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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 72
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zweiundsiebzigster Brief

 

Paris, Samstag, den 28. Januar 1832

– Rothschild hat dem Papste die Hand geküßt und beim Abschiede seine hohe Zufriedenheit mit dem Nachfolger Petri unter allergnädigsten Ausdrücken zu erkennen gegeben. Jetzt kömmt doch endlich einmal alles in die Ordnung, die Gott beim Erschaffen der Welt eigentlich hat haben wollen. Ein armer Christ küßt dem Papste die Füße, und ein reicher Jude küßt ihm die Hand. Hätte Rothschild sein römisches Anleihen, statt zu 65 p.c. zu 60 erhalten und so dem Kardinalkämmerling zehntausend Dukaten mehr spendieren können, hätte er dem Heiligen Vater um den Hals fallen dürfen. Wie viel edler sind doch die Rothschild als deren Ahnherr Judas Ischariot! Dieser verkaufte Christus für dreißig kleine Taler, die Rothschild würden ihn heute kaufen, wenn er für Geld zu haben wäre. Ich finde das alles sehr schön. Louis-Philippe, wenn er in einem Jahre noch König ist, wird sich krönen lassen; aber nicht zu Reims in St. Remi, sondern zu Paris in Notre-Dame de la bourse, und Rothschild wird dabei als Erzbischof fungieren. Nach der Krönung wird man, wie üblich, Tauben auffliegen lassen, und eine unter ihnen, eine lustige Lachtaube, wird nach St. Helena hinüberfliegen, sich auf das Grab Napoleons setzen und seinen Gebeinen lachend erzählen, sie habe gestern seinen Nachfolger salben sehen, aber nicht vom Papste, sondern von einem Juden, und der jetzige Beherrscher Frankreichs habe den Titel angenommen: Empereur des cinq pour Cent, Roi des trois pour Cent, protecteur des banquiers et médiatiseur des agents de change. Ich weiß aber wahrhaftig nicht, was die dumme Taube dabei zu lachen findet. Wäre es nicht das größte Glück für die Welt, wenn man alle Könige wegjagte und die Familie Rothschild auf deren Throne setzte? Man bedenke die Vorteile. Die neue Dynastie würde keine Anleihen machen; denn sie wüßte am besten, wie teuer ihnen das zu stehen käme, und schon dadurch allein würde die Abgabenlast der Untertanen jährlich um viele Millionen erleichtert werden. Die Bestechungen der Minister müßten aufhören, die aktiven wie die passiven; denn womit sollten sie, wofür sollte man sie bestechen? Das wird dann alte Regel. Dadurch würde die Moral sehr in Flor kommen. Alle Zivillisten würden aufhören, bis auf die der Rothschilde, welche aber für die Völker keine neue Last wäre; denn die Rothschilde hatten sie als Privatleute auch schon bezogen, und zwar eine stärkere als die irgendeines andern Fürsten.

Wenn das Haus Rothschild auf dem französischen Throne säße, wäre die Welt von der großen Furcht des Kriegs befreit, der zwischen diesem mächtigen Hause und dem Hause Habsburg auszubrechen droht. Österreich und Rothschild sollen, wie die englischen Blätter aus guten Quellen berichten, seit einiger Zeit sehr gereizt gegeneinander sein. Österreich hat nämlich die Entdeckung gemacht, daß die Freundschaft, mit welcher die Brüder Rothschild es beehren, ihm teuer zu stehen komme. Das letzte vierprozentige Anleihen schloß jenes Haus zu 85 oder 86 ab. Aber gleich nach Abschluß des Vertrags gewann es 6 bis 7 p. c. Ein so außerordentlicher Umstand mußte die Aufmerksamkeit des österreichischen Kabinetts erwecken. Es beschloß daher, für seine Finanzen künftig wohlfeilere Agenten zu wählen oder seinen Geldunternehmungen eine Konkurrenz zu eröffnen. Das Haus Rothschild, um solche Schritte zu vereiteln und der österreichischen Regierung zu zeigen, daß man seine Allianz nicht ungestraft brechen dürfte, wußte darauf durch seine Verbindungen und Spekulationen das bare Geld in Wien, Frankfurt und andern Städten so selten zu machen, daß kein anderes Haus imstande war, eine Staatsanleihe zu unternehmen. Österreich mußte um Verzeihung bitten.

Schon früher fand eine Spannung zwischen beiden Häusern statt. Österreich hatte nämlich dem Hause Rothschild die Summen überlassen, die ihm aus den französischen Kontributionsgeldern für seinen Anteil zugefallen. Diese Summen sollten in französischen Renten, die damals niedrig waren, angelegt und solche verkauft werden, sobald sie einen hohen Stand erreicht hätten. Nach einigen Jahren verkaufte das Haus Rothschild jene Renten und verrechnete sie zu 95. Österreich aber entdeckte, daß zur Zeit des Verkaufs die Renten al pari gestanden. Es war eine kleine Differenz von acht Millionen Gulden. Österreich war darüber empfindlich und schmollte; Rothschild aber wußte durch Vermittlung beiderseitiger Freunde alles wieder auszugleichen.

Das französische Blatt, welches diese Friedens- und Kriegsgeschichten nach englischen Blättern umständlich erzählt, bemerkt darauf folgendes: »Durch welche Mittel wissen jene Bankiers die österreichische Regierung zu zwingen, sich nach ihren Anmaßungen zu bequemen? Es sind dieselben Mittel, welche sie unter dem Minister Villèle angewendet, mit welchem die Herrn Rothschild ungeheuren Gewinst geteilt haben, wie wir es in der Folge beweisen werden, sind die nämlichen Mittel, die sie neulich beim Anleihen des Ministeriums Périer in Bewegung gesetzt. Hat man nicht durch fortdauernde Verkäufe, von jenen bewirkt, welche die Anleihe zu einem unbilligen Satze haben wollten, die französischen Fonds erdrücken sehen? Diese Darleiher haben unter unsern Augen das nämliche getan, worüber die österreichische Regierung sich beklagte, als sie mit ihnen brechen wollte. Unsere fünfprozentigen wurden unter 80 Fr. hinabgedrückt, um das Anleihen zu diesem Preise zu haben, und sobald die Anleihe zu 84 zugeschlagen war, stiegen die Fonds bis über 88 Fr. Es ist immer das nämliche Spiel, welches diese Rothschild treiben, um sich auf Kosten des Landes, das sie ausbeuten, zu bereichern ... Wir haben es schon früher gezeigt, daß die Geldleute die gefährlichsten Feinde der Völker sind. Sie haben am meisten dazu beigetragen, den Grundbau der Freiheit zu untergraben, und ohne Zweifel wäre der größte Teil der europäischen Völker schon in vollem Besitze der Freiheit, wenn die Rothschild, die Ouvrard, die Aguado, die Casimir Périer und andere mit ihrem Gelde nicht die absolute Gewalt unterstützt hätten.«

Dupin hat diese Woche in der Kammer die Bankiers loupcerviers, Luchse genannt! Das sind Raubtiere, die zum Katzengeschlechte gehören. Casimir Périer hat ihm über seine unzeitige Naturgeschichte die bittersten Vorwürfe gemacht. Das führt mich auf die Rothschilde zurück. Noch einmal – wäre es nicht ein Glück für die Welt, wenn alle Kronen auf deren Häuptern säßen, statt daß sie jetzt zu ihren Füßen liegen? Es kömmt auch noch dahin. Sitzen die Rothschild noch auf keinen Thronen, so werden sie wenigstens, sobald ein Thron frei wird, um Rat gefragt, wen man darauf setzen solle. Herr von Gagern hat dieses neulich öffentlich in der »Allgemeinen Zeitung« erzählt. Es ist eine schöne Geschichte. Herr von Gagern war früher Gesandter beim Bundestage. Dieser große Staatsmann, der den Aristokratismus ganz allerliebst romantisch zu machen weiß und zwischen den Gräbern alter Ritter mit seinem Adelstolze im Mondscheine spazierengeht, hat sich auf einer solchen nächtlichen Wanderung schon vor vielen Jahren erkältet. Seit der Zeit leidet er an einem politischen Mundflusse, einer Krankheit, die unter den Diplomaten ebenso selten gefunden wird, als die Mundsperre häufig unter ihnen vorkömmt. Diese seltene Krankheit des Herrn von Gagern gibt uns aber über die verborgene Physiologie der Diplomaten und Aristokraten lehrreiche und nützliche Aufschlüsse. Der große Staatsmann schreibt der kleinen »Allgemeinen Zeitung« über Griechenland aus Hornau einen Brief. Hornau liegt aber nicht in Griechenland, sondern im Taunus, und ich glaube, daß wir vor zwei Jahren, als wir den Sommer in Soden zugebracht, eines Abends in der Schenke von Hornau Eierkuchen gegessen. Herr von Gagern schreibt: er, Herr von Stein und Kapodistrias hätten sich in Nassau und Ems oft von Griechenland unterhalten. Ich kann das bezeugen. In Ems habe ich zwei nacheinander folgende Sommer diese Herrn sehr oft eifrig miteinander sprechen hören. Ich hätte aber, ob ich zwar viel gehorcht, nie gedacht, daß von Griechenland die Rede sei. Es schien mir, als sprächen sie von ihren eignen Angelegenheiten und denen ihrer Familie. Sie gehörten »zu den wärmsten und eifrigsten Verteidigern Griechenlands oder der griechischen Frage«. Warum Herr von Gagern das allgemein bekannte Wort Griechenland ganz ohne Not mit griechische Frage übersetzt, will ich Ihnen erklären. Es gibt nichts Weichherzigeres, Warmblütigeres, Nervenzarteres, Tränenreicheres, kurz Gefühlvolleres als ein Diplomat, und ein solcher hat sich sehr in acht zu nehmen, bei seinen starken und häufigen Gemütsbewegungen seine zarte Gesundheit nicht ganz zugrunde zu richten. Strenge Diät ist ihm unentbehrlich. Wenn daher Tausende der edelsten Portugiesen vom Fleischer Miguel geschlachtet und zerfetzt werden; wenn die Italiener, von der Treibjagd der List und Gewalt in ihr Todesnetz gejagt, von feigen und bequemen Jägern erlegt werden; wenn Belgien wie ein Käse zerschnitten, zugewogen und, in Protokollpapier gewickelt, den hungrigen Käufern stückweise eingehändigt wird; wenn Polen den Keulenschlägen des Tyrannen unterliegt und sterbend den Helfershelfern flucht – wie wollen die Diplomaten es ertragen, täglich solche Greuel und Schändlichkeiten zu sehen und zu hören? und doch ist ihnen das Schicksal der Völker anvertraut; wie erleichtern sie sich den Schmerz? Durch eine einfache Veränderung der Worte. Sie stellen sich an, als gebe es kein Land und kein Volk in der Welt; sie suchen das zu vergessen, und es gelingt ihnen durch Übung. Sie sagen darum nie: Portugal und Portugiesen, Italien und Italiener, Belgien und Belgier, Polen und polnisches Land; sondern sie sagen: die portugiesische Frage, die italienische Frage, die belgische Frage, die polnische Frage. Es ist eine Art Salpetersäure, welche das Blut abkühlt und das Herz ruhiger macht. Aus diesem diätetischen Grunde spricht Herr von Gagern von der griechischen Frage; aber sein Herz ist gut.

Jetzt weiter; und verlasse mich nicht, lieber Scherz! denn mir graut vor diesen Seelenverkäufern. » Monarchische Verfassung, deutsche Leibwache, hinreichender Kredit waren die großen Grundsätze, worüber wir einverstanden waren.« Hört! Hört! vernehmt doch die großen Grundsätze dieser großen Männer! Ein edles Volk, Erbe des schönsten Jahrtausendes der Zeit, Nachkommen von den Lieblingen der Götter, noch immer verklärt von der Abendröte einer vor zwanzig Jahrhunderten untergegangenen Sonne, noch immer duftend von den Wohlgerüchen eines verblichenen Paradieses – dieses edle Volk, verarmt, verschmäht, vergessen, zu Boden gedrückt, erinnert sich, was es gewesen, und schüttelt seine Ketten; will wieder werden, was es war, und wirft seine Ketten ab. Es ergreift sein rostiges Schwert und kämpft. Männer, Weiber, Kinder, Greise stürzen und füllen den Abgrund aus, der die Knechtschaft von der Freiheit trennt. Die Übriggebliebenen ziehen darüber weg, treten ihr eignes Herz mit Füßen, suchen den Feind und siegen. Einer kämpft gegen hundert. Die christlichen Könige Europens erfahren, ein kleines Christenvölkchen habe sich gegen Mohammed empört – sie lachen. Das Völkchen siegt – sie werden aufmerksam. Der Sieg wird entscheidender – sie werden bedenklich. Ein Volk soll die Freiheit erwerben ohne sie und trotz ihnen? Nein! Sie lassen den Griechen sagen: Ihr seid zu schwach, wir wollen euch helfen. Sie schicken ihre Flotten ab, die Griechen von ihren Feinden zu trennen, damit sie nicht den letzten Sieg erringen. Ein edelmütiger Staatsmann läßt sich von seinem Herzen hinreißen und gibt den Befehl, daß man die Flotte der Türken zerstöre. Codrington siegt, und die christlichen Mächte trauern und zürnen. Der Admiral wird zurückgerufen und wie ein Schulbube ausgescholten. Die Griechen sind frei! Dieser Angstruf schallt von Hof zu Hof. Wie ist dem Verderben Einhalt zu tun? Darauf sinnen jetzt die Räte der Fürsten. Es gibt viele magere Fürstensöhne in Europa; die kann man mästen mit dem Fleische und Blute der Griechen – also monarchische Verfassung. Die Griechen sind begeistert, sie leiden an der gefährlichsten Brustentzündung; schnell, nur ja recht schnell das stärkste freiheittreibende Mittel – also deutsche Leibwache. Aber kein Königssohn wird der Narr sein, sein eignes Geld nach Griechenland zu bringen, die Griechen müssen ihn aus ihrem Beutel bezahlen, wenn er sie glücklich machen soll; aber die Griechen sind arm, sie müssen also borgen; ihr König tut es in ihrem Namen – also hinreichender Kredit. Viele Fürstensöhne meldeten sich, die Griechen glücklich zu machen. Wen unter ihnen wählen? das ist die griechische Frage. Den Edelsten, den Tapfersten, den Geistreichsten, den Mutigsten? Nein! Den, der am meisten Kredit hat; den, der seine Minister, Oberstallmeister, Gesandte, Hofmarschälle, Oberkammerherrn und adligen Gardeoffiziere am besten bezahlen kann. Herr von Gagern erkundigt sich also sorgfältig » bei dem ersten europäischen Wechselhause« (also bei Herrn von Rothschild), welcher Fürst den meisten Kredit habe? Herr von Rothschild schlägt in seinem Kreditbuche nach; es standen alle Fürsten Europas darin, nur der einzige Prinz Friedrich der Niederlande nicht. Herr von Rothschild schließt mit Recht daraus, daß ein Fürst, der nie Kredit bei ihm gesucht, des Kredits am allerwürdigsten sei. Er gibt also dem Herrn von Gagern den Bescheid: Prinz Friedrich der Niederlande hat den größten Kredit. »Also ist Prinz Friedrich der Niederlande am würdigsten, König der Griechen – ich will sagen König der griechischen Frage – zu werden«, ruft Herr von Gagern aus. Er eilt, diesen großen Grundsatz dem Grafen Kapodistrias mitzuteilen. Dieser aber ist auf Reisen, angeblich einen griechischen König zu suchen, eigentlich aber, um zu erlauschen, gegen welche künftigen Ansprüche er das moskowitische Interesse werde zu verteidigen habe. Herr von Gagern reist dem Compagnon seiner großen Grundsätze nach. In Paris verfehlt er ihn, in Brüssel erwischt er ihn und erzählt ihm atemlos: Herr von Rothschild habe erklärt, Prinz Friedrich der Niederlande habe am meisten Kredit, und er solle daher gleich zu dessen Vater, dem Könige, gehen und die griechische Frage mit ihm in Ordnung bringen. Kapodistrias gehörte aber unglücklicherweise zu denjenigen Diplomaten, welche die Mundsperre im höchsten Grade haben, und Herr von Gagern konnte nichts von ihm herausbringen. Er bekam zur Antwort: ich kann nicht zum Könige gehen, ich habe kein Kleid. Nun bei den Göttern! ich habe Cornelius Nepos und Plutarch gelesen und habe darin nicht einen einzigen großen Mann des Altertums gefunden, der so arm gewesen, daß er kein Kleid gehabt, wo es darauf ankam, für das Glück eines großen Volks zu reden und zu handeln! Warum hat Herr von Gagern, einer der wärmsten und frühsten Verteidiger der griechischen Frage, nicht dem Grafen Kapodistrias ein paar hundert Franken vorgeschossen, daß er sich ein Kleid machen lasse? Jeder geschickte Schneider verfertigt in einem halben Tage einen vollständigen Anzug. Kapodistrias erbot sich jedoch, zum niederländischen Minister zu gehen, »aber nicht als Staatsmann, sondern Mann zu Mann«. Er geht. Herr von Gagern stirbt vor Ungeduld, bis der Mann vom Manne zurückkömmt; was hat er gesagt? »... j'ai trouvé la fibre un peu molle«, erwiderte Kapodistrias ... » was ich mit der Pflicht des wirklichen Staatsmannes explizierte«, bemerkt Herr von Gagern. Er aber dürfe seinen Mundfluß haben, weil er nur »in der Rolle des Dilettanten erschien«. Aber in meinem Leben hätte ich nicht erraten, daß eine lockere Fiber das Wesen eines wahren Staatsmannes bilde und daher der vierwöchentliche Gebrauch des Schwalbacher Brunnens, da [der?] die Fiber spannt, einen Talleyrand zum Esel machen würde! Kurz, die einzige Sorge des Herrn von Stein, des Grafen Kapodistrias und des Herrn von Gagern war: einen Prinzen mit Griechenland zu apanagieren, Rothschild zu einem neuen Anleihen zu verhelfen und den Prinzen und die Kurse der griechischen Papiere durch deutsche Leibwachen zu schützen. Kürzer und kräftiger hat noch keiner das seelenlose, mechanische, selbstsüchtige, schacherhafte Treiben der neuern europäischen Staatskunst, des Monarchentums und der Hofschwänzelei dargetan als dieser Herr von Gagern in Hornau, wo wir vor zwei Jahren Eierkuchen gegessen.

 

Montag, den 30. Januar

Lassen Sie den *** [Bunsen] tausend, ja zehntausend Male von mir grüßen und danken für die herrliche Gesundheit, die er ausgebracht: Allen Völkern ohne König! hier sagen sie: Les Rois s'en vont. Diese Taugenichtse von Franzosen finden doch gleich das rechte Wort für jede Sache, sobald wir guten Deutschen die rechte Sache gefunden. Wir wollen unsere Töchter mit ihren Söhnen, unsere Ideen mit ihren Worten vermählen, dann haben wir eine mächtige Verwandtschaft, und wehe dann jedem, der uns zu nahe kömmt mit feindlichen Gedanken. Was Sie mir von den Polen geschrieben, und wie herrlich sie in Frankfurt aufgenommen worden, hat mich bis zu Tränen gerührt. Dem Manne, der auf der Brücke einem Polen seinen Mantel umgehängt und stillschweigend fortging, dem sollte man auf dieser Stelle ein Denkmal errichten; keinen schönern Zug des Herzens weiß die alte Geschichte zu erzählen. So mögen sie meine Briefe widerlegen! Ich will unter Männern der Wahrheit gern der einzige Lügner, in einem Lande des Glaubens gern der einzige Spötter, unter einem starken Volke der einzige Schwächling sein, und bin ich erst der Schlechteste aller Deutschen geworden, dann ist keiner seliger als ich. Guter Gott, was ist an einem einzelnen Menschen, was an mir gelegen? Bessere als ich sind verkannt worden. Das Leben ist kurz und der Tod noch kürzer. Aber der Tag der Wahrheit kömmt einmal, und keinem wird Gerechtigkeit zu spät ausgezahlt, der, wie ich, als er seinem Vaterlande diente, nicht einmal Gerechtigkeit als Lohn verlangte.

Von den herrlichen Reden Raspails und der übrigen jungen Republikaner, die neulich vor Gericht standen, aber richteten statt gerichtet zu werden, habe ich einiges übersetzt, das ich Ihnen später mitteilen werde. Der und jener Ball, bei dem und jenem Bankier diesen Winter, hat Sie doch vielleicht etwas glaciert. Eine kleine republikanische Vorlesung zum Erwärmen kann immer gut sein.

Noch einmal – was Sie mir von Frankfurt geschrieben, hat mich bis tief in das Herz gefreut. Möge es fortgehen auf diesem Wege; möge es sich emsig auf seine große Bestimmung vorbereiten und sich deren würdig zu machen suchen. Denn Frankfurt ist bestimmt, einst die Hauptstadt des Deutschen Reichs und der Sitz der deutschen Nationalversammlung zu werden. Dort, wo jetzt die Tyrannei auf dreißig Stühlen thront, wird in wenigen Jahren die Freiheit gekrönt werden. Den Taxisschen Palast, die deutsche Bastille, wird man niederreißen, und nachdem der Boden von allen Trümmern der Zwingburg gesäubert, wird auf dem Platze eine hohe Säule sich erheben, welche die Inschrift trägt: Hier liegt Deutschlands Schande!

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