen, und überhaupt macht mir die Sache große Freude. Es ist doch wenigstens ein Dämmerlicht, und da es in Frankfurt bis jetzt Nacht gewesen, kann es keine Abenddämmerung, es muß eine Morgendämmerung sein. Die Artikel sind alle gut geschrieben, und bei der nötigen Mäßigung fehlt es doch auch nicht an der erforderlichen Kraft. Dieses Lüftchen von Freiheit, wäre es denn je zu uns gekommen, hätten die Franzosen keinen Sturm gehabt? Hätten die deutschen Regierungen je etwas gehört von der Stimme des Himmels, hätte Frankreich nicht gedonnert? Schlimm genug für das deutsche Volk, daß die Furcht der Könige seine einzige Hoffnung, ihr Schrecken sein einziger Trost ist.

 

Montag, den 20. Februar

Friede! Friede! Friede! Nicht Casimir Périer seufzt so nach Frieden, wie ich seufze! Doch mein Friede ist wohl ein anderer. Wie bin ich dieses Kampfes müde! Wie ängstigen mich die Blutflecken, die mir vor den Augen flimmern! Ich möchte spielen, und sollte ich darüber zum Kinde werden. Ich möchte in einem Kolleg bei meinem Schoppen sitzen, das Wochenblättchen lesen und Anekdoten erzählen, bis ich darüber zum Philister würde. Die Zunge ist mir trocken; ich bin so durstig, daß ein Morgenblatt, ein Abendblatt mir Labsal wäre. Ich bin nicht dumm und faul geworden, wie ich neulich meinte; ich bin der Politik überdrüssig geworden. Bestellen Sie sich etwas Lustiges bei mir, schlechte Witze, wohlfeile Späße; es wird mir alles gut tun. Soll ich Ihnen kleine Geschichten erzählen? Kürzlich verteidigte ein Advokat einen Angeschuldigten vor Gerichte. Es war ein Preßvergehen und die Sache von keiner großen Bedeutung. Der Advokat hatte schon zwei Stunden gesprochen und war noch so ferne vom Ziele als zwei Stunden früher. Da erhob sich einer der Geschwornen und sagte: »Müßte ich auch fünfhundert Franken Strafe bezahlen, ich halte das nicht länger aus. Ich bekomme Krämpfe, ich falle in Ohnmacht, wenn der Advokat noch länger spricht; meine Langeweile ist unerträglich!« Der Advokat lächelte und schwieg. Der Präsident und die Richter lächelten; alle Zuhörer lächelten und waren des Scherzes froh, der allen wohl tat. Aber den folgenden Tag erfuhr man, daß der gute Geschworne, als er nach Hause gekommen, einen Anfall von Schlag gehabt und daß man ihm zu Ader lassen mußte. Das vermag die Langeweile!

In ein Kaffeehaus in Mailand traten vor einiger Zeit zwei österreichische Offiziere in bürgerlicher Kleidung. Der eine fragte den andern, ob er Schokolade trinken wolle. Dieser antwortete: er möge lieber Tee. Gleich darauf wurden die Offiziere vor die Polizei geladen und ihnen vorgehalten, sie wären Revolutionäre, Carbonari, Liberale, und sie sollten nur alles gestehen, dann würde man ihnen vielleicht das Leben schenken. Die Offiziere sahen sich einander verwundert an und beteuerten ihre Unschuld. »Unschuldig?« donnerte der Polizeidirektor. »Herbei, Zeuge!« Da kam ein italienischer Spion und sagte den Offizieren ins Gesicht, sie hätten im Kaffeehause von Freiheit gesprochen. Der gute Spion hatte lieber Tee gehört und das für Liberté verstanden. Die Offiziere wurden mit einem ernsten Verweise wegen ihrer Unvorsichtigkeit entlassen. Den andern Morgen wurde bei der Parade dem Offizierskorps die Parole gegeben: es solle bei Strafe der Degradation künftig keiner mehr in einem Kaffeehaus sagen: »Ich trinke lieber Tee«, sondern: »Ich trinke Tee lieber«. Der Spion bekam eine Extragratifikation von zehn Dukaten.

Im preußischen Lande Posen haben zwei Brüder der heiligen Hermandad Rottecks Weltgeschichte verbrannt. Sie sind dafür zu Hofräten ernannt worden. – Gestern ist hier ein Roman in zwei Bänden erschienen, mit dem Titel: » Crac! Pchcht! Baounhd!!!« Wie fordert man das Buch in der Leihbibliothek? – In Hannover erscheint ein Journal, worin dem hannöverischen Volke periodisch bewiesen wird, daß es durch seine unvergleichliche Regierung das glücklichste Volk der Welt sei. Das Journal wird von drei Hofräten redigiert. Sie heißen: Hüpeden, Wedemeier, Ubbelohde. Wer solchen Namen nicht glaubt, der ist schwer zu befriedigen. – Der Rektor der Berliner Universität (ich glaube er heißt Marheineke) hat an alle deutsche Universitäten geschrieben, sie möchten doch subskribieren auf die Werke des Königlich Preußischen Hofphilosophen Hegel, die in einer stilverbesserten Ausgabe erscheinen werden.

– Soeben verläßt mich einer, der im Namen des Verlegers der angekündigten Übersetzung meiner Briefe zu mir kam und mich um biographische Notizen bat, die man dem Buche vordrucken wolle. Ich musterte in Gedanken alle Merkwürdigkeiten und Erinnerungen meines Lebens, um einige davon hinauszuschicken. Aber da erging es mir wie der Viertelsmeisterin Wolf in den »Hussiten vor Naumburg«. Ich fand, daß es alle meine lieben Kinder sind, und ich konnte nicht wählen. Ich ließ den Mann wieder gehen und sagte ihm, daß ich gar nichts von meinem Leben wisse, und er solle sich an andere wenden, die besser unterrichtet wären als ich in dieser Sache. Im Ernste, ich begreife gar nicht, wie einer so unverschämt sein kann, von sich selbst zu reden, außer er müßte sich über sich lustig machen. Das wollte ich aber auch nicht. Darin sind meine Franzosen ganz andere Leute. Dr. *** hat vom Buchhändler Brockhaus den Auftrag, für ein biographisches Lexikon das Leben der hier wohnenden berühmten Männer zu schreiben. *** wendete sich schriftlich an diese selbst, und gleich den andern Tag hatte er von allen die vollständigsten Selbstbiographien, worin sie ohne alle Satire sich auf das schönste lobten. Mancher besuchte außerdem *** und firnißte noch mündlich sein schriftliches Lebensgemälde. In dem Namensverzeichnisse der Personen, deren Biographien geliefert werden sollen, welches Brockhaus dem *** geschickt, wählte dieser auch meinen Namen aus. Aber Brockhaus entzog ihm diesen Artikel. Gewiß aus Furcht, er möchte als mein guter Bekannter Gutes von mir sagen. Jetzt läßt er sich ohne Zweifel meine Biographie von einem Hering oder einem andern solchen Vieh schreiben. Ich lache jetzt schon darüber. Solche Narren meinen, sie könnten einen jeden beliebigen Ruf machen. Von der siegenden Macht der Wahrheit haben sie gar keine Vorstellung.

Ich freue mich sehr auf Ihren nächsten Brief, worin Sie mir ganz gewiß von dem Aufruhr in Wiesbaden erzählen werden und von den Gefahren, welchen dort unser Geld ausgesetzt ist. Nun, was mich angeht, so kann ich es gar nicht erwarten, bis sie mir den letzten Kreuzer genommen. Habe ich erst nichts, dann bin ich alles, was ich habe, und das gäbe mir frische Lebenskraft und machte mich ganz wieder jung. Man fühlt die Leiden des armen Volks doch nicht ganz, solange man sie erraten muß. Und Sie gar, ein Frauenzimmer, wie können Sie fürchten für Ihr Geld? Möchten Sie nicht jung bleiben bis zum Grabe? Ach! der Reichtum macht einen alt, sehr alt. Wissen Sie, warum man den Deputierten in Wiesbaden arretiert hat oder arretieren wollte? (Ich weiß nicht, wieweit es gekommen.) Weil man ihn in Verdacht hatte, Artikel gegen die Nassauer Regierung in die »Hanauer Zeitung« geschrieben zu haben. Sehen Sie, die sind klug! Sobald sie eine Henne gackern hören, suchen sie die Revolution in der Dotter des frischen Eis auf; sie warten nicht, bis sie herauskriecht. Und das ist das Geheimnis: die kleinen deutschen Fürsten alle sind von ihrem Adel an Österreich und Preußen verkauft. Die Minister dieser kleinen Fürsten drücken das Volk noch über ihre eigne Neigung hinaus, damit es sich empöre und Österreich und Preußen Anlaß bekämen, die Staaten mit ihren Truppen zu besetzen. Dann jagt man die kleinen Fürsten fort, und die Judasse von Minister werden gut besoldet. Sind aber die kleinen Fürsten so dumm, daß sie das nicht einsehen? O nein, sie sind gar nicht so dumm; sie sehen das recht gut ein. Wenn sie aber ihre Bürger nicht wie Hunde regieren können, wollen sie lieber gar nicht regieren und treten darum ihre Herrschaft gern an Mächtigere ab, denen es mit der Unterdrückung des Volks besser gelingt als ihnen. Ich kann es nicht verantworten, bis mein lieber Graf Bellinghausen von Wien zurückkömmt und seine Pandorabüchse öffnet. Es möchten wohl Übel herauskommen, von denen er sich gar nicht erinnerte, sie eingeschlossen zu haben.

Höchst merkwürdig ist ein Artikel in den neuesten Blättern der deutschen »Tribüne«: » Der Kampf des Deutschen Bundes mit der deutschen Tribüne.« Der Verfasser sagt, ohne Zweifel werde die deutsche Bundesversammlung ihren neuen Feldzug gegen die deutsche Freiheit damit beginnen, daß sie die »Tribüne« verbietet. Was wird nun darauf erfolgen? Die »Tribüne« wird sich nicht wehren lassen und fort erscheinen. Die bayrische Regierung wird dann durch Soldatengewalt die Presse zerstören wollen; dann aber werden die Bürger in Rheinbayern sich bewaffnen und werden zur Verteidigung ihrer Freiheit gegen die Königssoldaten kämpfen. Gelingt es ihnen nicht und sind sie zu schwach, dann wird man die benachbarten Franzosen zu Hilfe rufen, die, trotz und entgegen ihrer » verächtlichen Regierung«, den Deutschen beistehen werden. Und dann allgemeiner Krieg ... Dieser offene Trotz muß einen ganz besondern Grund haben. Und hätte er keinen, wäre er bloß aus der sehr edlen Leidenschaftlichkeit des Redakteurs hervorgegangen, auch dann wäre er von den besten Folgen. In der jetzigen Lage der Dinge können wir für die Freiheit gar nichts Vernünftigeres tun; unsere ganze Hoffnung beruht auf der Unvernunft der Tyrannei. Diese herauszufordern, zu reizen, muß der Zweck jedes liberalen Schriftstellers sein, der von der Sache etwas versteht. Österreich und Preußen müssen die Revolution machen. Und man kann ihnen gerade heraussagen, was man von ihnen erwartet; denn sie werden uns zum Trotze und um unsere Erwartung zu täuschen gewiß nicht vernünftig werden.

Von dem ersten März an erscheinen im Badischen zwei neue liberale Blätter, ohne Zensur. Das eine in Heidelberg vom Deputierten von Itzstein redigiert, das andere in Freiburg von den Deputierten Duttlinger, von Rotteck und Welcker. Das ist nun zum erstenmal in Deutschland, daß bedeutende und angesehene Männer ein politisches Blatt schreiben. Das wird glückliche Folgen haben. Was aber wird die hohe Bundesversammlung tun? Die Art, wie ich geschrieben, und die »Tribüne«, war den Herrn für einige Zeit wenigstens gewiß willkommen. Das gab ihnen Vorwand, gegen die Preßfreiheit mit Strenge zu verfahren, und Tausende von deutschen liberalen Philistern, die früher in der Abenddämmerung ein leises Wort mitgesprochen, sind von unserm lauten Worte am hellen Tage so in Schrecken versetzt worden, daß sie seitdem schweigen. Das war jenen in Frankfurt auch Gewinn. Wenn aber Männer, wie die Genannten, mit Festigkeit, doch mit Mäßigung auf eine dem ängstlichen und frommen Gemüte der Deutschen entsprechende Weise – – und sie wirken doch, nur langsamer – die konstitutionelle Gesinnung zu verbreiten suchen, dann werden Österreich und Preußen, deren bisheriger Einfluß auf die kleinen deutschen Mächte hierdurch bedroht wird, alles anwenden, dem, was sie als ihr Verderben ansehen, Einhalt zu tun. Und was dann? Geduld. Wir werden sehen, wer am nächsten ersten April den andern in den April schickt.

 

Dienstag, den 21. Februar

Diesen Morgen besuchte mich jemand aus Wiesbaden, und der von dort kömmt. Der erzählte mir, man habe nicht einen Deputierten, sondern einen Beamten arretiert, den man in Verdacht hatte, Artikel gegen die Nassauer Regierung in die »Hanauer Zeitung« geschrieben zu haben. Der eigentliche Verfasser jener Artikel sei der Papierhändler Schulz in Wiesbaden, und als dieser von der Arretierung jenes Beamten erfahren, sei er vor Schrecken gestorben. Wir Deutsche empfinden jetzt die üblen Folgen, daß man Polignac und seine Gesellen nicht aufgeknüpft hat. Ein solches Beispiel hätte die deutschen Ministerchen doch etwas stutzig gemacht. Wie bequem es aber unsere Regierungen haben! Wie wohlfeil die Tyrannei bei uns ist! Die Regierungen können ein Schreckenssystem ohne Guillotine einführen. Sie brauchen ihre untertänigen Philister nur mit Gefängnis zu bedrohen, und da sterben sie gleich vor Schrecken. So kriecht, kriecht, ihr Regenwürmer, die ihr nach dem Gewitter in Frankreich euch aus der Erde hervorgewagt – kriecht, bis euch der Fuß der Tyrannei zerquetscht! Welcker hat in der Ankündigung seiner neuen Zeitung, die der Freisinnige heißen wird, gesagt: » Das neue Blatt wird zeigen, daß Baden wert ist, das unschätzbare Gut der Preßfreiheit zu genießen.« Zeigen – wert ist – wem zeigen? Der Regierung? Der Bundesversammlung? Dieser zeigen, daß ein deutsches Volk der Freiheit würdig sei? Um den Beifall der Regierungen buhlen? Großer Gott! Wie kann man nur so wenig die Würde des Bürgers, so wenig die Würde eines Volks fühlen, in dessen Namen man spricht, daß man sagt, man wolle zeigen, daß das Volk des Beifalls seiner Regierung würdig sei? Die Regierungen müssen um den Beifall ihrer Völker buhlen; sie, aus dem Volke hervorgegangen, von ihm erhoben, von ihm teuer bezahlt – sie müssen zeigen, daß sie des Vertrauens würdig sind, das man in sie gesetzt, daß sie die Macht verdienen, die man ihnen geliehen zum Besten aller. Das Volk braucht nicht zu bitten, das Volk braucht nicht zu schmeicheln, ihm ist alle Macht, sein ist alle Herrschaft, und die Regierung ist sein Untertan.

In einem deutschen Blatte las ich: in Preußen wäre ein junger Patriot wegen seines Patriotismus (welches man in der Schindersprache demagogische Umtriebe nennt) zu lebenslänglicher Untersuchung verurteilt worden. Man kann nicht wahrer und geistreicher die himmelschreiende Grausamkeit der deutschen Gerichte bezeichnen, die, überlegend, ob sie einen armen gefangenen Vogel fliegen lassen oder braten sollen, ihn rupfen sein ganzes Leben lang. – In dem nämlichen Blatte stehen einige Strophen eines Ring- oder Dosengedichts, welches der Hofrat Rousseau in Frankfurt an den Kaiser Franz gemacht hat. Er sagt darin: die Welt habe den Schwindel, und wenn sie Kaiser Franz nicht am Arme festhielte, wäre sie schon längst umgefallen. Dann sagt er: Jakob hätte sieben Söhne gehabt, – soviel mir bekannt, hat er zwölf Söhne gehabt; aber weil zwölf nur eine Silbe hat und sieben zwei Silben, hat der zarte Lyriker fünf Menschen totgeschlagen. Also Jakob habe sieben Kinder gehabt, und nur einen Benjamin. Aber Kaiser Franz mache keinen Unterschied zwischen seinen Kindern, und Ungarn, Böhmen, Italia stünden ihm in gleicher Liebe nah! Ich habe die größte Lust, das Gedicht ganz zu lesen. Bringen Sie mir es mit! Nicht schicken – es wäre schade um das Kreuz!

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