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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 67
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Siebenundsechzigster Brief

 

Paris, Montag, den 9. Januar 1832

Gestern war ein schönes Konzert im italienischen Theater, wobei mir, wie gewöhnlich, das letzte Musikstück am besten gefiel; denn ich bin immer froh, wenn ein Konzert zu Ende ist. Es ist mit dem Kunstgenusse wie mit dem sinnlichen: Ohr, Auge, die Seele habe einen Punkt der Sättigung, den erreicht, alles weitere nicht mehr mundet noch gut bekömmt. Die vielen und besonders verschiedenartigen musikalischen Gerichte, eines nach dem andern vorgesetzt, stumpfen die Empfänglichkeit ab und richten das Urteil ganz zugrunde. Es ist eine abscheuliche Üppigkeit, die den Menschen endlich empfindungsarm macht. Dieses im Vorbeigehen; denn man soll jede Gelegenheit benutzen, einer Freundin etwas Philosophie in Verwahrung zu geben. Die Zeit kann kommen, daß man sie bei ihr braucht, und dann ist der überraschende Vorrat sehr angenehm.

Meine Malibran hatte einen starken Husten und sang schlecht. Das verzieh ich ihr auf der Stelle. Aber sie trug ein Kleid von rotem Sammet, das einen reifrockartigen Umfang hatte, und das konnte ich ihr anfänglich nicht verzeihen. Als aber darauf Herr von Bériot erschien, verzieh ich ihr das auch. Es ist das liebenswürdigste Gesicht, das mir je an einem Manne vorgekommen. Er ist bescheiden, sinnig, voll Geist und Gemüt. So ist auch sein körperlicher Anstand und so sein Spiel. Paganinis Humor hat er nicht, vielleicht auch nicht seine Tiefe; aber seine Höhe und eine Harmonie, die Paganini nicht hat. Grazie mochte ich in seinem Spiel nicht nennen, was ein besseres Wort verdiente; denn mit Grazie verbindet man doch immer die Vorstellung einer weiblichen Kraftlosigkeit; doch weiß ich nicht, wie ich es nennen soll. Was mir an Bériot am meisten gefiel, war seine Anspruchlosigkeit, sowohl in seinem Vortrage als in seiner Komposition. Ich habe an andern großen Komponisten und Virtuosen oft bemerkt, daß sie ihrer gelungensten Stellen sich selbst bewußt sind und, wenn sie an diese kommen, gleichsam zur Bewunderung herausfordern. Bériot bleibt sich immer gleich, gibt keinem Teile seines Spieles und seiner Komposition einen Vorzug vor dem andern und fordert keinen für ihn. Kurz, Bériot ist ein Nebenbuhler, der meiner würdig ist, und da Madame Malibran das Unglück hat, mich gar nicht zu kennen, konnte sie keine bessere Wahl treffen.

Schon seit zehn Jahren komme ich nach Paris, und erst vor vierzehn Tagen habe ich die berühmte Mars zum erstenmal spielen sehen. Aber daß Sie ja meine Ungeschicklichkeiten keinem verraten! Ich hätte Ihnen früher über jenen Abend geschrieben, aber ich wußte nicht, was ich Ihnen sagen sollte, und ich weiß es heute noch nicht, was ich davon denken soll. Die Sache ist: ich habe alle Übung im Kunsturteile verloren. In frühern Jahren war ich, wie mich mehrere dramatische Dichter und Schauspieler, deren Stücke und deren Spiel ich gelobt, versichert haben, ein sehr guter Theaterkritiker; aber seitdem hat das unverschämt prosaische Europa mich aus aller Ästhetik geworfen. Ich glaube, daß die Mars die größte Künstlerin ist, als welche sie den Ruhm hat; aber ich weiß es noch nicht. Doch weiß ich auch nichts im geringsten, was diesen Glauben schwankend machen könnte. So viel merkte ich wohl, daß sie in den gewöhnlichen Momenten des Spiels sehr ökonomisch ist mit ihren Mitteln und man darum, den Reichtum ihrer Kunst zu beurteilen, erst jene Feierlichkeiten des Herzens abwarten soll, in welchem sie Glanz und Aufwand zeigen muß. Zu solchen Feierlichkeiten boten aber die beide Stücke, in welchen sie auftrat, keinen Anlaß. Es waren: L'École des Vieillards von Delavigne, und Les fausses confidences von Marivaux. Mir behagen die neuen Lustspiele nicht, auch nicht die bessern. Die alten guten Komödien gaben uns Federzeichnungen, geistreiche Umrisse von Charakteren, die Leser, Zuhörer, und Schauspieler ausmalten. Das beschäftigte den Geist und gab der Kunst Beschäftigung. Die neuen Komödiendichter aber, ohne Geist und ohne Erfindung wie sie sind, zeigen ihre Kunst nur in den Farben, und darum bleibt dem Schauspieler nichts weiter übrig, als ein Stück, das ihm nichts zu ergänzen gelassen, zu kopieren. Das Drama Delavignes ist solcher modernen Art, und selbst eine Mars konnte die Feinheit ihrer Rolle nicht noch feiner ausspinnen, und wer daher, wie ich, das Stück gelesen und gut verstanden, erfuhr nichts Neues von ihr. In dem alten Lustspiele Les fausses confidences fand ich die Mars zu modern. Was allen männlichen Rollen in dem Stücke gelang, ihren Empfindungen etwas Perückenartiges zu geben, mußte einem schöntuenden Frauenzimmer mißlingen. Tut denn die Mars schön? – werden Sie mich vielleicht mit Verwunderung fragen? Doch vergessen Sie nicht, daß es zehn Jahre sind, daß Sie sie gesehen, und zehn Jahre sind ein Jahrhundert im Leben eines Frauenzimmers. Ich will es bekennen, daß die Mars mir nicht gefiel, weil sie alt ist. Zu meinem Unglücke saß ich ihr ganz nahe und glaubte überdies meinem boshaften Vergrößerungsglase, das selbst eine Hebe verleumdet. O die Runzeln, diese Särge ohne Deckel! Und das graudämmernde Lächeln, das mit dem letzten Strahle der untergegangenen Schönheit gemischt ist! Lächeln aber ist die ganze Kunst einer Schauspielerin in diesen modernen Komödien, wo Tugend und Laster, Treue und Verrat, Liebe und Haß, Kraft und Mattigkeit zu dem bequemen und leichtverdaulichen Ragout, das man gesellschaftliches Leben nennt, zusammengelächelt sind. Die Schauspielerin, die nicht mehr gut lächeln kann, soll die Medea spielen, die Klytämnestra – oder die Antigone, aber nicht die junge Frau eines alten Mannes in diesem rekonvaleszierenden, noch schwachen Jahrhunderte. Ach die Weiber, welchen höchstens der Spiegel sagt, daß sie alt geworden, aber nie das Herz! Und wenn nun die müden alten Züge des Gesichts der Empfindung nicht mehr nachkommen können – es ist gar zu traurig. Ich hätte der alten Mars gern die Jugend und Schönheit meiner achtzehnjährigen Geliebten auf den Abend geliehen und hätte mit einer zahnlosen Braut den ganzen Abend gekost; so gerührt war ich. Die abscheulichen Runzeln! Ich könnte darüber weinen, wenn ich nicht lachen müßte, daß ich ein Mann geworden. Und wenn ich den Spiegel küßte, ich sehe keine Runzeln in meinem Gesichte. Und doch sind sie da; aber wir Männer haben keine Augen dafür. Ja, die Weiber haben keinen bessern Freund als mich, und einen der seltensten Art; einen Freund in der Not, und nur in der Not, nicht im Glücke. An euern Freuden will ich nicht teilhaben, ich habe keinen Sinn dafür; aber eure Leiden von verratener Liebe bis zum Schmerze eines besiegten Hutes: sie sind mir alle heilig.

Die Mars hatte wegen Krankheit seit einem Jahre nicht spielen können, und da sie nun zum ersten Male wieder auftrat, wurde sie mit lebhaftem, aber doch nicht mit jenem stürmischen Beifalle empfangen, welcher im Anfange des Winters der Malibran zuteil ward, als sie von einer Kunstreise von einigen Monaten, die sie in Gesellschaft des Herrn von Bériot gemacht, zurückkehrte. Jugend und Schönheit haben Kredit, die alte Mars mußte den Beifall mit ihrem Spiele bar vorauszahlen. Nicht wegen, aber trotz der Mars hätte ich mich diesen Komödienabend sehr gelangweilt, hätte nicht Monrose mitgespielt in Marivauxs Stücke. Monrose ist ein unvergleichlicher Schauspieler für alle spitzbübische Bedienten, welche in neuerer Zeit, durch die Konkurrenz ihrer Herrn, ganz zugrunde gerichtet worden. Die Schelmerei ist so wenig schändlich mehr, daß man die vertrauten Bedienten nicht mehr braucht; denn man tut alles selbst, und öffentlich. Auch dadurch hat die neue Komödie viel verloren. Monrose ist ein herrliches antikes Kunstwerk. Der König war auch im Theater. Den vorigen Winter sah ich ihn in den Fourberies de Scapin – nicht den König, sondern Monrose – und erstaunte über sein Talent. Er wurde mit Beifallsäußerungen empfangen – nicht Monrose, sondern der König – der Zorn über meine dicke Dinte hat mich ganz verwirrt gemacht, und ich weiß gar nicht, was ich schreibe – aber es waren einstudierte Choristen, das merkte man gleich.

Von den Briefen eines Verstorbenen im »Morgenblatte« habe ich die, welche mich betreffen, aber nur flüchtig, gelesen; die andern noch gar nicht. Ich werde sie mir zu verschaffen suchen und dann auch darüber sprechen. Ich glaube, daß sie Robert geschrieben. Der unglückliche Robert, der an den Ufern der Oos trauert, daß in den Stürmen der Julirevolution seine nicht assekurierten Vaudevilles untergegangen! Dort sinnt und sinnt er, wie zu machen, daß von ihm gesprochen werde. Dem Manne kann geholfen werden – sage ich, wie Karl Moor in den »Räubern«.

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