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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 75
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Fünfundsiebzigster Brief

 

Paris, Montag, den 13. Februar 1832

Ich las kürzlich in einem englischen Journale eine gute Kritik von meinem Buche, mit sehr vielen Auszügen. Ich mußte im Lesekabinett laut auflachen, als ich den Konrad mit seinen Abenteuern übersetzt fand. Was der Mensch Schicksale haben kann! Wurde es denn Konrad bei seiner Wiege vorgesungen, daß einst in einem Londoner kritischen Journale von ihm die Rede sein würde? Die Übersetzungen lesen sich sehr schön, und viel schöner als das Original. Die englische Sprache eignet sich sehr für diese Art zu schreiben. Sie hat etwas Kräftiges, schwer Treffendes, braun und blau Schlagendes. Jedes Wort ist ein Knotenstock, jede Rede eine Prügelei.

Der Mädchenverein für die Polen in Mainz hat an das hiesige polnische Komitee (nämlich das aus Polen selbst zusammengesetzte, an dessen Spitze Lelewel als Präsident steht) ein Schreiben erlassen, das diese hochgeprüften unerschütterlichen Männer mit tränenden Augen gelesen. Ganz deutsch und fromm im schönsten Sinne des Wortes, ganz unterwürfig und mädchenhaft und, wie Mondesblick, freundlich, aber wehmütig auf die deutschen Männer herabsehend, welche schlafen. Der Brief wird von hier in die deutschen Blätter geschickt werden, und Sie werden ihn darin lesen. Diesen Mädchenbrief haben die jungen deutschen Patrioten hier an sämtliche Universitäten, mit folgendem Rundschreiben begleitet, geschickt: »Nachstehendes Schreiben deutscher Jungfrauen haben uns mit tränenden Augen die Polen gegeben, damit wir es unserm Volke bekanntmachen und insonderheit Euch akademischen Brüdern, in deren höhern Bildung und veredelten Gefühlen das Vaterland zweier Nationen den Keim seiner großen Hoffnungen niederlegte. Mit Stolz und Schamgefühl erfüllen wir den Wunsch der Männer. Er wird einen gewaltigen und folgereichen Widerhall finden; denn es sind Worte der Wahrheit, aus deutscher Jungfrauen Munde hinüberströmend in deutscher Jünglinge Brust. Als wir sie lasen, diese deutschen Worte, da schwuren wir bei unserer Ehre und bei unserm Vaterlande, uns würdig zu machen der Jungfrauen, welche sie dachten. Diesen Schwur, Brüder, wir senden ihn Euch! Polen, Deutsche, Männer – diese Worte wird hinfort keine Verschiedenheit der Bedeutung trennen!« Ich kenne die Jünglinge, die das geschrieben. Kennte ich sie nicht und hätte ich sie nicht erkannt, würde ich spotten, wie ich es oft getan, über die hohlen Reden, die wie Seifenblasen glänzen und zerfließen. Aber ich kenne sie. Sie haben in Deutschland und in Belgien für die Freiheit mutig gekämpft, und ob sie zwar unglücklich waren und kein beredsamer Sieg für sie sprach, sind sie doch bescheiden und fromm geblieben und haben nur Worte für ihre künftigen Taten, keine für ihre vergangenen. Wenn das deutsche Volk viele solcher zählt, nun, dann kann es wohl fallen im Kampfe gegen Tyrannei, aber in die alte Gefangenschaft gerät es nimmermehr.

Der Doktor Gartenhof sollte mir eigentlich zur Warnung dienen. Der hat lange nicht so heftig geschrieben als ich, und doch haben sie ihn eingesperrt. Dabei hat er noch das Glück, daß der konstitutionelle Geist in Hessen ihn gegen gesetzwidrige Gewalttätigkeiten schützt. Wie würde es mir ergehen, wenn ich mich in Frankfurt der schnödesten Willkür preisgäbe? Ich werde mich sehr bedenken, nach Deutschland zu kommen.

Lesen Sie denn die deutsche »Tribüne« nicht? Sind Sie nicht erstaunt, was der kleine Herkules, den Sie noch in der Wiege gesehen, für ein prächtiger Mann geworden? Ich war der kleine Herkules in der Wiege, der einige Schlangen zerdrückt, aber der Wirth, der schwingt die eiserne Keule und schlägt Ochsen und Löwen tot. Ach! wie bald werden sie kommen und werden mich wegen meines sanften Wesens, wegen meiner mäßigen und bescheidenen Schreibart loben. Wie bald wird der Meyer drucken lassen: » Was zu arg ist. ist zu arg. Die Börneschen Briefe hatten meinen Unwillen in hohem Grade erregt, aber die Reden von Wirth übertreffen doch noch die dort aufgetischten Frechheiten. Man muß dem Gesindel einmal auf die Finger klopfen, daß etwas Furcht hineinfährt

Das ist ein braver Wirt, der gibt seinen Gästen reinen Wein, und sie werden sich gesunden Mut daran trinken. Endlich, endlich findet sich doch einmal einer, der einen deutschen Mann steckt in das hohle deutsche Wort, und jetzt hat es eine Art. Das Wort hinter der Tat, der Diener hinter seinem Herrn, das ist feine Sitte. Die große Idee einer deutschen Nationalassoziation zur Verteidigung der Presse hat Wirth zugleich ausgeführt und besprochen. Man unterzeichnet monatliche Beiträge, die kleinste Summe wird angenommen, sogar ein Kreuzer monatlich. Mit diesem Gelde werden die liberalen Bücher und Zeitungen befördert, die Geldstrafen für Preßvergehen bezahlt und nötigenfalls für die Familien derjenigen Schriftsteller gesorgt, die wegen Preßvergehen eingekerkert werden. Das Eigentum der Blätter gehört der Gesellschaft. Der Redakteur eines liberalen Journals wird aus der Kasse bezahlt. Die Journalisten werden als Beamte des Volks angesehen und können, wenn sie sich unfähig oder des Vertrauens unwürdig zeigen, abgesetzt werden. Diese Idee, die öffentliche Meinung förmlich zu organisieren, um sie der Standesmeinung der Regierung entgegenzusetzen und die Organe derselben, die Journalisten, als die Beamten des Volks zu betrachten, schwebte mir schon längst vor. Wenn dieser Plan, dessen Ausführung in Rheinbayern schon begonnen, sich über ganz Deutschland verbreitet und Wurzel faßt, kann noch alles gerettet werden, sogar auf friedlichem Wege.

 

Donnerstag, den 16. Februar 1832

Ich gehe heute abend in Gesellschaft und habe mich noch gar nicht entschieden, wie ich meine Halsschleife binden soll. Man knüpft sie jetzt: en porte-manteau, en bec-de-lièvre und en chauvesouris. Mantelsack ist sehr bequem, und so trage ich sie gewöhnlich. Fledermaus ist eine uralte Mode. Ich erinnere mich, daß ich an dem Tage, wo ich konfirmiert worden, eine Fledermausschleife getragen. Aber was Hasenmaul ist, weiß ich nicht. Ich will *** [Heine] fragen, der alles, was sich auf Hasen bezieht, sehr genau kennt.

... Man muß jetzt mit den Schuften persönlich Krieg führen; ich tue es auch, ob es zwar sonst meine Art nicht war. Es ist notwendig. Im kleinen Kriege ist ein Mann ein Mann, und einer weniger ist auch schon ein Sieg.

Es ist schön von den Frankfurtern, daß sie Bockenheim in Bann getan. Das ist ganz in meinem Geiste gehandelt. Dadurch wird Bockenheim gegen seine Maut und Regierung aufgeregt, und das kann gute Folgen haben. Sie werden sehen, die Leute lernen etwas aus meinen Briefen.

Sehen Sie, welch eine traurige und zugleich lächerliche Sache es mit der Zensur ist. Frankfurt ist nur vier Stunden von Hanau entfernt, und man weiß nicht genau, was dort vorgeht, und Sie schreiben mir, vorgestern sollen dort Unruhen stattgefunden haben!

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