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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 69
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Neunundsechzigster Brief

 

Paris, Sonntag, den 15. Januar 1832

O, es ist himmlisch! Ich hatte vermicelle, cotelettes de veau aigre-doux, épinards – nein, in allen Dingen die Wahrheit; ich hatte keine épinards, sondern choucroûte garnie; mögen mich die Diplomaten immerhin verachten – und poulet au cresson. Ich war in reiner kalter Luft lange spazierengegangen und hatte einen herrlichen Hunger mit nach Hause gebracht. Und als ich mit dem Essen fertig war, blieb noch ein kleiner Hunger übrig, und es tat mir leid, daß ich nicht auch omlette soufflée bestellt hatte. Da schickte Freund D ... ein Zeitungsblatt mit Empfehlung, die »Allgemeine Zeitung von Stuttgart«, und darin fand ich: Rhapsodien, veranlaßt durch Herrn Börnes Briefe, von Pittschaft. Da hatte ich meine omelette soufflée! Es ist nicht der Philosoph Pittschaft, der im Tollhause sitzt; denn er sitzt nicht mehr im Tollhause, weil er sich erhängt hat. Es ist dessen Bruder, der Medizinalrat Pittschaft in Baden an der Oos. Hätte ich nur meinen Himmel mit Ihnen teilen können; die andere Hälfte ist noch groß genug. Mein Tischchen schwankte unter der Last des aufgehäuften Desserts; mein Salzfaß ward süß davon. Zuerst: Während der Jahre, die ich in Halle bei Reil wohnte, erschien das bekannte Buch dieses großen Arztes: Rhapsodien über die psychische Behandlung der Wahnsinnigen. Lange vor und nach Erscheinung dieses Werkes, das seinem Verfasser besonders lieb war, hörte ich alle Tage von Rhapsodien sprechen, so daß seitdem und bis heute, sooft ich das Wort Rhapsodien lese oder höre, ich gleich an verrückte Menschen denke. Ferner: Ich dachte, wie viel zweckmäßiger es wäre, wenn statt meiner Herr Pittschaft sich am Frankfurter Polizeiamte anstellen ließe, weil dann Polizeiamt und Medizinalrat sich wechselseitig ihren Stil verbessern könnten. Von dem Polizeiprotokoll neulich habe ich, wie Sie aus meinem Briefe mit Kummer ersehen haben werden, das Asthma bekommen, wegen gänzlichen Mangels an Punkten, und an den Rhapsodien des Herrn Pittschaft wäre ich beinahe erstickt, wegen des Überflusses an Punkten. Nein, so ein pünktlicher Mann ist mir noch gar nicht vorgekommen. Nur folgende kurze Stelle: »Es kann dem Kennerauge nicht entgehen, daß der Teufel sich nur durch seine Klugheit hält. Der Teufel selbst verstellt sich in einen Engel des Lichts. So sagt der Apostel. Dem Schlechten stehen viel mehr Waffen zu Gebote als dem Edlen. Dieser muß zur Erreichung seines Zweckes sich selbst einsetzen. Jener setzt andere ein. Jede Geburt hat ihre Wochen. Wenn nur das Kind beim Leben bleibt und zu einem großen kräftigen Manne heranwächst. Unsere Zeit leidet an einem ungebührlichen Heißhunger. Macht sie es doch wie Saturn und verzehrt die eignen Kinder. Wenn sie nicht mäßiger wird, wird sie sich den Magen überladen.« Sancho Pansa hat nicht mehr Sprichwörter und nicht mehr Punkte; und so geht es in einem fort. Dann fand ich so schön, daß Pittschaft und der Schatten Robert beide in Baden wohnen, und ich konnte mir so herrlich ausmalen, wie der Medizinalrat, der im Winter keine Kranke hat, und Robert, der in keiner Jahreszeit Leser hat, sich gegenseitig in diesen langen Ferien mit einem Kranken und einem Leser ausgeholfen, und wie sie beide auf dem Berge und auf dem Sofa einander gegenübersaßen und Robert dem Medizinalrate seine verstorbenen Briefe vorgelesen und dabei vor und nach jedem Komma einen prüfenden Blick auf ihn geworfen, um zu untersuchen, ob er nicht außer sich gekommen; und wie der Medizinalrat wirklich außer sich gekommen vor Ungeduld und nach Hause gegangen, seine Rhapsodien gegen mich geschrieben, den andern Tag wiedergekommen und sie aus Rache dem Robert auch vorgelesen – ist das nicht alles schön vom Anfange bis zum Ende, mit Ausnahme der Punktarmut im langen Satze, welcher erst die Hälfte seines Wegs zurückgelegt, die ich aber vorsätzlich mildtätig aufgenommen, um mich auf das Polizeiamt würdig vorzubereiten, und dann den Medizinalrat, seine Vollpünktlichkeit nämlich, damit homöopathisch zu heilen und ihn dabei an das zu erinnern, was Horaz sagt in seiner Poetenkunst: Omne tulit punctum qui miscuit utile dulci, welches auf Deutsch heißt für Frauenzimmer: Punkte sind nützlich und angenehm, doch nicht zu viel und nicht zu wenig? Und fragen Sie mich nicht, was das Fragezeichen bedeute am Ende des Satzes, ich habe es vergessen; und fragen Sie mich gar nichts, bis ich mich ausgeruht ... Jetzt fragen Sie aber nicht, was Herr Pittschaft eigentlich will? denn ich weiß es nicht. Er sagt: Ich wäre eine Leuchte, und ein Prophet, und ein brennender Busch, und ein Repräsentant der sieben fetten Kühe, (Ach, hätten alle Volksvertreter nur solche fette Kommittenten, dann brauchte man gar keine repräsentative Verfassungen!) und ein Dornbusch. Und ich wäre darum ein Dornbusch, weil ich haben wollte, daß etwas von den andern daran hängenbliebe. Freilich bin ich ein Dornbusch, und von den Flocken, die an mir hängengeblieben, könnte ich mir einen weiten Schafpelz machen lassen. Aber wer hieß den Medizinalrat mir so nahe kommen? Und wenn etwas von ihm hängengeblieben, ist das meine Schuld? Der Dornbusch steht, die Herde geht; sie kann ausweichen. Ferner wäre ich der Engel mit dem Schwerte und ein Würgeengel. Dann spricht er von Schuhen und vom Schuhputzen. Erstens sagt er, ich verlangte, die Deutschen sollten ihre Schuhe vor mir ausziehen, und zweitens sagt er, ich sähe Deutschland für eine Kratzbürste an und putzte meine Schuhe daran ab. Jedermann weiß; daß ich nie Schuhe trage. Sie sehen, Pittschaft ist ein Demagog, er will das Volk aufklären, er schreibt für Stiefelputzer. Wie oft habe ich Ihnen zu Baden gesagt: dieser Ort ist ein wahres Carbonaronest; aber Sie wollten mir es nicht glauben. Was macht Robert dort? Warum kehrt er nicht zum Königstädtischen Theater zurück? Warum ist er kein unschuldiger Waldfrevler geblieben? Warum ist er der Macht der Verhältnisse untreu geworden; und liebäugelt jetzt mit allen deutschen Mächten? Warum hat er seine schmerzstillenden Didaskalien unterbrochen? Zehen aufrührerische Völker hätte man damit beruhigen können. Diebitsch hätte sie ins Polnische übersetzen lassen und hätte dann Warschau im Schlafe überrumpelt. Noch einmal: was hat Robert in Baden zu tun? Töricht, das zu fragen. Wer hat die Badener Bürger aufgehetzt, bei der Ständeversammlung eine Bittschrift um Preßfreiheit einzureichen? Wer hat diese Bittschrift verfaßt? Das hat der nämliche getan, der auch die Berliner Briefe in den Messager geschickt. O, ich habe das gleich verstanden! Ich durchschaute den und jenen und manchen und gar viele. Ich ließ mich nicht von ihren ehrlichen Gesichtern irreführen; es täuschte mich nicht, daß sie sich für Polizeispione ausgaben; ich erkannte sie auf der Stelle als geheime Carbonari. Und jetzt schreibt Robert gegen mich; aber ich bedanke mich dafür; ich will nicht seine Maske sein, ich mag nicht sein Gesicht berühren. Und Pittschaft gesellt sich ihm bei; der undankbare Medizinalrat! Undank! Undank! Wenn er den Deutschen sagt: » Ihr habt immer den Saft zu dem Punsche hergeben müssen, womit sich andere gütlich getan« – von wem hat er das gelernt? Er rede! Wer gab ihm den Mut, Deutschland zu warnen vor Rußlands Joche? Er rede! Wer gab ihm den Mut, schon im Sommer für die Kontagiosität der Cholera zu schreiben und der preußischen Regierung zu trotzen? Er rede! Und was nutzt ihm die Heuchelei? Seine russische Praxis ist ihm auf immer verloren; denn er hat Rußland gelästert. Seine französische Praxis ist ihm auch verloren; denn er hat Frankreich gelästert. Seine preußische Praxis ist ihm auch verloren; denn er hat Preußen für ansteckend erklärt; und was ihm von deutschen Bundeskrankheiten noch übrigbleibt, wird ihm zur Strafe entzogen werden, weil er, ein badischer Untertan, ein Staatsdiener, ein Medizinalrat, sich erlaubt hat, von Politik zu sprechen, ehe er zweitausend Gulden Kaution geleistet hat. Darum werfe er sich ganz in meine Arme; er hat sich mir verschrieben, mein ist er und mir gehört er zu. Es wäre nicht dazu gekommen, wenn ihn Robert nicht verführt.

Daß beide mich getadelt, kann ich ihnen verzeihen; aber daß sie mich gelobt, das verzeihe ich ihnen nie. Sie rühmen meine Unbestechlichkeit. Pittschaft sagt: er wolle nicht glauben, daß die Herausgabe der Briefe eine Geldspekulation gewesen, und Robert verbürgt sich, daß ich nicht feil bin. Wer wird eine solche Bürgschaft verschmähen? Auch danke ich schon für die gute Meinung. Aber das Lob der Unbestechlichkeit muß man keinem Freunde öffentlich geben; das ist ein Tadel für Tausende, erweckt den Neid und ruft nur den Widerspruch hervor. Nun werden meine Gegner sagen: »Er ist wohl feil (ich tue es, um zu zeigen, daß ich selbst einen Affen nachäffen kann); aber wohlfeil ist er nicht. Er würde sich nie so geringe schätzen, in den Hundstagen jedes Jahres um zwanzig Friedrichsdor seine Ehre zu vermieten ... Der unglückselige Robert! Eine Welt hätte er setzen sollen zwischen sich und mir, und jetzt, das Glück verschmähend, daß ich ihn vergesse, sucht er mich auf und zwingt mich, seiner zu gedenken. Was gab ihm den kecken Mut, mich herauszufordern? Ist es etwa, daß ich ein Herz habe und seine eigne Brust nichts zu durchbohren darbietet? Ist es, daß er seine Brieftasche, seine polnischen Lose gut verschlossen weiß und daß ich sie nicht durchlöchern kann und seine Seele nicht berühren? Daß der Unglückselige es wagt, den tiefbegrabenen Schmerz aus meiner Brust heraufzuwühlen; daß jener Würmer einer, die von Polens Leiche schmausen, über meinen Weg zu kriechen wagt! Wenn ich der Polen gedenke und des Sommers und Badens und wie oft ich dort aus dem Lesezimmer in das nahe Gebüsch wankte, meinen Schmerz oder mein Entzücken auszuweinen; und wie ich mit krampfbewegtem Herzen der Stunde entgegensah, welche die Zeitung brachte; – und wenn ich nun endlich das Blatt in meiner zitternden Hand hielt und es nicht zu lesen wagte; nicht zu erfahren wagte das Urteil jener furchtbaren, namenlosen Macht, die größer als das All, höher als der Himmel, älter als die Ewigkeit; den Richterspruch: ob es einen Gott gibt oder nicht – und kam dann jener Robert, riß mir das Blatt aus der Hand, bat, »um Gotteswillen nur eine Minute«, wendete das Blatt herum, sah unten nach dem Kurszettel; Warschau war gefallen, und die polnischen Lose waren gestiegen, und ein Höllenschein verklärte sein silbergraues Gesicht – – wenn Wünsche Dolche wären, er lebte nicht mehr! Und jetzt wagt es solch ein vermaledeiter Goldanbeter, der die Blätter der Geschichte ungelesen und verächtlich überschlägt, um am Ende vor dem Kurszettel niederzufallen und ihn anzubeten; der seinen Blick von dem schönen Gesichte der Zeit, so voll erhabnen Lächelns, schöner Trauer und blinkender Tränen, abwendet, um sie herumgeht und ihren ... küßt – ein solcher Mensch wagt es, ungerufen vor mir zu erscheinen und zu sagen: »Da bin ich!«

 

Montag, den 16. Januar

In der nämlichen »Stuttgarter Zeitung«, in welcher Herr Pittschaft sein Herz erleichtert, standen auch kurz vorher zwei Briefe, welche Herr Wurm, der Redakteur der »Börsenhalle«, einer der verlornen Vorposten der feindlichen Armee, und Herr Mebold, Redakteur der »Stuttgarter Zeitung«, wegen meiner gewechselt. Herr Mebold hatte früher etwas zu meiner Verteidigung gegen Herrn Wurm, seinen alten Freund und Duzbruder, in seinem Blatte geschrieben. Herr Wurm beklagt sich darüber und fragt seinen alten Freund: wie er ihn nur verkennen möge, ihn, einen freisinnigen Mann, einen Patrioten, der »gegenwärtig an einem Kommentar über Preßgesetzgebung nach englischen und amerikanischen Grundsätzen arbeitet?« Ist das nicht wieder recht schön deutsch; während die Freiheit sich auf dem Schlachtfelde verblutet, statt sie zu verbinden und zu rächen, an einer Chirurgie nach englischen und amerikanischen Grundsätzen zu schreiben? Auch Herr Dr. Schott in Stuttgart, ein sehr achtungswürdiger freisinniger Mann, Chef der dortigen liberalen Partei, schrieb seinem Freunde Wurm einen Brief, den ich Ihnen mitteilen will. »Mein lieber Freund! da Sie in dem Schreiben an unsern Freund Mebold meiner mit Namen und zugleich des Umstands erwähnen, daß Sie mir die Kritik über Börne zugesendet, so glaube ich Börne, den ich persönlich kenne und dessen Talent ich bewundere, die Erklärung schuldig zu sein, daß ich, für meine Person, Ihre Kritik seiner Briefe nicht billigen kann. Wie ist denn Aristophanes mit den Atheniensern und mit Sokrates, dem edelsten aller Menschen, umgegangen? Und was hat Swift dem englischen Volk und seinen Machthabern nicht geboten? Dessenungeachtet sind und werden sie die Bewunderung aller Zeiten bleiben. Beide, wenn sie lebten, würden Börne als ebenbürtig anerkennen. Sein ausgezeichnetes Talent darf da nicht mit der moralischen und noch weniger mit der politischen Elle gemessen werden. Das deutsche Vaterland sollte es sich vielmehr zur Ehre rechnen, daß an seinem literarischen Himmel ein solcher Stern der Satire und des Humors aufgegangen ist. Bei dieser Überzeugung konnte ich für meine Person dieses Blatt Ihrer Zeitschrift nicht als Probeblatt auf dem Museum auflegen.«

Es kömmt mir spaßhaft vor, daß man in Deutschland schon einige Monate lang von meinen Briefen spricht und schreibt; daß ich fast so berühmt geworden wie die Sontag. Und dabei gebrauchen alle meine Gegner den Polizeipfiff, zu sagen: es verlohne sich gar nicht der Mühe, des Buches zu erwähnen. Auch Robert gebraucht ihn. Er sagt, die Briefe wären zu platt, für Deutschland verführerisch zu sein; das Buch wäre gar nicht der Rede wert. Aber warum spricht er davon? Warum reden die andern davon? Das ist leicht zu erklären. Bei stürmischem Wetter setzen sich die Mücken auf den Rücken des Wanderers, um wärmer, schneller und sicherer fortzukommen. Ich mag deren Tausende auf dem Rücken haben, aber ich spüre es gar nicht.

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