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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 51
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
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Einundfünfzigster Brief

 

Paris, Samstag, den 8. Oktober 1831

Nun, schmeckt Ihnen Frankfurt? Ich denke wie Kamillentee. Nicht gerade erst jetzt wegen dieser cholerischen Zeit; mir hat es immer so geschmeckt. Eine Apotheke – alles getrocknet, alles zerstoßen, alles in Büchsen und Schachteln. Nichts frisch, nichts ganz, nichts frei. Und der vornehme Moschusgeruch, den der Bundestag zu uns gebracht, der macht einem gar übel. Ist noch nichts verordnet, wie viele Juden an der Cholera sterben sollen? Wie viele Einheimische, wie viele Fremde? Geht es nach der Anciennität der Leibschmerzen oder wird nach Gunst verfahren?

Was es mir in dieser Pest- und Kriegszeit für Verdruß macht, daß ich so wenige Naturkenntnisse habe, kann ich Ihnen nicht genug klagen, und nie verzeihe ich es Ihnen, daß Sie mich so schlecht erzogen haben. Eigentlich bin ich ganz auf die Natur angewiesen; ich habe einen unbeschränkten Kredit bei ihr, und sie hat noch alle meine Forderungen bewilligt. Ich bin ein geborener Naturphilosoph. Ich habe von meiner frühesten Jugend an Gott und Menschheit vom Standpunkte der Natur betrachtet; die Religion war mir das All-Element, die Geschichte eine Art höherer Magnetismus; Geist und Materie unterschied ich nie; der Geist war mir eine unsichtbare Materie, die Materie ein unsichtbarer Geist. Dieser Naturglaube gab mir eine gemeinschaftliche Regel, gemeinschaftliches Maß und Gewicht für alles. Darum setzte mich nie etwas in Verwirrung; darum verwunderte ich mich nie über etwas. Komete, Peste, Kriege, Revolutionen und Erdbeben wußte ich immer in die natürlichsten Verbindungen zu bringen, und wenn mir die Anmaßung der unwissenden Menschen, die das alles für Aberglauben erklären, nicht lächerlich erscheint, so habe ich diese Nachsicht eben auch meiner Naturphilosophie zu danken, die mich lehrt, daß Dummheit und Menschendünkel Elemente sind wie andere. Nun habe ich zwar ein glückliches Ahndungsvermögen, das mich Blinden auf den rechten Weg führt; aber den Weg kenne ich nicht, und ich weiß weder andern noch mir selbst zu beweisen, wovon ich doch so fest überzeugt bin. Und daran sind Sie schuld.

Ein Aufsatz über die Cholera, den die »Allgemeine Zeitung« in den letzten Tagen enthielt, hat mich von meiner Unwissenheit in den Naturwissenschaften recht betrübt überzeugt. Der Verfasser hat ganz meine Ansicht, daß die epidemischen Krankheiten der Menschen mit den Krankheiten der Erde zusammenhingen. Nur spricht er von feuerspeienden Bergen, von Erdbeben, Elektrizität, ungewöhnlicher Abweichung der Magnetnadel und anderen Dingen, die ich wenig verstehe, und was Sie mir in Ihrem nächsten Briefe, wie ich hoffe, alle erklären werden. Der Verfasser kommt zu dem Resultate, daß die Cholera höchstens in sehr gelinder Art, vielleicht aber gar nicht weiter nach dem westlichen Europa vordringen würde. Er meint, die unterdessen stattgehabten Erdbeben und Ausbrüche der Vulkane, sowie die Entstehung neuer vulkanischer Inseln bei Sizilien hätten diesen Teil der kranken Erde geheilt. Wir werden sehen. Ich möchte den Vorschlag machen, Kamillen- und Pfeffermünztee, statt ihn den Menschen einzugeben, lieber der Erde selbst einzugießen, indem man große Löcher hineingräbt; und um die ganze Erde in der Gegend des Äquators eine Flanellbinde zu legen, sie vor Erkältung zu schützen. Dann würde die Cholera aufhören. Was sagen Sie dazu?

– Die Juden sind dümmer wie Vieh, wenn sie sich einreden, bei entstehender Revolution würden sie von den Regierungen geschützt werden. Nein, man würde sie dem Volkshasse aufopfern; die Regierungen würden suchen, sich um diesen Preis von der Revolution loszukaufen. Wenn man in Indien die greuliche Boaschlange erlegen will, jagt man ihr einen Ochsen entgegen; den frißt sie ganz auf, und dann, wenn sie sich nicht mehr bewegen kann, tötet man sie. Die Juden werden die Ochsen sein, die man der Revolution in den Rachen führt, und wenn sie sich nicht auf mein Journal abonnieren, mag ihnen Gott gnädig sein.

Gestern abend war *** bei mir, um Abschied zu nehmen. Er reist heute zurück. Es gibt nichts Komischeres als die Verzweiflung dieses Mannes, wieder in den deutschen Kerker eingesperrt zu werden und nicht in Paris bleiben zu können. Mich beneidet er wie einen Gott. Mit *** [List] ist es das nämliche. Vor einigen Tagen sprach ich von seiner baldigen Abreise mit ihm; darüber ward er ganz wild und fast boshaft und bat mich um Gotteswillen, doch von dieser Sache nicht zu sprechen.

List hat ein sehr gutes Büchelchen in französischer Sprache über Eisenbahnen hier drucken lassen. Es soll sich eine Aktiengesellschaft bilden, welche Eisenbahnen von Paris nach Havre und Straßburg führe, so daß man in zwölf Stunden von hier nach Straßburg wird reisen können und, weiter nach Frankfurt gezogen, in achtzehn Stunden dorthin. Wenn ich morgens von hier abreiste, könnte ich abends Tee bei Ihnen trinken und den andern Abend wieder hier sein. Welch ein reizender Gedanke! Heine sagt zwar, es sei eine schreckliche Vorstellung, in zwölf Stunden schon in Deutschland sein zu können. Diese Eisenbahnen sind nun meine und Lists Schwärmereien wegen ihrer ungeheuern politischen Folgen. Allem Despotismus wäre dadurch der Hals gebrochen, Kriege ganz unmöglich. Frankreich, wie jedes andere Land, könnte dann die größten Armeen innerhalb vierundzwanzig Stunden von einem Ende des Reichs zum andern führen. Dadurch würde der Krieg nur eine Art Überrumpelung im Schachspiel und gar nicht mehr auszuführen.

Ich freue mich, daß Sie jetzt wegen der Cholera beruhigter sind. Aber ich mußte laut auflachen, als Sie mir Vorwürfe machten, ich hätte Ihnen die Angst eingeredet. Das wäre Wasser in den Main tragen. Merkur, der Gott der Beredsamkeit, wenn er ein paar Bouteillen Champagner getrunken hat und besonders begeistert ist, könnte Ihnen vielleicht eine Furcht ausreden; aber einreden – das vermag kein Gott; da ist alles so vollgepfropft, daß nicht für die kleinste Furcht mehr Platz ist. Ich kann mir wirklich nicht anders erklären, wie Sie die Cholerafurcht in Ihrem Angstmagazin haben unterbringen können, als daß ich annehme, Sie haben vorher andere Ängste herausgeworfen. Sehen Sie, das nennt man in der Ästhetik satirische Schreibart! Verlassen Sie sich darauf, daß unser Professor Oertel mit seiner Wasserkur gegen Cholera recht hat. Ich habe keinen Augenblick daran gezweifelt. Ich habe gestern wieder zwei neue Hefte von Oertels Wasserbibel bekommen, worin schöne Beispiele vorkommen. Unter andern: Vor kurzem starb in Ansbach eine alte Jungfer von 97 Jahren. Die Totenweiber, die mit diesem armen alten Hunde keine Umstände machen wollten, wuschen sie, statt wie üblich mit warmem, mit kaltem Wasser. Davon wachte die Jungfer aus dem Scheintode wieder auf und lebte noch drei Tage.

Ein Baron von Maltitz, seit kurzem hier, hat mich vorgestern besucht. Es ist der Schriftsteller, dessen Buch Gelasius, der graue Wanderer ich kritisiert und der mir in irgendeiner Zeitung dafür gemütlich gedankt und mich dabei »Alter Börne!« angeredet hat. Seine Schriften machen Glück und werden viel gekauft. Vor mehreren Jahren ließ er in Berlin ein Schauspiel Der alte Student (es ist gedruckt) aufführen. Das Stück enthielt Anspielungen auf die frühere Unabhängigkeit Polens. Diese wurden bei der Aufführung von jungen polnischen Studenten gehörig gedeutet und mit Enthusiasmus beklatscht. Zur Strafe wurde Maltitz, obzwar sein Stück die Zensur passiert hatte und er ein geborener Preuße ist, aus dem Lande verbannt. In der letzten Zeit schrieb er ein episches Gedicht Polonia, was sehr viel gelesen wird. Selbst in Paris wurden 200 Exemplare verkauft.

Goethes Tagebuch, von dem ich Ihnen neulich geschrieben, habe ich nun geendigt. So eine dürre leblose Seele gibt es auf der Welt nicht mehr, und nichts ist bewundernswürdiger als die Naivität, mit welcher er seine Gefühllosigkeit an den hellen Tag bringt. Das Buch ist eine wahre Bibel des Unglaubens. Ich habe beim Lesen einige Stellen ausgezogen, und ich lege das Blatt hier bei. Viele Bemerkungen hierüber waren gar nicht nötig; Goethes klarer Text macht die Noten überflüssig. Und solche Konsuln hat sich das deutsche Volk gewählt! Goethe, – der, angstvoller als eine Maus, beim leisesten Geräusche sich in die Erde hineinwühlt und Luft, Licht, Freiheit, ja des Lebens Breite, wonach sich selbst die totgeschaffenen Steine sehnen – alles, alles hingibt, um nur in seinem Loche ungestört am gestohlenen Speckfaden knuppern zu können – und Schiller, der, edler, aber gleich mutlos, sich vor Tyrannei hinter Wolkendunst versteckt und oben bei den Göttern vergebens um Hilfe fleht und, von der Sonne geblendet, die Erde nicht mehr sieht und die Menschen vergißt, denen er Rettung bringen wollte. Und so – ohne Führer, ohne Vormund, ohne Rechtsfreund, ohne Beschützer – wird das unglückliche Land eine Beute der Könige und das Volk der Spott der Völker.

– Fragen Sie mich, sooft Sie wollen, nach dem Straßenkote; aber fragen Sie mich nie nach der französischen Politik. Es ist ein gar zu schmutziges Ding. Voriges Jahr sagte ich: Der König ist verloren; jetzt sage ich: Frankreich ist verloren. Wenn nicht der Senator *** oder sonst so ein Frankfurter Philister besser Frankreich regierte als das Ministerium, will ich ein Schurke sein. Gelobt wird auch die Regierung von allen fremden Kabinetten wie ein Kind, das sich artig aufgeführt. – Es ist eine Schmach! und stolz sind sie auf dieses Lob – es ist Wahnsinn. – Der König wohnt jetzt in den Tuilerien. Er wollte es sich bequem machen; er ist jetzt dem Place Louis XV. etwas näher als im Palais Royal.

In Berlin ist ein junger Referendarius zu einjähriger Festungsstrafe verurteilt worden, weil er mehrere Artikel, die im Messager über die preußische Regierung gestanden, ins Deutsche übersetzt und einigen Freunden zu lesen gegeben hatte. Das Urteil lautet: »weil er versucht, Mißvergnügen gegen die Regierung zu erregen«. Jetzt ist es sogar ein Verbrechen, wenn einem die Regierung kein Vergnügen macht! Da müßte man die Regierungen zuerst einsperren, denn diese verbreiten am meisten Mißvergnügen gegen sich selbst. Alles geht zurück, teure Freundin. Der Jammer ist nur, daß wir nicht mit zurückgehen und wieder jung und dumm werden. Adieu, ich gehe ins Louvre. Ich studiere jetzt Gemälde und Tiere. Vorgestern im Jardin des Plantes war ich ganz verloren in dem Anblicken der herrlichen Löwen. Der eine hat ein junges Hündchen zum Zeitvertreibe in seinem Käfig. Der Löwe schlief, das arme Hündchen saß in dem entferntesten Winkel, betrachtete den Löwen mit unverwandten Blicken, rührte sich nicht und sah betrübt, aber unterwürfig aus. Es war ein rührendes Bild der Willenlosigkeit, wie der Löwe ein schreckliches der Willkür. Ich wünschte, Löwe oder Hündchen zu sein; aber so in der Mitte stehen, den Stolz des Löwen und die Schwäche des Hündchens – das ist die Langeweile.

Tag- und Jahres-Hefte als Ergänzung meiner sonstigen Bekenntnisse, von 1789–1806

(Goethes Werke, 31ster Band.)

»Der Geist näherte sich der wirklichen, wahrhaftigen Natur, durch Gelegenheitsgedichte.« – Wie einen Gelegenheitsgedichte zur wahrhaften Natur führen können, begreife ich nicht, Goethe müßte denn auch die Liebe zu den Gelegenheiten rechnen – was ihm leicht zuzutrauen ist. Aber wer ein so wetterwendisches Herz hat, daß ihn die Gelegenheit leicht in ihre Kreise fortzieht, wem die Gelegenheit das Herz nicht bricht, der hat die Dichtkunst gefunden, gestohlen, erworben, vielleicht mit seiner Händearbeit, geschenkt wurde sie ihm nie.

1789.

Kaum hatte sich Goethe nach seiner Rückkehr aus Italien in die weimarischen Verhältnisse wieder eingesponnen, als die Revolution losbrach. »Schon im Jahr 1785 hatte die Halsbandgeschichte einen unaussprechlichen Eindruck auf mich gemacht. In dem unsittlichen Stadt-, Hof- und Staatsabgrunde, der sich hier eröffnete, erschienen mir die greulichsten Folgen gespensterhaft, deren Erscheinung ich geraume Zeit nicht los werden konnte; wobei ich mich so seltsam benahm, daß Freunde, unter denen ich mich eben auf dem Lande aufhielt, als die erste Nachricht hievon zu uns gelangte, mir nur spät, als die Revolution längst ausgebrochen war, gestanden, daß ich ihnen damals wie wahnsinnig vorgekommen sei. Ich verfolgte den Prozeß mit großer Aufmerksamkeit, bemühte mich in Sizilien um Nachrichten von Cagliostro und seiner Familie und verwandelte zuletzt, nach gewohnter Weise, um alle Betrachtungen los zu werden, das ganze Ereignis unter dem Titel Der Groß-Cophta in eine Oper, wozu der Gegenstand vielleicht besser als zu einem Schauspiele getaugt hätte.« Die Ausbrüche der Revolution zu einer Oper begeistert! Wer jedes Gefühl, sobald es ihm Schmerzen verursacht, gleich ausziehen läßt wie einen hohlen Zahn, den wird freilich nichts in seinem Schlafe stören; aber mit Gefühllosigkeit, mit einer hohlen Seele, ist der Schlaf doch etwas zu teuer bezahlt!

O welch ein Klein-Cophta! Statt in der Hofgeschichte eine Weltgeschichte zu sehen, sieht er in der Weltgeschichte eine Hofgeschichte. Und wie ihn seine Philister-Ehrfurcht vor den Großen wie blind und taub, so auch stumm gemacht. Den Kardinal Rohan verwandelt er in einen Domherrn. Die Königin in eine unvermählte Dame! Es ist gar kein Sinn in dieser Geschichte, so dargestellt. Aber Cagliostro! Es ist nicht zu leugnen, daß ihn Goethe mit Freundschaft behandelt. Es war Dankbarkeit. Einem moralischen Gourmand wie Goethe mußte Cagliostros Lehre, die er im höchsten Grade seiner Mysterien, nach langer, langer Prüfung, endlich dem Eingeweihten offenbarte – die Lehre: – »Was du willst, das die Menschen für dich tun sollen, das tue für sie nicht«, – diese Lehre des Antichrists mußte wohl einem Goethe munden.

1790.

Kehrte mit der Fürstin Amalie von seiner zweiten Reise in Italien zurück. »Kaum nach Hause gelangt, ward ich nach Schlesien gefordert, wo eine bewaffnete Stellung zweier großen Mächte den Kongreß von Reichenbach begünstigte. Erst gaben Kantonierungsquartiere Gelegenheit zu einigen Epigrammen ... In Breslau hingegen, wo ein soldatischer Hof und zugleich der Adel einer der ersten Provinzen des Königreichs glänzte, wo man die schönsten Regimenter ununterbrochen marschieren und manövrieren sah, beschäftigte mich unaufhörlich, so wunderlich es auch klingen mag, die vergleichende Anatomie, weshalb mitten in der bewegtesten Welt ich als Einsiedler in mir selbst abgeschlossen lebte. Dieser Teil des Naturstudiums war sonderbarlich angeregt worden. Als ich nämlich auf den Dünen des Lido, welche die venezianischen Lagunen von dem Adriatischen Meere sondern, mich oftmals erging, fand ich einen so glücklich geborstenen Schafschädel, der mir ... jene große, früher von mir erkannte Wahrheit, die sämtlichen Schädelknochen seien aus verwandelten Wirbelknochen entstanden, abermals bestätigte ...«

Was? Goethe ein reichbegabter Mensch, ein Dichter; damals in den schönsten Jahren des Lebens, wo der Jüngling neben dem Manne steht, wo der Baum der Erkenntnis zugleich mit Blüten und mit Früchten pranget – er war im Kriegsrate, er war im Lager der Titanen, da, wo vor vierzig Jahren der zwar freche, doch erhabene Kampf der Könige gegen die Völker begann – und zu nichts begeisterte ihn dieses Schauspiel, zu keiner Liebe, zu keinem Hasse, zu keinem Gebete, zu keiner Verwünschung, zu gar nichts trieb es ihn an als zu einigen Stachelgedichten, so wertlos, nach seiner eigenen Schätzung, daß er sie nicht einmal aufbewahrte, sie dem Leser mitzuteilen? Und als die prächtigsten Regimenter, die schönsten Offiziere an ihm vorüberzogen, da – gleich der jungen blassen Frau eines alten Mannes – bot sich seinem Beobachtungsgeiste kein anderer, kein besserer Stoff der Betrachtung dar als die vergleichende Anatomie? Und als er in Venedig am Ufer des Meeres lustwandelte – Venedig, ein gebautes Märchen aus Tausendundeiner Nacht; wo alles tönt und funkelt: Natur und Kunst, Mensch und Staat, Vergangenheit und Gegenwart, Freiheit und Herrschaft; wo selbst Tyrannei und Mord nur wie Ketten in einer schauerlichen Ballade klirren; die Seufzerbrücke, die Zehenmänner; es sind Szenen aus dem fabelhaften Tartarus – Venedig, wohin ich sehnsuchtsvolle Blicke wende, doch nicht wage, ihm nahezukommen, denn die Schlange österreische Polizei liegt davorgelagert und schreckt mich mit giftigen Augen zurück – dort, die Sonne war untergegangen, das Abendrot überflutete Meer und Land, und die Purpurwellen des Lichtes schlugen über den felsigen Mann und verklärten den ewig Grauen – und vielleicht kam Werthers Geist über ihn, und dann fühlte er, daß er noch ein Herz habe, daß es eine Menschheit gebe um ihn, einen Gott über ihm, und dann erschrak er wohl über den Schlag seines Herzens, entsetzte sich über den Geist seiner gestorbenen Jugend; die Haare standen ihm zu Berge, und da, in seiner Todesangst, »nach gewohnter Weise, um alle Betrachtungen los zu werden« – – verkroch er sich in einen geborstenen Schafsschädel und hielt sich da versteckt, bis wieder Nacht und Kühle über sein Herz gekommen! Und den Mann, soll ich verehren? Den soll ich lieben? Eher werfe ich mich vor Vitzliputzli in den Staub; eher will ich Dalai-Lamas Speichel kosten. Hätte Deutschland, ja hätte die ganze Welt nur zwei Dichter, nur zwei Brunnen, ohne die das Herz verschmachten müßte in der Sandwüste des Lebens – nur Kotzebue und Goethe – tausendmal lieber labte ich meinen Durst mit Kotzebues warmer Tränensuppe, die mich doch wenigstens schwitzen macht, als mit Goethes gefrorenem Weine, der nur in den Kopf steigt und dort hinauf alles Leben pumpt.

1792

»In der Mitte des Sommers ward ich abermals ins Feld berufen, diesmal zu ernsteren Szenen. Ich eilte über Frankfurt, Mainz, Trier und Luxemburg nach Longwy, welches ich den 28. August (Goethes Geburtstag – das vergißt er nie) schon eingenommen fand; von da zog ich mit bis Valmy, sowie auch zurück bis Trier; sodann, um die unendliche Verwirrung der Heerstraße zu vermeiden, die Mosel herab nach Koblenz. Mancherlei Naturerfahrungen schlangen sich für den Aufmerksamen durch die bewegten Kriegsereignisse. Einige Teile von Fischers physikalischem Wörterbuche begleiteten mich; manche Langeweile stockender Tage betrog ich durch fortgesetzte chromatische Arbeiten ...« Kein Wort über die Kriegsereignisse! Interessiert ihn auch die Politik nicht, konnte ihn doch als Dichter und Beobachter das Kriegsleben, dem es an beliebter plastischer Dickleibigkeit gewiß nicht fehlt, Stoff zu Wahrnehmungen und künstlerischen Darstellungen geben. Aber die ehrfurchtsvolle Scheu, von höchsten und allerhöchsten Personen und ihren höchsten und allerhöchsten Dummheiten zu reden, läßt ihn noch nach vierzig Jahren verstummen.

1793

Während der Blockade von Mainz, der er bis zum Ende der Belagerung beiwohnte, beschäftigte er sich mit Reinecke Fuchs und übte sich im Hexameter. Warum sagt er nicht, was er zu jener Zeit so oft im Hauptquartier gemacht? Hat er vielleicht an der Abfassung des berühmten Manifests des Herzogs von Braunschweig teilgehabt? Auch fuhr er fort, am Rhein unter freiem Himmel die Farbenlehre zu treiben.

»Und so hielt ich für meine Person wenigstens mich immer fest an diese Studien, wie an einen Balken im Schiffbruch; denn ich hatte nun zwei Jahre unmittelbar und persönlich das fürchterliche Zusammenbrechen aller Verhältnisse erlebt ...«

»Einem tätigen, produktiven Geiste, einem wahrhaft vaterländisch gesinnten und einheimische Literatur befördernden Manne wird man es zugute halten, wenn ihn der Umsturz alles Vorhandenen schreckt, ohne daß die mindeste Ahnung zu ihm sprach, was denn besseres, ja nur anderes daraus erfolgen solle. Man wird ihm beistimmen, wenn es ihn verdrießt, daß dergleichen Influenzen sich nach Deutschland erstrecken, (die Französische Revolution eine verdrießliche Geschichte!) und verrückte, ja unwürdige Personen das Heft ergreifen. In diesem Sinne war der Bürgergeneral geschrieben, ingleichen die Aufgeregten entworfen, sodann die Unterhaltungen der Ausgewanderten ...«

» Der Bürgergeneral ward gegen Ende von 1793 in Weimar aufgeführt ... aber die Urbilder dieser lustigen Gespenster waren zu furchtbar, als daß nicht selbst die Scheinbilder hätten beängstigen sollen.«

Nun wahrhaftig, die in Weimar müssen unerhört schwache Nerven gehabt haben, wenn sie dies Scheinbild der Französischen Revolution, das Goethe im erwähnten Lustspiele darstellt, in Angst versetzt hat. Ich glaube es aber nimmermehr. Sie werden sich wohl bei der Aufführung jener Possen ebenso gelangweilt haben, als ich es beim Lesen getan, mit dem ich soeben fertig geworden; und Goethe schrieb das Gähnen statt der Langeweile den Vapeurs zu. Des Bürgergenerals großer Inhalt ist folgender: Gevatter Schnaps, ein Dorfbarbier, ließ sich weismachen: Zu den Jakobinern in Paris, welche alle gescheite Leute in allen Ländern aufsuchten, an sich zögen und benutzen, wäre sein Ruf erschollen, und seit einem halben Jahre gäben sie sich alle erdenkliche Mühe, ihn für die Sache der Freiheit und Gleichheit zu gewinnen. Man kenne in Paris seinen Verstand und seine Geschicklichkeit. Ein Spaßvogel, der sich für einen Abgesandten der Jakobiner ausgibt, ernennt den Barbier zum Bürgergeneral und beauftragt ihn, in seinem Dorfe die Revolution anzufangen. Man gibt ihm eine Freiheitsmütze, Säbel, Uniform und einen falschen Schnurrbart. Die ganze Freiheitskomödie geht aber darauf hinaus, den Bauer Martin um einen Topf Milch zu prellen. Und in diese alberne Milchsuppengeschichte wollte Goethe den Weimaranern einen Abscheu vor der Französischen Revolution einbrocken! Und die Weimarer sollen wirklich Krämpfe davon bekommen haben! Es ist nicht möglich.

Noch lächerlicher ist das Lustspiel Die Aufgeregten. Auch in diesem dramatischen Bilde wollte Goethe die Greuel der Französischen Revolution darstellen, um die Deutschen vor Freiheitsschwindel zu bewahren. Nun lese man die Folgen, welche das unglückselige Revolutionsfieber in einem Dörfchen gehabt. Erste Folge. Luise sagt: sie habe vergangenen Winter ein Paar Strümpfe mehr gestrickt, weil ihr Vater, der Barbier, ihr Muße dazu gegeben, da er wegen der Zeitungen später nach Hause gekommen. Zweite Folge. Das Kind der Gräfin fällt sich ein Loch in den Kopf, weil sein Hofmeister, der die Zeitungen las, nicht auf dasselbe achtgegeben. Und das ist alles! Die Berliner freilich werden manches in diesem Drama sehen, was einem kurzsichtigen Süddeutschen entgeht. Sie haben einen Herschelschen Goethoskop – wir nur unsere Augen.

1794.

»Man sendete mir aus dem südlichen und westlichen Deutschland Schatzkästchen, Spar-Taler, Kostbarkeiten mancher Art zum treuen Aufbewahren, die mich als Zeugnisse großen Zutrauens erfreuten, während sie mir als Beweise einer beängstigten Nation traurig vor Augen standen.«

Guter Gott, welche Gewichte sind es, die den zentnerschweren Haß Goethes gegen die Französische Revolution bildeten! Seine liebe Mutter in Frankfurt hatte ein bequemes Haus mit schönen Möbeln, mit wohlversorgtem Keller, mit Büchern, Kupferstichen und Landkarten. Durch die Feindseligkeiten der Franzosen geängstigt, wollte die Mutter ihren Besitz veräußern, sich eine Wohnung mieten; aber eben wegen der unruhigen Zeiten wurden unvorteilhafte Kaufanträge gemacht; das Beraten mit Freunden und Mäklern war von unendlicher Verdrießlichkeit. Und das der Schmerz eines Dichters! Ist der ein Mann des Jahrhunderts, der mit solchem Herzen einer Eintagsfliege die Welt umfaßt?

Er erzählt, wie er sich über Fichtes Lehrweise in Jena entsetzte, daran verbrannte; wie Fichte sich in seinen Schriften »nicht ganz gehörig über die wichtigsten Sitten- und Staatsgegenstände erklärt« habe. Wie »uns dessen Äußerungen über Gott und göttliche Dinge, über die man freilich besser ein tiefes Stillschweigen beobachtet, von außen beschwerende Anregungen zuzogen«.

1795.

Mit Kapellmeister Reichardt zerfiel er, mit dem er, »ungeachtet seiner vor- und zudringlichen Natur, in Rücksicht auf sein bedeutendes Talent, in gutem Vernehmen gestanden: er war der erste, der mit Ernst und Stetigkeit meine lyrischen Arbeiten durch Musik ins Allgemeine förderte, und ohnehin lag es in meiner Art, aus herkömmlicher Dankbarkeit unbequeme Menschen fortzudulden, wenn sie mir es nur nicht gar zu arg machten, alsdann aber meist mit Ungestüm ein solches Verhältnis abzubrechen. Nun hatte sich Reichardt mit Wut und Ingrimm in die Revolution geworfen; ich aber, die greulichen, unaufhaltsamen Folgen solcher gewalttätig aufgelösten Zustände mit Augen schauend und zugleich ein ähnliches Geheimtreiben im Vaterlande durch und durch blickend, hielt ein für allemal am Bestehenden fest, an dessen Verbesserung, Belebung und Richtung zum Sinnigen, Verständigen ich mein Leben lang bewußt und unbewußt gewirkt hatte, und konnte und wollte diese Gesinnung nicht verhehlen.«

Goethe, wie alle Grenzmenschen das Stadttor seiner Welt, sie schließend, verteidigend. Die Gemeinde erweitert sich, das Tor wird niedergerissen oder überbaut und dient zum Durchgange wie früher zur Abwehr.

Reichardt war »von der musikalischen Seite unser Freund, von der politischen unser Widersacher; daher sich im stillen ein Bruch vorbereitete, der zuletzt unaufhaltsam an den Tag kam«.

Ich kannte Reichardt etwas. Er war ein Preuße, das heißt ein Windbeutel. Wo er sich befand, entstand gleich ein Luftzug, selbst im verschlossensten Zimmer. Er hatte bewegliche Gefühle, doch er fühlte; man konnte ihn herbeiziehen und wegschieben. Er stand nicht, gleich Goethe, wie eine Mauer im Leben da, die, wenn auch mit Obstspalieren bedeckt und verziert, doch unbeweglich, undurchsichtig bleibt, uns die Aussicht versteckt und uns zu einem Umwege nötigt, sooft wir in Gottes freie Welt gehen oder sehen wollen. Und naiv ist Goethe! Er gesteht, er habe Reichardt liebgehabt, solange er ihm nützlich gewesen, indem er durch Kompositionen seiner Lieder diese verbreiten half; den Reichardt außer Diensten aber habe er gehaßt. Das ist sachdenklich!

1799.

Entwurf der Natürlichen Tochter. »In dem Plane bereitete ich mir ein Gefäß, worin ich alles, was ich so manches Jahr über die Französische Revolution und deren Folgen geschrieben und gedacht, mit geziemendem Ernste niederzulegen hoffte.« Ich will diese Natürliche Tochter, dieses vieljährige Werk geziemenden Ernstes wieder einmal lesen; aber jetzt nicht, nicht in diesen rauhen Herbsttagen. Im nächsten Sommer, im Juli, in den Tagen, wo man Gefrornes liebt.

1800.

»Der Propyläen drittes und letztes Stück ward, bei erschwerter Fortsetzung, aufgegeben. Wie sich bösartige Menschen diesem Unternehmen entgegengestellt, sollte wohl zum Troste unserer Enkel, denen es auch nicht besser gehen wird, gelegentlich näher bezeichnet werden.«

Nun, warum bezeichnet er es nicht näher? Warum? Darauf ist leicht die Antwort gegeben. Goethe besann sich, daß etwas zum Troste der Enkel zu sagen, wie jeder Menschenfreundlichkeit, nebulistischer Natur und eines so realen Mannes wie er ganz unwürdig sei.

1802.

Goethes Gesinnung über Preßfreiheit spricht sich hier gelegentlich aus. Schlegels Jon kam zur Aufführung, und schon am Abende der Vorstellung trat »ein Oppositionsversuch unbescheiden hervor; in den Zwischenakten flüsterte man von allerlei Tadelnswürdigem, wozu denn die freilich etwas bedenkliche Stellung der Mutter erwünschten Anlaß gab. Ein sowohl den Autor als die Intendanz angreifender Aufsatz war in das Modejournal projektiert, aber ernst und kräftig zurückgewiesen; denn es war noch nicht Grundsatz, daß in demselbigen Staat, in derselbigen Stadt es irgendeinem Glied erlaubt sei, das zu zerstören, was andere kurz vorher aufgebaut hatten.«

1803.

Nichts Lächerlicheres als bald der ernste dürre Ton, bald die breite kunstschmausende Behaglichkeit, mit welchen Goethe in diesem seinen Büchelchen über das kleinstädtische Hof- und bürgerliche Stadtbauwesen in Weimar sich so oft ausläßt. Was der Kunstfreund an solcher Puppenarchitektur so Erquickliches finden mochte, daß er noch nach vielen Jahren sich damit beschäftigt, wäre ganz unerklärlich, wenn man Goethes Charakter nicht kennte. Des Lebens Behaglichkeit war ihm das Leben selbst. Darum ist ihm nichts klein, was diesen Kreis berührte, darum ist ihm alles klein, was von diesem Kreise ablag.

1805.

Und in diesem Büchelchen auch, wie in den größten und bedeutendsten Werken Goethes, trat mir, was mich immer beleidigt, halb lächerlich, halb ärgerlich entgegen. Zuvörderst die holländische Reinlichkeit des Stils, die jeden Zimmerboden mit gekräuseltem Sande bedeckt und oft die Bäume vor den Häusern mit Ölfarbe anstreicht. Dann die aufgenötigte Ruhe, das Bleigewicht, das Goethe an jede Empfindung, jeden Gedanken seiner Leser hängt. Endlich die tyrannische Ordnung, die Geist und Herz nach dem Takte eines Mälzelschen Metronomen sich bewegen heißt.

1806.

Man dachte daran, Oehlenschlägers Tragödie Hakon Jarl auf die weimarische Bühne zu bringen, und schon war alles dazu vorbereitet. »Allein späterhin schien es bedenklich, zu einer Zeit, da mit Kronen im Ernst gespielt wurde, mit dieser heiligen Zierde sich scherzhaft zu gebärden.«

Denkwürdigkeiten, die Goethe von diesem wichtigen Jahre bemerkt. Am 30. Januar der Geburtstag unserer Großherzogin, und wie das Trompeterchor eines preußischen Regiments in dem Theater Proben seiner außerordentlichen Geschicklichkeit gegeben. – Theater-Repertoire – geschenkte Zeichnungen und andere Kunstnachrichten. – Vollständiges Verzeichnis der von Goethe durch Gefälligkeit erworbenen Kunstgegenstände. – Reise nach Karlsbad und dort genossene Kupfersammlungen. Farbenlehre. Bei jeder Gefahr hält Goethe ein Prisma vor die Augen, um jene nicht zu sehen, und sonderbar genug versteckt er sich vor dem Lichte hinter Farben. – In Karlsbad: »Fürst Reuß XIII., der mir immer ein gnädiger Herr gewesen, befand sich daselbst und war geneigt, mir mit diplomatischer Gewandtheit das Unheil zu entfalten, das unsern Zustand bedrohte.« – Mineralien.

»Über eine pädagogisch-militärische Anstalt bei der französischen Armee gab uns ein trefflicher aus Bayern kommender Geistlicher genaue Nachricht. Es werde nämlich von Offizieren und Unteroffizieren am Sonntage eine Art von Katechisation gehalten, worin der Soldat über seine Pflichten sowohl als auch über ein gewisses Erkennen, soweit es ihn in seinem Kreise fördert, belehrt werde. Man sah wohl, daß die Absicht war, durchaus kluge und gewandte, sich selbst vertrauende Menschen zu bilden; dies aber setzte freilich voraus, daß der sie anführende große Geist dessenungeachtet über jeden und alle hervorragend blieb und von Räsoneurs nichts zu fürchten hatte.« Daß man ja nicht denke, indem er solche Schulen lobend erwähnt, er sei der Meinung, daß man aus einem Soldaten einen denkenden Menschen machen sollte. Der Unterricht ist nur das Öl, womit man das Rad einer Maschine schmieret, daß diese besser gehe. Räsonieren soll das Rad nicht, sondern nur geschmeidiger werden, um der lenkenden Hand zu folgen. –

»Die prägnante Unterhaltung mit meinem Fürsten im Hauptquartier zu Niederroßla« möchte schwer auszusprechen sein.

Und als beim Herankommen des Ungewitters jedermann ängstlich einen Schlupfwinkel suchte, rief Goethe, als man eben die ersten Lerchen speiste, aus: »Nun, wenn der Himmel einfällt, so werden ihrer viele gefangen werden.«

1807.

Schrieb in Karlsbad eine kleine mineralogische Abhandlung. »Ehe der kleine Aufsatz nun abgedruckt werden konnte, mußte die Billigung der oberen Prager Behörde eingeholt werden, und so hab' ich das Vergnügen, auf einem meiner Manuskripte das Vidi der Prager Zensur zu erblicken.«

In Karlsbad erwies ihm die Fürstin Solms »ein gnädiges Wohlwollen«.

1808.

Bekennt, daß er seit einigen Jahren keine Zeitungen gelesen. Nach Karlsbad aber nahm er die Jahrgänge 1805 bis 1807 der »Allgemeinen Zeitung« mit, ein Blatt, das er wegen seiner klugen Retardation noch leiden mag.

Schrieb ein Gedicht »zu Ehren und Freuden« »der Frau Erbprinzessin von Hessen-Kassel«.

1810.

»Die Gegenwart der Kaiserin von Österreich Majestät in Karlsbad rief gleich angenehme Pflichten hervor, und manches andere kleine Gedicht entwickelte sich im stillen.«

1811.

Er und andere gingen nach Weheditz, einem Dorfe bei Karlsbad, und tranken Ungarwein. »Man trug sich über eine solche Wallfahrt mit folgender Anekdote. Drei bejahrte Männer gingen nach Weheditz zum Weine:

Obrist Otto, alt 87 Jahr
Steinschneider Müller 84 Jahr
Ein Erfurter 82 Jahr
  __________
  253 Jahr

Sie zechten wacker, und nur der letzte zeigte beim Nachhausegehen einige Spuren von Bespitzung; die beiden andern griffen dem Jüngeren unter die Arme und brachten ihn glücklich zurück in seine Wohnung.«

1813.

Durch die Kriegsereignisse geängstigt, suchte er Ruhe, indem er sich mit ernstlichstem Studium dem chinesischen Reiche widmete.

»Hier muß ich noch einer Eigentümlichkeit meiner Handlungsweise gedenken. Wie sich in der politischen Welt irgendein ungeheures Bedrohliches hervortat, so warf ich mich eigensinnig auf das Entfernteste.«

Unter den kleinen Bemerkungen über die Ereignisse des Tages findet sich: »Die Freiwilligen betragen sich unartig und nehmen nicht für sich ein.«

1816.

Man verzeiht Goethe fast die kindische Aufregung, in welche ihn jeder Widerspruch seiner Farbenlehre versetzt, weil er doch da einmal aus seinem engen Egoismus, wenn auch auf verbotenem Wege, heraustritt, weil ihn doch da einmal das Urteil der Menschen kümmert. »Professor Pfaff sandte mir sein Werk gegen die Farbenlehre, nach einer den Deutschen angebornen unartigen Zudringlichkeit.« Das kann doch den Deutschen wahrlich ihr ärgster Feind nicht nachsagen, daß sie unartig zudringlich wären. Nur zu schüchtern und artig sind sie! Goethe legte das Buch ungelesen beiseite!

Goethe war vergnügt und wie in Baumwolle gehüllt, als ihn ein Donner aufschreckte. »Ein solcher innerer Friede ward durch den äußern Frieden der Welt begünstigt, als nach ausgesprochener Preßfreiheit die Ankündigung der Isis erschien und jeder wohldenkende Weltkenner die leicht zu berechnenden ... weitern Folgen mit Schrecken und Bedauern voraussah.«

1817.

»Ein Symbol der Souveränität ward uns Weimaranern durch die Feierlichkeit, als der Großherzog vom Thron den Fürsten von Thurn und Taxis, in seinem Abgeordneten, mit dem Postregal belieh, wobei wir sämtlichen Diener in geziemendem Schmuck nach Rangesgebühr erschienen...«

Zu jener Zeit studierten in Jena und Leipzig viele junge Griechen. »Der Wunsch, sich besonders deutsche Bildung anzueignen, war bei ihnen höchst lebhaft, sowie das Verlangen, allen solchen Gewinn dereinst zur Aufklärung, zum Heil ihres Vaterlandes zu verwenden. Ihr Fleiß glich ihrem Bestreben, nur war zu bemerken, daß sie, was den Hauptsinn des Lebens betraf, mehr von Worten als von klaren Begriffen und Zwecken regiert wurden.

Papadopulos, der mich in Jena öfters besuchte, rühmte mir einst im jugendlichen Enthusiasmus den Lehrvortrag seines philosophischen Meisters. ›Es klingt‹, rief er aus, ›so herrlich, wenn der vortreffliche Mann von Tugend, Freiheit und Vaterland spricht!‹ Als ich mich aber erkundigte, was denn dieser treffliche Lehrer eigentlich von Tugend, Freiheit und Vaterland vermelde, erhielt ich zur Antwort, das könne er so eigentlich nicht sagen, aber Wort und Ton klängen ihm stets vor der Seele nach: Tugend, Freiheit und Vaterland.« Gott welch ein Spott! Die Griechen haben es wohl gezeigt, was sie darunter verstehen, wenn auch der edle Jüngling Tugend, Freiheit und Vaterland nach Goethes dürrer Weise nicht zu schematisieren verstand.

»Hierauf ward mir das unerwartete Glück, Ihro des Großfürsten Nikolaus und Gemahlin Alexandra Kaiserliche Hoheit im Geleit unserer gnädigsten Herrschaften bei mir im Haus und Garten zu verehren. Der Frau Großfürstin Kaiserliche Hoheit vergönnten einige poetische Zeilen in das zierlich prächtige Album verehrend einzuzeichnen.« Das schrieb er in seinem 71sten Jahre. Welche Jugendkraft!

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