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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 60
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Sechzigster Brief

 

Paris, Mittwoch, den 30. November 1831

Vorgestern besuchte mich *** [Mauguin]. Er blieb aber nur eine Viertelstunde, er war auf dem Wege nach der Kammer. Der Mann ist klar wie ein Waldbach, der über Kieseln fließt; doch ist es nicht erfreulich, einer menschlichen Seele bis auf den Grund zu sehen. Eine Tiefe ist nicht klar. ***, weil er so klare Augen hat, glaubt, alles wäre ihm klar, was er nur flüchtig ansieht, und er urteilt zu schnell, um immer richtig zu urteilen. Ich habe in ... manchmal darüber lachen müssen: man mag ihm noch so kurz antworten auf seine Fragen, so war ihm die Antwort noch immer um die Hälfte zu lang; er verstand sie schon um die Mitte. Das ist Franzosenart, die für alle Verhältnisse fertige mathematische Formeln haben. Sage ich zwei mal zwei – fällt mir *** in die Rede und fährt fort: ist vier. Als wäre nicht möglich, daß ich etwas anders hätte sagen wollen. Er mißversteht einen zwar nie, aber er versteht einen nur halb, weil er nicht zu Ende hört. Die Verhältnisse von Frankreich, eben weil es franzosenartige Verhältnisse sind, die kennt er freilich gut. Er versicherte mich auf das bestimmteste, daß die hiesige Regierung auf nichts anders sinne und nach nichts anderem trachte, als die Dynastie Karls X. zurückzuführen, und König Philipp selbst sei damit einverstanden. So wird freilich alles verständlich. Mir wäre es selbst recht, sie versuchten es. Ich liebe die großen Massen auch in der Dummheit; ein Narrenhaus ist mir lange nicht so erschrecklich als ein einzelner verrückter Mensch. Glauben Sie mir auf mein ehrliches Wort: ich kenne alle Tollheiten, die seit dreitausend Jahren von den Königen begangen worden sind, von Saul bis auf Karl X., aber unsere gegenwärtige Zeit ist reicher an Wahnsinn, als es jene dreitausend Jahre waren. Wenn man alle fürstlichen Paläste Europas nebeneinander stellte, es gäbe eine ganze Narrenstadt. Täglich vermehren sich meine Nachrichten aus Deutschland, daß man den Plan gefaßt, Frankreich zu verteilen wie eine Pastete; ja, König Philipp selbst soll ein Stück davon bekommen. Die alten Bourbons sollen die Schüssel mit der Kruste behalten. Die köstliche Naivität finde ich nicht darin, daß sie glauben, es ausführen zu können, sondern, daß sie glauben, wenn sie das ausgeführt, wäre ihnen geholfen. Kindern macht man weis, die Kinder, und den Fürsten, die Revolutionen kämen aus den Brunnen. Jetzt denken sie, sie brauchten den Brunnen nur zuzuschütten, und dann wäre alles aus. Wer gibt mir Geduld genug, mit Narren zu räsonieren? Ich muß wohl selbst ein Narr sein. Frankreich war seit vierzig Jahren der Krater Europas. Wenn der einmal aufhört, Feuer zu werfen, wenn der einmal aufhört, zu rauchen, dann wehe den Naturpfuschern, dann ist kein Thron der Welt auf eine Nacht sicher. Sie zittern, wenn einige Franzosen mit liberalen Reden in ihrer Maultasche durch Deutschland reisen, und schreien entsetzt: Propaganda, Propaganda! Und sie wollen ganze Völkerteile von Frankreich mit ihren alten Ländern vereinigen! Sie denken: mit ihren alten abgeschmackten Regierungskünsten, mit ihren Taschenspielerstreichen, womit man kein Kind mehr betrügt, würde es gelingen, ihre neuen wilden Untertanen zahm zu machen! – sie, die nicht einmal die Polizei verstehen, die doch die einzige Kunst ist, die sie mit Fleiß und Liebe gelernt. Als sie 1814 in Paris waren, wohin Petersburg, Wien und Berlin ihre schlauesten Köpfe geschickt hatten, wurden alle diese schlauen Köpfe der heiligen Allianz von jedem niedrigen französischen Mouchard zum besten gehabt, und hätte es die Übermacht nicht getan, mit List hätten sie Paris nicht unterjocht. Nichts war verderblicher für die Könige als der Untergang Warschaus. Weil sie ein Wunder zerstört, glauben sie, sie könnten auch Wunder machen.

In Berlin ist mein Buch von der Polizei in Beschlag genommen worden. Als wenn der Regen davon aufhörte, wenn einige unter den Schirmen gehen. Ginge es an, sie konfiszierten freilich am liebsten das ganze Weltall. Die Münchner »Tribüne« gibt Auszüge der Pariser Briefe. Der Dr. Wirth, der sie schreibt, ist ein Mann, dem man Hochachtung, ja Bewunderung nicht versagen kann. Hochachtung – weil er für die Freiheit kämpft wie ein Held in der Schlacht, nicht bloß wie ein Maulritter mit Worten. Bewunderung – weil er mutig erträgt, was sonst den tapfersten Mann niederwirft: die kleinen Bosheiten, die kleinen Quälereien der kleinen Knechte. Gefängnis, Geldstrafe, die jämmerlichen Tücken der jämmerlichen Polizei, das Knurren und Bellen der Hofhunde, nichts schreckt ihn ab. Jetzt aber, wo ihm in München alle Luft benommen und die Frechheit der Gewalt jeden Widerstand unmöglich macht, ist er nach Rheinbaiern gezogen, wo noch die französischen Gesetze regieren, welchen die deutschen Minister nicht hohnzusprechen wagen. Dort wird er sein Journal fortsetzen. Auch hat er in vielen Orten in Deutschland Unterstützung gefunden, um sich eine eigene Presse anzuschaffen. Ist es aber nicht sehr ehrenvoll für eine deutsche Regierung, daß sich ein deutscher Bürger unter französische Gesetze flüchten muß, um Schutz gegen deutsche Tyrannei zu finden?

 

Donnerstag, den 1. Dezember

Die Regierung hat bis heute noch keine Nachricht mitgeteilt, ob sie der Bewegungen in Lyon Herr geworden oder nicht. Sie sagen, der Nebel hindere den Telegraphen. Es gibt nichts Gefälligeres als so ein Nebel, der noch keinen Minister in der Not verlassen. Die Ruhe, die jetzt in Lyon herrscht, hat sich von selbst hergestellt; aber das Volk ist noch Meister der Stadt. Man hat den Herzog von Orléans als Friedensengel, den Marschall Soult als Würgengel dahin geschickt. Nun bin ich begierig, wie sie Leier und Schwert zusammendichten werden. Der Marschall Soult kann sich täuschen; Napoleons Zeiten sind vorüber und der Bulletindonner schreckt keinen Hasen mehr. Der Herzog von Orléans kann sich auch täuschen. Eine fürstliche gnädige Herablassung tut keine Wunder mehr; das Volk gibt keine Bratwurst für die allerhuldvollsten Redensarten, es will bares Geld sehen. Die Neigung der Minister ist für Gewalt; aber die Furchtsamkeit des Königs wird wohl verhindern, was seine Weisheit und Gerechtigkeit nie verhindert hätten. Casimir Périer, der König von Israel, der Hohepriester der Renten, der Held des Friedens, hat sich in der Kammer gebärdet wie Moses, als er vom Berge Sinai herabkam und das Volk um ein goldenes Kalb tanzen sah. Er hat den Götzendienern seine zehn Gebote an den Kopf geworfen und das goldene Kalb in Pulver verwandelt. Er ist ein kompletter Narr! Auch haben die Leviten der Börse ein Jubelgeschrei erhoben, als sie ihren strahlenden Moses wiedersahen, daß man betäubt davon wurde. Dieser Kasimir Périer hat darüber gefrohlockt, daß in den blutigen Geschichten von Lyon gar nichts von Politik zum Vorschein gekommen, und daß es nichts als Mord, Raub und Brand gewesen! Es sei nichts weiter als ein Krieg der Armen gegen die Reichen, derjenigen, die nichts zu verlieren hätten, gegen diejenigen, die etwas besitzen! Und diese fürchterliche Wahrheit, die, weil sie eine ist, man in den tiefsten Brunnen versenken müßte, hielt der wahnsinnige Mensch hoch empor und zeigte sie aller Welt! Die dunkeln Triebe des Volks hat er ihm klar gemacht; seiner wilden Laune des Augenblicks hat er durch Grundsätze Dauer gegeben; seinen kurzsichtigen Sorgen des Tages den Blick in ewige Not eröffnet. Den höchsten Grad des Wahnsinns mögen jetzt die Ärzte Staatskunst nennen. Um den reichen Leuten sagen zu können: Seht, ihr seid bedroht, ihr müßt es um eurer Sicherheit mit mir halten – um diese elenden Krämervorteile eines Tages opfert Kasimir Périer das Glück Frankreichs, Europas, vielleicht um ein Jahrhundert auf. Es ist wahr, der Krieg der Armen gegen die Reichen hat begonnen, und wehe jenen Staatsmännern, die zu dumm oder zu schlecht sind, zu begreifen, daß man nicht gegen die Armen, sondern gegen die Armut zu Felde ziehen müsse. Nicht gegen den Besitz, nur gegen die Vorrechte der Reichen streitet das Volk; wenn aber diese Vorrechte sich hinter dem Besitze verschanzen, wie will das Volk die Gleichheit, die ihm gebührt, anders erobern, als indem es den Besitz erstürmt? Schon die Staaten des Altertums kränkelten an diesem Übel der Menschheit; dreitausend Jahre haben das Unheil gesät, und das Menschengeschlecht nach uns wird es ernten. Frei nannten sich die Völker, wenn die Reichen ohne Vorrang untereinander die Gesetze gaben und vollzogen; die Armen waren niemals frei. Über die kurzsichtigen Politiker, welche glaubten, in den Staaten, wo Adel und Geistlichkeit ihre Vorrechte verloren, sei der ewige Friede gesichert! Eben diese, wie Frankreich und England, stehen der fürchterlichsten Revolution näher als die andern Staaten, wo noch keine freien Verfassungen bestehen. In den letztern wird dem niedern Volke durch seinen benachbarten Stand, die Bürgerschaft, die Aussicht nach den höhern, bevorrechteten Ständen versteckt. Es vermißt daher keine Gleichheit. Da aber, wo der Mittelstand sich die Gleichheit erworben, sieht das untere Volk die Ungleichheit neben sich, es lernt seinen elenden Zustand kennen, und da muß früher oder später der Krieg der Armen gegen die Reichen ausbrechen. Die heillose Verblendung des Bürgerstandes zieht das Verderben schneller und fürchterlicher herbei. Seit er frei geworden, blickt er, halb aus Furcht, halb aus Hochmut, beständig hinter sich und vergißt darüber, vor sich zu sehen, wo ein besiegter, aber noch lebendiger Feind nur darauf wartet, daß er den Blick wegwende. Diese Furcht und diesen Hochmut wissen die Aristokraten in Frankreich und England sehr gut zu benutzen. Den Pöbel hetzen sie im stillen gegen die Bürger auf und diesen rufen sie zu: Ihr seid verloren, wenn ihr euch nicht an uns anschließt. Der dumme Bürger glaubt das und begreift nicht, daß seine eigene Freiheit, sein eigener Wohlstand schwankt, solange das arme Volk nicht mit ihm in gleiche Freiheit und gleichen Wohlstand eintrete; er begreift nicht, daß, solange es einen Pöbel gibt, es auch einen Adel gibt und daß, solange es einen Adel gibt, seine Ruhe und sein Glück gefährdet bleibt. Wäre diese Verblendung nicht so unheilbringend, es gäbe nichts Lächerlicheres als sie. Diese reichen Ladenherrn von Paris, diese Bankiers und Fabrikanten, die, es sind noch keine fünfzig Jahre, sich von jedem Lump von Ludwigsritter Canaille mußten schelten lassen, reden, wie sie es gehört, den ganzen Tag von der Canaille, wozu sie jeden rechnen, der keinen feinen Rock trägt und keine andere Renten hat, als die ihm jeden Tag die Arbeit seiner Hände einbringt! Die Regierung, welche über die menschliche Schwäche erhaben sein sollte, benutzt sie nur, ihre Herrschsucht zu befriedigen, und statt die bürgerliche Ordnung auf Weisheit, Gerechtigkeit und Tugend zu gründen, bauen sie sie über hinfälliges Holzwerk, das sie in den Schlamm der Leidenschaften einrammeln. Die Nationalgarde, die Wache der französischen Freiheit, suchen sie zu entnerven, durch eiteln Flitter zu gewinnen. Erst kürzlich hat der König an einem Tage dreihundert Ehrenkreuze unter sie verteilt. Der Ehre haben sich die Fürsten immer als eines Gegengiftes der Tugend bedient, vor der sie zittern. Die so leicht bekreuzte Nationalgarde wird hinter die Arbeitsleute mit den schweren Kreuzen gejagt, sobald diese murren. Die Arbeitsleute, um sie doch auch zu etwas zu gebrauchen, werden gegen die Juliushelden, die man Republikaner schilt, gehetzt, und diese, die sich zu nichts gebrauchen lassen, werden mit Haß und Spott verfolgt, bis ihnen der Kerker eine willkommene Zuflucht bietet. Casimir Périer, der sich wie ein Schulbube zu den Füßen aller fremden Diplomaten setzt und zu ihren Lehren hinaufhorcht, hält sich für einen großen Staatsmann, weil er Ehre und Scham weit von sich gewiesen. Nichts ist bewunderungswürdiger als die Offenheit, mit der er alles gegen sich selbst bekanntmacht, was er hätte verschweigen sollen und können – so fest ist er überzeugt, daß Unverschämtheit die erste Tugend eines echten Staatsmannes ist! Erst heute ist wieder etwas an der Tagesordnung, was diese seine Tugend in das glänzendste Licht setzt. Am letzten vierzehnten Juli, am Jahrestage der Bestürmung der Bastille, fürchtete man eine Bewegung von den getäuschten und erbitterten Juliushelden, die man, noch aus einem Überreste von Scham, Republikaner schilt. Nun sah man an jenem Tage mit Erstaunen, daß Arbeitsleute aus den Vorstädten der Polizei beigestanden und über alle junge Leute herfielen und sie mißhandelten, die man an grauen Hüten, an Juliuskreuzen oder andern Zeichen als Republikaner zu erkennen glaubte, und die sich ganz ruhig verhielten. Darauf beschuldigten einige öffentliche Blätter den Polizeipräfekten und den Minister des Innern: sie hätten jene Arbeitsleute angeworben und bezahlt, um die ihnen verhaßten Republikaner zu mißhandeln. Kasimir Périer hätte den Vorwurf ruhig hinnehmen sollen; aber nein, die Tat, die er begangen, war ihm noch nicht unverschämt genug, er wollte sie noch durch Leugnen verherrlichen. Er klagte jene Zeitungsredaktoren der Verleumdung an. Der Polizeipräfekt führte die nämliche Klage. Seit gestern haben die gerichtlichen Verhandlungen begonnen. Und was stellte sich hervor? Es war klar wie die Sonne, fünfzig Zeugen sagten es aus, daß die Polizei wirklich das Gesindel der Vorstädte (nicht die Arbeiter, sondern die Müßiggänger) angeworben und täglich mit drei Franken besoldet habe, um über die friedlichsten Menschen herzufallen. Auf solche Weise buhlt dieser Minister um das Lob des »Österreichischen Beobachters« und der »Preußischen Staatszeitung«. Die Brustwehr, welche in den Julitagen errichtet wurde, Frankreich vor dem Abgrunde zu schützen, hat er leichtsinnig niedergerissen; er meint, das wäre nur ein Loch, das er mit seinen Händen allein ausfüllen wolle. Das niedere Volk, das aus den Juli-Kämpfen geläutert hervorgegangen, sucht er durch die schändlichsten Verführungen wieder in den Kot hineinzuziehen, um sich daraus brauchbare Werkzeuge für alle die Gewalttätigkeiten zu bilden, die er gegen Frankreich noch im Sinne hat.

Der fürchterliche Krieg der Armen gegen die Reichen, der mir so klar vor den Augen steht, als lebten wir schon mitten darin, könnte vermieden, die Ruhe der Welt könnte gesichert werden; aber alle Regierungen sind vereint bemüht, das Verderben herbeizuführen. Wenn die Staatsmänner zittern vor einem Übel, meinen sie, sie hätten das Ihrige getan. Die armen Leute in Frankreich haben in der Kammer keine Stellvertreter. Die neueste französische Konstitution hat die alte Torheit, die alte Ungerechtigkeit, die alte erbärmliche Philisterpolitik beibehalten, das Wahlrecht an den Besitz gebunden und die Besitzlosen auch ehrlos gemacht. Die Reformbill in England hat nur den Zustand der Mittelklassen verbessert und das Helotenverhältnis des niedern Volks von neuem befestigt. Im Parlament wie in der Deputiertenkammer sitzen nur die reichen Gutsbesitzer, die Rentiers und Fabrikanten, die nur ihren eigenen Vorteil verstehen, welcher dem der Arbeitsleute gerade entgegensteht. Die graubärtige Staatsweisheit, vor Alter kindisch geworden, geifert gegen den Wunsch der Bessern und Einsichtsvolleren: daß man auch die niedern Stände an der Volksrepräsentation möge teilnehmen lassen. Sie sagen: Menschen, die nichts zu verlieren haben, könnten an dem allgemeinen Wohle des Landes nie aufrichtigen Anteil nehmen; jeder Intrigant könne ihre Stimme erschleichen oder erkaufen. So sprechen sie, um das Gegenteil von dem zu sagen, was sie denken. Weil es unter den armen Leuten mehr ehrliche gibt als unter den Reichen, weil sie seltener als die andern sich bestechen lassen, wollen sie die Minister nicht unter den Volksvertretern sehen. Sie mögen uns ihre geheimen Register öffnen, sie mögen uns die Namen ihrer Anhänger, ihrer Angeber, ihrer politischen Kuppler, ihrer Spione lesen lassen – und dann wird sich's zeigen, ob mehr Reiche, um ihren Ehrgeiz und ihre schnöden Lüste zu befriedigen, oder mehr Arme, um ihren Hunger zu stillen, das Gewissen verkauft haben. Die reichen Leute machen allein die Gesetze, sie allein verteilen die Auflagen, davon sie den größten und schwersten Teil den Armen aufbürden. Das Herz empört sich, wenn man sieht, mit welcher Ungerechtigkeit alle Staatslasten verteilt sind. Hat man denn je einen reichen Städter über zu starke Auflagen klagen hören? Wer trägt denn nun alle die Lasten, unter welchen die europäischen Völker halb zerquetscht jammern? Der arme Taglöhner, das Land. Aber was ist dem Städter das Land? Gott hat es nur zu Spazierfahrten und Kirchweihfesten geschaffen! Der Bauer muß seinen einzigen Sohn hergeben, den frechen Überfluß der Reichen gegen seine eigene Not zu schützen, und unterliegt er der Verzweiflung und murrt, schickt man ihm den eigenen Sohn zurück, der für fünf Kreuzer täglich bereit sein muß, ein Vatermörder zu werden. Alle Abgaben ruhen auf den notwendigsten Lebensbedürfnissen, und der Luxus der Reichen wird nur so viel besteuert, als es ihre Eitelkeit gern sieht; denn ein wohlfeiler Genuß würde sie nicht auszeichnen vor dem niedrigen Volke. Die fluchwürdigen Staatsanleihen, von denen erfunden, welchen nicht genügt, das lebende Menschengeschlecht unglücklich zu wissen, sondern die, um ruhig zu sterben, die Zuversicht mit in das Grab nehmen wollen, daß auch die kommenden Geschlechter zugrunde gehen werden – entziehen dem Handel und den Gewerben fast alle Kapitalien, und nachdem sie dieses Verderben gestiftet, bleiben sie, zu noch größerem Verderben, unbesteuert, und was dadurch der Staat an Einkommen verliert, wird von dem armen Rest der Gewerbe verlangt. Der reiche Fabrikant hält sich für zugrunde gerichtet, wenn nicht jede seiner Töchter einen türkischen Schal tragen kann, und um sich und seiner Familie nichts zu entziehen, wirft er seinen Verlust auf die Arbeiter und setzt ihren Tagelohn herab. Die Stadt Paris braucht jährlich vierzig Millionen, von welchen ein schöner Teil in den räuberischen Händen der begünstigten Lieferanten und Unternehmer zurückbleibt. Jetzt brauchen sie noch mehr Geld und sie besinnen sich seit einiger Zeit, ob sie die neuen Auflagen auf den Wein, die Butter oder die Kohlen legen sollen. Der Reiche soll nicht darunter leiden, der Arme soll bezahlen wie immer. Eine Flasche Wein zahlt der Stadt fünf Sous; ob es aber der geringe Wein ist, den der Arme trinkt, oder ein kostbarer, den der Reiche genießt, das macht keinen Unterschied. Die Flasche Wein, die zwanzig Franken kostet, zahlt nicht mehr Abgaben als eine zu acht Sous. Eine Sängerin, die jährlich vierzigtausend Franken Einkommen hat, zahlt nichts, und ein armer Leiermann muß von dem Ertrage seiner Straßenbettelei der Polizei einen großen Teil abgeben. Das fluchwürdige Lotto ist eine Abgabe, die ganz allein auf der ärmsten Volksklasse liegt. Dreißig Millionen stiehlt jährlich der Staat aus den Beuteln der Tagelöhner, und eine Regierung, die dies tut, hat noch das Herz, einen Dieb an den Pranger zu stellen und einen Räuber am Leben zu bestrafen! Und nach allen diesen Abscheulichkeiten kommen sie und lästern über die Unglücklichen, die nichts zu verlieren haben, und fordern die reichen Leute auf, gegen das wilde Tier, Volk, auf seiner Hut zu sein! Geschieht das alles sogar in Frankreich, wo die freie Presse manche Gewalttätigkeit verhindert, manche wieder gutmacht – was mag nicht erst in jenen Ländern geschehen, wo alles stumm ist, wo keiner klagen darf, und wo jeder nur den Schmerz erfährt, den er selber fühlt! Wie man dort das arme Volk betrachtet, wie man es dort behandelt, wie man es dort verachtet, das hat ja die Cholera, diese unerhörte Preßfrechheit des Himmels, uns sehr nahe vor die Augen gestellt. Wie haben sie in Rußland, Österreich und Preußen gelächelt, gespottet und geschulmeistert – und ihr Lächeln war ein blinkendes Schwert, ihre Belehrung kam aus dem Munde einer Kanone, und ihr Spott war der Tod – über die wahnsinnige Verblendung des Volks, welches glaubte, die Vornehmen und Reichen wollten sie vergiften, und die Cholera sei ein Mischmasch des Hasses! Aber die Wahrheit, die mitten in diesem Wahne verborgen, der dunkle Trieb, der das Volk lehrt, es sei nur ein schlechtes Handwerkszeug, zum Dienste der Reichen geschaffen, das man wegwirft, wenn man es nicht braucht, und zerbricht, sobald es unbrauchbar geworden – diese Wahrheit ist den Spöttern und Schulmeistern entgangen. Geschah es denn aus Zärtlichkeit für das Volk, daß man sie mit Kolbenstößen gezwungen, sich in die Spitäler bringen zu lassen, ihre Wohnung und ihre Familie zu meiden? Es geschah, um der Ängstlichkeit der Reichen zu frönen. Haben sie sich denn nicht in allen Zeitungen den Trost zugerufen, haben sie nicht gejubelt darüber: die Krankheit treffe nur die Armen und Niedrigen, die Reichen und Vornehmen hätten nichts von ihr zu fürchten? Hört, liest denn das Volk solche Reden nicht, wird es nicht darüber nachdenken? Ja freilich, das beruhigt sie, daß das Volk nicht denkt. Aber ihm ist der Gedanke Frucht, die Tat Wurzel, und wenn das Volk einmal zu denken anfängt, ist für euch die Zeit des Bedenkens vorüber, und ihr ruft sie nie zurück. – Genug mich geärgert. In Rußland lebt ein Schäfer, der ist hundertachtundsechzig Jahr alt. Aber ein Russe ärgert sich nicht. Er gibt oder bekömmt die Knute, überzeugt oder wird überzeugt. So wohl ist uns zivilisierten Deutschen nicht. Doch kann es noch kommen.

 

Freitag, den 2. Dezember

Ein englisches Blatt teilte kürzlich die Nachricht mit, Lord Grey, der Verfechter der Reformbill, habe Gift bekommen und kränkele dem Grabe zu. Das hätten die nämlichen getan, die auch den freisinnigen Canning aus dem Wege geräumt. Vor einigen Tagen wurde ein Mordversuch gegen die Königin Donna Maria gemacht, die mit ihren Eltern im Schlosse Meudon wohnt. Aus einem gegenüberliegenden Hause wurde in das Zimmer der Prinzessin geschossen. Die europäische Aristokratie spielt ein Va banque. Desto besser; so werden wir ihrer in einem Satze los. Glauben Sie mir, das ist es auch, wovor die Fürsten sich fürchten. Manche sind gutwillig und würden dem Volke sein Recht gewähren; aber sie kennen ihre Umgebungen, sie kennen zu gut die Freunde des Throns und wissen recht gut, daß mancher ihrer Schmeichler sich die eigenen Lippen vergiften könnte, um durch einen untertänigen Handkuß ihren Herrn zu töten. Sie verdienen ihre Angst. Warum muß man ein Edelgeborner oder Schurke sein, um hoffähig zu werden?

Der Verleumdungsprozeß, von dem ich Ihnen gestern geschrieben, ist noch in voriger Nacht entschieden worden. Die beiden angeklagten Zeitungsredaktoren wurden freigesprochen. Sie haben also Casimir Périer nicht verleumdet, und die Anschuldigung, daß er die Vorstädter angeworben und bezahlt, um sie gegen die Verräter seines weisen Regierungssystems zu hetzen, wurde gegründet gefunden. Also ist Casimir Périer verurteilt, und doch wird er ungestraft bleiben. Er lacht darüber und trägt diese Last noch zu seinen andern Lasten. Der wird nie vergiftet.

Wie es in Frankreich mit der Volkserziehung ist, zeigt folgende schöne Rechnung. Unter 294975 jungen Leuten, die im vorigen Jahre zur Konskription erzogen worden, fanden sich 12804, die nur lesen konnten; 121079 konnten lesen und schreiben und 153636 konnten weder lesen und schreiben. 7460 blieben ungewiß. Also mehr als die Hälfte wuchs in der größten Unwissenheit auf. Die jetzige Regierung hat versprochen, dem Übel abzuhelfen und künftig besser für den Volksunterricht zu sorgen. Wir wollen aber abwarten, ob sie Wort hält. Kasimir Périer kann Fortschritte machen, er kann noch einmal die Jesuiten einholen.

Seit einigen Tagen wird in der Kammer das neue Strafgesetzbuch verhandelt. Die Menschlichkeit hat auch hier endlich Eingang gefunden, wo sie so lange und so unerbittlich ausgeschlossen war. Die Verletzungen des Eigentums werden nicht mehr so blutdürstig gerächt. In einigen Fällen wurde die Todesstrafe abgeschafft; auch die Strafen anderer Verbrechen wurden gemildert. Es ist ein Fortschritt, und daß das jetzt in Frankreich, auf dieser großen Eisenbahn der Freiheit und Sittlichkeit, noch überraschen muß! Gestern wurde über die Prangerstrafe gestimmt. Man hat sie beibehalten. Die Menschen haben vor nichts mehr Furcht als vor ihrer eigenen Vernunft und sehen sich vor, daß sie ihnen nicht über den Kopf wachse. Ein Deputierter trug darauf an: man möchte den Pranger wenigstens für die Minderjährigen, Greise und Weiber abschaffen. Die beiden ersten Milderungen wurden angenommen, die letzte aber verworfen. Und da fand sich nicht einer, der die Verteidigung des armen Weibes übernommen hätte. Ja, mehrere Stimmen riefen spöttisch: » Ah! les femmes!« Mir tat diese Gleichgültigkeit wehe. Der Mann, der seine Ehre verliert, kann sie auf hundert Wegen wiederfinden. Sein ganzes Leben ist öffentlich, das Feld der Taten steht ihm frei. Aber die Frau, deren Schande der Welt gezeigt worden, wie kann sie je die Ehre wiederfinden? Je aufrichtiger ihre spätere Tugend, je inniger ihre spätere Reue ist, je verborgener wird sie sich halten, und die Welt, die ihre Schuld erfuhr, erfährt ihre Buße nie. Wenn man den Greisen und Minderjährigen den Pranger erläßt, sollte man um so mehr die Frauen damit verschonen, welche die Schwäche des Alters und der Kindheit in sich vereinigen. Habe ich nicht recht, oder verdiente ich wegen meiner Meinung von den Frauen selbst an den Pranger gestellt zu werden?

Der Präfekt von Lyon hat eine Proklamation erlassen, die, wie folgt, beginnt: » Lyonnais, Quittez votre deuil et revêtez vos habits de fête, S.A.R. le duc d'Orléans arrive dans nos murs. C'est l'arc-en-ciel qui annonce la fin de l'orage.« Lautet das nicht wie deutsch? Könnte man nicht glauben, es wäre in Berlin geschrieben? Von einem Kronprinzen zu sagen: »es ist der Regenbogen«, tönt freilich noch etwas familiär und revolutionär – der Deutsche hätte dafür gesagt: Höchstdieselben geruhen ein Regenbogen zu sein – doch übrigens ist gar nichts daran auszusetzen.

 

Samstag, den 3. Dezember

Herr Rousseau muß ja seinen Hofrat verdienen, und da war es seine Amtspflicht, den Artikel aus der »Börsenhalle« mitzuteilen. In der »Münchner Hofzeitung« habe ich ihn auch abgedruckt gefunden. Ich habe nur immer meine Freude daran, wenn ich wahrnehme, daß die aristokratische Partei nicht einen Schriftsteller von nur erträglichem Talente finden kann, der öffentlich ihre Sache verteidigt. Heimlich, namenlos mag es zuweilen für Geld geschehen, aber frei hervortretend, eine schlechte Sache zu verteidigen, hat noch keiner gewagt, dessen Namen guten Klang hat. Jeder fürchtet, sich verhaßt und lächerlich zu machen. Und so sind es immer einige arme Teufel von verlornem Geiste, die nichts mehr zu verlieren haben, welche dem Adel ihre Fäuste leihen. Zwar gibt es einige Männer von ausgezeichnetem Talente, wie Görres ist, und wie Schlegel und Adam Müller waren, die sich gegen den Liberalismus ausgesprochen; aber sie kämpften weder für die Aristokratie noch für den Absolutismus, sondern für die geistliche Macht, die dem Liberalismus feindlich gegenübersteht.

Habe ich denn behauptet, die Franzosen wären bei ihrem Rückzuge in Frankfurt mißhandelt worden? Da ich das Buch nicht habe, bitte ich Sie, die Stelle genau nachzulesen und mir darüber zu schreiben. Ich kann das unmöglich gesagt haben, weil mir gar nichts davon bekannt ist und ich es auch nicht einmal glaube. Ich habe nur erzählt, wie sich einige Franzosen hier geäußert. Auch habe ich nie geglaubt, daß Marschall Soult, der als Minister im Sinne seiner Regierung friedliche Gesinnung und Friedenszuversicht äußern mußte, an öffentlichem Tische von der Hoffnung der Franzosen, wieder nach Frankfurt zu kommen, gesprochen. Was ich gehört, habe ich Ihnen berichtet, und ich habe es in der guten Absicht drucken lassen, die Frankfurter Regierung aufmerksam zu machen, daß eine Zeit kommen könnte, wo es, mit den Franzosen feindlich zu stehen, der Stadt Schaden bringen möchte und sie sich daher nicht mehr als sie muß, gegen das französische Volk unfreundlich zeigen solle. Mißverstanden kann man das in Frankfurt nicht haben, und wenn man mich doch getadelt, so war es gewiß aus jener alten engherzigen Philisterei geschehen, deren ganze Weisheit darin besteht, nichts Unangenehmes aufzurühren, sondern den ungesunden Schlamm sich anhäufen zu lassen, lieber als daß man ihn wegführe und die Nasen der Nachbarn dadurch belästige.

Die Geschichte mit der Gräfin *** werde ich in keine Zeitung bringen lassen. Das hätten Sie nicht nötig gehabt, mir zu untersagen. Ich werde nie gegen einzelne Menschen als öffentlicher Ankläger auftreten, auch nicht wenn ich sie für schuldig halte. Was nicht Volksmassen sind oder Menschen, die ganze Massen und allgemeine Interessen repräsentieren, liegt ganz außer meinem Wirkungskreise; denn es liegt außer meiner Pflicht.

Der *** ist nur das Mundstück einer diplomatischen Trompete, das gar nicht weiß, was es bläst. Hätte ich aber den spielenden Mund selbst vor mir, würde ich ihm sagen: Sie glauben, es wäre mir bloß um Geld zu tun! A la bonne heure. Das beleidigt wenigstens meinen Kopf nicht, und mein Herz nimmt so leicht nichts übel. Sie meinen aber auch, mich ärgert, daß ich noch keinen Orden bekommen! Vous n'y pensez pas, mon cher Baron. Ich gäbe den Heiligengeistorden, den Hosenbandorden, die roten und die schwarzen Adler und wie diese Zeichen der Dienstbarkeit sonst heißen, alle für einen Zahnstocher hin, den ich gerade in diesem Augenblicke nötig brauche. Außer, sie müßten mit Brillanten besetzt sein, für welche ich die Hälfte ihres Wertes bezahlte, weil sie in solcher Fassung die Hälfte ihres Wertes in meinen Augen verlören.

Sei'n Sie ruhig; Gott selbst rezensiert meine Schriften; der erste Artikel ist schon erschienen, die Fortsetzung wird bald folgen. Der Bundestag, der sich, solange er den Weichselzopf gehabt, ganz still, ganz ruhig, ganz warm gehalten, sich die Schlafmütze bis über den Mund herabgezogen, nichts sah, nichts hörte, nichts sprach, nicht an die freie Luft zu gehen wagte – er ist wieder munter geworden, seitdem die Polen besiegt; seit dem Falle Warschaus ist ihm das Herz gestiegen. Die kleinen deutschen Fürsten werden wie die Schulbuben zurechtgewiesen, sie sollten auf die Vollziehung der Karlsbader Beschlüsse künftig besser achten; ein neues Preßgesetz wird angekündigt; die Zensurkommission in Frankfurt hat ihre Mannschaft ergänzt und sich auf den Kriegsfuß gesetzt; die »Straßburger Zeitung« wurde verboten. Kann man schmeichelhafter von meinen Briefen sprechen? Gerechter Gott! Nicht einmal den Mut hatten sie, eine kleine ausländische Zeitung zu unterdrücken, die ihnen seit dem ersten Tage ihrer Erscheinung wie der Tod verhaßt war, ehe sie die ganze Macht Rußlands zu ihrem Schutze bereit sahen. Jetzt wird man noch an größere Sachen gehen. Und ist man mit den Sachen fertig, sobald man alle Hoffnungen des Vaterlandes niedergerissen, wird man unter deren Schutt hervor auch die Menschen zerren, die in den Gebäuden wohnen, und sie dafür züchtigen, daß sie zu edel waren, solange sie die Macht gehabt, sich gegen jede Rache zu schützen. An meinem Schmerze hat wenigstens getäuschte Hoffnung keinen Teil; ich wußte vorher, daß es so kommen würde. Aber die andern! Der gute, feurige Welcker hat zu früh »Triumph!« gerufen. Diese edlen oder schwachen Männer haben mich ausgelacht, als ich ihnen schon vor neun Monaten sagte: Seht euch vor, ihr werdet betrogen, benutzt die Zeit, seid schnell! Sie haben sich bedacht, als hätten sie die Ewigkeit gepachtet; sie sind den Schneckenweg des Rechts, der zaudernden Überlegung bergauf geschlichen und haben in ihrem Vertrauen den Verrat, in ihrer Gründlichkeit den Abgrund gefunden und haben uns mit hineingezogen. Geschmaust haben sie mit den Edelleuten, gezecht haben sie mit den Ministern und haben ihre geheimsten Gedanken dem Weine anvertraut, der sie den ewig Nüchternen verraten.

Warum haben denn die Polen Frankfurt nicht berühren dürfen? War es wegen der Cholera oder wegen der Freiheit? Die Amnestie des Kaisers Nikolaus gleicht der bekannten Rarität Lichtenbergs. Sie ist ein Messer ohne Klinge, woran der Stiel fehlt. Die Gnade! die Gerechtigkeit!

In Berlin haben sie Rottecks »Weltgeschichte« verboten. O! die Zeit wird kommen, wo sie alle Weltgeschichten verbieten und der Natur drei Jahreszeiten streichen. Das ist der status quo. Was ist der status quo? So nennen sie jeden Ort, wo sie stehengeblieben, und stünde auch die ganze Welt hundert Meilen weit davon entfernt.

Der König von Baiern läßt sich aus allen Städten, Flecken und Dörfern des Landes von den Magistratspersonen im Namen der Gemeinde untertänige Adressen schicken. Dieses papierne Heer soll gegen die rebellische öffentliche Meinung zu Felde ziehen. In einer solchen Adresse aus Wasserburg heißt es sehr naiv: »Den ausgesprochenen Grundsatz einer weisen Sparsamkeit empfangen wir – jedoch ohne Beschränkung der Allerhöchsten Person im Wohltun und im Glanz des Hofes und des Staates, mit ewigem Danke.« Die Wasserburger haben zwar einen schlechten Stil, aber ein gutes Herz. Das ist die Hauptsache. Weiter. Ein bairischer Staatsbeamter schloß seine Rede, die er bei einer öffentlichen Feierlichkeit gehalten, mit folgenden Worten: Haß und Verachtung jenen Abgeordneten, die es wagten, die Zivilliste des Königs zu schmälern. Hu! das ist wahrhaftig melodramatisch.

 

Sonntag, den 4. Dezember

Die Sache der Emanzipation der Juden hat auch in der bairischen Kammer wieder eine deutsche ungeschickte Wendung genommen. Es ist das alte harte Rätsel, an dem ich mir schon fünf Jahre die Zähne stumpf beiße. Die Kammer hatte beschlossen, die Juden sollten den christlichen Staatsbürgern gleichgesetzt werden. Was war nun nach einer solchen Erklärung zu tun? Nichts. Man hatte nur alle Gesetze, welche eine Ungleichheit der Juden aussprechen, aufzuheben. Das war der Stoff einer einzigen Formel, einer einzigen Zeile. Aber was geschah? Nach Beendigung der Debatten beschloß die Kammer: »Sr. Majestät den König in verfassungsmäßigem Wege zu bitten, vor allen eine genaue Revision der über die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen bestehenden Verordnungen vornehmen und den Entwurf eines auf Beseitigung der gegründeten Beschwerden der Judenschaft und die Erleichterung ihrer bisherigen bürgerlichen Verhältnisse zielenden Gesetzes den Ständen des Reiches vorlegen zu lassen.« Da verliere einer die Geduld nicht! Einer deutschen Regierung Zeit zu Verbesserungen geben, das heißt mit dem Jüngsten Tage einen Vertrag abschließen. Wozu ins Teufels Namen alle diese Umständlichkeiten? Wenn die Juden emanzipiert werden sollen, wozu denn noch vorher die langweilige Musterung alter Ungerechtigkeit? Soll man denn die bürgerliche Gesellschaft wie eine Uhr behandeln, die, wenn sie vorwärts soll, nachdem sie lange stehengeblieben, jede versäumte Viertelstunde nachschlagen muß? Darüber sterben ganze Menschengeschlechter in Elend und Kummer. Die Verteidiger der Juden haben in München so wunderliche Reden geführt als ihre Ankläger. Einer der ersten sagte: die Juden seien zur Zeit ihrer Selbständigkeit ein tapferes Volk gewesen, und die hartnäckige Verteidigung von Jerusalem sei mit der von Saragossa zu vergleichen. Aber, gerechter Gott! darauf kömmt es ja hier gar nicht an. Die staatsbürgerliche Gleichheit soll ja den Juden nicht als ein Verdienst, als ein Lohn, sie soll ihnen als ein unveräußerliches Recht zuerkannt werden. Schlimm ist für die Juden, daß der Deutsche in dieser Sache wie immer unter der strengen Regierung seines Herzens steht. Selbst um gerecht zu sein, muß der Deutsche lieben. Nun liebt man aber die Juden nicht. Aber der starke Mann der Wahrheit und des Rechts muß auch sein Herz zu meistern wissen. Sie wissen, wie meines für die Juden schlägt! Und habe ich sie darum nicht doch immer verteidigt?

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