Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Börne >

Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 45
Quellenangabe
pfad/boerne/briparis/briparis.xml
typereport
authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100102
projectidc89a2b20
Schließen

Navigation:

Fünfundvierzigster Brief

 

Paris, den 25. März 1831

Ich werde alle Tage schwankender. Soll ich hier bleiben oder nach Deutschland zurückreisen? Krieg oder nicht – das Wort Friede steht nicht in meinem Wörterbuche – wird sich jetzt bald entscheiden. Habe ich sechs Monate lang hungrig und mit der größten Ungeduld das Zeug kochen sehen, und jetzt, da alles gar geworden und der Tisch gedeckt wird, soll ich mit leerem Herzen fort? Ich glaube, das wäre dumm. Hier ist man im Mittelpunkte, Europa hat die Augen auf Paris gerichtet, man sieht den Begebenheiten in das Angesicht und kann in deren Mienen lesen, was sie etwa verschweigen möchten. In Deutschland aber stehen wir in dem Rücken der Begebenheiten, und wir werden nichts erfahren, als was sie uns über die Schultern weg zurufen. Und was teilen sie uns mit? Nur unverschämte Lügen. Wenn der Krieg ausbricht, wird man den deutschen Zeitungen, die ohnedies nur unverständlich gestammelt, aus Vorsicht gar die Zunge aus dem Halse schneiden. Es kann kommen, daß der Feind nur eine Stunde von unseren Toren steht, und wir erfahren es nicht, bis er uns mit Einquartierungszetteln in die Stube kömmt. Die französischen Blätter, wenn auch der Krieg die Posten nicht unterbricht, werden gewiß zurückgehalten werden. Sie können sich denken, wie mir in solcher Dunkelheit zumute sein wird. Und was haben wir in Deutschland, für wen auch der Krieg günstig ausfalle, zu erwarten? Das schöne Glück, entweder den Zwerg Diebitsch mit seinen Kosaken zu beherbergen oder französische Offiziere, die, kämen sie auch anfänglich mit den besten Gesinnungen für Recht und Freiheit zu uns, durch deutsche bürgerliche Feigheit und Kriecherei aufgemuntert, bald in den alten Übermut zurückfallen würden. Und der weibische Kriegsjammer bei uns! und – Ruhe ist die erste Bürgerpflicht! und die dumme und tückische Polizei! und die Maulkörbe, die man uns in den Hundstagen anlegen wird! Wird man nicht jeden Liberalen, der kein Blech am Halse trägt, totschlagen? Ich ersticke, wenn ich nur daran denke. Um gehenkt zu werden für die Freiheit, dazu bringt man es doch nicht, dazu sind unsere Herren zu feig.

Können Sie sich denn nicht entschließen, hierher zu kommen, aber bald? Ich habe eine kleine Verschwörung vor, wozu ich Schere, Zwirn und Nadeln brauche. Packen Sie Ihre Schachteln und kommen Sie. Sie sollen entscheiden, wie mir die Uniform steht, und fällt die Entscheidung günstig aus, trete ich in die Nationalgarde, versteht sich, daß ich aus Patriotismus desertiere, sobald sich unsere Landsleute nahen. Ich habe neulich beim Spazierenfahren eine Barriere entdeckt, die gar nicht bewacht wird, und durch diese kann ich die preußische Armee unbemerkt in die Stadt führen. Ich bitte Sie, bedenken Sie sich nicht lange. Die Künste des Friedens gehen auch hier im Kriege nicht unter, und wenn am meisten geweint wird, wird am meisten gelacht, und die Niederlage der Franzosen wird in Paris immer noch lustiger sein als in Wien der Sieg der Deutschen. – Ich fahre in meinem Theaterberichte fort. Aber das Herz blutet mir, wenn ich daran denke, wie schön sich diese Berichte im Dresdner » Abendblatte« ausnehmen würden, und daß ich für den gedruckten Bogen 8 Taler bekäme, wofür ich zweimal Paganini hören könnte – ich brauchte nur 10 Franken noch darauf zu legen. Und was geben Sie mir dafür? Sie wollen nicht einmal nach Paris kommen, was ich so sehr wünsche. Und wie zärtlich dürfte ich schreiben, wenn ich statt Ihnen nach Dresden berichtete! Wissen Sie, wie die Korrespondenten des »Abendblattes« ihre Briefe gewöhnlich anfangen? Sie schreiben: Liebe Vespertina! Holdes Vespertinchen! Aber ohne darum den Verstand zu verlieren. Denn sobald sie holdes Vespertinchen gesagt, kehren sie gleich zu ihrer Prosa zurück und schreiben: » Referent will sich beeilen ...«

Das hiesige Theater zieht mich mehr an, als ich erwartete. Von Kunstgenuß ist gar keine Rede, es ist die rohe Natur, und man zieht höchstens wissenschaftlichen Gewinn. Das Theater ist eine Fremdenschule. Alte und neue Geschichte, Örtlichkeiten, Statistik, Sitten und Gebräuche von Paris werden da gut gelehrt. – Es ist ein großer Vorteil, da viele Jahre dem Fremden nicht genug sind, Paris in allen seinen Teilen aus eigener Erfahrung kennen zu lernen. Und man kann nicht sagen, daß durch solches Walten auf der Bühne die dramatische Kunst zugrunde gehe, sondern umgekehrt: weil die dramatische Kunst untergegangen ist, bleibt nichts anders übrig als solches Walten, wenn man von dem Kapital, das in den Schauspielhäusern steckt, nicht alle Zinsen verlieren will. Es ist damit in Deutschland gar nicht besser als in Frankreich; nur ist man bei uns unbehülflicher, weil man nur ein Handwerk gelernt. Der Franzose aber weiß sich gleich in jede Zeit zu schicken. Er ist Schauspieler, Pfarrer, Schulmeister, Soldat, was am besten bezahlt wird. Wird ihm ein Weg versperrt, sucht er sich einen andern; gleich einem Regenwurm findet er immer seinen Ausweg. Kein Mann von Geist könnte jetzt ein Drama dichten, er müßte denn wie Goethe zugleich kein Herz haben; aber Geist ohne Herz, das bringt das nämliche Jahrhundert nicht zweimal hervor. Hätte es in der ersten Schöpfungswoche, da noch nichts fertig, oder nach der Sündflut, da alles zerstört war, einem vernünftigen Menschen einfallen können, eine Naturgeschichte zu schreiben? So ist es mit der dramatischen Kunst. Man kann keinen Menschen malen, der nicht stillhält, der nicht ruhig sitzt. Aber trotz der verdorbenen und grundlosen dramatischen Wege könnte doch einmal ein Franzose in seiner Dummheit leichter ein gutes Drama erreichen als ein Deutscher in seiner Weisheit. Die Leidenschaft, Geld zu verdienen, und die Gewißheit, es zu verdienen, wenn man eine gute Ware hat, ist in Paris so groß, daß wohl einmal ein anderer Scribe, in verzweifelter Anstrengung etwas ganz Neues hervorzubringen, ein Schauspiel wie Schillers »Wallenstein« dichten könnte. Was vermag die Leidenschaft nicht! Das Fieber gibt einem Greise Jugendstärke und einem Dummkopfe schöne Phantasien. Auch in solchen Fällen, wo das hiesige Theater den didaktischen Nutzen nicht gewährt, den ich angegeben, wo es sowenig Früchte als Blüte schenkt, wo es langweilig ist auf deutsche Art – auch dann noch hat es sein eigenes Interesse. Man erkennt dabei, wie die Franzosen gemütlicher und universeller werden; denn bei Völkern, wie bei einzelnen Menschen, entwickeln sich mit neuen Tugenden auch neue Fehler. So gab es noch vor vierzig Jahren in Frankfurt gar keine blonde und langweilige Juden, sie waren alle schwarz und witzig, seitdem sie aber in der Bildung fortgeschritten, findet man nicht weniger Philister unter ihnen als unter den ältesten Christen. Ein solches deutsch-langweiliges Stück habe ich neulich im Théâtre des nouveautés gesehen. Es heißt: Le charpentier ou vice et pauvreté. Wir haben ein Schauspiel, das heißt Armut und Edelsinn, aber ein Franzose findet diese Partie unpassend und hat vielleicht recht. Laster ist Armut des Herzens, und wo sich eine Armut findet, gesellt sich die andere bald dazu. Le charpentier ist ein höchst merkwürdiges Stück für Paris. In deutschen Schauspielen spielt zwar die Armut auch die erste Liebhaberrolle, aber dort sind es doch wenigstens vornehme Leute, die heruntergekommen, oder kommen auch arme Teufel von Geburt vor, so sind es doch vornehme Leute, die ihnen aus der Not helfen. Hier aber wird alles unter gemeinen Leuten abgemacht. Alle Personen im Stück sind zusammen keine tausend Franken reich. Die Armut ist nicht Schicksal, sondern Stand, Gewohnheit, Bestimmung. Es gibt nichts komischer. Und so etwas führen sie der prächtigen Börse gerade gegenüber, in der Nähe des Palais Royal und der italienischen Oper auf! Der Held des Drama ist ein Zimmermann, und nicht einmal ein Zimmermeister, sondern ein Zimmermannsgesell. Er ist ein träger Mensch, der, statt zu arbeiten, seine Zeit in der Schenke zubringt und dort trinkt und spielt. Darüber kommt sein Hauswesen herunter, und die arme Frau muß viel ausstehen. Weiter tut der Mann nichts Böses, außer daß er einmal seine Frau prügeln will. Nun findet sich ein anderer Zimmergeselle, ein braver Mensch, der schenkt dem liederlichen Kameraden, der sein Schwager ist, 600 Franken, die er sich mit saurer Mühe erspart. Davon wird der Taugenichts so gerührt, daß er verspricht, von nun an ein ganz anderer Mensch zu werden. Und das ist die ganze Geschichte. Die Szene des ersten Akts ist ein Zimmerplatz, die des zweiten eine Wachtstube, der dritte Akt spielt in einer Schenke und der vierte in einer Dachkammer. Die Franzosen, als parvenus in der Gemütlichkeit, wollen es den alten Herzen nachmachen und zeigen lächerliche Manieren.

Das zweite Stück, das ich am nämlichen Abende gesehen, heißt Quoniam. Herr Quoniam ist Koch. Ohne allen Geist, ohne allen Witz, ohne alles Leben. Marschall Richelieu, in seiner Jugend, verliebte sich in die Frau eines Koches, und, um ihr nahezukommen, trat er als Küchenjunge in den Dienst des Herrn Quoniam. Das Sujet ist merkwürdig schläfrig behandelt und nimmt ein tugendhaftes Ende.

Das dritte Stück war Le marchand de la rue St.-Denis ou le magasin, la mairie et la cour d'assises. Einmal unterhaltend, immer lehrreich. Man erfährt, wie es in einer Seidenhandlung hergeht; auf der Mairie, wo die jungen Leute getraut werden, und vor dem Assisenhofe, wo sie noch schlechter wegkommen. Mehrere Schauspieler waren vortrefflich. Von den Regeln der Kunst schienen sie nicht viel zu wissen; es sind Naturalisten. Aber jeder Franzose hat den Teufel im Leibe, und wenn eine Teufelei darzustellen ist, mißlingt ihnen das nie. Auf der Mairie hat es mir gar zu gut gefallen. Es muß recht angenehm sein, sich in Paris bürgerlich trauen zu lassen. Es ist wie eine deutsche Doktorpromotion. Man antwortet, ohne von der Frage viel zu verstehen, immer mit Ja. Der Maire ist nachsichtig, und alles endet schnell und gut.

– Das Gesetz, das neulich vorgeschlagen wurde, Karl X. und seine Familie unter strengen Bedingungen auf ewig aus Frankreich zu verbannen, wurde gestern in der Kammer verhandelt. Nun wurde zwar das Gesetz von der Mehrzahl angenommen, aber ein Dritteil der (heimlich) Stimmenden, nämlich 122, erklärten sich dagegen. Das ist merkwürdig. Von den offenen Anhängern des vertriebenen Königs sind lange keine 122 mehr in der Deputiertenkammer; denn viele derselben waren nach der Revolution entweder freiwillig aus der Kammer getreten oder gezwungen, weil sie den neuen Eid nicht leisten wollten. Unter jenen Gegnern des Verbannungsdekrets müssen also viele sein, die mit dem Mund sich für die neue Regierung erklärt, im Herzen aber der alten anhängen. Sie sehen also, wie recht ich hatte, als ich Ihnen neulich schrieb: es gehen hier Dinge vor, die ich mir nicht anders erklären kann, als indem ich annehme, daß es Verräter unter den Deputierten gibt. Was der König und sein Ministerium bisher Tadelnswertes, Beleidigendes für die öffentliche Meinung getan, dazu wurden sie doch am meisten von der Kammer verleitet, die sich für die Stimme des französischen Volkes geltend machte. Der gestrige Vorfall wird dem König wohl etwas die Augen öffnen.

 << Kapitel 44  Kapitel 46 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.