Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Börne >

Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 64
Quellenangabe
pfad/boerne/briparis/briparis.xml
typereport
authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100102
projectidc89a2b20
Schließen

Navigation:

Vierundsechzigster Brief

 

Paris, Samstag, den 24. Dezember 1831

Dr. Riesser in Hamburg hat für mich gegen meinen Eduard geschrieben; aber weder in Hamburg noch in Altona wollte die Zensur den Druck der Schrift erlauben. Sie wird jetzt in Braunschweig gedruckt. So sind die deutschen Regierungen! So schamlos ist ihre Zensur! So sind die freien Städte – welche die Monarchen nur darum fortbestehen ließen, um republikanische Regierungsformen lächerlich und verächtlich zu machen; um zu zeigen, daß ein Senat von Bürgern so knechtischer Gesinnung sein könne als ein Staatsrat von Edelleuten. Der nämliche Zensor, der es doch geschehen ließ, daß eine Schrift voll der unerhörtesten Schimpfreden gegen mich erschien, deren Titel schon eine Beleidigung war, verbot die Schrift, die meine Verteidigung übernahm! Und solche Regierungen verlangen noch, daß man sie achte! Campe schreibt mir ferner: »Denken Sie sich die Tollheit der Menschen; einige behaupten steif und fest, Sie hätten diese Briefe im österreichischen Solde geschrieben, damit man der Presse beikommen könne. Ist das erhört?« Glauben Sie mir, so dumm das ist, so gibt es doch Menschen, die noch dümmer sind als das, und es ist darum gar nicht unmöglich, daß irgendein Lohnbedienter irgendeines Kommis-Voyageur der Diplomatie ein solches Gerücht vorsätzlich in den Gang gebracht.

Sechzehnmal ist Campe schon verhört worden. Ich habe [k]eine Vorstellung davon, was sie ihn alles ausfragen. So oft stand Louvel nicht vor Gericht. Es kostet viele Arbeit, bis man in Deutschland gehängt wird. – Der Artikel gegen meine Briefe, dessen ich gestern erwähnt, steht in der »Zeitung von Bern«, wie ich Ihnen schon geschrieben, einen Trödelmarkt, wo die aristokratischen Lumpen von ganz Europa aufgehäuft liegen. Er lautet wie folgt: » Noch ein Urteil über Börnes Briefe. Die ›Mannheimer Zeitung‹ schließt eine kurze Kritik dieser politisch-literarischen Monstrosität folgendermaßen: ›Was hier mit dürren Worten, von allen hochtrabenden Phrasen befreit, gesagt wird, ist leider die Geschichte der heutigen Tage. Geld- und Ehrgeiz bilden die Grundlage der Börnischen Ausfälle und erwecken in ihm den tödlichen Haß, welcher sich auf jeder Seite ausspricht. Weil er nicht Hofrat, Staatsrat, Minister ist, haßt er alle Beamten; weil er selbst kein Geld hat, so trifft sein Haß alle Begüterte, Bankiers oder wohlhabende Bürger; und weil er endlich nie Fürst werden kann, so fällt das größte Gewicht seines Hasses auf die Großen dieser Erde. Was er auszusprechen, in so furchtbarer Wahrheit laut zu denken wagt, verzehrt im stillen Tausende. Es ist daher die Wut ganz begreiflich, mit der alle seine Geistesverwandten über den Unverschämten herfallen, welcher in so ganz unbegreiflich naiven Geständnissen der Zeit vergißt und den Schleier lüftet, welchen bisher ein erkünstelter Patriotismus so fein gewoben hatte. Es war daher nur ein Schrei des Entsetzens unter seinen Freunden, als sie ihr klug bewahrtes Geheimnis so leichtsinnig verraten und alle die zarten Fäden aufgedeckt sahen, mit denen sie ihre Pläne umsponnen. Sie mußten, und wohl nicht mit Unrecht, fürchten, daß, ist einmal die Maske gefallen, die öffentliche Meinung, welche sie bisher schlau für sich benutzt, sich gegen sie richten und so den Nimbus zerstören würde, der sie umgibt. Solche Fingerzeige bleiben für den Triumph der guten Sache nicht verloren! Es ist daher Börnes Werk ein lehrreiches und nützliches Buch!‹« Das merkt euch, Kinder, und stellt die Pariser Briefe neben eure »Andachtsstunden«!

– Mein Kamin raucht nicht mehr, er ist geheilt worden, und gründlich. Ich habe da wieder erfahren, daß man gegen diese spitzbübischen Franzosen, will man sein Recht behaupten oder erlangen, grob sein muß. Ist man artig, wird man besiegt; denn sie verstehen noch artiger zu sein als wir. Diese ihre Waffen wissen sie so geschickt zu gebrauchen; sie geben uns freundliche Worte, süße Versprechungen, um uns einzuschläfern und unsere Ansprüche zu entwaffnen. Ich aber, der das kannte, ließ mich nie irreführen und wußte durch periodisch abgemessene, regelmäßig wiederkehrende Grobheit immer zu erlangen, was mir gebührte. Acht Tage lang schickte ich täglich viermal den Konrad zum Hausherrn mit der Ermahnung, für den Kamin zu sorgen. Da dies nichts half, kündigte ich das Logis auf. Das wirkte.

– Herolds Artikel in den »Zeitschwingen« hat mir sehr gut gefallen. Darin ist jugendlicher Mut und Übermut, wie ihn der Kampf dieser Zeit erfordert. So eine Butterseele wie dieser Alexis will es ja nicht besser, als geschmiert zu werden – freilich mit goldenen Messerchen, von zarter Hand, auf zartgeröstetes Weißbrötchen. Nun kömmt eine tüchtige Bürgerfaust und schmiert sie mit einem Kochlöffel auf Haberbrot; das wird der Berliner Butterseele ihre Schmiegsamkeit etwas verleiden.

Ob ich die Wiener Gedichte kenne? Wie sollte ich sie nicht kennen! Sie wohnen seit zwei Monaten in meinem Herzen, und ich sehe und höre sie täglich. Aber zanken muß ich mit Ihnen, daß Sie durch solches unzeitiges Fragen mich in meiner Druckerei stören. Ich wollte nächstens mit Ihnen davon zu sprechen anfangen, ich wollte Sie fragen: »Haben Sie die Spaziergänge eines Wiener Poeten gelesen?« und dann, trott, trott, weiter. Jetzt muß ich erst zu vergessen suchen, daß sie Ihnen bekannt sind. Wenn das noch einmal geschieht, wenn Sie noch einmal durch ungerufenes Entgegenkommen mir meine schüchterne Schriftstellerei verwirren, lasse ich künftig Ihre eigenen Briefe statt der meinigen drucken. Da wird sich auch wohl für Sie ein weiblicher Eduard finden, und dann wollen wir sehen, wie Sie mit dieser Hamburger Megäre fertig werden.

Der Constitutionnel, seit vielen Jahren das mächtigste Blatt der Opposition, ist jetzt in Casimir Périers Hände gefallen. Er hat ihn für eine halbe Million Aktien gekauft und kann daher mit ihm verfahren, wie ihm beliebt. Sie müssen das bekanntmachen, und die andern sollen es auch weiterverbreiten, damit sich keiner täuschen lasse. Es wird noch einige Zeit dauern, bis der Constitutionnel seine Maske völlig abwirft. Das Blatt hat seit vier Wochen schon viertausend Abonnenten verloren.

 

Montag, den 26. Dezember

Soeben verläßt mich ein Besuch, dessen Veranlassung mir sehr erfreulich war, dessen Erfolg noch erfreulicher werden kann. Es war ein junger freundlicher Mensch, aus Hof in Bayern gebürtig, seit einigen Jahren in einer hiesigen Handlung als Kommis angestellt. Er sagte, daß er im Namen seiner zahlreichen Freunde käme, die erst kürzlich aus der Zeitung erfahren, daß ich in Paris sei, um mir zu danken für den Eifer, den ich in meinen Schriften für die Sache des Vaterlandes an den Tag gelegt – und so fort. Ich suchte das abzukürzen. Darauf weiter: er sei beauftragt, mich um Rat zu fragen. Er, seine Freunde und Kameraden, wohl zwei- bis dreihundert an der Zahl, alle junge Kaufleute, hätten sich vorgenommen, an die bayrischen und badischen Stände eine Adresse zu erlassen, um ihnen für den Mut und die Beharrlichkeit, mit welcher sie für Recht und Freiheit gestritten, die Gefühle ihrer Bewunderung und ihrer Erkenntlichkeit auszudrücken. Auf meine Bemerkung, daß eine solche Adresse zu spät käme, weil in wenigen Tagen die Stände in München und Karlsruhe auseinandergehen würden, erwiderte man mir: daran läge nichts; es wäre ihnen ja bloß darum zu tun, auch ihrerseits ihre Gesinnung öffentlich kundzutun. Der ausdrücklichen Bitte zuvorkommend, erklärte ich, daß ich herzlich gern eine solche Adresse aufsetzen würde. Ich bemerkte: der Schritt, den sie zu machen dächten, würde von den heilsamsten Folgen sein. Uns andern, aus dem Stande der Gelehrten und Schriftsteller, sooft wir von verfassungsmäßigen Rechten, von Freiheit und Staatsreformen sprächen, machte man den Vorwurf der Unruhestiftung und heillosen Zerstörungssucht, und wo man einmal so gnädig sei, uns milder zu betrachten, spottete man unserer luftigen Schwärmereien, die mit dem wahren Glück des Volkes, das auch für solche hohe Ideen nirgends Sinn habe, in gar keiner Verbindung stünde. Jetzt aber kämen sie, alle Kaufleute, die durch Stand, Gewerbe und tägliche Beschäftigung an das Positive gewiesen, ja durch Maß, Gewicht und Zahlen an die Wirklichkeit, wenn sie sie je vergessen möchten, stündlich erinnert würden, und wünschten und forderten das nämliche. Sie sprächen es aus, daß die materiellen Interessen, wo die Sorge für dieselben löblich wäre, innigst an die moralischen Interessen gebunden wären, und daß nach allem das sinnliche Wohlbefinden und Wohlbehagen der Menschen nicht ihre höchste Bestimmung sei. Dieses würde eine große Wirkung machen und die ewigen Feinde der Freiheit in Verwirrung bringen, die, deren Freunde um so leichter zu besiegen, den Stand der Handelsleute und den der Gelehrten zu entzweien suchten ... In diesem Sinn werde ich nun für die jungen Leute die Adresse abfassen.

 

Dienstag, den 27. Dezember

Dreimal lese ich Ihren Brief. Aber wie kann ich auf alles, antworten? Ein Frauenzimmer fragt mehr, als hundert Männer beantworten können.

Von Schlegels Epigrammen habe ich einige vorlesen hören, keine gegen Arndt, aber welche gegen Menzel. Ganz erbärmlich. Der Geck ist jetzt hier. Solche Leute schickt seit der Revolution die preußische Regierung eine Menge hierher. Aber statt zu spionieren, welches ihre Sendung ist, werden sie spioniert. Die französische Regierung erspart dadurch Geld, Spione in Berlin zu besolden. Bequemer und besser kann man es nicht haben. Schlegel wohnt, aus alter Freundschaft von der Staël her, bei deren Schwiegersohn, dem Herzog von Broglie, und wird dort, wie man mir erzählt, zum besten gehabt und en bas behandelt.

Die Damen hier und eine große Zahl von Künstlern haben sich vereinigt, Handarbeiten, kleine Kunstwerke zu verfertigen und sie zum Vorteile der Polen auszuspielen. Die Gegenstände der Lotterie werden bis zur Ziehung in einem Saale öffentlich ausgestellt. Der Zettel kostet zwei und einen halben Franc. Wie gewöhnlich bei solchen Unternehmungen, stehen die Namen der Frauenzimmer in der Zeitung, bei welchen die Lose zu haben sind. Frau von *** [Rothschild] ist dieses Mal nicht dabei. Es ist keine legitime Barmherzigkeit, und Revolutionärs verhungern zu sehen, tut auch einem sanften weiblichen Herzen wohl. Die schöne Dame in ihrem Boudoir denkt, wie es einer zärtlichen Gattin ziemt, an den Mann auf dem Bureau und begreift, das an einer Anleihe für Könige mehr zu verdienen sei als an einer für den Himmel.

 << Kapitel 63  Kapitel 65 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.