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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 48
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Achtundvierzigster Brief

 

Paris, Sonntag, den 3. April 1831

– – Noch einiges von Lord Byron. Charaktere solcher Art sind nicht bloß wegen ihrer selbst wichtig, sie sind wichtiger durch ihre Berührung mit der Außenwelt. Nur daß sie lehrreich sind, verschafft ihnen Verzeihung. Gewöhnliche friedliche Menschen sind elastisch, sie geben jedem Drucke des Lebens nach, erheben oder senken, erweitern oder verengen sich, gehen vorwärts oder zurück, wie sie bewegt werden. Aber in dieser stummen Verträglichkeit, ohne Haß und ohne Liebe, ohne Zorn und ohne Versöhnung, schläft das Herz, schlafen die Sinne ein, und kein Wunsch und kein Schmerz wird laut. Nicht der ungestörte, nur der Friede nach dem Kriege ist schön. Aber unzufriedne, störrige, hadernde Geister wie Byron kämpfen mit der Welt, geben oder empfangen Wunden; Sieger, drücken sie der Welt ihr eigenes Gepräge auf, besiegt, ihnen die Welt das ihrige. Krank wie sie sind, machen sie alles krank um sich her, und so offenbaren sie die Geheimnisse des Menschen und der Natur. Denn das Geheimnis jeder Kraft wird erst kund, wenn sie abweicht im Maße oder Ziele. Wie mit der Welt stand Byron mit Gott feindlich. Zum Glauben geht der Weg über den Unglauben. Die Nichtgläubigen, die Gleichgültigen, die leugnen Gott nicht, sie denken gar nicht an ihn und sterben wie die Kinder ohne Sünde und ohne Tugend. Aber die Ungläubigen, die leugnen Gott. Sie kämpfen mit dem Glauben, ehe sie ihn gewinnen; denn hier ist die Niederlage der Sieg. Walter Scott hatte einst dem Byron prophezeit, er würde in reifern Jahren noch katholisch werden. Das wäre auch ganz gewiß eingetroffen, wenn Byron ein höheres Alter erreicht hätte. Er lästert manchmal recht lustig: »Wie, zum Teufel, hat man eine Welt wie die unsrige machen können! In welcher Absicht, zu welchem Zwecke, zum Beispiel Stutzer schaffen, Könige, Magister, Weiber von einem gewissen Alter und eine Menge Männer von jedem Alter und gar mich! Wozu?« Es ist doch sehr galant von Byron, daß er nur die alten Weiber, die Männer aber von jedem Alter für schlechtes Machwerk erklärt! Dagegen schrieb er einmal aus Hastings, einem Badeorte, wo er mehrere Wochen verlebte, folgendes an Thomas Moore: »Ich begegnete einem Sohn des Lord Erskine, der mir ankündigte, daß er seit einem Jahre verheiratet und der glücklichste Mensch von der Welt sei. Freund Hodgson sagt auch, er wäre der glücklichste Sterbliche. Oh! welch eine schöne Sache ist's, hier zu sein! und wäre es auch nur, um die superlativen Glückseligkeiten aller dieser Füchse mit anzuhören, die, weil sie sich den Schwanz haben abschneiden lassen, andere bereden möchten, das nämliche zu tun, um ihnen Gesellschaft zu leisten.« Der arme Spötter! Der dumme Fuchs! Ganz kurze Zeit nach diesem Briefe heiratete Byron selbst! Als er den stillen Vorsatz, sich zu verheiraten, seinen vertrauten Freunden mitteilte und ich als Leser das Geheimnis erfuhr, kam ich in eine wahrhaft komische Angst. Es war mir, als müsse ich Byron beim Rocke zurückhalten, und fast hörbar sprach der Gedanke in mir: Um Gotteswillen Byron, tue es nicht, heirate nicht, du taugst nichts für die Ehe! Und wenn alle Weiber Engel wären, jede würde doch deine Hölle, und du würdest der Teufel werden jeder Frau. Ach! er folgte mir nicht und heiratete. Nach einem Jahre, da er Vater geworden war, verließ ihn die Frau, und sie trennten sich auf immer. Dieser Vorfall brachte die große Welt von ganz England in Aufruhr. Verleumdungen, Haß und Verachtung hetzten den armen Byron fast zu Tode. Selten fand sich ein Freund, der es wagte, ihn leise zu verteidigen. Byron selbst verteidigte sich nicht, und ohne sich anzuklagen, sprach er seine Frau von aller Schuld frei. Diese letztere und deren Familie schwiegen auch aus berechneter Bosheit und gewannen sich durch diesen Schein von großmütiger Nachsicht alle Stimmen. Man hat Thomas Moore vorgeworfen, er habe, ich weiß nicht ob im Interesse von Byrons Familie oder der seiner Frau, wichtige Dokumente unterdrückt, in deren Besitz er gewesen und die das Geheimnis und das Rätsel jener unglücklichen Ehe hätte aufdecken können. Aber, mein Gott, wo ist das Geheimnis, wo das Rätsel! Ich begreife nicht, wie sich Moore so große Mühe geben mochte, Byron zu entschuldigen, was doch, nachdem er folgendes gesagt, sich ganz unnötig zeigte. Moore sagt: »Die Wahrheit ist, daß Geister von höherem Range sich selten mit den stillen Neigungen des Familienlebens vertragen. ›Es ist das Unglück großer Geister (sagt Pope), mehr bewundert als geliebt zu werden.‹ Das beständige Nachdenken über sich selbst, die Studien und alle Gewohnheiten des Genies streben dahin, den, der es besitzt oder, wahrer zu reden, den, der von ihm besessen wird, von der Gemeinheit der Menschen abzusondern. Opfer seiner eignen Vorzüge, versteht er keinen und wird von keinem verstanden. Er wirft in einem Lande, wo nur kleine Münze im Umlaufe ist, Gold mit vollen Händen aus. Man fühlt wohl seine Größe; aber es gehört eine Art Gleichheit dazu, wenn sich wechselseitige Neigung bilden soll. Die Natur hat es nun einmal so gewollt, daß auf dieser Erde keines ihrer Werke vollkommen sein soll. Derjenige, der mit den glänzenden Gaben des Genies auch jene Sanftmut des Charakters und jene friedlichen Empfindungen verbände, welche die Grundlagen des häuslichen Glückes machen, er wäre mehr als ein Mensch. Man betrachte das Leben aller großen Männer, und man wird finden, daß der Ausnahmen, wenn es je welche gab, sehr wenig waren.« Wie wahr ist das alles, und wie recht haben die Eltern heiratbarer Töchter, wenn sie bei der Wahl ihrer Schwiegersöhne mehr auf Geld als Genie sehen. Mir ist keine Frau bekannt, die ein dummer Mann unglücklich gemacht hätte, und keine, die mit einem genialischen glücklich gelebt. Moore, wie gesagt, bemüht sich, den Lord Byron von aller Schuld freizusprechen. Aber unter der Beschuldigung, die er anführt, um sie zu widerlegen, ist eine, die er besser nicht erwähnt hätte. Denn sie gründet sich so sehr auf Byrons Charakter, auf seinen Stolz und seine Reizbarkeit, daß selbst ein Billiger und Fremder wie ich sehr geneigt wird, sie für mehr als Verleumdung zu halten. Lord Byron hatte um das Frauenzimmer, das er später geheiratet, schon früher angehalten, aber das erstemal einen Korb bekommen. Nun sagt Moore: »Man behauptete und glaubte selbst allgemein, daß der edle Lord den zweiten Heiratsantrag an Miß Milbanke nur in der Absicht gemacht habe, um sich für den Schimpf der früheren Abweisung zu rächen; und man ging sogar so weit, zu sagen, daß er dies der Neuvermählten, als er mit ihr von der Trauung aus der Kirche kam, selbst gestanden habe. Diesem Plane treu, habe er auf nichts gesonnen, als Mittel zu finden, seine Gemahlin durch alle mögliche niederträchtigen und lächerlichen Bosheiten zu kränken. So erzählten es die sehr glaubwürdigen Chronikmacher.« Das wäre aber gewiß eine teure Rache gewesen, und ich möchte auf meinen Todfeind keine so großen Kosten wenden. Wenn mir es begegnete, daß mir ein Frauenzimmer, deren Hand ich forderte, einen Korb gäbe, würde ich all mein Leben ihr zu Füßen legen und allen Leuten erzählen: seht, das ist meine Wohltäterin, ich habe ihr mein ganzes Glück zu verdanken! Mit welchen romantischen Gefühlen, mit welcher ätherischen Stimmung Byron zur Ehe schritt, verraten folgende wenige Worte. Einen Tag vor seiner Hochzeit schrieb er einem Freunde, aber mit der größten Ernsthaftigkeit: »Man sagt mir, man könne sich nicht in einem schwarzen Kleide trauen lassen, und ich mag mich nicht blau anziehen; das ist gemein, und es mißfällt mir.« Den häßlichen Ehemann vergessen zu machen, zum Schlusse noch ein Wort vom schönen Geiste. Er schrieb in sein Tagebuch: »Ich erinnere mich, Blücher in einigen Londoner Gesellschaften gesehen zu haben, und nie sah ich einen Mann seines Alters, der ein so wenig ehrwürdiges Ansehen hatte. Mit der Stimme und den Manieren eines Werbsergeanten macht er Ansprüche auf die Ehre eines Helden. Es ist gerade, als wenn ein Stein angebetet sein wollte, weil ein Mensch über ihn gestolpert ist.«

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