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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 55
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Fünfundfünfzigster Brief

 

Paris, Mittwoch, den 2. November 1831

Ich bin ein rechter Unglücksvogel, daß ich die Frankfurter Revolution nicht mit angesehen. Vor einigen Tagen schrieb mir Dr. D... ein kurzes Billett: »In Frankfurt haben die Bürger mit der Linie einen Kampf gehabt.« – Was! rief ich voll Erstaunen aus, die Frankfurter haben die Linie passiert, sie, die seit Jahrhunderten nicht über die Warttürme hinausgekommen? Komet!

Verflossenen Sonntag war ein Konzert im italienischen Theater, dem ich aber selbst nicht beigewohnt. Es begann mit einer Ouverture à grand orchestre – und erraten Sie von welchem Komponisten? Von Don Pedro, dem Kaiser von Brasilien. Es ist überflüssig, noch zu bemerken, daß die Musik erbärmlich war. Der Herr Kaiser täte auch besser, seinen Mordbruder aus Portugal zu verjagen als die friedlichen Leute aus dem Theater. Ich habe wenigstens einen gesprochen, dem auf die kaiserliche Musiksudelei ganz übel geworden und der darum aus dem Konzerte lief. Was aber Paris ein närrischer Ort ist! Es ist das wunderlichste Ragout von Scherz und Ernst. Der Dey von Algier gab auch Stoff zu mehreren Theaterstücken. Einmal, wie er eine Mädchenpension besucht; das muß lustig sein. Im neuesten Hefte der Revue de Paris steht eine Novelle von dem ehemaligen Minister von Martignac. Eine neue Oper: La marquise de Brinvilliers (die berüchtigte Giftmischerin unter Ludwig XIV.) haben neun hiesige Komponisten gemeinschaftlich verfertigt: Cherubini, Boildieu, Herold, Paër, Auber und andere. Ist das nicht toll! Und eine tragische Oper! Melpomene in der Harlekinsjacke. Die Sinnlichkeit, höhere wie niedere, ist aber bei den Parisern so abgestumpft, daß ihnen Teufelsdreck noch zu fade vorkömmt; man muß ihnen täglich neuen Gestank erfinden. Neulich wurde im Théâtre des Nouveautés an einem und demselben Tage ein neues Stück zu schreiben beschlossen, entworfen, ausgeführt, die Musik dazu gemacht, einstudiert, aufgeführt, und – ausgepfiffen! Es war eine Wette. Kotzebues berüchtigter » Rehbock« wird unter dem Namen Le chevreuil in den Variétés aufgeführt und hat großen Beifall. In Deutschland sorgt man auf eine edlere Weise für das Vergnügen des Publikums. In Berlin ist erschienen (durch die Cholera veranlaßt): » Begräbnisbüchlein zum Gebrauche bei Beerdigungen in den Städten und auf dem Lande. Nebst einem Anhange von Grabschriften.« Schönes Stammbuch! Eines der hiesigen kleinen Blätter enthält heute einen Aufsatz über die in Berlin erscheinende Cholerazeitung, worin es unter anderm heißt: » C'est une invention prussienne; on n'eût pas dit que le domaine de la presse s'aggrandit ainsi dans les domaines de Fréderic-Guillaume. Peut-être aussi le titre n'est-il qu'un épigramme pour montrer et désigner le venin de la presse et la contagion du journalisme

 

Donnerstag, den 3. November

In Deutschland haben sie das Geheimnis gefunden, die Dummheiten in ewig blühender Jugend zu erhalten. Es gibt keine Götter mehr, sonst müßte man sie auf der Erde lachen hören; denn der alte Olymp war ein lustiger Himmel. Soeben las ich in der »Preußischen Staatszeitung«, daß im königlichen Theater am 26. Oktober, zum ersten Male, »Der dumme Peter, Originallustspiel in zwei Akten« aufgeführt wird. Ein Stück, das seit sechzehn Jahren in allen deutschen Residenzen gegeben wird, nennen sie ein Originallustspiel! Unglückliches Land! Die Sonne sinkt, die Fledermäuse steigen auf. Polens Revolution war die Abendröte der Freiheit. Von Hannover schreiben sie: das schöne Oktoberwetter habe den besten Einfluß auf den Gesundheitszustand gehabt, und die politische Entzündung habe sich gleichfalls merklich gelegt. Man fange an einzusehen, daß man im hannöverischen Lande so viel Freiheit und Sicherheit als in England genieße, und darum habe es mit einer Konstitution gar keine Eile. Wenn nur der Adel eine festere Einrichtung bekomme, dann sei allen Übeln abgeholfen ... Und die »Allgemeine Zeitung« nimmt solche Unverschämtheiten auf, und jedes Wort verdienter Zurechtweisung weist sie zurück. Die badischen Stände bekommen keine Preßfreiheit. Die Deputierten haben sich bis jetzt kräftig benommen, obzwar die guten deutschen Seelen immerfort » von den Hallen« der Volkskammer reden. Jetzt wollen wir sehen, ob sie beharrlich sind, eingedenk der Heiligen Schrift: »Aber wer beharret bis am Ende, wird selig werden.« Nichts gleicht der Frechheit, mit welcher das Preßgesetz abgefaßt ist, welches die Minister in Karlsruhe der Kammer vorgelegt. Die Presse sei frei – mit Ausnahme aller Bücher unter zwanzig Bogen, mit Ausnahme aller Werke, die von der Bundesversammlung reden. O Schmach über das Volk, das sich diesen Hohn gefallen läßt! Einen dummen Karpfen fängt man mit mehr Witz. O Beaumarchais, hättest du deutschen Stoff gehabt, das wäre ein ganz anderer »Figaro« geworden! In Kassel liegen die Beamten und Offiziere der neuen Mätresse zu Füßen, und bald wird auch die Konstitution da liegen. Um diesen Preis wird die Dame von dem Durchlauchtigen Deutschen Bunde gegen die Kurfürstin und gegen die Hessen beschützt und geschützt. – Bei euch ist ja » unbegrenzte Trauer«, wegen des Todes des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen. Steht Ihnen die schwarze Kleidung gut?

 

Freitag, den 4. November

Sie reden immer noch von der »Bockenheimer Zeitung«, als wenn die lange dauern würde! Lassen Sie nur erst die belgische Angelegenheit in Ordnung gebracht sein und die Gräfin Schaumburg Wurzel gefaßt haben, und man wird die »Bockenheimer Zeitung« nur noch im Kuchengarten finden. Für jetzt ist alles verloren. Nur der König von Holland kann noch retten, wenn er so klug ist, ein Narr zu sein. Die Revolution, die sich jetzt mit großen Schritten in England naht, gereicht uns Deutschen gar zum Verderben. Deutschland ist das ewig offene Fontanell, wodurch alle aus dem übrigen Europa verjagte Despotie abfließt; und je reiner die übrigen Länder werden, je schmutziger werden wir. Sie glauben mir das noch nicht, aber Sie werden es erfahren. Meine Pariser Briefe vom vorigen Winter werden erst Ende künftigen Sommers ihre Bedeutung bekommen, und was ich unter Vespertinchen verstanden, wird dann erst der Welt klarwerden. Von Frankreich mag ich gar nicht reden. Es mag sein Testament machen. König Philipp trägt eine Schlafmütze unter seiner Krone, und der Kaiser von Österreich eine Schlafmütze über der seinigen. Es ist eine neue Freundschaft zwischen beiden, welche die alten Früchte tragen wird. König Philipp kann seine Nachtmütze nicht mehr abziehen, ohne daß ihm die Krone vom Kopfe fällt, Österreich aber kann jeden Augenblick seine Mummerei wegwerfen und steht dann gerüstet da. Die Papiere stehen hoch, die Börse jauchzet. Ich rufe wie Fiesko aus: » Wohl bekomm euch die Verdammnis!«

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