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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 66
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Sechsundsechzigster Brief

 

Paris, Mittwoch, den 4. Januar 1832

Wie können Sie nur glauben, ich wünschte darum nicht, daß meine Briefe in das Französische übersetzt würden, weil ich fürchte, der Regierung zu mißfallen? Wie sollte ich simpler Bürgersmann die Anmaßung haben, mich zu fürchten? Das ist jetzt ein Prärogativ der Krone, ein Regal der Fürsten. Ich wäre eine Art Falschmünzer, wenn ich mich mit Fürchten beschäftige; das könnte mich den Kopf kosten. Es wäre mir darum unlieb, hier übersetzt zu werden, weil mir Angst ist, die Arbeit, von irgendeinem ökonomischen Buchhändler aus Gewinnsucht veranstaltet, möchte in die wohlfeilen Hände eines Taglöhners fallen und ich verunstaltet werden. Mein kleiner weicher Geist ist leicht außer Form gebracht. Wenn aber ein Mann, wie der Professor Willm in Straßburg, der Bruchstücke aus meinen ältern Schriften in der Revue Germanique so vortrefflich übersetzt hat, auch die Briefe Französisch herausgeben wollte, würde ich mich sehr darüber freuen.

– Wäre Herr von Raumer darum aus der preußischen Zensurbande getreten, um die Schande, Mitglied derselben gewesen zu sein, abzuwaschen – auch dann würde ihm das nicht zur Ehre gereichen; denn sein Ruf stünde immer nur erst auf dem Gefrierpunkte der Tadellosigkeit. Aber nein, nicht aus Buße, nicht um der beleidigten Menschheit Abbitte zu tun, hat er aufgehört, Zensor zu sein; sondern aus gereizter Eitelkeit, weil er sich persönlich gekrankt fühlte, daß die Zensur sein Werk über Polen anzuzeigen verboten, tat er den angstzitternden Schritt. Ich begreife es nicht, ich werde es niemals fassen, wie ein Mann, der sich nur ein wenig selbst achtet, der nicht schamlos seine ganze Menschenwürde von sich geworfen, um nackt wie ein Tier im warmen Stalle zu lagern, dort seinen Bauch zu füttern oder bei gutem Wetter auf der Gunst der großen Glückspachter herumzugrasen – wie ein solcher Mann sich dazu verstehen kann, ein Zensor, ein Henker zu werden – nein, schlimmer als ein Henker; denn dieser tötet nur die schuldig Gerichteten – ein Meuchelmörder der Gedanken, der im dunkeln lauert und trifft, der das einzige, was göttlich ist am Menschen: die Freiheit des Geistes, zerstört, daß nichts an ihm übrigbleibe als das blöde Vieh, das vor der Peitsche seiner Treiber hergeht und kaut und wiederkaut, was ihm seine Herren in die Krippe geworfen! Und auch hier wieder, wie immer, empört sich mein Herz gegen die Dummheit des Volks überall, das gar seine Macht und Übermacht nicht kennt; das gar nicht ahnt, daß es nur zu wollen braucht, um jede verhaßte Tyrannei umzustoßen. Wenn unter den Tausenden in jeder Stadt, welche die Zensur als einen schändlichen Übermut verabscheuen, als eine erbärmliche Feigheit verachten, sich nur zwanzig angesehene Familienhäupter zu dem Bunde vereinigten, jeden Zensor als einen ehrlosen Menschen zu betrachten und zu behandeln, unter keinem Dache mit ihm zu wohnen, an keinem Tische mit ihm zu essen, seine Umgebungen nicht zu berühren, ihn zu fliehen wie einen Verpesteten, ihn immerfort mit Verachtung zu bestrafen, mit Spott zu necken – dann würde sich bald kein Mann von Ehre mehr finden, der Zensor würde sein wollen; ja selbst der Gefühllose, wenn er nur von einem gewissen Range ist, würde nicht den Mut haben, der öffentlichen Meinung zu trotzen, und die Regierungen würden genötigt sein, ihre Zensur den Schindersknechten anzuvertrauen, und der Anger vor dem Tore würde bedeckt werden mit Pferdeknochen, Schafschädeln und konfiszierten Büchern. Aber wie die Menschen zum Guten vereinigen? Das ist der Jammer. In jedem Lande, in jeder Stadt, in jeder Gemeinde, in jeder Regierung und in jeder Amtsstube gibt es edle Menschen genug; aber jeder glaubt, er sei allein gut gesinnt, und so fürchtend, alle gegen sich zu haben, wagt es keiner, mit seiner Stimme hervorzutreten, und der Sieg bleibt den Schlechten, die sich besser erraten, sich leichter finden. Das ist's, was mir vor vielen andern den Mut gibt, für Recht und Freiheit so laut das Wort zu führen: daß ich weiß, ich stehe nicht allein, daß ich weiß, es gibt Tausende, die so gut und besser sind als ich, die meinem Rufe folgen und sich mir anschließen. Wüßte ich das nicht, glaubte ich im selbstverliebten Dünkel allein zu stehen im Vaterlande, wahrlich, ich wäre nicht der Tor, einer dummen, feigen und undankbaren Menge meine Ruhe fruchtlos aufzuopfern, und ich schwiege und duldete wie die andern alle.

– Gleich nach Empfange Ihres Briefes schrieb ich nach Stuttgart und bestellte dort das Hofblatt, das die »Donau- und Neckarzeitung« gewaschen hat. Ich behalte mir vor es zu bläuen und zu bügeln. Erwünschter konnte mir nichts kommen. Da finde ich den Generalstab und das Geniekorps der süddeutschen Ministerialarmee auf einem Flecke beisammen. In Württemberg bereitet man sich auf die schrecklich drohende unvermeidliche Landplage der Stände mit einer Bedächtigkeit vor, zu der in unsern Tagen die Cholera alle deutsche Regierungen gewöhnt hat. Die besten Ärzte gegen den Liberalismus, die um so besser sind, weil sie die Krankheit selbst früher überstanden, werden herbeigerufen und zu Rate gezogen. Die Doktoren Münch, Pahl, Lindner, von Wangenheim werden am Ständelazarette angestellt. Da die Regierung den Liberalismus nicht für kontagiös hält, sondern miasmatisch, wird sie die Angestellten keiner strengen Absonderung unterwerfen und sich darum dem Eintritte in die Kammer von liberalen Männern wie Uhland, Pfizer und Schott nicht allzuängstlich widersetzen. Um aber den üblen Folgen einer solchen Gemeinschaft zwischen Gesunden und Kranken zu begegnen, will die Regierung in einigen Punkten freiwillige Verbesserungen vorschlagen und hofft dadurch, » der zweiten Kammer die Gelegenheit zu benehmen, sich auf Kosten der leitenden Staatsgewalt eine unruhige Popularität zu erwerben«. Kurz, es ist zum Totlachen, und alle die komischen Präservative gegen die Cholera sind erhaben dagegen. Die »Allgemeine« und die »Stuttgarter Zeitung« sind die zwei großen Rauchfässer, aus welchen in einem fort Chlorwolken sich erheben. Herr Münch ist der Lindenblütentee, dessen Heilsamkeit gegen Erkältung er im feuchten Holland oft erprobt; Herr Lindner ist die Kupferplatte auf dem Magen, ein Minimum von diplomatischem Gifte, das homöopathisch heilt; Herr von Wangenheim wird wohl reiben, und wenn nichts hilft, wird die Bundesversammlung den Württemberger Ständen das Dampfbad bereiten. Die Cholerapolitik! Ich bekomme Leibschmerzen, wenn ich nur daran denke.

Die Stuttgarter Hof- und Cholerazeitung gehört dem Herrn von Cotta und das auch kömmt mir sehr gelegen. Mit dem Vater der »Allgemeinen Zeitung« habe ich ohnedies ein ernstes Wort zu sprechen. Seine unverschämte Tochter sprach neulich ein freches Wort gegen mich aus, und hätte ich etwas darauf erwidern wollen, wäre es vom zärtlichen Vater zurückgewiesen worden, wie vor kurzem Heine es erfahren. Nun aber werde ich nicht länger mehr der Tor sein, aus prunkender Großmut den Vorteil der allgemeinen Sache zu vernachlässigen, weil zufällig mein eigner damit verbunden ist. Dann brauchte ja jeder schlechte Schriftsteller, jeder feile Zeitungsschreiber mich nur zu beleidigen, um vor meinem Urteile sicher zu sein! Ich kenne die geheime Lebensgeschichte der »Allgemeinen Zeitung« sehr genau, von den Jahren des französischen Direktoriums bis zum Untergange Warschaus; und es hängt bloß von mir ab, ihr den Namen der deutschen Phryne zu verschaffen. Die »Allgemeine Zeitung« ist freilich ohne Vorliebe die gefällige »Allgemeine« für alle, die bezahlen; aber das Recht hat selten Geld und das Unrecht immer, und wenn das Recht ja einmal die Gunst der Allgemeinen bezahlen kann, ist die Schöne so schlau, ehe sie das Recht einläßt, das Unrecht durch die Hintertüre zu entlassen, damit die beiden Nebenbuhler sich nie begegnen, sich messen und die Schöne auffordern können, endlich einmal zwischen ihnen zu wählen.

– Die Briefe von Cormenin habe ich noch nicht gelesen. Sind sie aber wirklich so herrlich, als Sie sie gefunden, dann werde ich, Ihrem Rate folgend, sie übersetzen und mit deutschen Bemerkungen verzieren. Ich begehe jedes Staatsverbrechen, wozu Sie mich anreizen, mit tausend Freuden. Kann mir denn etwas erwünschter sein, als früher oder später auf der Frankfurter Hauptwache Ihre schöne und gute Gesellschaft zu genießen? Zwar hat die freie Stadt Frankfurt keine Zivilliste zu bezahlen, aber unsere Regierung muß ihr Kontingent zu jeder Bundestyrannei stellen, und der Senat würde meine Gotteslästerung über die großen Königsmagen so streng bestrafen, als ob er selbst ein König wäre. Ja, wohl ist die Sache von der größten Wichtigkeit. Nicht darauf kömmt es an, ob man einem Fürsten für seine ungemeine Gefälligkeit, zu regieren, einige Millionen mehr oder weniger gibt – man gebe ihm, soviel er braucht, soviel er wünscht, daß er zufrieden sei und uns zufrieden lasse; denn die üblen Launen eines Fürsten sind dem Lande verderblich, und zu allen Zeiten mußte das Volk sein Glück und seine Freiheit erkaufen. Sondern das ist zu bedenken: jeder überflüssige Sold, den ein Volk seinem Fürsten gibt, den dieser nicht für sich und seine Familie verwenden kann, wird dazu gebraucht, einen Hof zu bilden und zu nähren, der als giftiger Nebel sich zwischen Fürst und Volk hinzieht und eine traurige Thronfinsternis hervorbringt. Vielleicht ist es wahr, was die Fürstengläubigen behaupten: eine Krone sei etwas Himmlisches, eine Art Sonne, die im reinsten Lichte strahle; aber woher wollen wir Bürger das wissen? Man zerstreue den Hofdunst, der jede Krone umgibt, und dann werden wir sehen, was daran ist. Dann ist zu überlegen, daß man ganz falsch rechnet, wenn man bloß die Millionen, die man einem Fürsten als Zivilliste bewilligt, zählt. Diese Millionen sind nur das Saatkorn, das dreißigfachen Ertrag gibt; diese Zivilliste ist nur die Waffe, womit ein Fürst sich alles erbeutet von seinem Volke, wornach ihm gelüstet. Ludwig XVIII. hatte fünfunddreißig Millionen; aber mit diesen fünfunddreißig Millionen holte er sich tausend andere, womit er sich und seine Kreaturen für den durch die Emigration erlittenen Verlust entschädigte. Hätte er keine fünfunddreißig Millionen gehabt, sondern nicht mehr, als er zu seinem Unterhalte bedurfte, hätte er die Kammer nicht bestechen können, und das heillose Gesetz der Emigrantenentschädigung wäre nicht angenommen worden. Louis-Philippe, der Pflasterkönig, hat zwölf Millionen jährlicher Einkünfte aus seinem Privatvermögen, und doch verlangt er eine Zivilliste von achtzehn Millionen. Die Einwohner der Stadt Bourges haben der Kammer eine Bittschrift übersendet, worin sie darauf antragen, man möchte dem Könige nicht mehr als eine halbe Million geben. Das ist nach meiner Gesinnung eine halbe Million zuviel; ich würde ihm gar nichts geben. Wer die Ehre haben will, ein großes Volk zu regieren, der mag es sich etwas kosten lassen. Frankreich konnte unter sechs Millionen Bürgern einen König wählen; aber König Philipp konnte sich kein Volk wählen; die Völker sind selten. Die Kommission der Kammer war in ihren Ansichten geteilt. Vier Mitglieder derselben stimmten für vierzehn Millionen, die vier andern für zwölf und eine halbe, und das neunte Glied, eben Ihr verehrter Cormenin, stimmte für eine so kleine Summe, daß der ministerielle Berichterstatter der Kommission sich schämte, sie in der Kammer laut anzugeben. Dem Kronprinzen wurde überdies, daß ihm die Zeit nicht lange werde, bis er den Thron besteigt, eine Million bewilligt. Nichts empört mich mehr, als diese unverschämte Apanagierung der Erbprinzen überall. Mein Gott, wer gibt denn dem armen Volke Wartegeld, wenn es auf den Tod eines bösen Fürsten ängstlich harrt? Aber die Höfe sorgen dafür, daß die Kronprinzen schon in ihrer frühesten Jugend an Verschwendung gewöhnt werden; sie fürchten: in den reifern Jahren der Thronbesteigung möchten sie vielleicht für das Laster nicht genug Empfänglichkeit mehr haben.

Der jetzige König wird also vierzehn Millionen bekommen, eine Zivilliste, die jedem Deutschen, der, wenn auch mit seinen Füßen, doch, nie mit seinem Kopfe Deutschland verlassen, sehr winzig erscheinen muß. Und nach dieser Vergleichung ist sie es auch. Das Budget von Frankreich beträgt vierzehnhundert Millionen, die Zivilliste mit vierzehn Millionen würde also den hundertsten Teil der Staatsausgaben betragen. Das Budget von Bayern beträgt siebenundzwanzig Millionen und die Zivilliste des Königs drei Millionen, also den neunten Teil des ganzen Staatshaushalts. Wenn der König von Frankreich in gleichem Verhältnisse wie der König von Bayern ausgestattet wäre, würde seine Zivilliste auf 155 ½ Millionen steigen; und wenn der König von Bayern dem Könige von Frankreich gleichgesetzt würde, sänke sein Einkommen auf 270 000 Gulden herab. Und wäre das nicht genug? Die ungeheuren Summen, die der König von Bayern verschwendet, seinen Wohnort zum neuen Athen zu machen, könnten erspart werden: München war die Stadt der Nachteule, schon ehe es Statuen und Gemälde besaß. Ist es nicht ein herzzerreißender Jammer, daß der arme Häusler im Spessart, der sich glücklich schätzt, wenn ihm nur drei Tage in der Woche die Kartoffeln mangeln, den Schweiß seiner Hände versilbern muß, damit in einer sechzig Stunden entfernten Stadt, die er nie gesehen, wohin er nie kommen wird, eine Glyptothek, eine Pinakothek, ein Odeon – Dinge, deren Namen er nicht einmal kennt – die eitle Ruhmsucht eines Königs befriedige? Und dieser kunstliebende König, der Zögling des alten freien Griechenlands, der Nacheiferer eines Perikles, hat den Stellvertretern des bayrischen Volks sagen lassen: Er würde sie auseinandertreiben, wenn sie sich unterständen, ihm noch so wenig von seiner Zivilliste zu streichen! Und er hat später seiner Adelskammer kundgetan, er wolle sich mit drei Millionen begnügen! und die Minister dieses Königs haben in öffentlicher Sitzung der Kammer zu verstehen gegeben: ihr Herr würde der Kammer manche Forderung bewilligen, wenn sie sich gegen die Zivilliste billig zeigten! Sie – Königin der Unglücklichen, wenn diese sich je ihren Herrscher wählen dürften – haben Sie das auch wohl verstanden? Der König von Bayern ließ seinem Volke sagen, er würde ihm dieses und jenes Recht gewähren, diese und jene Freiheit bewilligen, die man doch unmöglich geschenkt verlangen könnte, wenn man sie ihm bezahltebezahlte! Und was hat die Kammer geantwortet? und was hat die badische getan? und ... doch davon später. Ich will warten, bis die von Kassel auch dazukommt, noch eine kurze Zeit warten. Und dann? Nun, dann werde ich trauern, daß ich recht behalten. Ich werde nicht Triumph! Triumph! rufen, wie es der feurige Welcker schon vor dem Siege, ja schon vor dem Kampfe getan! Nicht für meine Eitelkeit, für mein Vaterland habe ich die Stimme erhoben, und darum wehklagt mein Herz über den Sieg, den mein Geist errungen ...

Ich habe es vergessen: wir glücklichen Deutschen haben einige und dreißig Fürsten, einige und dreißig Zivillisten. Rechnen Sie, was das kostet, und atmen Sie dabei, wenn Sie können. Und Tausende wandern jährlich nach Amerika aus, wandern gedankenlos vorüber an einigen und dreißig duftenden Küchen und schiffen sich ein, um in einem fremden Weltteile ihren Hunger zu stillen! ... Ich will noch einmal zur Zivilliste des Königs von Frankreich zurückkehren, um Ihnen zu zeigen, wie unrecht Sie hatten, als sie mich so oft einen Verschwender genannt. Vergleichen Sie meinen Haushalt mit dem Louis-Philippes, und Sie werden erfahren, wer von uns ökonomischer ist. Die Verschiedenheit der Verhältnisse mögen Sie immer dabei berücksichtigen. Freilich ist Louis-Philippe König, und ich bin keiner, und habe auch, wie die »Mannheimer Zeitung« meint, wenig Hoffnung, einer zu werden. Freilich hat König Philipp eine Frau und sieben Kinder, und ich bin, Gott sei Dank, unverheiratet. Aber auf der andern Seite hat König Louis-Philippe freie Wohnung, und ich muß die meinige bezahlen; er hat freies Holz aus seinen Wäldern; er hat eine Frau, die ihm die Wirtschaft führt, und ich muß alles selbst besorgen und werde geprellt. Also das gleicht sich aus. Und jetzt stellen Sie unsere Bedürfnisse nebeneinander. Die meinigen sind Ihnen bekannt, ich brauche Ihnen also bloß die des Königs mitzuteilen, wie sie vor einiger Zeit bekanntgemacht wurden. Für Doktor und Apotheker jährlich 80 000 Fr. Ich bin viel krank das Jahr durch und weiß, was es kostet – nicht geheilt zu werden. Der Hofstaat des Königs soll aus tausend Personen bestehen (doch das ist viel zu viel). Nun wird angenommen, daß unter tausend Menschen einer das ganze Jahr durch krank ist. Ich will zugeben, daß die Hofkrankheiten immer von der gefährlichsten Art seien, die täglich zwei ärztliche Visiten erfordern. Jede Visite zu 10 Fr. gerechnet, also täglich 20 Fr., macht das jährlich 7900 Fr. Arztlohn. Täglich für 2 Fr. Medizin, beträgt jährlich 730 Fr., also Arzt und Apotheker zusammen kosten jährlich 8630 Fr., woher nun 80 000? Das ist Verschwendung. – Livreebediente, 200 000 Fr., zu viel. Besoldete Tagediebe von Rang, 650 000 Fr., unerhört! Küche 780 000 Fr., davon werde ich in meinem künftigen Werke: Von den Königs-Magen weitläufiger sprechen. Keller 180 000 Fr.: die Flasche zu 5 Fr. gerechnet, käme auf das Jahr 36 000 Flaschen, und auf den Tag 100. Können Mann und Frau und Schwester und sieben Kinder, meistens Frauenzimmer, täglich 100 Flaschen Wein trinken? Und denken Sie nicht etwa, daß darunter der Gebrauch für fremde Tischgäste mitbegriffen sei, denn die Ausgaben für diese werden unter dem Artikel Feten besonders mit 400 000 Fr. berechnet. – Für 300 Pferde jährlich 900 000 Fr.; also jedes Pferd 3000 Fr. Ein Pariser Blatt bemerkte: »Tausende in Paris würden sich glücklich schätzen, wenn sie zu ihrem Lager das Stroh jener Pferde hätten.« Und erinnern Sie sich noch des herrlichen Marstalles in Hannover, des dortigen Museums, das alle Reisende, alle neugierigen Damen besuchen? Einige hundert Pferde zum Gebrauche eines Königs, der seit hundert Jahren nicht in Hannover residierte, werden dort gefüttert mit dem Brode, getränkt mit dem Schweiße der unglücklichen Untertanen, damit die Majestät des Thrones auch in Abwesenheit des Königs sichtbar werde. Und wenn es kalt ist in Hannover, aber recht kalt, so daß die Tränen der Unglücklichen zu Eis werden, dann – wird in der Nacht Stroh gestreut auf dem Steinboden des Marstalles, quer über die durchlaufende trübe Gosse gelegt, und die armen Leute, die kein Holz haben und kein Bett und keine Suppe haben, ihre erfrornen Glieder zu wärmen, dürfen dahin kommen und dort schlafen zwischen den königlichen Pferden, bis der Tag graut. Es ist keine Verschwendung, wie man sie oft den Höfen vorwirft; o nein. Das Stroh kann man den andern Tag für die Pferde gebrauchen, und den Stellvertretern der königlichen Majestät ist der warme Dunst so vieler Menschen ohnedies gedeihlich. Gott, Gott! nein, Teufel! Teufel! Da wir doch keine Heiden mehr sein dürfen, welche die menschlichen Götter anriefen!

Weiter. Für Heizung 250 000 Fr. Damit könnte man ganz Sibirien wärmen, und das Holz wäre dort besser verwendet, damit unsere armen Polen nicht erfrieren. Übrigens steht die ganze Ausgabe betrügerisch da, da der König sein Holz aus seinen Domänenwaldungen zieht und es also nicht zu bezahlen braucht. Beleuchtung 370 000 Fr., und trotz den vielen Kerzen lebt König Philipp wie jeder König, immer im Dunkeln! Wäsche 160 000 Fr. Rechnen Sie mir aus, wie das möglich ist. Musik, Theater, 300 000 Fr. Reisen eine Million; Geschenke 160 000 Fr. Ein Fürst hat gut schenken! Und alle diese Ausgaben zusammen nennt man an den Höfen: die kleinen Vergnügungen der Fürsten, les menus plaisirs. Was kosten ihnen nicht erst ihre großen Freuden, Kriege, Eroberungen, Mätressen, Leibgarden, Günstlinge, Bestechungen, geheime Polizei! Und fragen Sie vielleicht, aber im Ernste, wie sind solche große unmögliche Bedürfnisse nachzuweisen? ist die Antwort: höchstens der vierte Teil dieser Summe wird zu angegebnem Gebrauche verwendet; drei Vierteile werden gestohlen, kommen in die Hände einiger begünstigten Lieferanten, die den Vorteil mit dem Hofminister teilen. Aber nicht der König, das Volk wird betrogen, welches die Zivilliste bezahlen muß.

Neulich las ich einige merkwürdige Beispiele von Hofgaunereien. Die Kaiserin Katharina von Rußland, welche ihren Haushalt selbst übersah, fand einmal in der Rechnung 28 000 Fr. für Talglichter angesetzt. Diese große Summe fiel ihr um so mehr auf, da sie den strengsten Befehl gegeben hatte, daß an ihrem Hofe kein Talglicht gebrannt werden sollte. Sie stellte Untersuchungen an, und da fand sich, daß der junge Prinz, nachmaliger Kaiser Alexander, sich ein Talglicht hatte kommen lassen, um damit seine aufgesprungene Lippe zu bestreichen. Der Lakai, der das Licht kaufte, stellte vier Pfund in Rechnung, der Vorgesetzte über ihn machte eine Summe von 300 Fr. daraus, und so, von Diener zu Diener hinaufsteigend, schwoll die Summe immer höher an, bis endlich der Oberhofintendant die runde Summe von 28 000 Fr. zu Papier brachte. Ludwig XVIII. hat berechnet, daß ihm jedes frische Ei, das er verzehre, auf 30 Fr. zu stehen komme. Es ist wahr, die Hofdiebe treiben ihr Handwerk mit großer Genialität, und ich selbst, wenn ich Richter wäre, würde mich bedenken, solche große Künstler an den Galgen zu bringen. Solche Geschichten wären sehr spaßhaft, sehr unterhaltend, wenn nur das Volk den teuern Spaß nicht bezahlen müßte.

 

Donnerstag, den 5. Januar

Gestern war in diesem Winter der erste Abend bei *** [Mauguin]. Das ganze Perpetuum Mobile der Kammer war da; Odilon-Barrot, Pagès, Clauzel, Lamarque, Mauguin, und wie sie sonst alle heißen. Auch die Generale Romarino und Langermann, Lelewel und noch viele andere konfiszierte Polen. Wenn man den Lelewel sieht und hört, sollte man es ihm nicht zutrauen, daß er den Geist und Mut hätte, vor einer Revolution herzugehen. Er sieht so zerquetscht aus, spricht so matt und gebrochen, hat ein so furchtbares Organ, daß man ihn für einen deutschen Stubengelehrten halten sollte. Doch vielleicht hat ihn das Unglück seines Vaterlandes niedergeworfen; vielleicht auch (und das ist das Wahrscheinlichste) ist er bedenklich, an öffentlichen Orten frei zu sprechen. Denn ein anderer Pole klagte mir, es wäre ein Jammer und eine Schande, wie viele Spione es unter ihnen in Paris gäbe. Unter den anwesenden Deutschen war auch Börne, der Verfasser »der berüchtigten Briefe aus Paris«, wie sie die berühmte »Allgemeine Zeitung« nur allzu gelinde nennt. Er mußte mich wohl für einen Franzosen gehalten haben; denn er unterhielt sich mit einem Deutschen über Dinge, die gewiß keiner hören sollte, und es hinderte ihn gar nicht, daß ich ganz nah dabeistand. Und so habe ich denn gehört, wie dieser Freiheitsheld, dieser Demagog, dieser Fürstenknacker, zu dem andern sagte: er verspräche, wenn er ihm ein Pfund Rauchtabak und ein halbes Pfund Schnupftabak aus Deutschland verschaffte, dafür seinen Fürsten, soviel und solange er wolle, öffentlich zu loben. Und für einen so heillosen Menschen, der für anderthalb Pfund Tabak sein Gewissen verkauft, können Sie eingenommen sein? Der Deutsche, dem er dies Anerbieten machte, war Herr von *** aus ***.

Es herrschte eine besonders große Bewegung in der Gesellschaft. Die Herrn waren noch ganz heiß von der Kammersitzung, in der an diesem Tage ein heftiger Aufruhr stattfand, weil Montalivet die Franzosen Untertanen des Königs genannt. Sie werden das in der Zeitung gelesen haben. *** ließ die seitdem bekannt gewordene Protestation in der Gesellschaft zirkulieren, welche die anwesenden Deputierten unterschrieben. Um Mitternacht rief mich *** in ein abgelegenes Kabinett, wo ich ***, den General *** und *** an einem Tische mit Schreiben beschäftigt fand. Die deutschen Angelegenheiten kamen da zur Sprache. Was dort verhandelt worden, wage ich nicht dem Papiere anzuvertrauen, und es in unsere Sprache zu übersetzen, habe ich heute keine Zeit. Doch eine wichtige Äußerung des Generals *** muß ich Ihnen mitteilen. (P. 414. T. 4. Monat 18.) »Soli Branz, Resseo pariam vorum catibis, press ar littotas massica plissos, vorissilo caruss ab itanis. Os? per vens politan. Ciro! navira canti babus sirneos romarinos; vertel. Cassus iran poplita poplites, varina Faessionibus. Venamos pur? valemi naro incitamentamus. Pasti? marmorum quesitan. Cass ab, papiron gash.« Ich fragte ***, welche Garantie man den Deutschen gäbe. Darauf brach er in ein lautes und boshaftes Lachen aus und sprach: »Ihr seid ein Volk und verlangt Garantie?« Ich schämte mich meiner Übereilung, und um meine Verlegenheit zu verbergen, erzählte ich ihm eine bekannte deutsche Anekdote. Kaiser Joseph errichtete zwei Regimenter von lauter Juden. Als diese einmal in Friedenszeiten nachts durch einen Wald marschieren sollten, baten sie den General, er möchte ihnen Bedeckung mitgeben, weil, wie das Gerücht ging, Räuber den Wald unsicher machten. Praxas kuhu, praxas kuhu – sagte ich noch. Mündlich das Nähere.

– Heute schickte mir der hiesige Gesandte der freien Städte ein Protokoll der Frankfurter Polizei mit, das ihm für mich zugeschickt worden war. Ich habe es aber auch gar zu gut und bequem in dieser Welt, über die alle Menschen klagen, und mein Hôtel des menus plaisirs ist viel reicher versorgt wie das des Königs. Wie glücklich war ich, als ich den guten alten Kanzleistil wiedersah! Ich drückte ihn an mein Herz, ich küßte ihn. Ein Ruf zu einem Staatsamte in Form eines Steckbriefes abgefaßt! Das Protokoll ist geschrieben »in Gegenwart Sr. Hochwohlgeboren des wohlregierenden jüngern Herrn Bürgermeisters Herrn Senatoris D ris Miltenberg; S. T. Herrn Senatoris D ris Behrends; S. T. Hofs, des Rats, und meiner, des Actuarii Münch«. Herr wird meinem Namen niemals vorgesetzt, sondern ich heiße immer der Dr. Ludwig Baruch modo Bœrne. Das »Herr«, das sie mir gestohlen, schenkten sie dem jüngern Bürgermeister, so daß dieser zweimal »Herr« vor seinem Namen hat. Er hätte es nicht annehmen sollen. Heißt das »wohlregeren«? Ich mußte in Gegenwart meiner, des D ris Ludwig Baruch modo Bœrne, herzlich lachen über das Polizeiprotokoll. Es hat 57 Zeilen und nur ein einziges Punktum. Es fängt an: »Als vorkam, daß des zufolge«, und endet: »zu sistieren habe«. Hat man je eine Schrift gelesen, die anfängt: Als vorkam, daß des zufolge? Konnte da je etwas Gutes daraus werden? In der Mitte des Protokolls heißt es, nach dem Reichs-Deputations-Schluß von 1803 müsse ich als Pensionär ein Amt annehmen, und nach meiner Vorstellung an den Senat vom 19. Juli 1815 wollte ich eines annehmen. Da ich nun zugleich müßte und wollte, sollte ich mich sistieren, um der Frankfurter Polizei in ihrer großen Verlegenheit auszuhelfen; denn sie könnte ohne mich länger nicht mehr fertig werden. Ich schicke morgen dem Dr. Reinganum das Protokoll, und bei dem können Sie es lesen. Bringen Sie aber einige Punkte hinein, es könnte sonst ihrer Brust schaden. Siebenundfunfzig Zeilen und ein Punktum! Es ist greulich, wie Eduard Meyer in Hamburg sagt; und, was zu arg ist, ist zu arg, wie er ebenfalls sagt; und, da muß einem die Geduld reißen, wie er nicht minder sagt. Siebenundfunfzig Zeilen und ein Punktum! Das ist ja noch ärger wie Falstaffs Wirtshausrechnung. Ein Penny für Brot, und dreißig Schilling für Sekt. O Herr Aktuarius Münch, warum haben Sie nichts von mir profitiert? Ich war drei Jahre Ihr Kollege, und Sie hätten von mir lernen können, wie man Punkte setzt, Fallen stellt, Schlingen legt.

Dem *** werde ich nicht schreiben, das habe ich mir schon früher vorgenommen. Glauben Sie doch ja nicht, daß mir solche Dinge Gemütsbewegung machen. Unangenehme Berührungen von Menschen weiß ich leicht zu heilen. Sooft mir ein Narr oder ein Bösewicht vorkömmt, erhebe ich ihn zu einem Narrenkönig oder zu einem Könige der Bösewichter. Dann sehe ich sein ganzes Volk hinter ihm, und mit der Menschheit darf man nicht rechten. Gott hat sie geschaffen, wie sie ist, und hat allein alles zu verantworten. *** ist mir ein solcher Narrenkönig. » Ich kann dich nur beklagen« – kömmt das nicht in einer Oper, ich glaube in der »Zauberflöte« vor? Nun, ich sage dem ***: Ich kann dich nur beklagen, eitler Narrenkönig!

Den »Cormenin«, und was Sie sonst wünschen, werde ich Ihnen durch die erste Gelegenheit schicken. Drei Briefe sind erschienen und jetzt in einer Broschüre vereinigt herausgekommen. Den dritten Brief habe ich gelesen. Es ist die Weisheit in Zahlen und ist die Torheit in Zahlen. So, und nur so allein muß man die Menschen belehren; denn sie sind so dumm, daß sie nichts begreifen, was sie nicht zählen können. Sie sind gar zu dumm, die Menschen! Wenn sie nur einen einzigen Tag wollten, oder nur einen einzigen Tag nicht wollten, dann wäre wenigstens allen Leiden ein Ende gemacht, die von den Menschen kommen, und blieben dann nur noch Überschwemmungen, Erdbeben, Krankheiten übrig, welche Plagen nicht viel bedeuten. Aber wollen! Das ist's. Nicht wollen; das ist's noch mehr. Kaiser Maximilian hatte einen Hofnarren, der sagte ihm einmal: Wenn wir nun alle einmal nicht mehr wollen, was willst du dann tun? Ich weiß nicht, was der Kaiser darauf geantwortet; aber der Narr, der schon vor länger als drei Jahrhunderten einen solchen großen Gedanken haben konnte, mußte ein erhabner Geist gewesen sein.

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