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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 44
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Vierundvierzigster Brief

 

Paris, Sonntag, den 20. März 1831

Ich habe Lord Byrons Denkwürdigkeiten von Thomas Moore zu lesen angefangen. Das ist Glühwein für einen armen deutschen Reisenden, der auf der Lebensnacht-Station zwischen Treuenbrietzen und Kroppenstädt im schlechtverwahrten Postwagen ganz jämmerlich friert. Er aber war ein reicher und vornehmer Herr; ihn trugen die weichsten Stahlfedern der Phantasie ohne Stoß über alle holperigen Wege, und er trank Johannisberger des Lebens den ganzen Tag. Es ist, krank darüber zu werden vor Neid. Wie ein Komet, der sich keiner bürgerlichen Ordnung der Sterne unterwirft, zog Byron wild und frei durch die Welt, kam ohne Willkommen, ging ohne Abschied und wollte lieber einsam sein als ein Knecht der Freundschaft. Nie berührte er die trockene Erde; zwischen Sturm und Schiffbruch steuerte er mutig hin, und der Tod war der erste Hafen, den er sah. Wie wurde er umhergeschleudert; aber welche selige Insel hat er auch entdeckt, wohin stiller Wind und der bedächtige Kompaß niemals führen! Das ist die königliche Natur. Was macht den König? Nicht daß er Recht nimmt und gibt – das tut jeder Untertan auch – König ist, wer seinen Launen lebt. Ich muß lachen, wenn die Leute sagen, Byron wäre nur einige und dreißig Jahre alt geworden; er hat tausend Jahre gelebt. Und wenn sie ihn bedauern, daß er so melancholisch gewesen! Ist es Gott nicht auch? Melancholie ist die Freudigkeit Gottes. Kann man froh sein, wenn man liebt? Byron haßte die Menschen, weil er die Menschheit, das Leben, weil er die Ewigkeit liebte. Es gibt keine andere Wahl. Der Schmerz ist das Glück der Seligen. Am meisten lebt, wer am meisten leidet. Keiner ist glücklich, an den Gott nicht denkt, ist es nicht die Liebe, sei es in Zorn; nur an ihn denkt. Ich gäbe alle Freuden meines ganzen Lebens für ein Jahr von Byrons Schmerzen hin.

Vielleicht fragen Sie mich verwundert, wie ich Lump dazu komme, mich mit Byron zusammenzustellen? Darauf muß ich Ihnen erzählen, was Sie noch nicht wissen. Als Byrons Genius auf seiner Reise durch das Firmament auf die Erde kam, eine Nacht dort zu verweilen, stieg er zuerst bei mir ab. Aber das Haus gefiel ihm gar nicht; er eilte schnell wieder fort und kehrte in das Hotel Byron ein. Viele Jahre hat mich das geschmerzt, lange hat es mich betrübt, daß ich so wenig geworden, gar nichts erreicht. Aber jetzt ist es vorüber; ich habe es vergessen und lebe zufrieden in meiner Armut. Mein Unglück ist, daß ich im Mittelstande geboren bin, für den ich gar nicht passe. Wäre mein Vater Besitzer von Millionen oder ein Bettler gewesen, wäre ich der Sohn eines vornehmen Mannes oder eines Landstreichers, hätte ich es gewiß zu etwas gebracht. Der halbe Weg, den andere durch ihre Geburt voraushatten, entmutigte mich; hätten sie den ganzen Weg vorausgehabt, hätte ich sie gar nicht gesehen und sie eingeholt. So aber bin ich der Perpendikel einer bürgerlichen Stubenuhr geworden, schweifte rechts, schweifte links aus und mußte immer zur Mitte zurückkehren.

 

Montag, den 21. März

Wenn alles das wahr ist, was man hier seit einigen Tagen von den Polen erzählt, so geht es ja auf das allerherrlichste, und Sie sollen, da Sie als Frauenzimmer keinen Jubelwein trinken können, zur Siegesfeier ein dutzend Gläser Gefrornes essen. Es wird schon warm werden an Ihrem Herzen. Die Russen sollen im vollen Rückzuge sein, aufgelöst wie die kranke alte Sünde. Achtzig Kanonen mußten sie im Stiche lassen. Die Erde verschlingt sie lebend, die Polen fallen ihnen in Rücken, und Litauen ist im Aufstande, Le fameux Diebitsch hat die Rute bekommen, – le fameux Diebitsch, wie man hier sagt – das lautet wunderschön! Aber wenn! – Ich kann es Ihnen nicht länger verschweigen, daß die europäischen Angelegenheiten, die ich, wie Sie wissen, so gut auswendig kannte als das Einmaleins, anfangen, mir über den Kopf zu steigen. Anfänglich hielt ich sie unter mir, indem ich mich auf den höchsten Stuhl der Betrachtung stellte; aber da sind sie mir bald nachgekommen, und ich kann jetzt nicht höher. Die deutschen Regierungen, statt ihren Untertanen Opium zu geben, geben ihnen Kaffee, daß sie munter bleiben, und statt ihnen das weichste Bett zu machen, zupfen sie sie an der Nase, aus Furcht, sie möchten einschlafen. In Frankreich ist es noch toller. Ich weiß so wenig mehr, was hier getrieben wird, als wäre ich Gesandter. Man wird ganz dumm davon, und wenn das alltägliche diplomatische Schmausen, das ich nicht vertragen kann, nicht wäre, könnte ich im Taxisschen Palast so ehrenvoll sitzen als einer. Wenn nicht ganz was Besonders vorgeht, wenn nicht etwa die französischen Minister aus Eitelkeit, um zu zeigen, daß, ob sie zwar bürgerliche Emporkömmlinge sind, die im vorigen Jahre noch ehrliche Leute waren, doch spitzbübischer sein können als der älteste Adel – wenn sie nicht ganz etwas außerordentlich Feines spinnen, aus einem Lote Wahrheit einen Lügenschleier von drei Ellen weben – weiß ich nicht, was ich davon denken soll. Das Verderben von außen rückt ihnen immer näher, und sie lachen dazu wie ein Astronom zur Erscheinung eines Kometen. Sie haben das alle ausgerechnet. Im Innern ist es noch schlimmer. Wo Feuer, ist Rauch; sie wollen aber lieber kein Feuer als Rauch haben, und wenn es zum Kriege kommt, wenn sie die Subordination der fremden Völker mit nichts besiegen könnten als mit der Insubordination des französischen Volkes; wenn sie die Begeisterung der Franzosen brauchen, werden sie keine Kohle mehr finden, eine Lunte anzuzünden. Die frühern Minister, die durch ihre Schwäche vieles verdorben, machten zugleich durch ihre Untätigkeit vieles wieder gut. Sie ließen die Dinge ihren natürlichen Lauf gehen. Seit Casimir Périer aber fangen die Unglückseligen an, tätig zu werden. Marschall Soult, sobald er das Kriegsministerium antrat, fing an, um fünf Uhr morgens aufzustehen und zu arbeiten und seine Untergebenen arbeiten zu lassen. Nun, für einen Kriegsminister, der gegen den fremden Feind wirkt, ist das schön. Aber seit einigen Tagen, wie ich heute mit Entsetzen in der Zeitung las, steht der Minister des Innern auch schon um fünf Uhr auf. Welche unseligen Folgen wird das haben! Was in allen Staaten die Völker noch gerettet bis jetzt, war die Faulheit ihrer Regenten, die bis neun Uhr im Bette lagen. Sie regierten vier Stunden weniger, und das macht viel aus im Jahre. Wenn die Minister sich angewöhnen, mit der Sonne aufzustehen, dann wehe den Untertanen!

 

Mittwoch, den 23. März

Ich war wieder einmal im Theater gewesen. Bin ich nicht ein fleißiger Junge? Im Vaudeville habe ich zwei Stücke gesehen: Madame Dubarry und Le bal d'Ouvriers. Die ist eine andere Dubarry als die, von der ich neulich berichtet und die im Ambigu aufgeführt wird. Es ist ein Lustspiel im höheren Stile, vom bekannten Ancelot, dem Akademiker. Ancelots Komödie hat ungemeinen Beifall gefunden; sie wird seit drei Wochen täglich gegeben, und das Haus ist jedesmal toll und voll. Die Komödie gefiel mir auch, nur durch andere Mittel, als sie den Franzosen gefällt. Diese haben ihre schlichte Freude daran, ich aber habe den Humor davon. Dem Stücke, um gut zu sein, fehlt nichts als deutsches Klima! Hier ist es nur ein Treibhausgewächs. Es kommt erstaunlich viel Sentimentalität darin vor; aber wenn französische Dichter und Schauspieler Sentimentales darstellen, machen sie ein Gesicht dazu, als hätten sie Leibschmerzen, und man möchte ihnen statt Tränen Kamillentee schenken. Stellen Sie sich vor: die Dubarry erinnerte sich mit Wehmut ihrer schuldlosen Jugendjahre, da sie noch nicht Mätresse des Königs, sondern Putzmacherin war. Putzmacherin in Paris – das nennt sie den Stand der Unschuld! Von dieser Erinnerung bekommt sie in mehreren Szenen die heftigsten Anfälle von Tugendkrämpfen, und kein Arzt in ganz Versailles die Mittel dagegen weiß. Dem guten Ludwig XV. geht es noch schlimmer. Er bekommt einen Tugendschlag, so daß man meint, er wäre tot. Aber er hat eine herrliche Natur und erholt sich wieder. Der Spaß ist: in unsern bürgerlichen Schauspielen von Iffland und Kotzebue tritt ein Dutzend edler Menschen auf, und unter ihnen ein einziger Schurke, höchstens mit noch einem Schurkengehülfen. Am Ende wird das Laster beschämt und besiegt und von der Tugend rein ausgeplündert. In der »Dubarry« aber und in andern ähnlichen Stücken tritt ein Dutzend Schurken auf und unter ihnen ein tugendhaftes Paar. Und zuletzt wird gar nicht das Laster beschämt, sondern im Gegenteil die Tugend; ja das Laster kommt noch zu Ehren, indem es sich großmütig zeigt und der besiegten Tugend Leben und Freiheit schenkt. Und Dichter wie Zuschauer merken das gar nicht! In der »Dubarry« findet sich eine saubere Gesellschaft zusammen. Der König, der Herzog von Richelieu, der Herzog von Aiguillon; der Herzog von Lavrillieri, alle Taschen voll Lettres de cachet, die er seinen Freunden bei Hofe präsentiert wie Bonbons; der Kanzler Maupeou, der päpstliche Nuntius, der Marschall von Mirepoix und endlich der Schwager der Dubarry, Graf Jean, selbst am Versailler Hof ein ausgezeichneter Taugenichts. Ich kenne aus unzähligen Memoiren alle diese Menschen so genau, als wäre ich mit ihnen umgegangen. Und jetzt kommen die treu nachgeahmten Kleider, Gesichter, Manieren und Gebräuche dazu. Das macht die Vorstellung sehr interessant. Der Kanzler Maupeou nennt die Dubarry Cousine und zieht ihr bei der Toilette die Pantoffeln an, der päpstliche Nuntius reicht ihr seine heilige Schulter, sich daran aufzurichten, und der Marschall Richelieu jammert, daß ihm sein Alter verbiete, an diesem Kampfe der Galanterie teilzunehmen. Aber ein Spitzbube ist er noch voller Jugendkraft. Er hat ein junges, schönes und unschuldiges Mädchen aufgefangen und sie nach dem Parc aux cerfs gebracht, mit dem Plane, durch die neue Schönheit die Dubarry zu stürzen. Die junge Unschuld ist ganz vergnügt; denn sie meint, sie wäre in einer Erziehungsanstalt. Dort wimmelt es von jungen Mädchen, immer eine schöner, eine geputzter, eine gefälliger als die andere. Als die junge Unschuld ankommt, singt der Mädchenchor ein Lied nach der Melodie des Brautlieds im »Freischütz«: »Wir flechten dir den Jungfernkranz, mit veilchenblauer Seide«. Ist das nicht köstlich? Aber man denke ja nicht, daß das eine Malice vom Dichter oder Musikdirektor gewesen, keineswegs. Diese Melodie wurde ganz zufällig aus bloßer Naivität gewählt, auch war ich der einzige im ganzen Hause, der darüber gelacht. Die Dubarry entdeckt Richelieus Intrige und eilt herbei mit ihrem Gefolge; das unschuldige Mädchen bekommt zu ihrem Schrecken Licht in der Sache und jammert; der Graf Jean Dubarry sucht sie in ihren guten Vorsätzen zu bestärken und hält ihr im Parc aux cerfs vor allen Hofleuten folgende Tugendpredigt im feierlichen Tone: Ecoutez jeune fille! nous admirons vos nobles sentiments, gardez-vous d'y renoncer! repoussez loin de vous les séductions, n'écoutez que la voix de la vertu! ... la vertu ... eh c'est une excellente chose! ... restez dans votre obscurité; vous ne savez pas quel bonheur pur et sans mélange vous attend loin de ces coupables grandeurs empoisonnées par tant de regrets où l'on cherche en vain à ressaisir ce calme de l'âme, cette sérénité ... (il s'enroue et se retourne vers la comtesse d'Aiguillon et Maupeou). Ah, ça, aidez-moi donc, vous autres, vous me laissez m'enrouer! ... ne pourriez-vous comme moi prêcher la vertu? Que diable! une fois n'est pas coutume! – Maupeou(à part) l'insolent! ... Jean(à Cécile) vous m'avez entendu jeune fille, et je me flatte ... CécileOui Monsieur, je les suivrai, ces généreux conseils! ... Soyez mon guide! ... vous êtes vertueux, vous! ... JeanMerci mon enfant. Jetzt denken Sie sich das vortreffliche Spiel dazu, und Sie haben eine Vorstellung von der komischen Wirkung, welche die Tugend in Versailles macht.

Was Le bal d'Ouvriers gibt, zeigt schon der Name des Stückes. Sehr unterhaltend! Einer der fröhlichen Tänzer sagt statt Cholera morbus: Nicolas morbus. Das wird der Polenfreundin gefallen.

Paganinis letztes Konzert hat 22 000 Franken eingetragen; heute spielt er zum vierten Male. Der nimmt auch seine 100 000 Franken von hier mit. Das ist eine liederliche Welt. Die Taglioni ist auf vier Wochen nach London engagiert und bekommt dafür 100 000 Franken (hundert Tausend). Meinen Sie, daß es für mich zu spät sei, noch tanzen zu lernen? Meine sämtlichen Schriften, so voller Tugend und Weisheit, werden mich niemals reich machen. Ach könnte ich tanzen! Man erzählt sich, die Malibran, als die Rede von Paganini gewesen, habe zwar dessen Spiel gelobt, aber doch geäußert, er sänge nicht gut auf seinem Instrument. Als Paganini dieses Urteil erfahren, habe er der Malibran den Vorschlag machen lassen, sie wollten beide zusammen ein Konzert geben, und dann werde sich zeigen, wer besser sänge, sie oder er. Hätte Homer diesen edlen Streit erlebt, hätte er nicht von Achill und Hektor, sondern von Paganini und Malibran gesungen. Und von so etwas spricht man – spreche ich! O Sitten!

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