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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 62
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zweiundsechzigster Brief

 

Paris, Mittwoch, den 14. Dezember 1831

Gestern hat sich Mauguin mit dem Deputierten Viennet geschlagen. Mauguin vergaß sich und nannte die Kammer eine ministerielle; Viennet, selbst ein Ministerieller, vergaß sich auch und nannte den Mauguin einen schamlosen Menschen. Das beleidigte ihn, und er forderte Viennet. Ich finde es aber lächerlich, daß er einen Vorwurf, den er andern gemacht, nicht selbst annehmen wollte. Darauf wurden zwei Pistolen geladen, und mit nicht mehr und nicht weniger als zwei Schuß Pulver wurden zwei Ehren wiederhergestellt. In England und Deutschland wird so etwas gewöhnlich mit mehr Ernst betrieben, hier aber wird oft eine Komödie daraus gemacht: denn ich vermute sehr, daß man falsch ladet. Wäre ich Sekundant, ich täte eine gute Kugel hinein. Zwar wäre der Welt mit einem Narren weniger nicht geholfen; aber ich täte es aus Bosheit.

Meine Pariser Briefe sind jetzt bei den hiesigen Buchhändlern angekommen, und ich habe sie gelesen mit einer Ruhe und einer Gleichgültigkeit, mit der man die Rechnung eines Schneiders liest, wenn, um sie zu bezahlen, es weder an Geld noch gutem Willen fehlt. Ich würde kein Wort zurücknehmen, wenn ich sie heute schriebe, und keine einzige Rede nur um einen Lichthauch blässer machen. Grob sind sie freilich, wie man sie gefunden. Wer hieß aber auch die dummen Menschen ihnen so nahe treten und sie durch die Brille betrachten? Sie sind grob, wie Freskogemälde sind und sein müssen, die in einiger Entfernung angeschaut werden sollen. Auf der frischen, noch feuchten Gegenwart gemalt, mußten die Züge schnell der entschlossenen Hand nachstürzen, durften nicht hinter zaudernder Bedenklichkeit nachschleichen. Dem Volke, das in weiten Kreisen umhersteht und kein Vergrößerungsglas gebraucht, fällt es gerade mit dem rechten Maße in die Augen. Wie freue ich mich, daß mir das gelungen; wie froh bin ich, daß ich der pastellfarbigen Artigkeit entsagt, die den verzärtelten Diplomaten so gut gefällt, weil sie es weglächeln, sobald es ihnen nicht mehr behagt. Nein, diesmal habe ich tiefe Furchen durch ihre Empfindung gezogen, und das wird Früchte tragen; denn selbst für ihre eigenen Felder ist die Saat nicht in ihrer Hand – Gott sorgt dafür. Daß man mir nur das Herz öffne, feindlich oder freundlich, gleichviel; beides ist mir willkommen, denn beides nützt der guten Sache.

Heine hat gegen die zwei Hamburger Künstler Meyer und Wurm, die noch freskoartiger gemalt als ich selbst, einen Artikel geschrieben. Gelesen habe ich ihn nicht; er sprach mir bloß von seinem Vorsatze. Es war ihm aber gar nicht darum zu tun, mich zu verteidigen, sondern sich selbst, da er zugleich mit mir angegriffen worden. Heine hat darin eine wahrhaft kindische Eitelkeit; er kann nicht den feinsten, ja nicht einmal den gröbsten Tadel vertragen. Er sagte mir, er wolle jene Menschen vernichten. Das dürfte mir gleichgültig sein. Zwei Spatzen weniger in der Welt, das hilft zwar nichts, kann aber doch nichts schaden. Den Artikel schickte er an Cotta für die »Allgemeine Zeitung«; nun schrieb ihm dieser zurück: Es möchte doch seine Bedenklichkeit haben, eine Schrift zu verteidigen, worin mit ausdrücklichen Worten stünde, jedes Volk dürfe seinen König absetzen, sobald ihm seine Nase nicht mehr gefiele. Geduld, himmlische Geduld! Was fange ich nun mit solchen Menschen an, die ganz ernstlich glauben, ich hätte den Völkern geraten, ihre Fürsten zu verjagen, sobald sie mit deren Nasen unzufrieden würden? Wie würde es mir ergehen, wenn ich gegen solche Anschuldigungen mich vor deutschen Richtern zu verteidigen hätte? Wenn ich sagte: Meine Herrn, Sie müssen das nicht so wörtlich nehmen – nun, ich glaube, das glaubten sie mir vielleicht. Was würde mich das aber nützen? Sie würden erwidern: Sie hätten aber bedenken sollen, daß Sie nicht bloß für gebildete Leser schreiben, sondern daß auch eine große Zahl Ungebildeter Ihre Werke liest, die, keiner Überlegung fähig, sich nur an den Wortverstand halten. Zu dieser Bemerkung würde ich schweigen und sagen: Laßt mich in das Gefängnis zurückführen. Alles Reden wäre doch vergebens. Stünde ich aber vor keinem deutschen heimlichen Gerichte, wären Geschworne da und säße Volk auf den Galerien, würde ich mich, wie folgt, verteidigen: Meine Herrn! Der Deutsche ist ein Krokodil (Allgemeines Geschrei des Unwillens, Krokodil! Krokodil! zur Ordnung, zur Ordnung!) ... Meine Herrn, der Deutsche ist ein Krokodil. (Zur Ordnung, zur Ordnung! Der Präsident: Sie mißbrauchen das Recht der Verteidigung ...) Meine Herrn, der Deutsche ist ein Krokodil – aber ich bitte Sie, lassen Sie mich doch zu Ende reden. Wenn ich sage, der Deutsche ist ein Krokodil, so meine ich gewiß nicht damit, der Deutsche sei ein wildes, grausames, räuberisches Tier wie das Krokodil und weine heuchlerische Kindestränen. Ich denke gerade das Gegenteil. Der Deutsche ist zahm, gutmütig, räuberlich, aber gar nicht räuberisch, und weint so aufrichtige Tränen als ein Kind, wenn es die Rute bekömmt. Wenn ich das deutsche Volk ein Krokodil genannt, so geschah es bloß wegen seiner Körperbedeckung, die ganz der eines Krokodils gleicht. Sie hat dicke harte Schuppen und ist wie ein Schieferdach. Was Festes darauf fällt, prallt ab, was Flüssiges, fließt hinunter. Jetzt denken Sie sich, meine Herrn, Sie wollten ein solches Krokodil tierisch magnetisieren; zweitens, um es später von seinen schwachen Nerven zu heilen; erstens, um es früher hellsehend zu machen, daß es in sein Inneres hineinschaue, seine Krankheit erkenne und die dienlichen Heilmittel errate. Wie würden Sie das anfangen? Würden Sie mit zarter, gewärmter Hand auf dem Panzer des Krokodils herumstreicheln? Gewiß nicht, Sie wären zu vernünftig dazu. Sie würden begreifen, daß solches Streicheln auf das Krokodil so wenig Eindruck machte als auf den Mond. Nein, meine Herrn, Sie würden auf dem Krokodil mit Füßen herumtreten, Sie würden Nägel in seine Schuppen bohren, und wenn dies noch nicht hinreichte, ihm hundert Flintenkugeln auf den Leib jagen. Sie würden berechnen, daß von dieser großen angewendeten Kraft neunundneunzig Hundertteile ganz verloren gingen, und daß der Hundertteil, der übrigbliebe, gerade die sanfte und bescheidene Wirkung hervorbrächte, die Sie bei Ihrem tierischen Magnetisieren beabsichtigen. So habe ich es auch gemacht. Wäre aber das deutsche Volk kein Krokodil, sondern hätte es eine zarte Haut, wie die schöne Fürstin von ***, dann hätte ich ihm nicht gesagt, es dürfe einen Fürsten vertreiben, der eine unangenehme Nase hat, sondern ich hätte wie folgt mit ihm gesprochen: ›Die Fürsten – mag sie nun Gott oder der Teufel, oder mögen sie sich selbst, mag die weise Vorsehung, oder mag der Narr Zufall sie eingesetzt haben – sind bestimmt, die Völker, welche ihnen anheimgefallen, nicht bloß mit Gerechtigkeit, sondern auch mit Weisheit, nicht bloß mit Weisheit, sondern auch mit Stärke, nicht bloß mit Stärke, sondern auch mit Milde zu regieren. Wo sie dieses nicht tun oder nicht vermögen: wo sie das Recht schmählich verletzen, ihren eigenen Sünden oder denen ihrer Lustgesellen zu frönen; wenn sie statt der ernsten Stimme der Klugheit den Possenliedern der Torheit ihr Ohr hingeben; wenn sie zu schwach oder zu feige sind, den Verführungen oder Drohungen fremder Fürsten zu widerstehen; wenn sie jedes Vergehen als eine Beleidigung ihrer Macht blutig und tückisch rächen – ein so mißhandeltes, so mit Füßen getretenes Volk darf und muß seinen verbrecherischen Fürsten vom Throne stoßen und aus dem Lande jagen.‹ Hätte ich aber so mit dem deutschen Krokodil gesprochen, wie viel von meinen Worten wäre in sein Inneres gedrungen? Wenig, nichts, ja weniger als nichts. Ein Defizit des Widerstandes wäre dabei herausgekommen, und das Krokodil hätte meine Lehre so gedeutet: einem Fürsten, der despotisch regiere, müsse man die Zivilliste verdoppeln. Darum sagte ich ihnen: ›Ihr dürft jeden Fürsten verjagen, sobald euch seine Nase nicht mehr gefällt.‹ Deutsche Gutmütigkeit bringt von solcher Lehre neunundneunzig Hundertteile in Abzug, und dann bleibt gerade so viel übrig, als ihnen zu wissen gut ist, als ich ihnen beizubringen mir vorgesetzt« ... (allgemeines Beifallklatschen). Der Präsident: Alle Zeichen des Beifalls oder der Unzufriedenheit sind untersagt; wenn die Ruhe noch einmal gestört wird, werde ich den Saal räumen lassen ... Darauf ziehen sich die deutschen Geschwornen in ihr Zimmer zurück. Nach zehn Monaten, elf Tagen, zwölf Stunden und dreizehn Minuten treten sie wieder in den Saal und erklären den Angeklagten für nicht schuldig. Todesstille. Die Geschwornen sehen sich um und werden bleich. Während ihrer Beratschlagung waren Angeschuldigte, Richter, der Prokurator des Königs, der Verteidiger, sämtliche Advokaten und Zuhörer, alle Hungers gestorben und schon in Fäulnis übergegangen. Diese traurige Geschichte hatte in Deutschland großes Aufsehen gemacht, und Herr von Kamptz in Berlin benutzte sie geschickt und ließ in Jarckes antirevolutionärem Tendenzblättchen einen Aufsatz drucken, worin er aus der neuesten Erfahrung bewies, daß ein Schwurgericht für Deutschland gar nicht passe.

Sie aber, Sie, was halten Sie davon? Finden Sie nicht, daß ich recht habe? Aber mein Gott! Sie haben gar nicht achtgegeben. Sie waren zerstreut, und ich weiß auch warum. Während meiner langen Rede haben Sie an nichts gedacht, als wer die Fürstin sei, deren schönen Teint ich gelobt. Ich werde mich wohl hüten, das zu gestehen. Indem ich es verschweige, werden alle deutsche Prinzessinnen die Schmeichelei auf sich beziehen, und ich werde dadurch sechsunddreißig regierende Herzen gewinnen, welches mir sehr nützlich sein kann, wenn ich einmal früher oder später in die rauhen Fäuste irgendeiner deutschen Polizei plumpe.

– Gestern habe ich einem Weltessen beigewohnt. Nicht einem Essen, wo, wie in manchen Ländern Europens, die Welt von wenigen Mäulern gespeist wird; sondern wo die Welt durch ihre Repräsentanten selbst speist. Ich habe Nord- und Südamerikaner, Ägyptier und Ostindier, Schweden, Polen, Franzosen, Engländer, Deutsche, Schweizer, Italiener um einen Tisch versammelt gesehen. Nur Russen waren keine da; denn diese, mit den Markknochen der Polen angenehm beschäftigt, verschmähen jetzt die magern Beefsteaks von gewöhnlichen Ochsen. Herr Jullien, Herausgeber der bekannten Revue encyclopédique, versammelt seit vielen Jahren seine Freunde und die es werden sollen – das will sagen: alle Welt – monatlich einmal zu einem enzyklopädischen Diner. Die Gesellschaft ist gewöhnlich mehr als hundert Personen stark; gestern aber waren es höchstens dreißig. Ihnen die kleinen Götter, die berühmten Polen, Italiener, Franzosen zu nennen, wäre zu weitläufig; die berühmten Frankfurter herzuzählen, wäre kürzer, aber das verbietet mir die Bescheidenheit. Von europäischem Rufe war nur ein einziger Mann gegenwärtig, Sir Sidney Smith, dessen Biographie Sie im Konversationslexikon finden. Er ist ein schöner und für sein Alter noch rüstiger Mann, und, was an einem Seehelden auffällt, er hat ganz die Art und Haltung eines feinen Parisers. Der würde nie, wie Jean Bart, Tabak im Vorzimmer eines Königs rauchen. Ich habe mich sehr unterhalten. Aber, mein Gott, ich erstaune über die Menschen, welchen in Paris nicht aller Ehrgeiz zu Ekel wird. Diese Stadt ist eine Kloake des Ruhms, die ihn auf dunkeln und schmutzigen Wegen in den nächsten Bach schwemmt, worin er immer weiter und weiter, bis in das Meer der Vergessenheit fließt. Sidney Smith wohnt seit vielen Jahren in Paris. Seine Tochter wohnt auch hier und ist an den Baron Delmar (Ossianischer Name), einen getauften Juden und geadelten Lieferanten aus Berlin, verheiratet. Man erzählte mir von ihm, daß er nur Personen vom höchsten Stande empfange und man, um in seinem Hause Zutritt zu erhalten, mehr Ahnen bedürfe, als man ehemals von einem deutschen Domherrn forderte. So ist es aber in allen Ländern; christlicher Adel und jüdisches Geld haben eine unglaubliche Affinität gegen einander, und darum ist die Faubourg St.-Germain jeder Residenz eigentlich eine Vorstadt Jerusalems.

Ein junger Mensch aus Genf ließ, als er meinen Namen hörte, sich mir vorstellen und äußerte: er habe schon längst den Wunsch gehabt, mich kennen zu lernen. Sie wissen ja, wie ich bei solchen Gelegenheiten mit meinem Pagodenkopf wackele; ich lache mich immer selbst aus und erst später den andern. Der junge Neugierige nahm bei Tische seinen Platz neben mir. Ich fragte ihn, wie es ihm in Paris gefiele. Er erwiderte, die Politik verleide ihm seinen ganzen Aufenthalt. Ich stutzte; doch weiß ich mich leicht in solche Denkungsart zu finden. In meinem eigenen Kopfe ist eine große Landstraße ganz mit dieser Gesinnung gepflastert. Ich erwiderte, jawohl wäre es traurig, daß Politik, Regierung, Staat, Gesetz, Freiheit, alles nur Werkzeuge, das Glück der Menschen zu bereiten; alles nur Wege, sie zur Kunst, Wissenschaft, zum Handel, zu häuslichem Glücke, zu brüderlicher Gesellschaft, zum Vollgenusse des Lebens zu führen – daß diese Werkzeuge mit dem Kunstwerke selbst, daß die Wege mit dem Ziele verwechselt werden; daß man vor lauter Arbeiten es zu keiner Arbeit bringt; daß die grausamen Kriege der Regierungen gegen ihre Völkchen und die törichten Völker unter sich selbst alle Kräfte der Menschheit verzehren; daß die letzte Verwünschung den letzten Atemzug ausgeben und der Frieden keinen mehr finden wird, der ihn genießt. Aber zu diesem Standpunkte der Betrachtung folgte mir der junge Mann nicht; die Politik war ihm zuwider wie dem Dichter Robert in Baden-Baden. Darüber verwunderte ich mich. Ich fragte ihn, ob er in Paris studiere und was. Er erwiderte, daß er sich der deutschen Philosophie ergeben und jetzt beschäftigt sei, ein Werk von Schelling ins Französische zu übersetzen. Er kannte die ganze philosophische Literatur der Deutschen, sogar die Werke Carovés, des Biographen Gottes. Im nächsten Frühling will er nach München gehen. Also das war's! Es ist nicht nötig, daß ich mich darüber auslasse; ich habe das schon oft besprochen. Als ich ihm einmal Salat präsentiert, der noch nicht angemacht war, dachte ich: Als deutscher Philosoph hätte er es vielleicht gar nicht bemerkt.

Beim Dessert wurden wie üblich Toasts ausgebracht. Zuerst: »A l'union des peuples!« Dann wurden alle Völker durchgetrunken. Zuerst die Polen. Herr Jullien kündigte an, die Gesellschaft würde den Generalen Ramorino, Langermann und Schneider und der Gräfin Plater, der polnischen Amazone, die in diesen Tagen hier ankommen würde, im nächsten Monate ein Fest geben. Darauf stand ein junger Pole auf, Herr von Plater, Vetter der Gräfin, und dankte im Namen seiner Nation. Endlich kam auch die Reihe an die Deutschen – ganz zuletzt. Herr Jullien trank aber nicht auf die Gesundheit des ganzen deutschen Körpers, sondern nur auf die seiner schwachen Füße, auf das Wohl »de cette partie de l'Allemagne«, welche Freiheit habe, fordere, verteidige. Ich, *** und ein Berliner, den ich nicht kenne, waren die drei anwesenden Deutschen. Der Berliner war wohl ein Hegelianer oder dachte an die Cholera oder an Köpenick und schwieg. Mir durfte zu reden gar nicht einfallen, weil ich schlecht Französisch spreche. Aber ***, der es gut spricht, forderte ich auf zu antworten. Doch er schwieg. Und er schwieg nicht allein, er ward noch rot, als hätte er gesprochen. Stumm und rot wie ein Krebs! Ich schämte mich – nein, das ist das rechte Wort nicht – es schmerzte mich. Und warum habe ich nicht gesprochen? Der Pole vor mir sprach viel schlechter Französisch als ich. Und mir war das Herz so voll, daß ich eine ganze Stunde hätte sprechen können, und ich hätte vermocht, alles so schnell niederzuschreiben, als es hätte gesprochen werden müssen. Aber mir kam in den Sinn, was wohl meine Ängstlichkeit entschuldigt, aber das Gefühl derselben nur noch bitterer macht. Ich bedachte: ein Pole, ein Spanier repräsentiert ein Vaterland, sein Volk steht hinter ihm; was er spricht, sind nicht Worte, er berührt Tasten, die Taten widerklingen, er erinnert, man hört nicht ihn, man hört die Vergangenheit, man sieht das weit entfernte Land. Aber was repräsentiere ich, an welche Taten erinnere ich? Ich stehe allein, ich bin ein Lakai und trage, wie alle Deutsche, die Livree des Grafen von Münch-Bellinghausen. Man hätte mich als einen Schriftsteller, als einen Redner beurteilt; man hätte mich, nachdem ich gut oder schlecht gesprochen, wie einen Schauspieler beklatscht oder ausgepfiffen. Da stockt das Blut, da steht die Zunge still. Mag sich schämen, wem es zukömmt. Arndt wäre freilich nicht in Verlegenheit gekommen. Er hätte gesprochen von den Sigambern und Cheruskern, von den Katten und Franken, von Alemannen, Friesen, Chaucen, Vandalen, Burgundionen, Quaden, Markomannen, Bojoariern, Hermunduren und Teutonen. Er hätte gesprochen – von Gauen, von Hermann dem Cherusker, vom Teutoburger Wald, von Maroboduus und den Hohenstaufen. Aber ich bin nicht Arndt. Ich kenne nur die Deutschen des Regensburger Reichstags und des Wiener Friedens, und die sind nicht weit her.

Bei Tische wurde auch angekündigt, daß eine aus polnischen und französischen Gelehrten gebildete Gesellschaft den Vorsatz gefaßt, alle klassischen Schriften der Polen, etwa fünfzig bis sechzig Bände, in das Französische zu übersetzen, um mit dem Ertrage des Werkes die dürftigen Polen zu unterstützen. Gewiß, die Franzosen haben eine gute Art, wohlzutun. Die Rauheit ihrer Regierung gutzumachen, tut das auch not. Schmach und Unglück über die heuchlerischen Erbschleicher der Julirevolution! Keiner der vertriebenen Polen darf nach Paris; sie werden wie Vagabunden auf vorgeschriebenen Wegen nach dem südlichen Frankreich gewiesen und dort unter Aufsicht der Polizei gestellt. Man will sie an das Mittelländische Meer führen, um sie dann bei Strafe des Hungertodes zu zwingen, unter den Truppen von Algier Dienste zu nehmen. Afrika oder Sibirien – diese Wahl gibt ihnen Louis-Philippe! Um diesen Preis erkauft sich der Krämer Pèrier den Bruderkuß des Grafen von Nesselrode!

Vor einigen Tagen hat man einen Menschen festgenommen, der vor dem Theater sich an den Wagen des Königs zu drängen suchte. Man fand Pistolen und einen Dolch bei ihm. Mag nun sein, daß die Polizei diesen Menschen abgerichtet, um den König zu schrecken und zur Tyrannei zu führen; oder mag ernstlich ein Mordversuch stattgefunden – beides sind schlimme Zeichen. Dieser König leidet an einem bösen innern Geschwüre, und er wird nie mehr gesunden.

 

Freitag, den 16. Dezember

Was ist denn das für eine Geschichte mit dem Oehler, wovon die heutigen Blätter sprechen? Lassen Sie mir doch durch *** über die Sache genau berichten, und der Wahrheit gemäß. Es heißt, der Oehler habe schwören müssen, daß er nie darüber sprechen wolle, aus welchem Grunde er arretiert worden sei. Das ist eines der teuflischen Mittel, welche deutsche Regierungen seit fünfzehn Jahren oft angewendet, ihre verborgenen Missetaten mit ewiger Nacht zu bedecken. Ein Tor und ein pflichtvergessener Mensch, wer einen solchen abgefolterten Eid hält! Es ist der Eid, zu dem ein Räuber mit gezücktem Dolche uns zwingt, daß wir seine Missetat nicht verraten, damit er ferner ungestört rauben und morden könne. Jeder gute Bürger ist es seinem Vaterlande, dem mißhandelten Rechte, dem beleidigten Himmel schuldig, an den Tag zu bringen, was gottvergessen im Dunkeln waltet, und einen Eid zu brechen, der ihn zum Mitschuldigen einer Schandtat macht und ihn an die Sünder kettet. Wie! Könige haben den Eid gebrochen, den sie ungezwungen der Freiheit geschworen, und ein Bürger sollte verpflichtet sein, zum Vorteile der Tyrannei einen Schwur zu halten, den ihm die grausamste Gewalt abgepeinigt? Nimmermehr. Das fordert der Himmel nicht, ja das weist er zurück.

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