Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Börne >

Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 52
Quellenangabe
pfad/boerne/briparis/briparis.xml
typereport
authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100102
projectidc89a2b20
Schließen

Navigation:

Zweiundfünfzigster Brief

 

Paris, den 13. Oktober 1831

Diese Woche war wieder sehr reich an Begebenheiten: die Verwerfung der Reformbill in England und die abgeschaffte Erblichkeit der Pairs in Frankreich. Dort hat die Aristokratie gesiegt, hier hat sie eine Niederlage erlitten. Es ist eine Kompensation, und es wird dabei für die gute Sache nichts gewonnen und nichts verloren. Der Sieg des Adels in England kann dort eine Revolution und die Volksherrschaft zur Folge haben; dagegen kann die Abschaffung der Erblichkeit der Pairs in Frankreich wieder zum Absolutismus führen. Wenn es noch eines Anlasses bedürfte, den Haß der großen Mächte gegen Frankreich zu entflammen, so ist er jetzt durch Herabwürdigung der französischen Aristokratie gefunden. Die Familie Von in Österreich und Preußen wird ihre Verwandtschaft rächen. In Deutschland nimmt alles so eine schlechte Wendung, wie ich es vorhergesehen. Die badische Kammer ist dem preußischen Mautsysteme beigetreten, das heißt, es hat sich der preußischen Politik unterworfen. Und alle Deputierten, die ich diesen Sommer in Karlsruhe gesprochen, haben doch gegen diese verderbliche Allianz mit Preußen wie gegen Gift geeifert. Welche Menschen! Mit ihrer Preßfreiheit ist es auch nichts. Ein in Karlsruhe erscheinendes französisches Blatt, ob es zwar unter Zensur stand, ist auf Antrag des Bundestags unterdrückt worden. Ich habe mit der Hoffnung auch alle Mäßigung aufgegeben. Ich werde künftig über Politik nicht mehr schreiben, wie ich es bis jetzt getan. Mäßigung wird ja doch nur für Schwäche angesehen, die zum Übermute, und Rechtlichkeit für Dummheit, die zum Betruge auffordert. In dem ersten Artikel meines projektierten Journals trete ich mit einer trotzigen Kriegserklärung hervor. Ich sage unter andern: »In frühern Zeiten hatten wir die friedliche Wage in unserm Schilde geführt. Glühendes Gefühl, unsere Liebe und unsern Zorn, unsere Hoffnung und unsere Furcht, den wilden Sturm des Herzens – alles brachten wir unter Maß und brachten Ordnung in jede Leidenschaft. Zwar wurden die Machthaber immer von uns verwünscht, weil sie trotzig behaupten, das Glück und die Freiheit der Welt sei ihr Eigentum, und von ihrem guten Willen, von ihrer eigenen Schätzung hinge es ab, wieviel sie den Völkern davon zurückhalten, davon überlassen, und welchen Preis sie dafür verlangen mögen. Aber wir dachten: es sei! mit Krämern muß man feilschen; da ist Gold, da ist die Wage. Aber sie strichen das Geld ein und warfen höhnisch das Schwert in die Schale. Wollt ihr's so? Nun, es sei auch. Schwert gegen Schwert ... Denn seit wir gesehen, daß der jüngste König um die Gunst der ältesten Tyrannen buhlt, und die ältesten Tyrannen selbst den Raub einer Krone lächelnd verzeihen, wird nur zugleich mit der Krone die Freiheit auch geraubt – seitdem hoffen wir nichts mehr von friedlicher Ausgleichung. Die Gewalt muß entscheiden. Besiegen könnt ihr uns, aber täuschen nicht mehr.« Ich werde das Journal die Glocke nennen.

Das Wetter hier macht einen ganz verwirrt. Im Oktober zwanzig Grad Wärme! Vielleicht hat der Himmel beschlossen, daß sich die Fürsten noch diesen Herbst die Hälse brechen. Man fürchtet Unruhen in England. Nach gestern angekommenen Nachrichten hat das Volk in der Provinz das Landhaus eines Pairs abgebrannt, der gegen die Reform gestimmt. Wellington soll sein Haus verrammelt haben. Wenn es in England Revolution gibt, werden die Alliierten über Frankreich herfallen, wovon sie bis jetzt nur die Furcht vor England abgehalten.

Ich war vor einigen Tagen zum ersten Male im neuen Theater des Palais Royal, wo einige ganz allerliebste Stücke mich sehr unterhalten und mir das saure Blut etwas versüßt haben; besonders tat das ein Vaudeville: Le Tailleur et la Fée, ou Les chansons de Béranger. Bérangers Großvater, ein armer Schneider, sitzt und näht. Neben ihm in der Wiege flennt der künftige Dichter, der eben auf die Welt gekommen. Die herbeigerufene Amme erscheint, verwandelt sich in eine Fee und zwar in die Gestalt der Göttin der Freiheit, den Spieß in der Hand, die rote Mütze auf dem Kopfe. Sie gelobt dem alten Schneider, seinen Enkel das schönste Lebenslos zu schenken, ihn zum Freiheitsdichter zu machen. Jetzt erscheinen, von dem Zauberstabe der Fee herbeigerufen, die Hauptlieder Bérangers, unter allegorischen Personen. Zuletzt wird seine Büste bekränzt. Es ist eine vollkommene Apotheose.

Bérangers Herkunft und Geburt sind im Vaudeville historisch dargestellt. In seinem Liede Le Tailleur et la Fée erzählt der Dichter:

»Dans ce Paris plein d'or et de misère,
En l'an de Christ mil-sept-cent-quatre-vingt,
Chez un tailleur, mon pauvre et vieux grand-père,
Moi nouveau-né, sachez ce qu'il m'advint.
Rien ne prédit la gloire d'un Orphée
A mon berceau, qui n'était pas de fleurs;
Mais mon grand-père, accourant à mes pleurs,
Me vit soudain dans les bras d'une Fée.
Et cette Fée avec de gais refrains,
Calmait le cri de mes premiers chagrins.«

Es ist etwas, das die heutige französische Regierung lauter verdammt als die Millionen der Getäuschten; schwärzer färbt als alle Tagesblätter der Unzufriedenen: – Béranger hat seit der letzten Revolution nicht ein einziges Lied gesungen. Gleich in den ersten Tagen machte ihm die böse Ahndung dessen, was kommen werde, das Herz und bald darauf die Erfüllung der schlimmsten Besorgnis die Zunge schwer. Selbst die Hoffnung mochte ihm nicht geblieben sein, die ihn doch unter dem Drucke der Zeiten, da die ältern Bourbons herrschten, zu Wein-, Liebes-, Freiheits- und Spottliedern begeistern konnten. Die neuen Machthaber warfen auch nach Béranger ihre goldene Angel aus; doch er ließ sich nicht ködern und schwieg; und dieses stumme Lied schallt lauter gegen die Tyrannei, als es irgendeines seiner frühern Lieder getan.

Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich anfange, mich mit der bildenden Kunst zu beschäftigen, und wie ernst es mir damit ist, habe ich neulich an meinem ersten Besuche im Museum selbst erprobt. Ich habe zum ersten Male in meinem Leben alles so bedächtig, so genau betrachtet, daß ich nach zwei Stunden nicht über das erste Zimmer hinausgekommen, obzwar wenig Bedeutendes und Erfreuliches an Kunstwerken darin aufbewahrt wird. Es ist etwas, meinen alten Geist aufzurichten, ihm einen neuen Standpunkt für alte Betrachtungen zu verschaffen. Das Licht wird mir mit der Zeit wohl aufgehen, und ich mache mich jetzt schon über mich selbst lustig, wie ich mich einmal später öffentlich über Kunst werde vernehmen lassen. Freilich fehlt mir etwas, was zum vollkommenen Verständnis der Kunstwerke ganz unentbehrlich ist, nämlich die Technik. Aber ich werde diese Unwissenheit, wie manche andere, schon durch rote, grüne und gelbe Worte zu bedecken wissen.

– Die Gnade des Kaisers von Rußland gegen die unglücklichen Polen steht in voller Blüte. In Warschau sind schon funfzehnhundert Personen eingekerkert worden, und alle Flüchtlinge werden mit Steckbriefen verfolgt, wozu der gute Schwiegervater behülflich ist. Wird denn die Zeit niemals kommen, daß sich die Völker auch verschwägern und einander in der Not beistehen?

– Der Baron *** aus Wien, dessen ich schon erwähnt, sagte mir, in Wien wäre kein gebildet Haus, in dem man nicht meine Schriften hätte. Voriges Jahr war er in der Schweiz und blieb vier ganze Wochen oben auf dem Rigi. Ich fragte ihn: ob er Gesellschaft bei sich gehabt. Er erwiderte: »Ich war in Ihrer Gesellschaft dort.« Er hatte nämlich meine Werke bei sich. Eigentlich habe ich die Wiener gern. Sie lesen weniger, besonders Journale, und haben darum keinen verschlemmten, abgenutzten Geist. Wenn sie Verstand haben, ist er selbständiger, origineller als der der Nordländer. Dabei sind sie gutmütig und sind ganz glücklich, wenn man ihren Kaiser lobt.

 

Freitag, den 14. Oktober

Auf den Boulevards und, was noch wunderlicher ist, auf dem Platze vor der Börse findet man jetzt sehr häufig Bibeln zum Verkaufe ausgestellt. Die heilige Ware liegt auf der Erde unter andern profanen Büchern oder sonstigem schlechten Trödel. Sie sind sehr wohlfeil und gehen gut ab. Sie stammen von der hiesigen Bibelgesellschaft, die sie unentgeltlich austeilt, worauf sie denn, wie billig, von den Geschenknehmern verkauft werden. Gestern sah ich einen wohlgebildeten Mann von etwa funfzig Jahren, der sich eben auf der Straße eine ungerupfte wilde Ente gekauft, die er mit Mühe in die linke Rocktasche zwängte, gleich darauf auch eine Bibel kaufen, die er unter dem rechten Arme forttrug. Es gefiel mir ungemein, daß er sich weniger schämte, die Bibel als die Ente öffentlich zu tragen und daß er um die letztere länger gefeilscht als um die erstere. – Ah, je respire! Da ist Ihr Brief. Was kann ich dafür. Ich bin Ihr gelehriger Schüler immer gewesen, ich kann die Angst nicht lassen.

Aber was fällt Ihnen ein? Warum zweifeln Sie, daß ich in Paris vergnügt sei? Paris gefällt mir wie immer. Da ich mich aber wie zu Haus fühle, hat es natürlich – zwar immer noch den Reiz, aber nicht mehr den Überreiz der Neuheit. Ich genieße ruhiger, und Deutschland liegt so ferne von meinem Sinne, daß ich es, wie früher geschehen, mit Frankreich gar nicht mehr vergleiche.

 << Kapitel 51  Kapitel 53 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.