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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 57
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Siebenundfünfzigster Brief

 

Paris, Freitag, den 11. November 1831

Die Geschichte mit Belgien ist noch nicht zu Ende, auch nicht einmal in dem Sinne der guten kurzsichtigen Menschen, die in der Ausgleichung dieses Streites das Ende aller Verwirrung sehen. Was mich betrifft, werde ich die Annahme des aufgezwungenen Friedens von beiden Parteien doch nur als einen Waffenstillstand für diesen Winter ansehen. Und auf dieses miserable Fundament von Backsteinen glaubt Casimir Périer das schwache Gebäude des europäischen Friedens stützen zu können, und ehe es noch aus der Erde herausgearbeitet, steckt er schon ein Bäumchen auf und hält eine betrunkene Kranzrede, als wäre das Dach fertig! Die Wage des Schicksals in der bemehlten Hand eines Krämers zu sehen, – nein, man könnte darüber von Sinnen kommen! Gibt es denn etwas Lächerlicheres als das Schmunzeln dieses Ministers, sooft er eine Nachricht erhalten, Preußen oder Österreich vermindere seine Truppen, beurlaube sie! Es ist wie die Freude eines Kindes, wenn es wahrnimmt, daß Mama die Rute wieder hinter den Spiegel steckt, die sie drohend hervorgeholt. Es ist wie die Heiterkeit, wie das aufblühende Gesicht eines Bauchflüssigen, wenn er erleichtert vom Nachtstuhle aufsteht, wohin ihn Leibschmerzen getrieben, und ach! ruft. Dieses Frankreich, vor dem, es ist noch kein Jahr, zwanzig Fürsten hinter den zwei Millionen ihrer Wachen zitterten; dieses Frankreich der drei Tage, das ein erschrecktes Jahrtausend vor sich hertrieb – es ist folgsam wie ein Schulbube und lernt alle Tage seine Lektion und läßt sich alle Tage examinieren, um zu zeigen, daß es seine Lektion gelernt hat. Und was zum Lohne für alle diese schmachvollen Opfer? Daß der junge König Philipp mit den alten Königen wird spazierengehen dürfen, wenn diese nach einer sauren Woche wieder einen Feiertag bekommen! Aber Sie müssen die neue Schrift von Chateaubriand lesen. Sie hat mich erquickt durch alle Adern. Mein ganzes Herz hat er ins Französische übersetzt, und wie viel schöner ist die Übersetzung als das Original! Ich weiß nicht, was die schönste Freude des Lebens ist; aber die größte ist gewiß die Schadenfreude, die wir über die Niederlage und Beschämung unserer Feinde empfinden. Chateaubriand schlägt mit eisernen Keulen, die er in seinem Zorn glühend gemacht, auf die französische Zwergregierung, die ich hasse, ob ich sie zwar verachte. Frankreich hat sie nur der Gegenwart beraubt, und wie groß der Raub auch ist, man kann ihn zählen, berechnen, man weiß, was man verloren, was man wiederzubekommen suchen muß. Uns, uns Deutschen aber hat König Philipp eine ganz unberechenbare Zukunft gestohlen. Gestern hörte ich, der Kaiser von Österreich habe dem Casimir Périer den Stephansorden schenken wollen, aber der österreichische Gesandte hier, darüber vorläufig um Rat gefragt, habe erwidert: es sei noch nicht die Zeit. Wie tief wird Frankreich noch sinken, wie hoffnungslos wird noch Deutschland werden müssen, bis Périer den Stephansorden verdient! Wie verhöhnt ihn aber auch Chateaubriand. » Redet nicht von Ehre, die Renten würden um zehn Centimen fallen!« Wegen seines Mutes, seiner Treue und seines glühenden Eifers für Recht und Wahrheit darf man diesem Schriftsteller die Kinderei nachsehen, daß er für das Kind Bordeaux sich bemüht, und man soll nur lächeln darüber als über eine Schwachheit. Die Menschen haben immer wunderliche Gottheiten gehabt; der eine betet Vitzliputzli, der andere die Legitimität an. Aber alles, was er gegen das französische Ministerium sagt, gegen dessen Verwaltung im Innern und nach außen, ist klar wie die Sonne und rein wie Gold. »Die Wahlmonarchie hat der Fahne, der sie sich bemächtigt, bis jetzt noch wenig Ruhm verschafft. Sie weht nur über der Türe der Minister und unter den Mauern von Lissabon; sie wurde nur von den Winden zerrissen; der Regen färbt seinen Purpur und sein Himmelblau ab, und übrigbleibt ein schmutzig weißer Lappen, die natürliche Farbe der Bastardlegitimität... Der Scepter des jungen Heinrichs, gestützt von den Händen des jungen Frankreichs, wäre für die Ruhe Frankreichs, ja für das Glück seines jetzigen Beherrschers selbst, weit ersprießlicher gewesen als eine um einen Pflasterstein gewundene und aus dem Fenster geschleuderte Krone; eine Krone, die zu leicht, wenn sie sich von ihrem Gewichte trennt, zu schwer, wenn sie daran befestigt bleibt ... Ehrwürdige Personen, die Prälaten der Quasilegitimität, betrachten uns als tolle Hunde, immer bereit, auf Europa loszufahren, wenn nicht tüchtige Knechte uns an der Kette hielten. Das haben Franzosen öffentlich geäußert! Sie haben ihr Vaterland aufgedeckt, sie haben mit dem Finger auf dessen geheime Schäden gezeigt; sie haben es dem Hohne der Mächte bloßgestellt; sie haben uns diesen als eine leichte Beute gezeigt oder als Menschen, denen nur der Schrecken Energie geben würde. Also unser Mut von einst, bezeugt durch so viele Eroberungen, wäre nur das Ergebnis der Furcht gewesen, die hinter uns stand; unser Ruhm nur die Folge unserer Verbrechen! Seid artig, hat man uns zu sagen sich erfrecht, und man wird nicht über euch herfallen. Und ein solches Wort konnte aus dem Munde eines Franzosen kommen! Und das Herz derer, die es gehört, das Wort, hat nicht gezuckt! Und das Blut hat nicht gekocht in ihren Adern! Wenn das Gebäude vom Juli nur auf der Hingebung der Nationalwürde ruht, wird es zusammenstürzen; man baut kein dauerhaftes Denkmal auf Unehre. Triumphbogen, die man mit Kot zusammenknetete, würden nicht auf die Nachwelt kommen.« Über die törichten Friedenshoffnungen des Ministeriums, und wie sie, von Furcht geblendet, der Gefahr zueilen, die sie fliehen möchten, drückt sich Chateaubriand wie folgt aus: »Zweifelt nicht daran, die fremden Mächte, welche die Freiheit unsrer Presse und Rednerbühne schon mit der Legitimität mit Mühe aushielten, werden sie mit dem eingestandenen Prinzipe der Volkssouveränität und einer auf der Straße zugeschlagenen Krone noch schwerer ertragen. Sie mögen sich verstellen, abwarten, vielleicht auf einige Zeit bis auf einen gewissen Grad entwaffnen; sie mögen euch sagen, daß ihr durch euer friedliches System die Retter Europas seid, und euer Stolz ist vielleicht naiv genug, an diese grobe Schmeichelei zu glauben. Wenn ihr aber den verschiedenen Mächten Zeit laßt, die Revolutionen, Töchter der eurigen, zu ersticken; wenn ihr ihnen ganz laut erklärt, ihnen dartut, daß ihr keinen Krieg führen könnt ohne in einen Bankerott oder in eine Schreckensregierung zu stürzen – dann habt ihr gegen die einfachsten Regeln eurer Selbsterhaltung gefehlt. Nicht die, welche die Ehre Frankreichs verteidigen, führen den Krieg herbei; ihr seid es, die durch euer albernes Betragen Frankreich einem neuem Einfalle bloßstellt. Ihr werdet für jetzt den Frieden haben, ich will es wohl glauben; man kann keinem den Degen in den Leib stoßen, der uns den Rücken zukehrt. Aber fordert man in Frankreich, in dem Vaterlande der Ehre, auf solche Weise den Frieden?«

Die Cholera ist jetzt wirklich in England und wird dort, wenn sie sich einmal verbreitet, verheerender werden als in jedem andern Lande, weil England, Gott sei Dank, eine schlechte Polizei hat. Hat die Nachricht auf der Frankfurter Börse keinen Eindruck gemacht? Der Dr. *** hier will ein sicheres Mittel gegen die Cholera gefunden haben: man soll jeden Morgen Tisane von Sauerampfer trinken. Das ist ein saures Frühstück. *** hat sich gegen die Cholera tausend Stück Blutigel ins Haus genommen – où peut-on être mieux qu'au sein de sa famille?

 

Dienstag, den 15. November

Ihr heutiger Brief hat mir sehr großes Vergnügen gemacht, und besonders freue ich mich über Ihre Freude an dem guten Erfolge meines Buches. Ich hätte das nicht erwartet. Ich sehe daraus wieder, wie wenig Kunst das Herz bedarf, um zu gefallen; daß die Aufrichtigkeit immer bewegt, und daß man der Wahrhaftigkeit selbst den Mangel der Wahrheit verzeiht. Denn weiß ich es nicht, wie oft ich mich geirrt haben kann? Weiß ich es nicht, daß tausend Leser anderer Meinung sind als ich? Aber sie sehen, sie fühlen, daß ich meine Gesinnung treu ausgesprochen, und darum sind sie zufrieden mit mir und glauben mir, wenn sie auch nicht meinen Reden glauben. Es wäre doch erschrecklich, wenn ich wirklich nicht mehr wagen dürfte, nach Deutschland zu kommen! Dann könnte ich ja auch Deutschland nicht mehr verlassen, und ich wäre um die schönsten Stunden meines Lebens geprellt. Es wird aber so schlimm nicht sein, ihr seid zu ängstlich. Man hat jetzt größere Dummheiten, größere Missetaten zu begehen; zu solchen kleinen Betisen und Spitzbübereien hat man keine Zeit. Was das diplomatische Geschwätz heißen soll, ich hätte hier vielen nichtsnutzigen Deutschen Stellen verschafft, weiß ich wahrhaftig nicht. Vielleicht meint man Anstellungen bei Zeitungsredaktionen. Und auch dieses hat keinen Sinn. Es wird wohl nichts anders sein, als daß ich mehreren Deutschen Nachrichten und Stoff zu mißfälligen Zeitungsartikeln geliefert habe.

 

Mittwoch, den 16. November

Eines der kleinen hiesigen Blätter enthielt gestern folgendes: » Au cimetière Montmartre, on lit cette inscription sur une tombe nouvelle: Ci-gît M. le Baron Jean de Bruckmann, conseiller actuel de sa Majesté le roi de Prusse . La place qu'occupe actuellement M. Bruckmann, ne lui sera enviée par personne.« Es ist schon traurig genug, daß deutsche Hofräte nicht unsterblich sind; aber daß sie gar in Paris sterben, das ist herzzerreißend. Man sieht die schrecklichen Folgen. Erfrecht sich ein unverschämter Franzose, sich über einen königlich-preußischen wirklichen Rat lustig zu machen; was würde er sich nicht erst gegen einen unreellen erlauben! Es muß doch ein unerklärlicher wunderbarer Zauber in einem Titel sein! Es ist das dritte edle Metall. Mancher, der dem Silber widersteht, widersteht doch dem Golde nicht, und wer dem Golde widersteht, unterliegt oft einem Titel. Da ist ein gewisser Münch, ein politischer Schriftsteller von einigen Talenten; der war früher ein heißer Demagog, sein Liberalismus stand auf 30 Grad Réaumur im Schatten. Der König der Niederlande machte ihn vor einigen Jahren zum Professor, und augenblicklich sank sein Liberalismus auf 15 Grad. Kürzlich wurde er vom Könige von Württemberg zum Geheimen Hofrat ernannt, darauf kam Herr Münch dem Gefrierpunkte sehr nahe. Wird er einmal Geheimer Regierungsrat, sinkt er gar unter Null herab. Zwar erwarb er sich durch sein Sinken nicht bloß einen Titel, sondern auch einen jährlichen Gehalt von dreitausend Gulden; aber das Geld ist doch hier nur das Gebackene zur Schokolade, dazugegeben, um sie bequemer auszutunken; die Hauptflüssigkeit bleibt der Geheime Hofrat. Für den Gehalt besorgt Herr Münch die Stuttgarter Bibliothek, aber für den Geheimen Hofrat arbeitet er an der Hofzeitung und sucht alle Tage zu beweisen, daß die Regierung immer recht hat dem Volke gegenüber und daß es sehr löblich ist, wenn sie alles Schlimme ohne langes Zaudern auf einmal tue, damit das Volk den bittern Trank schnell hinunterschlucke; das Gute aber nur allmählich, daß man es mit langsamen Zügen hinunterschlürfe und der Genuß um so dauernder sei. Mit welcher rastlosen Feindseligkeit in Deutschland die öffentliche Meinung verfolgt wird, mit welcher Unverschämtheit die Zensur jede Wahrheit unterdrückt und sich zur unverlangten Beschützerin selbst jeder ausländischen Lüge hervordrängt, sobald diese Lüge zum Vorteile einer Regierung gereicht – davon liegt eben ein neuer Beweis mir unter den Augen. Dr. ***, der ein Korrespondent der »Allgemeinen Zeitung« ist, berichtete kürzlich von dem Prozesse des Journalisten Marrast, der in seiner Zeitung, die »Tribüne«, den Ministern Soult und Périer öffentlich vorgeworfen: sie hätten bei dem Waffenankauf in England ihren großen Vorteil gehabt. Der Bericht sagt: »Von Soult glauben viele Leute, es sei nicht unmöglich, daß er neben seinen militärischen Beschäftigungen auch auf Profit ausgehe; man erinnert an sein Benehmen in Spanien, an seine unbezahlte Bildergalerie. Périer steht ebenfalls im Rufe, als lasse er sich nicht gern einen Profit entgehen: auf ihn bezieht man allgemein das Wort des Figaro: » D'autres ont prêté à la petite semaine. Doch wir halten beide Minister in Betracht ihres allgemein rechtlichen Charakters für unschuldig .« Zu diesen unterstrichenen Worten, bemerkte *** von dem ich die »Allgemeine Zeitung« leihe, mit der Feder: »Dies habe ich nicht geschrieben.« Das hat also die Augsburger Zensur hinzugesetzt. Oder vielleicht hat es der Redakteur der »Allgemeinen Zeitung« selbst getan, – ein talentvoller, aber wunderlicher Mann, der seit zwanzig Jahren mit wahnsinniger Beharrlichkeit den Stein der Weisen sucht und sich abmüht, die Diplomatik mit der Wahrheit zu amalgamieren, um eine goldene Zeitung hervorzubringen.

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