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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 73
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Dreiundsiebzigster Brief

 

Paris, Donnerstag, den 2. Februar 1832

In dem letzten Hefte der Revue de Paris (vom 29. Januar) stehen Proben aus der bald erscheinenden Übersetzung meiner Briefe. Es ist das Krönungsgemälde von David und ein Stück von Lord Byron. Ich finde das alle sehr matt; zum Glücke habe ich eine gute Natur. Der kleine Ärger macht mir eine Gänsehaut; aber nach innen dringt die Erkältung nicht.

– Ich habe schon in einer andern Rezension gelesen, daß man mich gereizt und nervenschwach genannt. Das wunderte mich nicht. Die Gemeinen im Volke haben so gar keine Vorstellung davon, wie man anders als sie selbst denken und fühlen könne, daß, finden sie es einmal, sie die wundervolle Erscheinung einer Krankheit zuschreiben. Sie kennen so wenig die Macht und Wirksamkeit des Geistes, daß sie es lächerlich finden, wenn ein körperschwacher Mensch die hohe und dicke Mauer der Gewohnheit zu erschüttern sucht. Ich erinnere mich, daß, als vor mehreren Jahren eine Verschwörung gegen die russische Regierung entdeckt wurde und die Hauptverschwornen hingerichtet wurden, man von einem derselben nichts Verächtlicheres glaubte sagen zu können als, er sei nervenschwach und habe doch gesucht, ein Reich umzustürzen! Auch Robert hat mich einen nervenschwachen Athleten genannt. Über die Spötter! weil sie, wie jener Krotoneser, von Kindheit an gewöhnt, ein Kälbchen mit sich herumzuschleppen, in ihrem Alter es dahingebracht, einen ganzen lebendigen Ochsen zu tragen, halten sie sich für stark, weil sie dumm sind. Diese Menschen, die, weil sie sich nie der Außenwelt widersetzt, auch niemals Widerstand gefunden, sehen nicht die nächste Grenze ihrer Kraft und halten sich für mächtig, weil sie zur allgemeinen Materie gehören. Der Johanniter Meyer in Hamburg kennt mich besser. Er nennt mich so ein Kerl, was doch auf eine sechs Fuß hohe Seele hindeutet. Ach! wäre ich nur so ein Kerl! nicht wie jetzt, ein jämmerlich übersetzter Kerl, sondern ein untersetzter Kerl, mit breiten Schultern, breiter Brust, breiten Zähnen, breiten Fäusten und breiten Gedanken – Hei! wie wollte ich sie zurichten! Denn wahrlich, stünden mir alle Waffen der olympischen Götter frei, ich wählte nicht Jupiters königliche Blitze, nicht Dianens ferntreffenden Pfeil, nicht Merkurs Rednerlist, nicht Apollos Leier, nicht das Lächeln der Grazien, nicht Aphroditens Zauberblick, nicht Amors Schelmerei – ich wählte mir nur die Keule des Herkules und Silens groben Spaß. Sie schrieben mir neulich, es sei meiner unwürdig, wie ich mich gegen Robert und Pittschaft ausgesprochen. Freilich ist es meiner unwürdig: aber es ist ganz meiner würdig, in solcher Zeit nicht an meine Würde zu denken. Sind es Worte, die man braucht in diesen Tagen der Entscheidung? Soll ich daran denken, wie Leute von Geschmack über meine Schreibart urteilen, was Weiber von meiner Ästhetik halten? Wenn ich Ruhe, Blut und Leben an die Sache des Vaterlandes wage, soll ich ängstlich besorgt sein, mir meine Kleider nicht zu verunreinigen? Wenn die Feinde der Freiheit im Kote lagern, soll ich fernbleiben und sie nicht angreifen, um meine Stiefel nicht zu beschmutzen? Wenn es darauf ankömmt, von den feinsten Worten ein Filigran zu flechten, ein Drahtnetz für Mückenseelen – ich verstehe das so gut als einer. Wenn es darauf ankömmt, eine Satire zu spitzen, so spitz, daß sie durch die Pore eines Glases dringt – ich verstehe das so gut als einer. Wenn es darauf ankömmt, ein Gift zu mischen, klar, hell, rein, durchsichtig, ohne Farbe, Geruch und Geschmack, unschuldig wie frisches Quellwasser, ein Verleumdungsgift, eine aqua tofana – ich verstehe das so gut als einer. Aber nein, ich will die Kerls totschlagen, am hellen Tage und vor aller Augen; denn alle sollen es wissen und sie selbst, daß sie von meiner Hand gefallen. Wie? wenn ein dummer Bauerlümmel mir in der Schlacht gegenübersteht, der gar nicht weiß, wo er sich befindet, nicht weiß, woher er gekommen, wohin er geht, für was, für wen er streitet – soll ich ihn schonen, weil er dumm ist? Er gilt seinen Mann, und seine Kugel trifft so gut, als kenne er ihr Ziel. Darum schlage ich ihn zu Boden. Soll ich ihm verächtlich den Rücken wenden, daß er mich von hinten treffe? Fein tun mit solchen plumpen Tieren, unter Scherz und Lachen Kirschkerne schnellen gegen solche Elefanten – es ist lächerlich. Sie spüren es gar nicht. Oder glauben Sie vielleicht, daß alle die Plumpheit, die Roheit, die Gemeinheit meiner Gegner fühlten? Glauben Sie das nicht. Nicht einmal die Bessern alle. Ich habe das erfahren. Ein wohlmeinender Freund brachte mir das Blatt aus Stuttgart; ich las es in seiner Gegenwart und ergötzte mich unter lautem Lachen an dem Fischweiberwitze einer deutschen Hofzeitung. Aber der Freund bemerkte mit bedenklichem Gesichte: ja, es bleibt doch immer etwas hängen. Ich erwiderte: Pah! das bürstet mein Bedienter wieder aus. Als ich aber später darüber nachgedacht, fand ich, daß ich nur eine leere Floskel gebraucht, um etwas zu sagen, und daß der Freund recht gehabt. Selbst Heine, der doch so fein ist in seinen Ausdrücken und ein plumpes Wort gar nicht verstehn sollte, bemerkte, als er sah, wie ich mich lustig machte über ein anderes jener rohen Tabaksblätter, es wäre Perfidie darin. Und hätte ich mich blind gelesen, ich hätte die Perfidie nicht gefunden. So urteilen aber die Leute, die entweder selbst zur rohen Menge gehören oder aus Erfahrung besser wissen als ich, wie man auf sie wirkt.

Die ministeriellen Blätter, die Hofzeitungen, warum schreiben sie denn so plump, warum schimpfen sie so pöbelhaft gegen die Verteidiger der Freiheit? Glauben Sie, weil sie nicht fein zu sein verstehen? O nein! Sie verstehen es nur zu gut. Wenn sie einen Streit unter sich haben, Hof gegen Hof, Fürst gegen Fürst, Macht gegen Macht, dann kocht selbst ihr heftigster Zorn nie so stark über, daß der trübe Schaum der Wut zum Vorschein käme. Haß im Herzen, haben sie die liebevollsten Worte auf den Lippen, und mit der ausgesuchtesten Höflichkeit stoßen sie dem Feinde ein schönes Schwert in die Brust. Wo es aber darauf ankömmt, die Freiheit niederzureden, da wo die öffentliche Meinung, die Menge entscheidet, sind sie grob und plump, um auf die grobe, plumpe und gedankenlose Menge zu wirken, die in allen Ständen, vom Hofmanne bis zum Bauer, die Mehrzahl bildet. Was sie gegen uns, sollten wir gegen sie tun. Seit fünfzehn Jahren hat die Freiheit den Sieg, den sie siebenmal errungen, siebenmal wieder verloren, weil sie zu mäßig war, wie in ihren Handlungen, so in ihren Reden. Die Völker glauben noch nicht fest genug an ihr eigenes Recht und daß sie allein alles Recht besitzen. Sie kennen noch nicht genug ihre eigene Macht, und daß keiner Macht hat neben ihnen. Sie wissen noch nicht genug, daß die Welt ihnen allein gehört und Königen nicht der kleinste Teil davon, der sich weiter erstreckte als ihr väterliches Erbe, und daß sie darum von allem, was sie wollen und was sie tun, keinem Rechenschaft zu geben haben als Gott allein. Darum, weil sie das nicht wissen, ihr Recht und ihre Macht nicht kennen, wollen die Völker in den Augen ihrer Fürsten gut und billig erscheinen, rechtfertigen sich, statt Rechtfertigung zu begehren, fordern, wo sie nehmen sollten, fordern nicht alles, was ihnen gebührt, und fordern es mit so leisen höflichen Worten, daß man sich anstellt, die Hälfte nicht verstanden zu haben, und die verstandene Hälfte abzuschlagen den Mut bekömmt; das muß anders werden. Keine Schonung mehr, nicht im Handeln, nicht im Reden. Liegt die Freiheit hinter einem Meere von Blut – wir holen sie; liegt sie tief im Kote versenkt, wir holen sie auch. Darum siegt die Bosheit überall, darum wissen Dummheit und Gemeinheit immer den Vorsprung zu gewinnen, weil sie den kürzesten Weg zum Ziele nehmen, unbekümmert, ob er rein sei oder schmutzig. Sie hält die Reinlichkeit nicht ab, sie gebrauchen selbst edle Mittel, wenn etwas Schlechtes dadurch zu erreichen, und wir sollten den Kot meiden, auch wenn er zum Guten führt? Wir suchen reinliche Umwege, verlieren die Zeit und alles; denn wo wir auch den Feind einholen, wo und wann wir auch zu ihm stoßen, wir finden ihn immer im Schlamme, den wir früher oder später durchwaten müssen, wollen wir siegen für das Recht. Was andere tun für die Tyrannei, warum sollen wir es nicht für die Freiheit tun? Schwert gegen Schwert, List gegen List, Kot gegen Kot, Hundegebell gegen Hundegebell. Heine sagt: auch die Freiheit müsse ihre Jesuiten haben; ich sage das auch. Aber nicht das allein, die Freiheit muß alles haben, was im Lager der Tyrannei zu finden: Stückknechte, Rotmäntel, Baschkiren, Marodeurs, Paukenschläger und Troßbuben. Lernen wir begreifen, daß die Tyrannen nur solche Waffen fürchten, die sie selbst gebrauchen; denn nur diese kennen sie. Darum der List ja keine Offenheit, dem Laster keine Tugend, der Frechheit keine Milde, der Plumpheit keinen Anstand gegenüber.

Ist es wie in den großen Kämpfen dieser Zeit, wo Macht gegen Macht streitet, nicht auch in den kleinen Kämpfen aller Zeiten, wo jeder Mensch für sein besonderes Leben gegen das andere besondere Leben kämpft? Siegt nicht immer der Dumme über den Weisen, der Bösewicht über den edlen Mann? Das geschieht, weil die edlen Menschen den Sieg mit dem Kampfe, die Beute mit der Waffe verwechseln und mit Recht für das Recht streiten. Nur mit Unrecht gewinnt man das Recht; denn man kann selbst im Kampfe für die Wahrheit die Söldlinge nicht entbehren, und diese bezahlt man mit Tugend nicht. Sehen Sie Rousseau! Es gab keinen Menschen, der das Gute mehr geliebt, das Schlechte mehr gehaßt als er. Er kämpfte sein ganzes Leben für Freiheit und Recht, und warum wurde er so verkannt? Warum wurde er so verspottet? Warum war sein Leben so voll Schmach und Not? Er verspottete die Gemeinheit und war gutmütig gegen die Gemeinen; er bekämpfte den Trug und lebte in Frieden mit allen Betrügern; er verfolgte alles Schlechte und schonte die Schlechten. Über die Sache verschwand ihm der Mensch; er liebte das Gute und verstand die Guten nicht zu lieben; aber man muß Feinde haben, um Freunde zu finden, man muß hassen, um lieben zu können. Rousseau haßte und liebte keinen, darum stand er allein; er verschonte jeden, darum wurde er nicht verschont; er verfolgte keinen, darum wurde er von allen verfolgt. Gott und Welt, Himmel und Erde verteidigte er, aber sich selbst wußte er nicht zu verteidigen. Das schien ihm schnöder Lohn für freien Liebesdienst, und den verschmähte er. Darum ging er zugrunde. Alle Blitze seiner Beredsamkeit gebrauchte er für andere; für sich selbst war er wehrlos und stumm. Einmal sagt er in seinen Bekenntnissen: »Hätte ich meine Kraft gebrauchen wollen gegen meine Feinde, ich hätte gewiß die Lacher auf meiner Seite gehabt.«

Ich habe mir das gemerkt. Die Lacher will ich auf meine Seite ziehen; die Lacher, die gutes Herz und gute Fäuste haben, und nicht die feinen Lächler, die, ob sie zwar tausendmal mir recht gäben, doch tausend Male mich totschlagen ließen, ohne die Hand für mich aufzuheben; aber mir immerfort recht gäben und immerfort lächeln würden. Göttliche Grobheit! vor dir falle ich nieder.

Abends. Soeben habe ich die Abendzeitung, den »Messager« gelesen. Gestern war sie noch ministeriell, heute hat sie die Farbe gewechselt. Die Aktionairs haben sich nicht gut gestanden bei dem bisherigen Ministerialismus der Zeitung und haben darum die Redaktion geändert. Es ist merkwürdig! Läse ich keine andere Zeitung als nur den Messager, hätte ich denken müssen, daß seit gestern sich die ganze Welt geändert, daß ein Komet an die Erde gestoßen und sie in eine neue Bahn getrieben. Daraus sah ich wieder, wie weit die Meinung der Regierenden von der des Volkes absteht. Und wer von beiden auch irre, gleichviel. Der Abstand bleibt immer der nämliche. Und so ist es überall. Wie kann das gut enden?

Verflossene Nacht hat man eine Verschwörung entdeckt. Aber keine von den neuen dummen Gassenverschwörungen beim hellen Sonnenscheine, sondern eine von der guten alten Art, schauerlich, mitternächtlich, blutdürstig, wie sie in den Melodramen vorkommen. Einige hundert Menschen, mit Dolchen und Pistolen bewaffnet, wurden um Mitternacht in einem Hause überfallen. Sie setzten sich zur Wehre. Der erste eindringende Soldat wurde erschossen. Einige hundert sind arretiert. Die Verschwornen sollen starke bewaffnete Trupps in verschiedenen Stadtteilen aufgestellt haben. Man wollte in die Tuilerien dringen; General Bourmont soll in Paris sein. Doch ist alles noch schwankendes Gerücht. Waren es Republikaner? Waren es Karlisten? Man sagt das letztere. Wäre das – der König hatte am nämlichen Abend einen Ball –, dann muß in der Gesellschaft doch mehr als einer gewesen sein, der von der Verschwörung wußte. Es ist eine interessante Situation! Heuer gedeiht aber nichts. Warum sind sie nicht so klug wie Joseph von Ägypten gewesen und haben in den Jahren der Fruchtbarkeit besser für die Hungerjahre gesorgt? Jetzt kömmt die Bescherung.

– Habe ich Ihnen vor einiger Zeit nicht einmal geschrieben: in Österreich würden sie erschrecken über die furchtbaren Fortschritte des Liberalismus, wenn sie erfahren, daß sogar in Konstantinopel eine Zeitung erscheint? Nun das war damals freilich gescherzt; aber es war ein Scherz im Geiste des Ernstes. Und jetzt ist es wirklicher Ernst geworden. Der österreichische Gesandte in Konstantinopel hat der Hohen Pforte eine sehr eindringliche Note überreicht, worin er im Namen seines Hofes vorstellt, welch eine schrecklich gefährliche Sache es um eine Zeitung wäre, selbst wenn sie im Sinne der Regierung geschrieben. Gäbe man dem Teufel einen Finger, bekomme er bald die ganze Hand. Was sagen Sie dazu? Und wenn ich mich auf den Kopf stelle, ich kann nicht mehr lügen, kann nicht mehr satirisch sein. Alle Phantasie geht dabei zugrunde. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen eine artige Geschichte von der russischen Zensur erzählen. Hängt euch, deutsche Zensoren! das da hättet ihr nie erfunden. Im Jahre 1813 wollte ein Russe die Beschreibung einer Reise drucken lassen, die er im Jahre 1812 durch Frankreich gemacht. Die Zensur fand auch an dem Buche nichts auszusetzen außer dem Titel; denn es war nicht schicklich, daß ein Russe 1812 in Frankreich reise, zu einer Zeit, wo Rußland und Frankreich Krieg führten. Um diesem Mißstande abzuhelfen, strich die Zensur den Titel Reise durch Frankreich aus und schrieb dafür Reise durch England, und wo im Buche das Wort Frankreich vorkam, setzte sie England an dessen Stelle.

Jetzt noch zwei chinesische Anekdoten zum Einschlafen; denn ich will zu Bette gehen. Der Kaiser von Rußland ließ dem Kaiser von China sagen, er möchte doch an der Grenze seines Reichs einen Cordon gegen die Cholera ziehen lassen. Darauf ließ der Kaiser von China erwidern: er werde das bleiben lassen; denn er habe gehört, daß die Krankheit nur Müßiggänger, Trunkenbolde und unreinliche Menschen befalle, und es wäre ihm ganz lieb, wenn er fünf Millionen solcher Untertanen verlöre. Auch an einer andern Grenze des chinesischen Reichs wollte der Regierungsbeamte von Maßregeln gegen das Eindringen der Cholera nichts hören, weil er sie als fruchtlos und den Müßiggang begünstigend ansah. Um seine Meinung zu unterstützen, erzählte er folgende Anekdote:

»Im Jahre 1070 brach in Peking eine sonderbare Krankheit aus, deren Wirkung sich an den Haaren derjenigen zeigte, die in freier Luft lebten. In kurzer Zeit verlor der Kranke die Hälfte seiner Haare, und darauf starb er. Als der damalige Kaiser Tschang-Lung dieses erfuhr, sagte er mit bestimmten Worten, er wolle von dieser Krankheit nichts hören. Dieser höchste Wille, mit Festigkeit ausgedrückt, machte die Seuche verschwinden.« Gute Nacht.

 

Freitag, den 3. Februar

Ist denn das alles wahr, was ich in einer Stuttgarter Zeitung gelesen, wie neulich die Frankfurter beim Durchzuge der Polen durch manches schöne Wort eine noch schönere Gesinnung offenbart? Einer, der vor dem Wagen der Polen zog, sagte: »Dir helf' ich ziehen, Philipp, was geht mich Kaiser und König an? Das hier sind brave Kerle, das weiß ich.« Ein anderer, den man abwendig machen wollte, antwortete: »Ei, ihr habt die Sontag ziehen wollen; die haben den Russen noch etwas ganz anderes vorgesungen.« Ein dritter äußerte: » Wir müssen den juten Leuten zeigen, daß wir keine Preußen sind.« Der Berichterstatter in der Stuttgarter Zeitung bemerkte hierbei, daß die Frankfurter, die sich so geäußert, aus den niedrigen Ständen gewesen. Diese Bemerkung war ganz überflüssig. Man weiß recht gut, daß bei uns, wie überall, die höheren Stände weder so viel Verstand noch so viel Herz haben. Der Polenzug durch Deutschland wird die schönsten Früchte tragen. O, die klugen Leute! O, die schlauen Staatsmänner! Vor dem großen Freiheitsmagazin im fernen Warschau war ihnen bange; sie zerstreuten es, und jetzt geht die Freiheit hausieren im ganzen Lande, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf! Von der Schmach und Tücke, die Österreich und Preußen den edlen Polen angetan, mußten die öffentlichen Blätter schweigen; und jetzt schicken sie zwanzigtausend Prediger im Lande herum, die erzählen, was sie geduldet, und lehren, wie man zu dulden aufhöre. Kommen jetzt die Russen, dann wird man lange reisen müssen, um von Frankreich aus ihre Gräber zu besuchen.

Was sich aber Preußen für Mühe gibt, sich verhaßt zu machen! So viel Bescheidenheit hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Große Genies brauchen nicht zu studieren.

Daß aber meine guten Deutschen ihren Preußenhaß auch gut verwenden! Es ist in ihrer schönen Art, über ihr Herz doppelte Buchhalterei zu führen: was sie dem Hasse geliehen (und sie leihen ihm nur und nehmen später zurück), setzen sie gleich der Liebe in die Einnahme. Tut das nicht. Ihr mögt Preußen hassen, aber liebt darum Österreich nicht mehr. Preußen klappert und warnt; Österreich zischt nicht eher, bis es gebissen. Preußen watschelt wie ein Bär auf die Freiheit los; Österreich wartet, bis sie an dem Dickicht vorbeikömmt, wo es verborgen lauert. Hasset Preußen, aber fürchtet Österreich. Österreich kann, was Preußen nur will. Preußen ist nur Österreichs Mund; rechtet mit dem Herzen und nicht mit den Lippen. Österreich findet die Weichsel rot genug; es ist ganz zufrieden, und jetzt will es den Rest der Polen dazu benutzen, im deutschen Volke Haß gegen Preußen zu erregen, das es fürchtet mehr als Rußland. Dieses ist doch ein Körper, aber Preußen ist ein schauerlicher Geist. Hätte Österreich nicht diesen Zweck, wäre es nicht damit einverstanden, hätte die Begeisterung des deutschen Volks für die edlen Polen in gar manchem deutschen Lande, in gar mancher Stadt sich so ungestört nicht zeigen dürfen; hätte man nicht gesehen, daß selbst die feigsten aller Regierungen an dieser Begeisterung teilgenommen. Gar manche von den edlen Männern, die im milden Wirken für die Polen sich ausgezeichnet, sind der österreichischen Regierung mit ganz besonderer Liebe zugetan, durch ganz besondere Bande an sie geknüpft. Hasset eure offnen Feinde, aber fürchtet die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen!

 

Samstag, den 4. Februar

Heine wurde neulich von jemand gefragt: worin er sich in seinen politischen Ansichten von mir unterscheide? Er antwortete: »Ich bin eine gewöhnliche Guillotine, und Börne ist eine Dampfguillotine.«

– Mehr als zweihundert Personen sind wegen der letzten Verschwörung arretiert worden, und darunter Leute von Namen, wie der General Dubourg. Das ist der nämliche General Dubourg, welcher in den Julitagen, als der Herzog von Orléans vor dem Rathause um die Gunst des Volkes bettelte, zu ihm sagte: »Sie sehen, gnädiger Herr, welch ein schlechtes Ende schlechte Könige nehmen, und das diene Ihnen zur Lehre!« Worauf der Herzog von Orléans ganz prächtig die Hand auf sein Herz legte und, nachdem er eine der schönsten Stellungen Talmas ausgewählt, zu Dubourg sagte: »Es bedarf Ihrer Ermahnungen nicht; ich bin ein guter Franzose, habe die Freiheit immer geliebt, immer für sie gekämpft.« Fast geweint hat der gute Herzog vor edlem Zorne. Jetzt sitzt er auf dem Throne und Dubourg im Kerker.

Auf Périers Ball hätte ich leicht kommen können wie jeder andere auch. Man konnte sich ein Billet dazu verschaffen wie zum Theater; aber ich wollte nicht. Ich will nicht wandeln, wo Sünder gehen, und mich nicht setzen, wo Spötter sitzen.

– Bei dem Anlasse neulich, wo die Simonisten in die rauhen Fäuste der Gewalt gefallen, haben sich die Franzosen hier wieder auf eine sehr liebenswürdige Art gezeigt. Die öffentliche Meinung war zum großen Teile gegen die Simonisten; fast alle Blätter, am meisten aber die liberalen, waren ihnen entgegen. Der Figaro besonders, dieses reiche Nadelkissen, stach sie täglich auf das grausamste. Aber seit dem Tage, daß die Regierung sich plump, wie jede, in ein zartes Verhältnis des Geistes gemischt, hat sich alles geändert. Alle bisher feindlichen Blätter nehmen sich der Simonisten auf das freundlichste an. Der Figaro erklärt auf eine edle und rührende Weise, er werde von nun an kein Wort mehr gegen sie schreiben, sondern all seinen Spott der rohen Gewalt zuwenden. Ein Blatt für die protestantischen Interessen, das die religiöse Lehre der Simonisten stets mit Kraft und Ernst bekämpft, machte gleich am andern Morgen bekannt, es entsage von nun an seinem Kriege und werde die Waffen nun gegen die gemeinschaftlichen Feinde führen. Ein Mann, der eine Schrift gegen die Simonisten zum Drucke fertig hatte, erklärte öffentlich, er werde sie unter solchen Umständen nicht bekanntmachen. Ist das nicht alles wie bei uns? Auch dort, sobald die Regierung einen Menschen, ein Buch, eine Lehre verfolgt, erheben sich gleich die lieben, guten, hochherzigen Deutschen zum Schutze und zum Beistande der Schwachen.

Das Gedicht auf den Preußengalgen ist wunderschön. Ich werde es dem General Uminski mitteilen.

Schrieb ich Ihnen nicht schon im Anfange dieses Winters, es würde noch dahinkommen, daß die französische Regierung, von der man früher erwartet, sie würde andern Völkern beistehen, ihre Freiheit zu erkämpfen, sich mit allen despotischen Mächten verbindet, die Freiheit überall zu unterdrücken? Nun, heute erzählt man, Schiffe mit Mannschaft wären aus einem französischen Hafen ausgelaufen, um Ancona zu besetzen und gemeinschaftlich mit Österreich und dem Papste die Italiener unter das alte schmähliche Joch zu bringen! Wahrhaftig, ich schäme mich. Mein Argwohn hinkt lächerlich hinter der Tyrannei her, die, Hand in Hand mit der Torheit, schneller als der Wind seinen Blicken enteilt.

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