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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 50
Quellenangabe
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typereport
authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Fünfzigster Brief

 

Paris, Dienstag, den 27. September 1831

Schon Nr. 4! Ach hielten wir nur schon an Nr. 74, womit unsere vorjährige Korrespondenz geendigt! Ihren Brief habe ich gestern erhalten, also erst am sechsten Tage! Hu! Der war schauerlich und roch nach Pest. Sie hätten ihn gewiß nur mit Handschuhen berührt. Er hatte zwölf mit einem Messer gemachte Einschnitte, war so stark in Essig getränkt, daß man ihn auf eine Kopfbeule mit dem schönsten Erfolge hätte legen können, und die Dinte war von der Schärfe des Essigs ganz aufgelöst. Es war ein schwarzes Meer. Doch konnte ich ihn deutlich lesen.

In Wien soll die Cholera schrecklich wüten, auch unter den höhern Ständen. Sie ist dort ganz jakobinisch und ruft: A bas les aristocrates! Das hat man von keinem anderen Orte gehört, und an dieser Bösartigkeit mag wohl die bekannte Schlemmerei der Wiener schuld sein. Zwar wird sie die Furcht mäßig gemacht haben; aber die Mäßigkeit eines Wiener Magenmenschen ist immer noch eine halbe Indigestion. Auch gestehen sie dort selbst, daß ihre Krankenanstalten noch nicht vollendet gewesen, als sie von der Cholera überrascht worden. Ich aber bin überzeugt, daß die verdammte Scheu der östreichischen Regierung vor jeder Öffentlichkeit die Cholera in Wien verheerender gemacht hat als sonst überall. Der »Östreichische Beobachter«, den ich erst gestern gelesen, erzählt kein Wort von der Cholera. Der Tod, wie das Leben, ist dort ein Staatsgeheimnis.

*** ist auch noch hier, in Baden war er so kränklich, hier ist er ganz gesund. Er fragte mich nach meinen Damen. Es ist sein leidenschaftlicher Wunsch, mit seiner Familie hier wohnen zu können. Paris gefällt ihm ungemein, aber, wie mir, mehr das öffentliche Leben; Gesellschaften besucht er wenig. Von den Franzosen in politischer Beziehung hat er die schlechteste Meinung bekommen, auch von der Oppositionspartei. Sie wären ganz wie vernagelt, und von dem Auslande, besonders von deutschen Verhältnissen, hätten sie nicht die gemeinsten Schülerkenntnisse.

Ein italienischer Sänger Rubini ist jetzt hier; der soll ein Wunder sein; alle, die strengsten Kenner, sind entzückt von ihm. Meine Malibran ist noch abwesend. Inzwischen hat die Pasta, die viel verloren haben soll, deren Rollen übernommen. Die Devrient ist diesen Winter am italienischen Theater engagiert. Meyerbeers Oper kömmt bald zur Aufführung ... O pfui! was krieche ich da auf dem Papiere herum wie eine Abendblatt-Laus!

Ich denke immer noch daran, ein Journal herauszugeben und von Neujahr damit anzufangen, bis dahin aber den Stoff vorzubereiten. Ich will auch suchen, in die Kunst einzudringen, die mir bis jetzt fremd war. Ich muß auf ein ruhiges Asyl für meinen Geist bedacht sein; denn aus dem Gebiete der Politik, wie ich vorhersehe, werden wir Deutsche bald vertrieben werden.

Das Wetter wird alle Tage schöner. Gestern habe ich bei *** in Passy gegessen. Er wohnt am Bois de Boulogne, in einem schöngelegenen Hause, das eine herrliche Aussicht auf Stadt und Land hat. Über der Türe ist ein italienischer Namen eingehauen, der eines Arztes, dem vor dreihundert Jahren Franz I. dies Haus geschenkt. In dem nämlichen Hause wohnte vor sechzig Jahren Franklin, und der erste (bekanntlich von ihm erfundene) Blitzableiter, den Paris bekam, wurde auf dies Haus gesetzt.

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