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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 43
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Dreiundvierzigster Brief

 

Paris, Donnerstag, den 17. März 1831

Heute sind es sechs Jahrhunderte, daß ich in Paris bin. Der Kalender, der Pächter und alle, welche Hausmiete zu bezahlen oder zu fordern haben, werden zwar behaupten, es wären erst sechs Monate; aber wie ist das möglich? Hätte ein enges halbes Jahr all die großen Begebenheiten fassen können? Auch behaupten die Herren Schneider, die Zeit wäre wirklich geplatzt, und sie kommen alle herbei, sie mit ihren alten gestohlenen Lappen wieder zu flicken. Ich wollte, ich hätte eine Krone; ich würde mir einen schönen Reisewagen dafür kaufen, wenn ich ja in Paris einen Narren von Sattler fände, der das für bares Geld nähme. Was fange ich mit meiner Krone an? Soll ich Ihnen eine Kette davon machen lassen? Aber Sie trügen sie nicht, denn die Blutflecken sind nicht herauszubrennen.

– Gestern kamen Nachrichten, die Österreicher wären in Bologna und Reggio eingezogen und hätten dort die ganze Nationalgarde niedergemetzelt – das heißt: alle reichen, vornehmen und edlen Bürger. O und Ach! O und Ach! und wenn Shakespeare wieder käme, er könnte nichts Besseres sagen als O und Ach! Darum will ich es dabei bewenden lassen.

– – Ich sah gestern »Ferdinand Cortez« in der Großen Oper. Das war, nach allen den Mehl- und Fleischspeisen, welche uns die königliche Akademie der Musik diesen ganzen Winter aufgetischt, einmal Roastbeef mit englischem Senf. Auch sagte mir mein französischer Nachbar schon vor der Ouvertüre, die Musik wäre sehr langweilig. Aber ich fand das gar nicht. Im Gegenteile, sie gibt uns nur zu viel Beschäftigung. Der Ausdruck der glühenden Leidenschaft ist zu stark, zu anhaltend; das brennt uns gerade über den Scheitel, und nirgends ein kühles Plätzchen. Das Haus war ungewöhnlich voll, aber wie mein Nachbar war alle Welt nur gekommen, das nachfolgende Ballett zu sehen. Ich ballte schon zum voraus die Fäuste, denn ein Ballett bringt mich immer in den heftigsten Zorn, in einen wahren Bierhauszorn. Ich möchte den Tänzern und Tänzerinnen Arm und Beine entzweischlagen, wenn sie wie toll untereinander springen und man recht deutlich wahrnimmt, wie keiner weiß, was er fühlt, was er denkt, was er tut, wo er hin will; wenn sie sich auf ein Bein stellen, das andere in die Luft kreuzend, und so einen Wegweiser bilden; wenn sie sich wie gepeitschte Kreisel drehen und mit ihren Füßen lächerliche Triller schlagen – dann verliert man alle Geduld. Darauf war ich vorbereitet und wurde angenehm überrascht. Das Ballett war wunderschön. Es sind Gedanken, Gefühle und Handlungen darin, wie sie sich für diese zarte Kunst schicken. Ich meine, man sollte nichts anderes tanzen, als was man auf der Flöte spielen darf. Donnerwetter in den Beinen, Husarentänze, Trompetensprünge – das ist gar zu lächerlich. Man gab Flore et Zéphire, ballet anacréontique. Dieses Beiwort und daß die Komposition gefällig war, scheint mir zu beweisen, daß es ein altes Ballett ist, aus der schönen Zeit vor der Sündflut. Seit der Revolution ist in Frankreich die Tanzkunst sehr in Verfall gekommen, und ich kann mir das erklären. Früher war das gesellige Leben in Frankreich selbst ein beständiges Tanzen. Jede körperliche Bewegung war abgemessen, anständig, würdig und geschmackvoll, nach dem Geschmacke der Zeit. So fand die Tanzkunst, die ein ferneres Ziel hat als die Tanznatur, ehe sie ihre Laufbahn begann, den halben Weg schon zurückgelegt. Jetzt aber ist das ganz anders. Da alle Stände gleich sind, in der öffentlichen Achtung wie vor dem Gesetze, bemüht sich keiner mehr, durch ein feineres Äußere zu zeigen, daß er einem höhern Stande angehört. Man sucht den Weibern nicht mehr zu gefallen, und mit der Zärtlichkeit ging bei den Männern auch alles Zarte verloren. Es ist unglaublich, mit welcher Unritterlichkeit hier die Frauenzimmer von dem männlichen Geschlechte behandelt werden. Wenn nicht eine zufällige persönliche Neigung stattfindet, auf das Geschlecht als solches wird gar keine Rücksicht genommen. Die jungen Leute treten mit weniger Umständen in eine Gesellschaft als in ein Kaffeehaus ein; kaum daß sie sich verneigen, viel, wenn sie grüßen. Haben sie mit der Frau vom Hause einige unhörbare Worte gewechselt oder ihr eine Minute lang zugelächelt, ist ihre Galanterie erschöpft. Das ist sehr bequem, aber das Ballett muß dabei zugrunde gehen. Das Tanzen auf den Bällen müßten Sie sehen. Es ist gar kein Tanzen, es ist nicht einmal ein rechtes Gehen. Vier Paare stellen sich einander gegenüber, reichen sich verdrießlich, und ohne sich dabei anzusehen, die Hände und schleichen so matt auf ihren Beinen herum, als wären sie erst einen Tag vorher von der Cholera morbus aufgestanden. An angenehme Touren, an Pas ist nicht zu denken. Ich kann Sie versichern, daß ich mit meinen alten Pas vom Langenhans aus der Gelnhäusergasse in Paris Aufsehen machen würde. Zu spät fiel mir ein, wie dumm ich gewesen, daß ich auf dem großen Opernball, wo ich von der Hitze und dem Gedränge so vieles auszustehen hatte, nicht getanzt. Man hätte mir, wie jedem Tänzer, Platz gemacht, und ich hätte mich ausruhen können, vom Gehen und vom Nichttanzen. Auch habe ich mir fest vorgenommen, wenn ich hier wieder in ein solches Ballgedränge komme, mich in eine Quadrille zu flüchten und dort das Glück der Ruhe zu genießen. Nicht zu vergessen, ich habe hier noch kein Frauenzimmer einen Knicks machen sehen. O Zeiten! O Sitten! O ihr schönen Tage des Menuetts! O Vestris! ... O verdammte Preßfreiheit!

Wieder auf das Ballett zu kommen. Es treten darin alle Götter des Olymps auf. Bacchus, Flora, Zephir, Venus, Amor, Hymen, und auch einige bürgerliche Gottheiten, die Unschuld, die Schamhaftigkeit. Ach! ich schäme mich's zu sagen, meine ganze Mythologie habe ich vergessen. Ich bin sehr alt geworden. In meiner Jugend kannte ich alle Götter und Göttinnen, so gut als ich meine Onkels und Tanten kannte. Ich wußte deren Namen, deren Würden und deren Ämter, deren Wohnungen, wußte, wie sie gekleidet waren und kannte deren ganze Lebensgeschichte. Jetzt, nichts mehr. Zephir, weil er Flügel auf dem Rücken trug, sah ich für Amor an. Zwar fiel mir etwas auf, daß er ein so langer Mensch war; aber ich dachte, ich habe Amor seit zwanzig Jahren nicht gesehen, und er kann wohl unterdessen gewachsen sein. Daß Hymen, Bacchus, Venus mittanzen, sah ich aus dem Programm; aber ich konnte sie nicht voneinander unterscheiden. Die beiden Hauptrollen, Flora und Zephir, waren vortrefflich besetzt und weit davon entfernt, meinen ausgesprochenen Tadel zu verdienen. Besonders Flora entzückte mich. Eine bezaubernde Grazie und eine Mäßigung in allen Bewegungen bei so großer Beweglichkeit, die ich noch bei keiner Tänzerin gepaart gefunden. Sie umgaukelte sich selbst und war zugleich Blume und Schmetterling. Sie bewegte sich eigentlich gar nicht; sie erhob sich nicht, senkte sich nicht; sie wurde hinauf- und herabgezogen, Luft und Erde stritten sich um ihren Besitz. »Wer ist diese Tänzerin?« – fragte ich meinen Nachbar in der Loge, einen Mann von funfzig Jahren, der sehr vornehm aussah. Er sah mich mit Augen an – aber mit Augen – und antwortete nach einigen Atemzügen: Mais ... c'est mademoiselle Taglioni! Hätte ich den Mann zwanzig Jahre früher bei einer Parade auf dem Marsfelde gefragt: »Wer ist der kleine Mann dort zu Pferde, im grauen Überrocke und mit dem kleinen Hute?« ... mit nicht größern Augen hätte er mich ansehen, nicht mit größerer Verwunderung hätte er mir erwidern können: Mais ... c'est Napoléon! Ganz recht hat der Herr, wenn er nur Geld genug hat. Kurz, das Ballett machte mir Freude. Aber zuletzt ward mir das Ding doch zu süß, und da warf ich spanischen Pfeffer hinein. Unter dem Tändeln, Kosen und Tanzen der olympischen Götter dachte ich an die polnischen Sensenmänner, welche die Köpfe der Russen, wie Schnitter das Getreide, mähen. Gräßlich! zu gräßlich! Warum denken Sie immer an die Polen, warum trauern Sie nur für sie? Sind die Russen nicht beweinenswerter? Die Polen sterben den schönen Heldentod, oder sie leben für die Freiheit. Der Russe, zwischen grausame Sense und schimpfliche Knute gestellt, kämpft nur für eigne Sklaverei, unterliegt wie ein Schlachtvieh oder siegt wie ein Metzgerhund für seinen Herrn. Die Menschen, zu Völkern vereinigt, sind dümmer, geduldiger als die Steine. Jeder Stein rächt sich, wenn ihn einer zu hart berührt, und versetzt seinem Beleidiger blutige Beulen; ein Volk aber, eine Alpenkette, läßt schimpflich mit sich kegeln, und hat es die Kegel erreicht und umgeworfen, läßt es sich geduldig in die hölzernen Rinne legen und eilt sehr, herabzurollen zu seinem Spielherrn, und läßt sich von neuem kegeln. Es ist zum Rasendwerden!

Ich will nicht versäumen, Ihnen eine Stelle aus einem Briefe aus Warschau mitzuteilen, den gestern ein hiesiges Blatt enthielt. »Der öffentliche Geist in Warschau ist herrlich; doch gibt es Menschen, die das Wohl ihres Kramladens dem des Vaterlandes vorziehen. Das darf Sie aber nicht in Verwunderung setzen, denn auf 140 000 Einwohner unserer Hauptstadt kommen 30  000 Juden und 10 000 Deutsche. Diese letztern verstehen gar nicht, was das heißt, Vaterland, weil sie vielleicht nirgends eins haben. Sie kommen zu Tausenden nach Polen, zehren von dessen Brode und verlassen es, wenn sie sich bereichert haben. Aber es hat keine Gefahr mit ihnen; es sind größtenteils Leute von schwachem, aber ehrsamem Charakter, und man braucht sie nur starr anzublicken, um ihrer Treue versichert zu sein ... Was die jüdische Bevölkerung betrifft, früher so schlecht, hat sie seit dem 29. November sehr große Fortschritte im Guten gemacht. Der Geist der Verbrüderung fängt an, sie mit den wahren Polen zu vereinigen, und ich kann Sie versichern, daß, wenn die Vorsehung unsere Waffen segnet, in einem Jahre alle unsere Juden in Polen umgewandelt sein werden.« Ist das nicht merkwürdig? Was, die schlechten, verachteten und die verächtlichen Juden, hinabgeknechtet seit zweitausend Jahren, brauchen nur ein einziges Jahr, um zum herrlichsten Volke der Erde, um Polen zu werden; nur ein einziges Jahr, um die Freiheit zu verdienen und zu erkämpfen und sich ein Vaterland zu erwerben – und die so stolzen, herrischen Deutschen, welche prahlen, die Freiheit sei ihre Wiege gewesen, die auf die Juden mit solcher Verachtung herabblicken, haben noch und wollen kein Vaterland, haben noch und wollen keine Freiheit! Ich habe es ja immer gesagt und, wie ich glaube, auch drucken lassen: Türken, Spanier, Juden sind der Freiheit viel näher als der Deutsche. Sie sind Sklaven, sie werden einmal ihre Ketten brechen, und dann sind sie frei. Der Deutsche aber ist Bedienter, er könnte frei sein, aber er will es nicht; man könnte ihm sagen: »Scher' dich zum Teufel und sei ein freier Mann!« – er bliebe und würde sagen: »Brot ist die Hauptsache.« Und will seine Treue ja einmal wanken, man braucht ihn nur starr anzusehen, und er rührt sich nicht! Ich habe mir vor Vergnügen die Hände gerieben, als ich das im polnischen Briefe gelesen. Dahin müßte es noch kommen, diese erhabene Lächerlichkeit fehlte noch der deutschen Geschichte, daß einmal Juden sich an die Spitze des deutschen Volkes stellen, wenn es für seine Befreiung kämpft! ... Aber kennen Sie auch die neue Dresdner Konstitution? Das Meißner Porzellan ist eine Mauer dagegen. Gelesen habe ich sie noch nicht, man erzählte mir nur etwas davon. Das wenige machte mich schon lustig, und ich sang den »Vogelfänger«, bis ich zu fluchen anfing. Stets lustig, heisa hopsasa ... hol' euch der Teufel! – –

 

Freitag, den 18. März

Gestern war nach langer Zeit der Z. einmal wieder bei mir, blieb aber nicht lange. Ich hörte etwas von ihm, was euch in Frankfurt gar nicht gleichgültig sein kann. Ich erinnere mich nicht, ob ich es Ihnen schon früher mitgeteilt, daß mir während meines Hierseins Äußerungen von französischen Offizieren hinterbracht worden: daß, wenn sie der Krieg einmal wieder nach Frankfurt brächte, sie sich für die Mißhandlungen, die sie dort bei ihrem Rückzuge 1814 hätten erleiden müssen, fürchterlich rächen wollten. Nun erzählte mir Z., er habe einen Tag vorher mit einem General gegessen, der habe das nämliche geäußert und hinzugefügt, er habe dem Kriegsminister Marschall Soult schon den Vorschlag gemacht, Frankfurt hundert Millionen Kontribution bezahlen zu lassen. Erzählen Sie das aber nicht weiter, ehe Sie meine Stadtobligationen verkauft haben. Aber wie flink die Herren Franzosen sind! Mögen sie nur kommen, wir sind noch flinker im Gehorchen als sie im Befehlen. Wollte ich doch darauf wetten, daß der Zensor schon längst die stille Weisung bekommen, ja kein hartes Wörtchen gegen die neuen Franzosen durchgehen zu lassen.

– Merkwürdige Dinge sollen ja in Frankfurt wegen der Juden vorgehen. Ist es wahr, daß die Witwer und Witwen sollen heiraten dürfen, sooft und sobald sie Lust haben? Ist es wahr, daß Juden und Christen sollen Ehen untereinander schließen dürfen ohne weitere Zeremonien? Ist es wahr, daß der Senat dem gesetzgebenden Körper den Vorschlag gemacht, die Juden den christlichen Bürgern ganz gleichzustellen, und daß von 90 Mitgliedern nur 60 dagegen gestimmt? Das wäre ja für unsere Zeit eine ganz unvergleichliche Staatskorporation, die unter 90 Mitgliedern nur 60 Dumme zählte. Ein ganzes Dritteil des gesetzgebenden Körpers hat dem Geiste der Zeit unterlegen; das ist ja ärger als die Cholera morbus – werden die alten Staatsmänner jammern!

– Haben Sie etwas davon gelesen oder gehört, daß Herr von Rotteck, badischer Professor in Freiburg und Mitglied der Ständeversammlung, arretiert worden sei, als in der hannövrischen Revolution verwickelt? Das wäre sehr merkwürdig. Zwar hat sich Rotteck immer als liberaler Schriftsteller und Deputierter gezeigt; indessen hat er die den deutschen Gelehrten eigene Mäßigung nie überschritten. Hat er sich aber wirklich in eine Verschwörung eingelassen, so würde das beweisen, daß es bei uns Leute gibt, die leise sprechen, aber im stillen kräftig handeln, und dann ließe sich etwas hoffen.

Die Lage der Dinge hier ist jetzt so, daß ich jeden Tag, ja jede Stunde den Ausbruch einer Revolution erwarte. Nicht vier Wochen kann das so fortdauern, und der Rauch der Empörung wird hinter meinem Reisewagen herziehen. Die Verblendung des Ministeriums und der Majorität der Kammer ist so unerklärlich, daß ohne sträflichen Argwohn bei einigen der lenkenden Mitglieder Verräterei anzunehmen ist. Der Eigensinn des Königs ist nicht zu erschüttern, seine Schwäche nicht aufzurichten. Er wird nicht Frankreich zugrunde richten, denn das hilft sich selbst heraus; aber er spielt um seine Krone; der einzige Mann im Ministerium, der Einsicht mit Energie verbindet, ist der Marschall Soult: aber ich für mich traue ihm nicht. Die Zeit ist so, daß es einem Kriegsmann wohl einfallen darf, den zweiten Napoleon zu spielen, und Soult mag daher die Regierung gerne auf falschem Wege sehen, damit Frankreich in eine Lage komme, in der es eines Diktators nicht entbehren kann. Dem Willen und der Kraft der Regierung mißtrauend, bilden sich jetzt überall Assoziationen der angesehensten Bürger, um durch vereinte Kräfte die alte Dynastie und den Feind vom Lande abzuhalten. Das kann dem Könige gefährlich werden. Wenn nicht bald ein Krieg die Krankheit nach außen wirft, ist Louis Philippe verloren.

 

Samstag, den 19. März

Man fängt jetzt in den französischen Provinzen an, denjenigen Teil der Nationalgarde, der keine Flinten hat, nach Art der Polen mit Sensen zu bewaffnen. Ich halte das für sehr wichtig; es ist ein großer Fortschritt, den die Kriegskunst der Freiheit macht. Die Sense ist dem Bauer eine gewohnte, dem Soldaten eine ungewohnte und darum schreckbare Waffe und nimmt diesem den Mut, den er jenem gibt. Die Sense wird dem Lande werden, was den Städten die Pflastersteine sind.

Casimir Périer hat gestern in der Kammer als Minister debütiert. Seine Anhänger und Claqueurs haben vorausgejubelt, er werde die Revolution mit Haut und Haar verschlingen. Aber so bestialisch ist es nicht geworden. Die Minister sprachen einer nach dem andern vom Frieden, aber der trockne Frieden blieb ihnen im Halse stecken, und wir wissen heute nicht mehr, als wir vor acht Tagen wußten. Die Renten hüpfen umher wie gestutzte Vögel; sie wollten fliegen, aber es ging nicht, sie mußten auf der Erde bleiben. Es ist ganz schön, daß die Tortur abgeschafft worden, aber für eine Art Spitzbuben hätte man sie beibehalten sollen – für die hartmäuligen Diplomaten, die Wahrheit von ihnen herauszupressen. Aber wer weiß! sie würden vielleicht selbst auf der Folter die Wahrheit nicht sagen. Die Lüge ist ihre Religion; für sie dulden und sterben sie. – Also in Frankfurt ist man mit dem faulen Treiben hier auch nicht zufrieden? Was ist zu tun? Die vielen Menschen, welche durch die letzte Revolution ihren Ehrgeiz und ihre Habsucht befriedigt, wollen Ruhe und Frieden haben. »Ruhe und Frieden! ich glaub's wohl! den wünscht jeder Raubvogel, die Beute nach Bequemlichkeit zu verzehren« – läßt Goethe seinen Götz von Berlichingen sagen.

Wir haben jetzt schon den schönsten Frühling hier. Alles ist grün, und die Spaziergänge sind bedeckt mit Menschen. In den Tuilerien und in den Champs-Elysées war es gestern zum Entzücken. Es ist hier überall so viel Raum, daß die Natur nirgends den Menschen verdrängt. Bäume und Spaziergänger finden alle Platz und hindern sich nicht. Unsere Frankfurter Promenade, so schön sie ist, hat doch etwas Kleinstädtisches.

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